Jennifers neues ZuhauseMit meinem Vater ist wohl auch ein Stück von mir ausgezogen, neun war ich damals und genauso erleichtert wie schockiert. Davor die beiden Jahre lebten wir zu dritt auf einem rasenden Karussell, das sich in glühenden Lagern immer schneller drehte und von Runde zu Runde bedrohlicher schwankte. Weihnachten kam der Knall, von da an flog alles auseinander. Meine Mutter nutzte den zweiten Weihnachtstag - ich war mit Papa bei Tante Hilde - um 40 Schlaftabletten mit einer halben Flasche Mariacron hinunterzuspülen. Sie stand schon mit einem Bein im Jenseits, als wir sie fanden. Natürlich stand sie nicht, sondern lag im Wohnzimmer auf dem Sofa, vollgekotzt und bewusstlos. Der Notarztwagen kam ziemlich schnell und Mama blieb bis Sylvester im Krankenhaus, die ersten zwei Tage sogar auf Intensiv. Das Neue Jahr begann mit Schneematsch - und Papa, der seine Koffer packte. Und dann bald die Scheidung einreichte, zumindest ist das Mamas Version. Er ging auf Montage nach Malaysia, baute da erst ein Kühlhaus, dann eine Eisfabrik und schickte mir manchmal Postkarten. Wirklich tolle Motive, wilde Tiere, Tropenblumen und knallbunte Vögel. Er blieb aber weg. Meine Mutter fing sich langsam, ging irgendwann sogar wieder zur Arbeit und lernte dann Eberhard kennen. Wenn ich an den denke, fällt mir sofort der Hof von Bauer Willeke ein. Ich war in den Sommerferien bei Oma, für zwei Wochen, Mama wollte mal ihre Ruhe haben. Abends schickte Oma mich immer mit der Emaillekanne rüber, frische Milch holen. Einmal hat Harm Willeke mich mit in den Schweinestall genommen und mir seinen fetten, stinkenden Eber gezeigt. Er fand das natürlich alles ganz normal, aber ich hatte echt Angst um die Sau. In die Ecke ihrer Box gedrängt stöhnte und grunzte sie unter dem feisten Vieh, dessen Eier wie zwei Pampelmusen unter der stoppeligen Haut seiner Hinterbacken steckten. Er selbst steckte in der Sau, mit einem komischen Pimmel, geschraubt wie ein Korkenzieher. Der Eber stand aufrecht im Mist und setzte immer wieder mit wuchtigen Stößen nach, dabei lief ihm der Sabber aus dem Maul. Die Sau fing dann an zu schreien, ein mörderisches Quieken, total schrill, und zum Schluss ging der Bauer mit dem Knüppel dazwischen. Als ich zwölf war haben Mama und Eberhard geheiratet, er zog bei uns ein und ich sollte Papi zu ihm sagen. Wollte ich nicht. Viel geredet habe ich zu der Zeit sowieso nicht mehr, hauptsächlich geschrieben. Wenn Mama gar nicht mehr mit mir klar kam, fing sie an nach meinem Tagebuch zu suchen. Sie hat es auch meistens gefunden. Ich konnte mir dann Vorwürfe anhören, wie verstockt ich sei, und so undankbar, und dass Eberhard mir doch nichts getan hätte. Hatte er auch noch nicht. Ein Jahr später verlor er seinen Job bei der Bahn, sie hatten ihn betrunken auf seiner Rangierlok erwischt und das bestimmt nicht zum ersten Mal. Danach hing er viel zuhause rum, stand spät auf, meist erst wenn Mama und ich schon unterwegs waren, und saß stundenlang vor der Glotze. Wenn ich aus der Schule kam, wärmte ich mir irgendwas in der Mikrowelle auf und ging nach oben in mein Zimmer. Ich hab mich - irgendwie verständlich - erst ziemlich spät entwickelt. Meinen ersten BH kriegte ich mit fast vierzehn, da hatten einige Mädchen aus meiner Klasse schon mit Jungs geschlafen. Behaupteten sie zumindest. Wir hatten damals immer reichlich auf und Eberhard fing an, mich bei den Hausaufgaben zu beaufsichtigen, so nannte er das jedenfalls. Dabei meckerte er eigentlich nur rum und geilte sich auf, er stand am liebsten dicht hinter mir und glotzte in meinen Ausschnitt. Ich hab bald nur noch Rollis getragen, oder dicke Pullover. Er versuchte dann mich auszutricksen, drehte klammheimlich die Heizung hoch oder machte mein Fenster zu, um mich ins Schwitzen zu bringen. An dem Dienstag, als wieder ein Stück von mir verloren ging, saß er mittags im Unterhemd am Küchentisch, Bier in der Hand, und rauchte. Er wusste ganz genau, dass ich Qualm hasse, besonders beim Essen. Ich machte mir meine Ravioli warm und verzog mich mit dem Teller auf mein Zimmer. Er schimpfte hinter mir her und ich konnte von oben hören, wie er sich laufend Nachschub aus dem Kühlschrank holte, jedes Mal klirrten und schepperten die Pullen. Irgendwann kam er in mein Zimmer, rotes Gesicht, Kippe in der Hand, mit Augen wie ein Schwein. Er fing an mich zu begrabschen und als ich ihn anschrie, er soll mich gefälligst in Ruhe lassen, hat er mir eine geknallt. Und zwar so, dass ich durchs halbe Zimmer flog und direkt auf dem Bett landete. Die Sau bei Willekes damals hat sich garantiert besser gefühlt, der Eber stank wenigstens nicht nach Bier und Zigaretten, na ja und ihr eigener Stiefvater war er wohl auch kaum. Ihm tat es hinterher Leid, mir alles weh. Ich sollte ihn nicht verraten, könnte mir doch bestimmt denken, was dann passiert. Es täte ihm ja sooo leid, das würde bestimmt nie wieder vorkommen, Ehrenwort, und ich müsste ihm bitte, bitte, bitte verzeihen. Hab ich sogar versucht, aber er ließ mich nicht in Ruhe. Wenn er gesoffen hatte, kam er wieder an, hatte dann Sehnsucht nach mir und brauchte eben auch mal ein bisschen Liebe. Gequirlte Scheiße! Als das anfing mit dem Schneiden, ist meine Mutter total ausgerastet. Wie ich so was Bescheuertes tun könnte, ein hübsches Mädchen, ob ich die Narben etwa schön fände. Jetzt, auf der Station für Borderliner, geht's mir eigentlich ganz gut. Ich bin seit sieben Monaten hier, hab fast fünf Kilo zugenommen und nur einmal versucht mich umzubringen. © Johannis R. Jappen, Dezember 2005 |