Ein ganz normaler Tag

"Vielen Dank. Wir machen jetzt eine kurze Pause und sind dann gleich wieder für Sie da."

Der Mann im weißen Rüschenhemd stellt sein Saxophon in den Ständer, dreht sich zum Gitarristen und spricht leise einige Worte. Dann wischt er sich mit dem Ärmel über die Stirn und verlässt als erster die Bühne. Ein paar erinnerte Takte lang wiegen sie sich weiter im Tanz, der Holzboden knarrt leise. Jetzt, ohne Musik, weht das Lachen der Gäste von der Tafel unter den Kastanien heran, Gläser klirren, Besteck klappert. Er küsst sie auf die Stirn, nimmt ihre Hand und führt sie hinüber an die Theke. Vier junge Männer in weißen Schürzen stehen hinter dem langen Tresen, Tische sind mit gestärktem Leinen bedeckt, das bis auf das sorgfältig gestutzte Gras reicht. In von Kälte beschlagenen bauchigen Glasschüsseln duftet Pfirsich-Ingwerbowle, Champagnerflaschen recken grüne Hälse aus eisgefüllten Kübeln, glitzernde Reihen makellos polierter Sektflöten und Kristallgläser stehen auf weißem Tuch. Mit einem weichen Plopp wird ein Bordeaux entkorkt, samtig fließt die rubinrote Flüssigkeit in den bauchigen Kelch.

"Was möchtest du? Noch mal Bowle oder lieber Schampus?"

Wie zur Antwort drückt sie leicht seine kräftige Hand, hebt den Kopf und lächelt zu ihm herauf. Das heißt Champagner. Er ist immer wieder erstaunt, wie klein sie ist, zart und dabei ungemein stark. Warm schmiegt sie sich an ihn, für einen kurzen Moment brist der laue Sommerwind auf. Der Duft der blühenden Linden ist auch jetzt noch fast so stark wie tagsüber, als wären immer noch Tausenden fleißiger Bienen unterwegs, um Pollen zu sammeln. Er spürt einen kühlenden Hauch auf seiner feuchten Haut, zupft mit der freien Hand das Hemd im Rücken los, und nimmt dem Kellner die beiden Gläser ab.

"Jetzt hab ich Hunger, du auch" fragt sie.

Er nickt und genießt das prickelnd säuerliche Brizzeln auf der Zunge und am Gaumen.

"Hey!" Sie schaut gespielt beleidigt und hält ihm ihren Champagnerkelch entgegen, er schluckt schuldbewusst, setzt ab und beeilt sich mit ihr anzustoßen.

"Prost, mein Schatz!"

Sein Glas wechselt in die linke Hand, er legt seinem Arm um ihre Taille und steuert sie sanft zum Buffet hinüber. Aus dem Augenwinkel beobachtet er, wie sicher sie die zierlichen Füße ins Gras setzt, einmal weicht sie einem abgebrochenen Ast aus, wackelt aber nicht einen Moment auf ihren hohen Absätzen. Eine kleine Horde Kinder jagt juchzend vorbei, alle festlich herausgeputzt und mit glühenden Gesichtern, sichtlich froh über den warmen Juniabend und die schimmernden Lichter unter nachtblauem Himmel.

Am Buffet stehen nur zwei ältere Paare, halblaut diskutieren sie die Vielfalt der Speisen und versuchen zu entscheiden, was davon noch auf ihre Teller soll. Zwei hübsche Serviererinnen kommen aus dem Dämmerlicht des Parks, jede trägt eine Silberplatte heran. Lächelnd und mit geübten Bewegungen platzieren sie frischen Lachs, kleine gebratene Wachtelbrüste, rosa Rostbeefscheiben und Kanapees mit Kaviar auf der Tafel, räumen dann halbleere Platten ab und arrangieren Speisen neu. Kurz darauf folgt ein junger Mann mit schlechtem Teint und schwarzem Gelhaar, er balanciert zwei üppige Glasschüsseln, über die Ränder recken Dutzende nackter Königslangusten ihre saftigen Schwänze. Eine Böe faucht auf und lässt die Brenner in den Rechauds beinahe verlöschen, Laub raschelt am Boden und in den Bäumen, dann legt sich der Wind wieder. Dampf steigt auf und verweht, als eine der Bedienungen den spiegelblanken Edelstahldeckel hebt und sich vergewissert, dass noch ausreichend Rinderfilet in Burgunderrahm auf hungrige Gäste wartet.

Er will gerade einen der leeren Porzellanteller greifen, als ihm schwarz vor Augen wird. In seinem Kopf ist ein seltsames Dröhnen, eher ein überlaut pulsierendes Rauschen, er streckt den freien Arm steif zur Seite und sinkt in die Knie. Er will ihren Namen rufen, sie soll ihn halten, aber seine Zunge liegt ihm wie ein trockener warmer Flusskiesel im Mund. Er weiß, dass sie seinen kräftigen Körper unmöglich stützen kann, fällt langsam vornüber und liegt schließlich auf der linken Seite. Der Boden ist warm, aber unangenehm hart. Meine Schlafseite, ist sein letzter Gedanke.

Als er wieder zu Bewusstsein kommt, erschrickt er fast über die Stille. Keine Musik, kein Lachen, niemand spricht ein Wort. Der Wind ist offenbar stärker geworden, dazu wärmer, viel wärmer. Irgendwer schlägt ihm ausdauernd, sanft und rhythmisch mit der flachen Hand auf die rechte Wange, wohl um ihn wieder wach zu bekommen. Es ist hell, aber er sieht nur das rötlich geäderte Leuchten, das seine geschlossenen Lider durchdringt, kann die Augen nicht öffnen. Das Klatschen auf der Wange stört, er probiert, ob seine Zunge ihm gehorcht. Schwerfällig, wie nach durchzechter Nacht, dringt seine Stimme aus der Kehle hervor.

"Aufhören. Ich bin wach. Danke. Genug."

Es kommt keine Antwort, weiter flappt die rauwarme Handfläche gegen seine Wange, stets im selben, hastigen Takt. Als es ihm gelingt seine verklebten Augenlider zu öffnen, bietet sich ihm dieses Bild:

Durch einen rechteckigen Rahmen aus moosgrünem Nylonstoff sieht er Teile eines Baums, wohl einer Kastanie, knorriger Stamm, weit ausladende Äste, hellgrüne Blätter zittern eingerollt im heißen Wind. Am Fuß des Baums liegen ein rostiger Kanister, zwei verbeulte Aluminiumtöpfe und ein Stück löchriger hellblauer Plane, mit einem Holzklotz beschwert. Die Sonne steht so niedrig, dass selbst ein faustgroßer Stein direkt vor dem Zelt einen langen Schatten auf den lehmigen Boden wirft. Zwei Streichholzlange schwarz glänzende Ameisen zerren einen toten Falter über den Sand, ihre rötlichen Fühler tasten durch staubige Luft. Der bogenförmige Einstieg ist offen, auf halber Länge ist der Reißverschluss aus seiner Naht gerissen, die verblichene Kunststoffhaut flattert im Morgenwind, hat eine Falte gebildet und klatscht in abgehacktem Stakkato auf sein Gesicht. Er ist durstig, sein Kopf pocht, das Hemd klebt auf der Haut.

Er rollt sich stöhnend auf den Rücken, streckt schmerzende Arme in die Höhe, berührt dabei die Innenseite des Zelts, von Rußflecken und einigen Brandlöchern markiert. Die Haut seiner Hände ist faltig, die Gelenke einiger Finger geschwollen, über den Handrücken der Linken zieht sich eine fahlweiße Narbe. Meine Hände, kaputt wie mein Leben, denkt er. Adrienne. Die kleine Französin, aus der Botschaft. Gott, wann war das? 2011. Stimmt, im Mai bei der Preisverleihung war sie ihm begegnet und kurz darauf in seine Wohnung gezogen. Was für ein wirrer sinnloser Traum.

Er setzt sich auf und blickt in die andere Richtung, der Junge schläft noch. Er hat eine Faust vor dem Mund geballt und sieht aus, als hätte er eben noch am Daumen genuckelt. Den anderen Arm weit von sich gestreckt entblößt er eine Achselhöhle, noch ist sie nackt und glatt, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis auch dort erste dunkelblonde Haare sprießen. Er kriecht leise aus dem Zelt, richtet sich auf, stemmt beiden Arme in die Hüften und streckt sich. Seine linke Seite schmerzt, die verdammte Luftmatratze hat mal wieder ein Loch, er reibt sich die Stellen, wo der steinige Untergrund Abdrücke in seinem Fleisch hinterlassen hat. Als er den Kanister anhebt und schüttelt, kommt nur ein leises Plätschern, fast leer. Heute müssen sie unbedingt Wasser finden, gutes Wasser. Und was zu Fressen. Es ist Juni, wie in seinem Traum, vielleicht zweite Woche, kurz vor der Sonnenwende. Allerhöchstens sieben Uhr, und garantiert schon über dreißig Grad. Der verfluchte Wind bläst gleichmäßig wie ein Föhn auf Stufe Zwei. Die verdörrten Blätter der Kastanie erzeugen ein heiseres Swisch, Swisch, die ersten fallen bereits zu Boden und rollen ins Gebüsch. Zum Glück stehen rundum diese mannshohen Dornbüsche, auch wenn es bis zur Straße fast drei Kilometer sind. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Er geht auf die Rückseite des Baumes und löst einen dünnen Strick von einem Seitenast. Mit leisen Sirren gleitet der Sack herunter, er knotet ihn los und lässt das Seil hängen. Es dreht im Wind ein paar schlaffe Pirouetten, schwingt hin und her und verheddert sich dann in den Dornen. Der grobe Jutesack ist kaum schwerer als der Kanister, er öffnet die Verschnürung und greift hinein. Der Beutel mit den Nüssen ist fast leer, es gibt noch eine Handvoll von dem Knäckebrot, das sie vor ein paar Wochen aus dem Keller eines verlassenen Hauses bergen konnten, dazu - in schmierigem Plastik eingewickelt - ein Rest des Hundes, den sie vorgestern fanden und am Spieß über dem Feuer geröstet haben. Ein Mischling, höchstens einen Tag tot, die Ameisen hatten ihn gerade erst gefunden und er stank noch nicht. Ein echter Glücksfall, man darf sich bloß nicht zu sehr auf sein Glück verlassen. Der Bengel ist immer hungrig und absolut keine Hilfe. Wenn er nicht mürrisch in der Gegend herumstreunt oder quengelt, sitzt er auf seinem Hintern und träumt. Allein wäre der garantiert schon verreckt.

Er beschließt zu warten. Wenn der Junge feststellt, dass Futtersack und Kanister fast leer sind, wird er einsehen, dass sie weiterziehen müssen. Traumbilder flackern auf, das Buffet, der kühle Champagner - verdammter Scheißdreck, wozu sollen solche Träume gut sein? Sein Magen grummelt. Jetzt fallen ihm auch noch die saftigen Joints ein, die Adrienne so gern geraucht hatte. Danach gab es für sie im Bett kein Halten - kleine handzahme Raubkatze. Wenn es wenigstens noch was von dem stinkigen halbwilden Tabak gäbe, den er vor Wochen unterwegs eingetauscht hatte. Kratzte zwar höllisch im Hals, aber wenigstens war der Hunger dann erträglicher. Im Zelt raschelt es, gefolgt von einem lauten Gähnen. Kurz darauf steckt der Junge sein verknittertes Schlafgesicht aus der Bucht, schaut kurz zum Himmel und stöhnt.

"Oi. Ausgeschlafen?" Schulterzucken und dann eine Art Nicken.

"Frühstück?" Er versucht es mit der freundlichen Tonlage.

"Mhhmm. Was gibt's denn?" Nochmals Gähnen.

"Heute servieren wir unseren Gästen zart gebratenen Hund an wilden Haselnüssen, dazu schwedisches Knäckebrot und frisches Quellwasser." Nicht übertreiben! Er hat den Kleinen mit der ironischen Nummer schon zum Heulen gebracht, danach war er überhaupt nicht zu gebrauchen gewesen, hatte einen ganzen Tag lang geschmollt.

"Super, mein Leibgericht." Er dreht sich halbherzig um, als würde er überlegen ob das stickigheiße Zelt nicht der bessere Platz für diese Morgenstunde sei.

Der Mann wischt zwei verschrammte Plastikbecher mit einem Tuch von undefinierbarer Farbe aus, und stellt sie vorsichtig auf den Klapptisch. Aus dem Kanister befüllt er sie und achtet darauf, keinen Tropfen zu verschütten. Als er die hastige Bewegung des Jungen sieht sagt er in mahnendem Ton "Trink langsam, das ist schon bald der Rest." Mit einer alten Kombizange knackt er die Schalen der Nüsse und lässt schrumpelbraune Kerne in eine Blechschüssel fallen. Der Junge wickelt das Hundebein aus und sucht nach einem Brocken Fleisch, den er einfach mit den Fingern vom Knochen reißen kann. Einige Ameisen haben offenbar ihren Weg am Seil entlang bis in den Sack gefunden, eine stellt sich kampfbereit auf die Hinterbeine, lässt ihre Beißzangen zucken und krabbelt auf die Hand des Jungen los. Er lässt die Keule auf den Tisch fallen und schnaubt.

"Drecksviecher, finden die denn nix andres zu fressen?" Er stopft sich eine Handvoll Nüsse in den Mund, kaut, spült sie mit Wasser hinunter, stöhnt und verzieht das Gesicht.

"Was ist?"

"Ranzig."

"Halb so schlimm. Vielleicht knackt sich der junge Herr ja mal selbst welche, dann kann er gern die B-Ware aussortieren. Die ess' ich dann eben." Mit den Fingern schnippt er die Ameisen eine nach der anderen in den Staub, rupft ein Stück blässliches Fleisch ab und kaut nachdenklich auf einer Sehne herum. Er hält ihm die Reste der Keule hinüber. Der Junge hat die Arme vor der Brust verschränkt und stiert in die Ferne. Der Knochen poltert auf den Tisch.

Hell schimmern seine Fingerknöchel durch die Haut, so fest presst er die beiden Schenkel der Zange zusammen. Er hält für einen Moment die Luft an, aber es hilft nicht.

"Hör mir zu, du undankbarer kleiner Scheißer. Wenn du mir hier weiter die Mimose machst, kannst du deine Sachen packen, dich verpissen und meinetwegen verhungern. Seit Wochen kümmre ich mich um dich kleinen verwöhnten Drecksack und hör' mir dein Geplärre an. Du weißt selber, dass es nix Anständiges zu Fressen gibt. Leider bist du ein paar Jahrzehnte zu spät geboren worden, sonst könntest du jetzt zu Burger King gehen, dir den kleinen Wanst mit Fleisch und Fritten voll stopfen und dazu Cola saufen. Wäre deine Alte nicht so bescheuert gewesen und zur Unzeit krepiert, könnte sie ja für dich sorgen. Vielleicht hätte Mutti ja mit Freuden für dich im Wald Blaubeeren gesammelt und dir dazu noch frische Buchweizenpfannkuchen gebacken. Aber sie hat eben leider verfrüht den Arsch zugekniffen, und wäre ich nicht so bekloppt und gutmütig wärst du jetzt auch schon Ameisenfutter. Für mich hab ich immer genug gefunden, kein Problem. Aber der junge Herr frisst von früh bis spät, schafft selbst nie was ran und mault mir auch noch die Ohren voll. Ich hab's dicke, weißt du, mir stinkt's. Entweder du setzt sofort ein anderes Gesicht auf, oder ich jag dich in die Pampa. Dann kannst du sehen, wo du bleibst und wie lange du überlebst, du kleiner Mistkerl." Das Lodern legt sich langsam. Er legte die Zange auf den wackeligen Tisch. Das gelbliche Wasser in seinem Becher produzierte auf der Oberfläche für einen Augenblick ein Muster von sich brechenden Ringen. "Und kipp die Brühe nicht immer so runter, als hätte ich gestern irgendwo einen Tankwagen geklaut. Verfluchte Scheiße."

Eigentlich kann der Bengel nichts dafür. Er hat ihn auf einem seiner Streifzüge aufgelesen, war tief im Wald auf diese versteckte Hütte gestoßen, kein Rauch, niemand zu sehen, nur eine halb verhungerte angepflockte Ziege. Die verriet ihm genug, er versteckte sich ihm hohen Farnkraut, blieb liegen, bis die Dunkelheit die Umrisse der Hütte komplett verschluckt hatte. Auch Stunden später war kein Lichtschein zu sehen und bis auf das Meckern der Ziege blieb das Haus still bis zum Morgen. Dann war er aufgestanden und langsam, sein Messer in der linken und den schweren Knüppel in der rechten Hand, auf die Lichtung zu gegangen.

Er hatte schon in der Nacht einen Hauch von Verwesungsgeruch gerochen, doch als er die hölzerne Tür aufstieß, blieb ihm die Luft weg. Das Brummen der aufstiebenden Fliegen nahm eine gefährliche Tonlage an, dicke metallisch blaue Brummer wollten mit dem Kopf zuerst durch das verdreckte Glas der beiden kleinen Fenster. Das Häuschen hatte zwei Zimmer, zuerst trat man in die Küche, von der ein größerer Raum abging. Von dort kam der Gestank, die Tür war angelehnt. Er hatte bereits unzählige Tote gesehen, auch wenn der Anblick langsam seltener wurde. Ein toter Mensch ist auch nur ein lebloses Tier, besteht aus Fleisch, Saft und Knochen, quillt auf und bläht sich, platzt und gibt sein Innerstes preis, bietet Maden eine Wohnstatt, wird gefressen von Füchsen, Krähen, Hunden oder Fischen. Und natürlich den Ameisen. Sogar einen Igel hatte er mal bei der Arbeit gesehen, schnaufend und schmatzend hatte er seine schwarz glänzende Nase unter die zerfetzte Uniform einer Soldatin geschoben und seinen Teil der Arbeit getan. Kreislauf der Natur.

Nach der ersten großen Epidemie war in manchen Orten beinah jedes Haus ein Leichenkeller, später kamen die Wirbelstürme und Überschwemmungen, dann der Hunger und die Warlords. Seit sich vor ein paar Jahren jeder Rest von Ordnung aufgelöst hatte, waren auch die Leichenberge seltener geworden, wer jetzt noch lebte war abgehärtet, versteckte sich oder krepierte einfach heimlich still und leise. So wie die Mutter des Jungen. Fast hätte er ihn übersehen, nur einen flüchtigen Blick in das Halbdunkel wollte er werfen, der Gestank war unerträglich. Sie lag auf dem Rücken vor der Pritsche, blauschwarze Haut, der Leib grotesk geschwollen, in einer getrockneten Pfütze aus Urin und Sonstwas. Schnell hatte er die wenigen Habseligkeiten auf den Regalen in Augenschein genommen und wollte schon zurück in die Küche, als sich unter der lumpigen Steppdecke etwas bewegte.

Der Junge war halb verdurstet, mehr als nur halb wahnsinnig und sprach zuerst kein Wort, wollte aber eindeutig leben. Also hatte er ihm zu trinken gegeben, ihn sogar gefüttert, dann gewaschen und dem Bengel halbwegs saubere Sachen angezogen. Später grub er ein flaches Loch nicht weit vom Haus, hackte sich durch Wurzel und Steine, zerrte dann schnaufend und schwitzend den stinkenden Kadaver hinein, und schaufelte Erde in ihr totes Gesicht. Keiner von den beiden wollte dort bleiben, zumindest deutete er das Schweigen des Jungen so. Deshalb schlachtete er die magere Ziege, salzte das Fleisch ein und briet es, suchte aus dem dürftigen Hausstand heraus, was Wert hatte oder als Vorrat taugte, und zündete am Schluss die stinkende Hütte an.

Das Frühstück ist offenbar beendet, er hat keinen Hunger mehr, dafür den Bauch voll Wut. Der Junge sitzt zwar noch auf den Holzklotz, macht aber ein Gesicht als hätte man ihm gerade die Faust in den Magen gerammt. Er wickelt die Reste der abgenagten Hundekeule ein, bindet den Beutel mit den Nüssen zu und schraubt den Kanister auf.

Mit einem "Kannst mir mal helfen" schiebt er die bauchige Trinkflasche über den Tisch, "ich muss den Rest umfüllen." Der Junge zögert, stellt dann die Flasche auf den Tisch und umfasst sie an der Basis mit beiden Händen. Der Mann hält die Öffnung des Kanisters darüber und lässt den Rest der trüben Flüssigkeit in die Flasche rinnen. Kurz vor Schluss setzt er ab, schwenkt den Kanister mehrmals im Kreis und schüttet den schlammigen Bodensatz ins Gebüsch.

"Höchstens zwei Liter, müssen sparsam sein. Weiß nicht, wann wir wieder was finden. Pack jetzt deine Sachen, ich will das Zelt zusammenlegen."

Der Junge steht auf, schlurft zum Eingang und verschwindet unter der Plastikhaut. Er hat gerade den alten Handkarren aus den Büschen hervorgezogen, als der Strubbelkopf wieder auftaucht.

"Warum müssen wir weiter? Ist doch kein schlechter Platz hier. Zumindest sieht uns keiner."

"Weil ich es sage. Glaub mir, ich wäre nicht mehr am Leben, wenn ich es mir zu gemütlich gemacht hätte. Und du auch nicht. Wir brauchen Wasser und Futter, und dir schadet es überhaupt nicht, deinen faulen Hintern zu bewegen. Also pack dein Zeug."

Dieser Ton duldet keinen Widerspruch, das kennt der Kleine bereits. Er vertraut dem Alten schon, versteht nur nicht recht, warum sie immer auf Achse sein müssen. Mit seiner Mutter im Wald groß geworden kennt er die Regeln des Tieflands nicht. Immer in Bewegung bleiben. Vertraue keinem Fremden. Niemals Feuer bei Nacht. Nimm es, bevor ein anderer es einsackt. Leg deine Waffen nicht ab. Einfache, gesunde Regeln. Die Regeln der neuen Ordnung.

Schweißnass stößt der Junge den speckigen Rucksack aus dem Zelt, einer der Tragegurte ist mit groben Stichen und etwas Leder geflickt. Die Sonne schiebt sich brennend höher in einen wolkenlos blauen Himmel, hinter der Barrikade aus Dornbüschen drehen sich erste Staubwolken wie rotierende Strudel in der Luft und tragen ockerfarbenen Sand heran. Heute nimmt der Wind an Kraft zu, soviel ist sicher. Der Mann wird die Augen offen halten. ...

© Johannis R. Jappen, April 2007

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