AlpenglühnEr sitzt im Lodenjanker an der langen Tafel, abgegessene Kuchenteller, Blumensträuße, Aschenbecher, Tassen, Schnapsgläser, dazwischen dutzendweise Würfel. Aus Holz und Plastik, rot, gelb, transparent, sogar in Aluminium und Edelstahl, überall schauen ihn kleine Augen an. Er setzt die randlose Brille ab und gleich wieder auf, reibt mit dem Handrücken über seine Stirn, dreht vorsichtig den Kopf, blickt zur Tanzfläche. Kinder halten sich an den Händen, trampeln, hopsen, Brüste hüpfen, Dirndlschürzen fliegen. Der fette Berliner Autohändler schwitzt, jodelt falsch und klatscht sich mit den Kotelettpranken auf die Hirschlederbespannten Oberschenkel. Wie schön ist doch die Brauchtumspflege, Schuhplattler forever - auch die Saupreissen machen mit. Zum Glück ist der Edi nicht Kanzler geworden, das wäre tatsächlich ein Grund auszuwandern. In München leben nur noch Zugereiste, vielleicht sollten echte Bayern, falls es hier im Saal welche gibt, prämiert werden, erster Preis ein Gratisflug für zwei Personen mit Thai Air nach Bangkok. Draußen tummeln sich die lieben Verwandten, verdauen, rauchen, plauschen. Wie schön doch das Paar, der fesche Bräutigam, und war es nicht eine herzergreifend und ach so anrührende Zeremonie, der junge Kaplan, einfach begnadet, eine wunderbare Stimme, die Kirche kühl und andachtsschwanger. Was hat er hier eigentlich zu suchen? Von Sahnetorte kriegt er Sodbrennen, zuviel Obstler macht dösig und die neuen Haferlschuhe werden auf keinen Fall den Tanzboden betreten. Ein fast noch junger Single solo auf einer Hochzeit - zwei langhaarige Zivildienstleistende auf dem Veteranentreffen des 6. Panzergrenadierbatallions fühlen sich garantiert besser. Was soll's, Bernd ist ein alter Freund, kein besonders guter, lange her das Studium. Und seine Doris, also wenn die nicht glücklich ist, dann wenigstens eine begnadete Schauspielerin. Unter dem Tisch kratzt er sich an der Wade. Ob er auch in den Garten raus soll? Da würde die Versuchung dann wohl übermächtig, könnte er sich unauffällig zum Parkplatz schleichen, die Schlüssel schwer und warm in der Hosentasche. Ab ins Hotel, die Minibar geplündert und morgen etwas von plötzlichem Migräneanfall gelogen. Föhnwetter, Magenprobleme, tut mir ja so Leid, Mensch Bernd, der schöne Abend. Klappt fast immer. Auf dem Rand einer Tasse mit lauwarmem Kaffee sitzt eine Fliege, putzt sich, reibt Hinterbeine aneinander, streicht sorgsam über zarte Flügeldecken. Sie dreht sich herum, legt den Kopf schief und schaut ihn fragend an. Noch ein bisschen Torte schlecken oder lieber wieder hinaus auf den Misthaufen beim Bauern nebenan? Er zuckt die Schultern. Zum Glück ist das Rentnerpaar von gegenüber verschwunden, draußen nach den Enkeln schauen. Die haben ihm Löcher in den Bauch gefragt, woher, wohin, mit wem, warum nicht, seit wann denn, ach wie schad', und dann noch wie, wo, wann, was - das volle Programm. Sie wollten ja nicht direkt neugierig sein, trotzdem, ein Verhör vor dem Tribunal des internationalen Gerichtshofs in Den Haag ist dagegen ein Picknick. Scheinheilige Vettel, im Leben unverheirateter Leute rumzupoksen ist garantiert ihr Hobby, und der Alte sitzt daneben, nickt, grinst und säuft Jägermeister. Er greift sich drei Würfel vom Tisch, lässt sie in der hohlen Hand rotieren, schüttelt und lässt sie frei. Sie rollen ganz leicht über das rote Tischtuch, einer prallt vom Sahnekännchen ab, drei Sechser. Sechs, die Essenz des Weiblichen, Gefühl, Venus, Liebe und Romantik. Vorhin, als er Bernd zu dieser wahnsinnig netten Hochzeit, den tollen Gästen, dem superben Menü und der genialen Idee mit dem Trachtenzwang gratulierte, und sie einander ausgiebig geknufft, gedrückt und in Grund und Boden gelächelt hatten, ist ihm die Frage nach der Deko rausgerutscht. Überall Würfel, selbst an der Decke hängen welche, aus quietschbuntem Schaumstoff. "Na, weil bei uns die Würfel gefallen sind, alea jacta sunt" kam es zurück. Noch glänzen überall Gesichter freudig, strahlt die Braut, wird eifrig Süßholz in Späne geschabt. Jackpot oder leider kein Gewinn, fait votre jeux, rien ne va plus! Abgerechnet wird beim Scheidungsrichter. Er klaubt die drei Zauberwürfel auf, schüttelt sie sorgfältig und lässt sie erneut über den Tisch hoppeln. Drei Dreier, Paschwürfel verhexte, gezinkte, die das Schicksal zwingen können und die Götter täuschen. Drei: Jupiter, Optimismus, Religion, Expansion und Bewegung. Wenn beim dritten Wurf auch ein Pasch kommt, wird er sie nicht wieder hergeben. Das gerundete, warme Holz gleitet über seine Haut, tanzt mit leisem Klicken in der Höhlung seiner Hand, saugt winzige Schweißtröpfchen auf und rollt dann eckig über den Tisch. Er kneift die Augen zu, pliert zwischen den Wimpern hindurch. Vier - drei Vierer. Uranus, Originalität, plötzliche Ereignisse, Schicksal und Verhängnis. Mit einer weichen, schwingenden Bewegung, wie in Trance, sammelt er die drei Holzkuben ein und betrachtet sie verwundert. Still ruhen sie in seiner Handfläche, dann lässt er sie in die linke Hosentasche gleiten. Links, Herzensseite, anima, emotio, all der esoterische Quark, den er mal gelernt und geglaubt hat. Trotzdem, ein Talisman schadet nicht. Drei sind noch besser: Vater, Sohn und heiliger Geist. Endlich wieder begeistert sein, inspiriert, von Gottes Atem angehaucht, dem Schicksal vertrauen und mit Gnade die Richtige finden. Er wird diese Augenhölzer behalten, spottet wortlos über seinen albernen Aberglauben. Trotz allem, die Scheidung ist jetzt dreiunddreißig Monate her. Wie lange braucht man um, wieder frei zu werden? Reicht ein halbes Leben? Aber dann reicht die Zeit nicht, um damit noch was anzufangen. Drei Halbe bitte! Er streckt die Beine, steht auf und mäandert durch den Saal, lächelt, nickt, weicht aus. Mit unvertrauter Heiterkeit atmet er Rauch und Schweiß, Licht, Parfüm und Blasmusik, tritt hinaus in den späten Nachmittag. Kühl umfängt ihn würzige Luft, er blinzelt in Sonne, tief über der Fichtenhecke, drum herum das Voralpenpanorama. Hinter Kreischen, Quasseln und angesäuseltem Gekicher hört er feuchtes Bachgemurmel, ein paar Knirpse toben über die Uferböschung. "Mei, Bertl, schaug halt zua dass der Bua net ins Wosser neifallt, Hergottszeiten noch amoi!" Üppig wogt Busen unterm Doppelkinn, Glückwunsch, Hauptgewinn, und ab nach Thailand, aber bitte im Dirndl. Und die Kinder bleiben zuhause. Über die kräuterige Wiese mit Minirutsche, Schaukel und Sandkasten schlendert er zum Hof hinüber, Lack und Chrom im Abendrot, feiner Kies knirscht unter Sohlen. Ein rotes Cabrio biegt von der Landstraße ab, zieht eine helle Staubwolke hinter sich her, schwenkt dann auf den Parkplatz. Für eine Sekunde scheint es die Zähne zu fletschen, hungrig, gewohnt auf Autobahnen Kleinwagen zu verschlingen. Er steht im Schatten, drückt den Rücken an den Stamm der Kastanie. GAP - Garmisch Partenkirchen, the gap, die Lücke, das Fehlende. Die Fahrertür schwingt auf, schmale Fesseln in flachen, schwarzen Wildlederschuhen, seidenglatt gebräunte Beine, roter Rock, strammer Po, weiße Bluse, haselbraunes Wallehaar. Bayerische Trachtenverweigerin, Revoluzzerbraut eigensinnige. Der Wagen quiekt erschrocken auf und blinkt noch zweimal, traurig, zum Bravsein verurteilt. Sie setzt die zierlichen Füße wie eine Ballerina, wandelt über den Kiesplatz, entdeckt ihn spät im Schatten der Kastanie, er nickt und lächelt. Dunkelwarme Augen blitzen ihn an. Als sie den Garten erreicht, streicht sie ihr Haar aus der Stirn und dreht dabei für einen Moment den Kopf zur Seite. Die Frau weiß, er schaut ihr nach. Der Mann greift in seine Hosentasche, leise klickert glattes Holz. Er folgt ihr. © Johannis R. Jappen, 23.10.2005 |