Gefangen in der Freiheit

Nampolung, West-Tibet

An diesem Tag im März wacht er früh auf, durch das schmale Fenster fällt noch kein Licht. Mitten im Raum leuchtet schwach etwas Glut, darüber steht auf dem eisernen Dreibein ein rußiger Kessel. Mit einem Bambusrohr bläst seine Mutter in die Asche, bis Flammen aufzüngeln und das Teewasser zu summen beginnt. Tenzin Sonam reibt sich die Augen, streift seine Hose über und schlüpft in die billigen chinesischen Turnschuhe. Abgewetzter roter Drillich mit einer Gummikappe vorn, Strümpfe besitzt er nicht. Als er vor die Hütte tritt, grunzt der zottige Moschusochse zweimal heiser und stemmt sich schwerfällig auf die Hufe, sein Atem dampft in der klaren Morgenluft. Über dem Dach aus gespaltenen Schieferplatten liegt eine schmale Mondsichel, der Himmel ist indigoblau. Vom östlichen Horizont kriecht blasses Tageslicht über die Ebene, Gras wiegt sich raschelnd im Wind.

Großmutter ruft Tenzin Sonam zum Frühstück herein. Gemeinsam und schweigend verkneten sie in ihren Schalen salzigen Buttertee mit geröstetem Gerstenmehl und essen Tsampa, wie jeden Tag. Sein Vater Nyima drängt zum Aufbruch, eine weite Reise liegt vor ihnen, nur das Nötigste wird in einem Jutesack verstaut. Hinter der Hütte bindet er den Esel los, und sie machen sich auf den Weg - ein Kleinbauer aus Tibet, seine Schwester, sein Sohn Tenzin und dessen Großmutter.

Der Junge ist aufgeregt, zum ersten Mal wird er die Gegend um das winzige Dorf in der tibetischen Hochebene verlassen. Die Eltern haben ihm gesagt, dass sein Onkel aus Indien anreist. An der Grenze zum Nachbarland Nepal wollen sie sich treffen, nach langer Zeit wird Großmutter endlich ihren zweiten Sohn wiedersehen. Freude perlt und kribbelt in ihm, aber etwas stört. Er sucht kurz den Horizont ab, ob sich irgendwo ein Gewittersturm zusammenbraut, aber der Himmel ist wolkenlos.

Als seine Mutter ihn vor der Hütte in die Arme schließt, kann sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Lange drückt sie den Achtjährigen an ihr Herz, flüstert ihm Kosenamen ins Ohr, reißt sich endlich los und verschwindet ins Halbdunkel. Knarrend fällt die Tür aus rauen Bohlen zu.

Großmutter fällt das Laufen schwer, sie reitet den mageren, kleinen Esel, der auch einen Kochtopf und den Sack mit Proviant tragen muss. Tenzin Sonam läuft immer wieder weit voraus und ruft den anderen zu, sie sollen sich doch beeilen. Er kann es kaum erwarten, bald wird er zum ersten Mal in seinem Leben mit einem richtigen Lastwagen fahren, nicht etwa mit einem Ochsenkarren. Wenn er bloß schon die Häuser an der Straße von Lhasa nach Kathmandu sehen könnte, aber bei diesem Schneckentempo wird das wohl ewig dauern.

Drei Tage wandern sie durch das Hochland, trinken das Wasser kalter Bäche, kochen Tee über einem Feuer aus trockenem Büffeldung, essen Tsampa, zähes Dörrfleisch und winzige, schrumpelige, in der Sonne getrocknete Aprikosen. Die klaren Nächte verbringen alle gemeinsam unter einer schweren, grob von Hand gewebten Wolldecke, über sich nur den Sternenhimmel.

Endlich ist Bhartso in Sicht, ein staubiges, gesichtsloses Nest an einer geschundenen Buckelpiste. Sie geben den Esel bei Verwandten ab und finden noch am selben Tag einen dunkelblauen chinesischen LKW, der sie mitnehmen wird. DONG steht in silbernen Lettern auf der Motorhaube, der Lack ist von unzähligen Fahrten über Sand und Schotter stumpf geschmirgelt und von der Sonne gebleicht.

Zwischen einer Ladung aus Reis, Zucker und Ölfässern sitzen sechzehn Menschen auf der offenen Pritsche, werden durchgerüttelt und halten sich fest, so gut es eben geht. Tenzins Lieblingsplatz ist ganz vorn - hoch über den aufgestapelten Reissäcken reckt er das Gesicht in den Fahrtwind. Von Zeit zu Zeit stößt er die Arme in die Luft und jubelt wie die Reiter beim Viehtrieb, die er im vorigen Jahr gesehen hat. Hinter ihnen zieht eine gelbe Staubschleppe über das Land, verweht und sinkt schließlich auf dürres, zitterndes Gras.

Gegen Abend erreichen sie den Grenzposten in Dum, auf der Fahrt hierher sind sie dreimal von Soldaten kontrolliert worden. Die Erwachsenen sprechen unterwegs kaum ein Wort. Tenzin hat inzwischen entdeckt, dass der Wind in ihm singt, wenn er mit den Lippen ein O formt und den Kopf über die Führerkabine hinausstreckt. Er übt, bis sein Mund ausgetrocknet ist.

Kurz bevor die Dunkelheit hereinbricht, tragen sie ihre Habseligkeiten in ein winziges Zimmer und bestellen dann unten in der Herberge Thukpa, eine sämige Nudelsuppe. Tenzin strahlt, seine dunkelbraunen Augen glänzen. Was für ein Tag! Unterwegs in die Ferne, um den Onkel zu sehen, der wilde Ritt auf dem dröhnenden Lastwagen und jetzt auch noch sein Leibgericht.

Schnell ist die erste Freude verflogen, lähmendes Warten beherrscht die folgende Woche. Früh an jedem Morgen stellt sich Nyima bei den chinesischen Grenzern an, und wartet bis sie ihn hereinrufen. In dem muffigen Büro riecht es nach Knoblauch und Rakshi, selbst gebranntem Schnaps. Dort dreht er seine Mütze verlegen in den schwieligen Händen, bittet mit leiser Stimme um die Erlaubnis den Bruder zu sehen, verbeugt sich noch und noch, und wird vertröstet.

Gleich zuerst haben sie ihm für jeden der drei Erwachsenen sechzig Yuan abgeknöpft, etwa 10 Euro pro Kopf. Er hat still gezahlt und weiß, es wird nicht das letzte Mal sein. An manchen Tagen wird er barsch abgewiesen, weggescheucht wie ein Hund, der um Futter bettelt. Gelegentlich vertrösten sie ihn, später am Nachmittag sei der Offizier da, der ihm den begehrten Passierschein abstempeln wird. Er bleibt höflich, wartet, nickt, lächelt, gibt nicht auf. Am Abend des achten Tages hat er schließlich das Papier und muss nochmals 100 Yuan über den Tisch schieben. Morgen in aller Frühe soll er zusammen mit Schwester und Mutter wieder erscheinen, ohne Gepäck.

Ein Bewacher wird mit ihnen in den kleinen Ort auf der nepalesischen Grenzseite gehen, vier Stunden dürfen sie sich dort aufhalten, dann müssen sie zurückkehren. Vier Stunden für eine Mutter, die ihren Sohn seit sieben Jahren nicht gesehen hat. Vier Stunden für zwei Brüder und ihre Schwester, die getrennt aufgewachsen sind. Vier Stunden, um vier Lebensfäden für ein paar kostbare Momente miteinander zu verweben. Mühsam erbettelte Zeit, in der eine Handvoll Menschen die gemeinsamen Wurzeln kurz berühren darf, nur um dann - vielleicht für immer - Abschied voneinander zu nehmen.

Nach dem Abendessen geht Nyima mit dem Sohn nach oben. Er schiebt den Riegel vor, setzt sich neben den Jungen aufs Bett, schweigt einen Moment und beginnt. Tenzin muss jetzt sehr tapfer sein. Sie werden sich trennen. Sehr bald wird ein fremder Mann kommen und ihn mitnehmen, fort von seiner Familie. Er braucht aber keine Angst zu haben, alles wird gut. Man wird ihn nach Nepal bringen, noch heute Nacht. Dort wartet sein Onkel Tashi auf ihn. Schon wenige Tage später wird der Onkel mit Tenzin nach Indien reisen, nach Dharamsala, wo der Dalai Lama lebt, den sie alle wie einen Gott verehren. Dort wird er auf eine gute Schule gehen, wo es für ihn saubere Kleidung und zweimal täglich warmes Essen gibt. Wenn Tenzin fleißig lernt, kann er später an einer Universität studieren wie sein Onkel, und es vielleicht sogar bis nach Amerika schaffen.

Dielen knarren, ein Mann hustet und klopft an die Tür. Nyima verstummt und fährt sich mit rauer Hand über die Stirn, winzige Schweißperlen netzen seine Haut. Er öffnet und lässt Kamal herein, einen kräftigen Kerl von kurzem, gedrungenem Wuchs, man sieht ihm die jahrelange Arbeit als Porter an. Meist trägt er für einen Hungerlohn Waren durch die Berge, seltener das Gepäck der Touristen. Ab und an verdient er als Schleuser gutes Geld, führt Tibeter durch versteckte Schluchten und weist ihnen auf der nepalesischen Seite den Weg nach Kathmandu. Höchstens drei oder vier zur Zeit, alles andere wäre zu auffällig.

Heute nimmt er nur den Jungen mit. Kamal und Nyima radebrechen leise im Mix ihrer beiden Sprachen, dann zieht Nyima ein Bündel Geldscheine hervor und zahlt den vereinbarten Preis, 5000 nepalesische Rupien. Dafür wird der Porter den Jungen auf seinem Rücken über die Grenze nach Nepal tragen.

Zuerst ist Tenzin so schockiert, dass er kaum atmen kann. Wie ein Fels hat sich die Furcht auf seine Brust gelegt. Unablässig versucht der Vater ihn zu trösten, er solle bitte nicht weinen, denn alles werde gut. Die gepresste Stimme und das feuchte Glitzern in den Augen des Vaters erzählen eine andere Geschichte. Tenzin ist steif vor Angst und weint tonlos, als der Vater ihn ein letztes Mal umarmt. Kamal trägt ihn auf dem Rücken in die Nacht hinaus, genau wie er einen Sack Salz schleppen würde.

Kamal geht mit sicherem Tritt, der nahezu volle Mond lässt die Felsen in kühlem Grau leuchten. Das Rauschen des Flusses übertönt den Klang seiner Schritte auf dem schmalen Pfad, der sich durch die Schlucht windet. Der Himmel färbt sich in ein sanftes Blassblau, als sie einen versteckten Ziegenstall erreichen, er setzt den Jungen ins Heu und schließt hinter sich das Stallgatter. Tenzin traut sich kaum zu flüstern, er versteht die fremd klingenden nepalesischen Worte nicht, mit denen der Mann ihn beschwichtigen will. Der Kleine trinkt etwas Wasser aus einem Tonkrug und schläft schließlich erschöpft ein.

Als er wach wird, mustern ihn zwei Jungen mit neugierigen Blicken, sie sind kaum älter als er selbst. Kamal ist fort. Eine Frau mit schwerem Goldschmuck im linken Nasenflügel und beiden Ohrläppchen redet auf ihn ein. Sie zieht ihm schließlich die dreckstarre tibetische Jacke und das lumpige Hemd aus, und hält ihm einen blauen Pullover hin. Er strampelt ein bisschen, wehrt sich aber nicht ernsthaft, ist immer noch im Schock, innerlich wie erfroren. Sie treibt ein Dutzend meckernder Ziegen aus dem Stall und ruft ihren Söhnen etwas zu. Der Ältere gibt Tenzin einen Schubs und zeigt mit der Hand ins Freie.

Worte in tibetischer Sprache hört Tenzin erst wieder gegen Mittag in Liping, als die Frau ihn in das Zimmer eines einfachen nepalesischen Gasthauses schiebt. Er ist dem Onkel nie begegnet, kennt nur ein abgegriffenes Foto, und ist doch erleichtert. Das Gesicht scheint vertraut, ein bisschen wie sein eigener Vater. Die Frau bekommt 2500 Rupien, steckt das Geld flink in ihre Schürze und verschwindet wie ein Spuk. Tashi spricht freundlich und leise mit dem Jungen, lächelt und bittet ihn zu essen. Momos, saftige Teigtaschen mit Fleischfüllung, stehen dampfend vor ihm, aber der Junge will nicht. Bockig und stumm hockt er auf dem schmalen Bett und starrt zum Fenster hinaus.

Der Onkel drängt ihn nicht, er soll sich ausruhen. Eine knappe Stunde später hält vor dem Haus ein vollbesetzter weißer Mahindra-Jeep, dreimal krächzt eine Hupe. Tashi bringt den Neffen zum Wagen, wo Tenzin von den Insassen neugierig gemustert wird und sich ohne ein Wort auf seinen Platz zwängt. Sieben Erwachsene und vier Kinder drängeln sich auf den Vordersitzen und zwei Rückbänken, es wird gekichert und geknufft. Der Fahrer hat seinen Lohn schon bekommen, er wechselt noch kurz ein paar Worte mit Tashi und gibt Gas.

Am frühen Abend haben sie den letzten der vier Kontrollposten passiert, roh gezimmerte Holzböcke mit Stacheldraht quer auf die Fahrbahn gelegt, daneben ein Unterstand aus Wellblech und dünnen Brettern. Nirgendwo hat einer der gelangweilten Soldaten sich die Mühe gemacht, die Papiere der Menschen im Mahindra zu verlangen, sie wurden nach kurzem Halt einfach durchgewinkt. Die Straße windet sich ins Tal hinab und Kathmandu, die Hauptstadt Nepals, ist erreicht.

Die meisten steigen in Gaushala aus, drei Männer fahren weiter bis nach Boudhanath. Dort, in einer Gasse dicht bei dem mächtigen buddhistischen Stupa, im tibetischen Herz des Stadtteils, stoppt der Jeep, und Tenzin wird an eine Freundin des Onkels übergeben. Ihm schwirrt der Kopf von der holprigen Fahrt, aber auch von den verwirrenden Bildern, die er unterwegs durch staubige Fenster aufgesaugt hat. Nie hat er derart hohe Häuser gesehen, endlos reihen sie sich aneinander und legen ihre Schatten über die Straßen.

Überall wimmeln Menschen, Fahrzeuge aller Art verstopfen die Straßen und riesige bunte Reklametafeln ragen in den Himmel. Tenzins Ohren dröhnen vom Motorengeknatter und den schrillen Hupen, der Geruch von brennendem Müll, Dieselschwaden und Kochfeuern liegt bitter in seiner Kehle, die vor Furcht ganz eng ist. Wie ein gehetztes Kaninchen verschwindet er im Halbdunkel des kleinen Hauses und atmet erst auf, als die Tür hinter ihm verriegelt wird.

Liping, chinesisch-nepalesisches Grenzland

Am selben Tag erscheinen sein Vater Nyima zusammen mit Mutter und Schwester früh am Posten der chinesischen Grenzer. Sie müssen nochmals 50 Yuan zahlen, die Gebühr für den mürrischen Aufpasser. Der ist - genau wie sie selbst - in Tibet geboren, spricht ihre Sprache. Er trägt die Uniform der chinesischen Besatzer, und in barschem Ton treibt er die drei voran. Zügig schreiten sie aus, viel Zeit wird nicht bleiben. In der Kühle des Morgens wandern sie nach Süden, passieren den nepalesischen Grenzposten, und müssen erneut Schmiergeld zahlen. Dreimal dreihundert Rupien, wieder zehn Euro, soviel wie der Wochenlohn eines nepalesischen Bauarbeiters.

Gegen zehn Uhr erreicht die kleine Gruppe Liping. Zögernd steigen sie die Stufen zu Tashis Kammer hinauf und fallen sich endlich in die Arme. Stets in Hörweite ihrer uniformierten Bewacher verbringen sie kurze Stunden auf dem Dach des Gasthauses, lachen, weinen, trinken Tee und essen von den kargen Speisen, die Tashis Mutter aus ihrem Bündel hervorzieht. Dörrfleisch, trockener Yakkäse, schrumpelige Aprikosen und natürlich Tsampa, ganz wie zuhause in Tibet.

Für wenige Augenblicke ist Tashi wieder daheim, hört den Bach murmeln, riecht das silbergrüne Gras der Hochebene und den Rauch des Kochfeuers, saugt den warmen Schein der Butterlampen auf. Er selbst war damals noch jünger als Tenzin heute, gerade sechs Jahre alt, als sein Vater im Frühjahr mit ihm nach Dharamsala aufbrach. Zu Fuß ging es auf direktem Weg über die Hochpässe des Himalayas. Nach fünf Wochen kamen sie dort an, und Tashi wurde im TCV, dem Tibetan Childrens Village, aufgenommen.

Zusammen mit mehr als dreitausend Kindern lebte und lernte er dort, schloss 1999 die Schule ab und studierte danach in Südindien. Seinen Vater hat er nie wieder gesehen. Auf dem Rückweg zog überraschend ein eisiger Sturm auf, oben an der Passhöhe lag der Schnee hüfthoch. Allein und schlecht ausgerüstet kämpfte der Mann in mehr als 5000 Metern Höhe mit der Kälte und erfror schließlich. Sein Leichnam wurde erst gefunden, als endlich Tauwetter einsetzte.

Es ist Nyima, der nun am meisten weint, sich bittere Vorwürfe macht. Er hat freiwillig seinen Sohn hergegeben, hat den Kleinen mitten aus der Familie gerissen. Kummer überschwemmt sein Herz, und er hadert mit sich. Und dennoch weiß er, die meisten tibetischen Väter und Mütter würden alles geben, um ihren Kindern diese Chance bieten zu können. In den Weiten des Hochplateaus gibt es kaum Schulen, und wenn doch, sind sie von den Besetzern gebaut. Dort lernen die Kinder Chinesisch, werden ihrer eigenen Kultur entrissen und zu kleinen Chinesen erzogen.

Die vier auf dem Dach wagen es nicht, offen zu reden. Nyimas Kummer darf auf keinen Fall zur Sprache kommen, ihr Bewacher versteht schließlich jedes Wort und würde sofort Meldung machen. Dann wäre ihnen Gefängnishaft sicher, vielleicht sogar Folter. Den Jungen würden die Chinesen in Kathmandu suchen, womöglich finden und zurückschaffen.

Gegen zwei Uhr drängt der Soldat zum Aufbruch, zwischen Tashi und seiner Mutter ist dies wohl der letzte Abschied. Sie ist schon weit über sechzig und war in den letzten Jahren häufig krank. Tashi hat ein Stipendium bekommen, er geht bald nach Kanada und bleibt - wenn irgend möglich - wahrscheinlich dort.

Er legt den dreien zum Schluss seidenweiße Segenschals um die Schultern, und sie umarmen sich wohl ein Dutzend Mal. Schließlich steht Tashi allein auf dem Dach und schaut ihnen nach. Bewacht von dem Uniformierten stapfen sie über steinige Pfade nach Norden, zurück in jenen Teil Chinas, den sie Tibet nennen.

Kathmandu, Nepal

Das Tibetan Reception Centre for Refugees liegt im Nordosten der Hauptstadt, außerhalb der Ringroad, auf halbem Weg zwischen Balaju und dem Swayambunath Stupa, dem ältesten buddhistischen Heiligtum des Tales. Vor Jahren neben der Namgyal-Middleschool inmitten fruchtbarer Reisfelder gebaut, verschwindet es heute beinahe zwischen zahllosen zementgrauen Mietshäusern und einigen prunkvollen Villen.

Tashi sitzt im Taxi, es ist heiß und stickig. Der verschrammte weiße Suzuki schaukelt über Bauschutt und durch tiefe Schlaglöcher, windet sich zwischen Neubauten und kleinen Lebensmittelhändlern hindurch und stoppt endlich vor einem schmutziggelben Komplex mit hohem braunem Stahltor. Er bezahlt den Fahrer und betritt den Hof. Ein junger Nepalese mit einer Staubmaske vor Mund und Nase hält ihn auf, mürrisch und unfreundlich.

Keine Besucher erlaubt, neueste Anweisung. Tashi redet freundlich und sanft mit dem Wachmann und betont, dass er selbst Tibeter sei. Erst als er erklärt, dass er zwei Tage mit dem Bus aus Indien unterwegs war, um seinen Neffen zu sehen, weicht die abweisende Haltung etwas auf.

Der Wächter greift zum Telefon, das im offenen Fenster des Torhauses steht, und spricht mit irgendwem im Hauptgebäude. Nach zwei Minuten legt er auf, zeigt in den Hof, und wedelt wortlos mit der Hand, als wolle er Fliegen verscheuchen. Tashi geht hinein, und nach ein paar Schritten ruft ihm der Wachmann in warnendem Tonfall hinterher "No pictures!"

Der Grund für diese Anweisung wird schnell klar. Das Haus ist total überbelegt, selbst auf der großen Veranda liegen dutzendweise zusammengerollte Matratzen, drinnen fehlt es überall an Schlafplätzen. Die weite Eingangshalle im Erdgeschoss, von der die Räume für die männlichen Flüchtlinge abgehen, wird von mindestens fünfzig Männern bewohnt, ringsum stehen an allen Wänden rostige Metallbetten. Im Hof ist offenbar erst kürzlich eine hastig gemauerte Halle entstanden, auch sie ist dicht an dicht belegt.

Tashi steigt die Treppe hinauf, von halber Höhe blickt er auf den offenen Waschplatz, ein halbes Dutzend Wasserhähne ragen aus einer nackten Betonwand, Duschen sind nirgends zu sehen. In Kathmandu herrscht auch in diesem Frühjahr wieder akuter Wassermangel, die meisten Stadteile haben nur jeden zweiten Tag für ein paar Stunden Druck auf den Leitungen, meist spät nachts. Man arrangiert sich damit, steht eben mitten in der Nacht auf, füllt dann Krüge, Eimer, Fässer, Tanks und flucht auf die Regierung. Hier im Lager, ohne jede Möglichkeit um Wasser zu speichern, muss die Lage der Menschen schier unerträglich sein. Schon jetzt, Anfang April, steigt das Thermometer mittags auf 28°C. Er tupft sich mit dem Taschentuch die Stirn ab und schüttelt den Kopf.

Oben gehen sechs Türen auf einen weiten Balkon hinaus, jede führt zu einem Zimmer von zehn mal fünf Metern. Vom Eingang bis zur Rückwand Stockbetten, zehn auf jeder Seite, vierzig Menschen auf fünfzig Quadratmetern, ein schmales Fenster, zwei Glühbirnen. Eins dieser Zimmer ist seit sechs Tagen das Zuhause von Tenzin Sonam, das vorletzte Bett hinten links unten ist seines.

Der Junge ist froh über den Besuch des Onkels, er kichert und hopst auf der ausgeleierten Matratze herum. Zwei ältere Frauen, die in Indien in ein buddhistisches Nonnenkloster eintreten wollen, haben sich in den vergangenen Tagen um den Burschen gekümmert. Sie sind allein aus Tibet hier angekommen, haben selbst keine Kinder, und es macht ihnen nichts aus.

Die Frauen berichten von der Ankunft des Kleinen und lachen, als sie erzählen, dass sie auf keinen Fall Tenzins Kleidung waschen durften. Seit Kamals Frau ihm im Ziegenstall bei Liping die tibetische Jacke und sein Hemd weggenommen hat, ist er sehr misstrauisch geworden. Er kann sich auch nicht recht an das fremde Essen gewöhnen, hier gibt es täglich Reis und Currygemüse, er will am liebsten nur Tsampa. Aber er verkriecht sich nicht mehr wie zu Beginn, geht manchmal schon zu den anderen Kindern hinaus, und schaut mit wachen Augen in die Runde. Nachdem die erste Überraschung verflogen ist, klammert er sich an den Onkel, sitzt auf dessen Schoß und lässt seine Hand nicht mehr los.

Sie zeigen Tashi voller Stolz eine Karte, ein aufgeheftetes Passbild vorn, darunter tibetische Schrift, hintendrauf der Stempel ‚Registered’. Tenzins vorläufiger Ausweis, im Moment sein kostbarster Besitz. In fünf verschiedenen Büros wurde er befragt, schließlich ist er ganz allein hier angekommen, und natürlich ohne Papiere. Am Ende war klar, dass er tatsächlich aus Tibet geflüchtet und nicht etwa in Nepal geboren ist. Jetzt ist er als authentischer tibetischer Flüchtling anerkannt und wartet, wie alle anderen hier.

Seit fünf Monaten sind keine Ausreisepapiere mehr vergeben worden, manche harren sogar schon länger hier aus. Jeden Tag gibt es das gleiche Essen, morgens Tee und Tsampa, mittags Reis und Kartoffelcurry, abends dünne Thukpa. Tashi befragt die Menschen im Zimmer, mindesten 900 Flüchtlinge sind hier, gebaut wurde das Lager für die Hälfte. Sie können sich und ihre Kleidung nicht waschen, denn die meiste Zeit gibt es kein Wasser, alles starrt daher vor Dreck.

Es gibt für sie nichts Sinnvolles zu tun, keinen Platz um sich aufzuhalten, sie können nur auf den Betten herumliegen oder draußen herumlungern. Viele gehen tagsüber zum Stupa hinüber, drehen betend ihre Runden zwischen Mönchen und Nonnen, in der Hand die Mala. Auch in Tenzins Zimmer leben vier Nonnen, sie sind vor der chinesischen Repression aus Tibet geflohen und hoffen auf ein besseres spirituelles Leben in einem indischen Kloster.

Tashi wird von einem jungen Mädchen angesprochen, stolz wiederholt sie ein paar im Camp aufgeschnappte Brocken Englisch. Vierzehn ist sie, hat sich allein hierher durchgeschlagen. Sie fragt Tashi, ob er ein Spion sei, der für die Chinesen arbeitet. Viele Flüchtlinge haben Angst. Wenn die chinesischen Behörden erfahren, dass sie geflohen sind, müssen ihre Familien in der Heimat mit Haft und Folter rechnen. Wir schreiben das Jahr 2006, mehr als fünfzig Jahre sind seit der gewaltsamen Besetzung Tibets vergangen, und immer noch fürchten die Menschen in den weiten Hochebenen um ihr Leben und fliehen von dort.

Tashi nimmt den Jungen bei der Hand, und sie gehen in den Hof hinunter. Der Kleine zeigt ihm das Tibetan Reception Centre, es ist übervoll mit Männern, Frauen und Kindern. Überall müde, teilnahmslose Gesichter, ganz untypisch für Menschen aus Tibet, deren Augen eigentlich fast immer leuchten, die gern und viel lachen. Hier im Durchgangslager werden manche depressiv, andere vor Kummer und Heimweh irr. Er hört von Männern, die seit fünf Monaten hier leben und voller Sehnsucht auf den Tag warten, an dem sie nach Indien ausreisen können. Eingesperrt in der Freiheit, dabei ungewiss, wann sie diesen Ort verlassen dürfen, von Woche zu Woche vertröstet. Tenzin hat noch nicht begriffen, dass er lange hier bleiben wird, er denkt, der Onkel nehme ihn heute mit sich nach Indien. Was soll er dem Jungen sagen, die Wahrheit ist zu grausam.

Tashi möchte sich erleichtern, doch die wenigen Toiletten laufen über und sind derart mit Dreck verkrustet, dass ihm übel wird. Sie beenden ihren Rundgang und gehen wieder nach oben. Die Luft in den Schlafräumen ist schon bei offener Tür stickig. Tashi braucht nur wenig Phantasie, um sich den Gestank vorzustellen, der hier herrschen muss, wenn vierzig ungewaschene Körper auf schmuddeligen Matratzen diesen Pferch bei Nacht mit ihren Ausdünstungen erfüllen.

Es ist ein trostloser Ort, ein höllisches Zwischenstadium auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft, weit von der Heimat und den geliebten Menschen. Kaum sinnvolle Beschäftigung, nur endlose Wochen und Monate, angefüllt mit Warten auf den ungewissen Tag, an dem ein nepalesischer Beamter endlich den Stempel hebt, ihn auf einen Fetzen Papier niedersausen lässt, und damit das Schicksal eines Menschen besiegelt.

© Johannis R. Jappen, Mai 2006

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