Freistoss für die Grillwurst

Wer jetzt Erbauliches oder gar Unterhaltsames erwartet, der sei gleich vorab gebeten, sich doch tunlichst woanders umzusehen. Heute ist einer dieser Tage, an denen ich gegen den Trend, wider besseres Wissen und ohne angemessenen Anlass stinkig bin. Mit mir, vor allem aber mit euch. Ja, mit euch allen. Da ich euch aber leider nicht in die Finger kriege, trag ich die Sache eben allein mit mir aus. Könnte mich natürlich auch predigend auf eine leere Bierkiste in irgendeine Fußgängerzone stellen - das hab ich auch schon gemacht, dazu heute aber keine Lust.

Dabei ist eigentlich gar nicht viel passiert, die Sonne scheint, Deutschland hat gestern das Eröffnungsspiel mit 4:2 gewonnen. Nach den üblichen morgendlichen Verrichtungen schwinge ich mich aufs Rad und besorge Nachschub für die Abteilungen Obst und Gemüse. Unterwegs kommt mir ein Schwarzafrikaner im Mercedes C-Klasse entgegen, die schwarz-rot-goldene Fahne flattert trendig am Seitenfenster. Er blendet auf und stoppt, um eine entgegen kommende Fahrerin auf den Parkplatz von PLUS einbiegen zu lassen. Kann man sich ein leuchtenderes Beispiel gelungener Integration, ja Assimilation vorstellen? Deutscher Neger, patriotisch und auch noch nett am Steuer. Toll!

Beim Türken herrscht Gedränge, vielleicht auch, weil England um drei gegen Paraguay spielt, da will man ja rechtzeitig vor der Glotze sitzen. In Frankfurt laufen angeblich 40.000 England-Fans zum Stadion, das behauptet wenigstens der BFBS. Ich erstehe eine Packung Rispentomaten für 49 Cent - Kilopreis 0,98 Euro, wahrhaft günstig - und ein Kilo Pfirsiche für 69 Cent, packe alles in den Rucksack und radele weiter. Vorher läuft mir allerdings beim Aussuchen der Pfirsich-Schnäppchen ein Schwung saurer Suppe über die Finger, manche Packungen enthalten Matsch in fortgeschrittener Vergärung. 1000 ml preiswertes No-Name-Eis und eine Packung Weingummi später treffe ich in der heimischen Küche ein. Und spontan kommen mir Fragen.

Warum erlaubt man Menschen mit offenbar massiv gestörter Grobmotorik, leckere, sonnenreife Pfirsiche in spröde, klitzekleine Plastikkörbchen zu quetschen und dabei so zu demolieren, dass die Früchte schon gammeln, bevor man sie zuhause auspackt? Kennen diese Leute den Unterschied zwischen Pfirsich und Kartoffel? Werden die Dinger womöglich gar von Maschinen verpackt? Warum kosten nicht gedetschte Pfirsiche 2,69 Euro pro Kilo? Wer kam auf die bescheuerte Idee, Rispentomaten pfundweise in Plastikboxen zu stopfen und mit Klarsichtfolie zu überziehen, auf dass die Paradeiser - wie sie ja wohl in Österreich heißen - an den sukkulenten Rispen, die sie eben als echt ausweisen, verschimmeln und somit höchst unbekömmlich aus dem Kühlhausschlaf erwachen? Will man mich mit der Gratislieferung Schimmelsporen endlich in den ständig wachsenden den Kreis der Lebensmittel-Allergiker eingliedern? Weshalb sind in der Packung Hähnchenbeine mit 25 % Rückenanteil immer vier Stück drin, und das Kilo kostet nur 1,79 Euro? Gibt es keine finanzschwachen Singles? Warum sind in meinem Paket fünf Beine, und ich kriege zweieinhalb Pfund Huhn für den Preis von sechs Brötchen? Was wird mit dem Klima? Wer kümmert sich eigentlich um das Plutonium, das die Russen vor Jahrzehnten im Nordmeer versenkt haben? Sind wir alle komplett wahnsinnig? Noch nicht? Wie lange wird es noch dauern?

Nun sehe ich vor meinem geistigen Auge eine der geneigten LeserInnen - mittlerweile allerdings schon deutlich abgeneigt - wie sie stirnrunzelnd meine Tirade erträgt und sich ihrerseits fragt: "Warum kauft der Blödmann denn all das billige Zeug, kann er sich doch wohl denken, dass er zu deeem Preis keine anständige Qualität kriegt." Kann er auch. "Soll er doch verdammt noch mal im Bioladen, einem ordentlichen und gut sortierten Supermarkt oder bitte auf dem Wochenmarkt einkaufen!" Würde er auch. Ist aber Hartz-Vierer, kriegt aktuell 697,37 monatlich fürs Faulsein, die nichtsnutzige Kreatur. Wenn Miete und Heizung bezahlt sind darf er 345 lustige Taler verprassen. Hat er dann brav die Kohle für Strom, Telefon, Internet und Handy abgedrückt, sind noch rund 250 Silberlinge im Portemonnaie. Dummerweise besitzt der sture Sozialschmarotzer auch noch ein altes Auto, das versichert, versteuert, eigenhändig repariert und gelegentlich betankt werden will. Ohne jede Übertreibung kann unser braver Mustermann Tag für Tag schwungvoll und lässig sieben fette Euros verprassen. Für Futter, Kleidung, Bildung, Zwischenmenschliches und Sonstiges ein Betrag, den man mit relativ leichter Hand unters Volk bringt ohne dabei in gefährlich unkontrollierbaren Kaufrausch zu verfallen.

"Soll er sich doch Arbeit suchen, die faule Socke" höre ich den Herrn dort grummeln. Wie wahr, wie wahr! "Wer wirklich arbeiten will, der findet auch was." Jawoll! Hacken und Arschbacken zusammen, Brust raus. Er will ja auch, hat nur irgendwie den Absprung verpasst und ist jetzt, mit bald achtundvierzig, schon leicht angestaubt - sprich B-Ware, wie die Pfirsiche beim Türken. Wenn überhaupt noch. Und sooo viele Jobs soll es ja angeblich auch nicht geben. Je länger er drüber nachdenkt, desto weniger Lust hat er, das irrsinnige Spiel mitzuspielen. Ellenbogen schärfen, tricksen, stoßen, drängeln. Kohle machen, um sich damit Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, damit man Leute beeindrucken kann, die man nicht mag. Super! Zum Thema anständige Qualität, der kluge Hinweis der Leserin - wo bitte bleibt denn wohl der Anstand, wenn Obst, Gemüse, Fleisch und Brot nach Methoden hergestellt und vermarktet werden, durch die das deutsche Volk schon mit den Lagern von Auschwitz und Dachau weit über die Landesgrenzen berühmt wurde. Keine Gnade - nur auf die Stückzahl kommt es an. Wir produzieren tonnenweise Überfluss, schmeißen weg, was keiner kauft und geben hier und dort ein Almosen. Natürlich auch in die Entwicklungsländer, solange wir sie von unseren Märkten fernhalten können. Der Hunger nimmt zwar seit Jahren zu, aber natürlich nicht in unserem Teil der Welt.

"Och nee" höre ich den Typen da drüben stöhnen, "jetzt kommt er uns auch noch mit den armen Kindern in Biafra, die mit den dicken Bäuchen. Wegen denen sollten wir schon vor zwanzig Jahren brav unser Schulbrot aufessen, ham aber die Blutwurst-Stullen immer nach der sechsten Stunde inne Tonne gekloppt. Kann der halbschwule Loser nicht über irgendwas schreiben, was vielleicht auch einer hören will?"

Kann er wohl nicht. Oder doch, über Werbung. Hört ihr ja anscheinend alle gern. Ich hab ja schon seit 10 Jahren keine Glotze mehr, bei mir läuft das Radio. Allerdings fast nur Sender ohne Werbung, WDR 3, Funkhaus Europa, BFBS und so. Und wenn ich tagsüber WDR 2 hören will, schalte ich zur halben wie zur vollen Stunde eben mal kurz auf ‚Mute’. Gestern, beim Geschirrspülen, war ich leider nicht schnell genug. Also, bei Wal-Mart stürmt der Schwenkbraten aufs Tor, saftige Nackenkoteletts attackieren kurz vor dem Strafraum, der Schiri pfeift: Freistoss für die Grillwurst, Tooor! So oder ähnlich. Am Ende mit sonorer, grundehrlicher Stimme das Versprechen: "Die Preise bleiben unten - immer!" Ich hätte fast ins Spülbecken gekotzt, konnte nur mit Mühe an mich halten. Glauben die Leute diesen Dreck? Ausgerechnet Wal-Mart, weltgrößter Personal- und Kundenverarscher aus den angeblich von Gott gesegneten USA! Ein Unternehmensmulti, der lieber eine komplette Shopping-Mall schließt, als zu ertragen, dass Mitarbeiter dort einen Betriebsrat wählen.

Ich habe 1991, kurz nach dem ersten Golfkrieg der Amis, auf einer Reise durch die Staaten, mal ein paar Treckingschuhe bei Wal-Mart gekauft, in North-Carolina war's wohl. Damals hatte Wal-Mart eine Kampagne laufen, der zufolge sie ausschließlich amerikanische Produkte in den Regalen hatten: "We buy american, so you can too!" Nicht aus Misstrauen, sondern beim Rausprökeln eines Kaktusstachels, entdeckte ich irgendwann zufällig ein winziges Schildchen ,Made in Korea' in meinen billigen amerikanischen Boots. Fuck or get fucked.

Wenn ich mir vorstelle, was die Berieselung mit Slogans, Jingles und Dauerwerbesendungen im kollektiven Bewusstsein der Menschen anrichten, schwinden mir kurzfristig die Sinne. Da ich mir gelegentlich zu Studienzwecken die hirnrissigen Stumpfgesichter ansehe, die in den Hallen von Saturn, real,- und Wal-Mart ihrem so genannten Einkaufsvergnügen frönen, bin ich bedauerlicherweise final und zweifelsfrei sicher, dass die systematische Verblödung schneller voranschreitet, als sich das selbst ehrgeizigste Marketingexperten in ihren feuchten Wachträumen ausmalen könnten. Bald sind wir komplett entgeistert.

Kurze Denkpause. Betretenes Schweigen im sich ausdünnenden Publikum. Was will er bloß von uns? Der Herr da vorne noch mal: "Nun seien wir doch mal ehrlich: Kann jemand, der sich so gewollt über klitzekleine Auswüchse der modernen Marktwirtschaft echauffiert, überhaupt noch ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft sein?" Gute Frage. Sollte man den Mann allen Ernstes weiter alimentieren, auf Kosten der friedlichen, produktiven und zufriedenen Allgemeinheit durchfüttern, kleiden und behausen? Wäre es nicht gerecht und mehr als angemessen, den arbeitsscheuen Nestbeschmutzer beherzt aus demselben zu stoßen? Sollte man nicht das Recht in die Hand nehmen und ihn mit Schimpf und Schande aus dem Land jagen? Muss man solche Leute, unbelehrbar und offensichtlich ewig gestrig, undankbare ständig nörgelnde Systemfeinde, nicht frühzeitig und resolut aussondern, sie wie schimmelnde Pfirsiche aus dem großen Korb schmeißen, bevor sie mit ihrer Fäulnis all die guten, festen Früchte infizieren? Alle: "Ja, man muss!"

Schade nur, dass die Amis in Guantanamo Bay so wenig Platz haben. Obwohl sich da ja gerade drei umgebracht haben, akute Allergie gegen orangefarbene Overalls. Die Auschwitz-Lösung ist zwar effizient, aber politisch überhaupt nicht korrekt. Was ist eigentlich mit Biafra? Ginge doch, in Afrika ist massig Platz.

© Johannis R. Jappen, Samstag, 10. Juni 2006

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