Bekenntnisse eines herzlosen Hundehassers

Leider muss noch etwas Zeit überbrückt werden, bis mein Visum für Nordkorea da ist. Trotzdem, mein Entschluss steht fest, ich werde auswandern. Lieber unter dem Regime eines größenwahnsinnigen Diktators mit Pudelfrisur und Atombombe leben, als mich hier mit diesen Zuständen abzufinden. Okay, das Leben in der Diktatur ist kein Zuckerschlecken und es gibt nicht viel Auswahl im Supermarkt. Leider auch kaum Supermärkte, aber egal, der Asiate ist ja an sich zäh und erfinderisch. Auch was die Küche angeht. Chow-Chow heißt auf Chinesisch übrigens lecker-lecker und das liebe, leicht gedrungene Tier wurde extra so gezüchtet, damit es - knusprig braun - gut auf eine größere Bratenplatte passt. Ideal für die festliche Runde oder gemütliche Familienfeiern. Die dekorativ blaue Zunge des Hundes hat vielleicht eine ähnliche Funktion wie bei uns die Tomate im Maul des Spanferkels.

Ich lebe seit zehn Jahren in Dortmund, in einem gutbürgerlichen Viertel am Ostpark. Oder Ostfriedhof, je nach dem. Der Friedhof wurde vor knapp 150 Jahren angelegt und hat auch parkähnliche Flächen ohne jeglichen Grabstein, die den Bürgern zum Verweilen und zur Erbauung dienen sollten. Vergessens Sie's. Da trainieren heute Schäferhunde und Bullterrier, Promenadenmischungen kläffen um die Wette und sämtliche Köter der Stadt kacken dort so viele Haufen hin, dass die Maulwürfe überirdisch jegliche Orientierung verlieren. Obwohl, nicht alle gehen in den Park, denn es gibt ja noch den Quick-Stop. Gegenüber von meinem Haus liegt im Dreieck zwischen zwei Straßen ein schrundiger Rasen, vielleicht fünfzig Quadratmeter groß, von einem niedrigen Mäuerchen eingefasst, mit zwei alterschwachen Birken. Dort bräuchten die Vertreter der Gattung Canis familiaris eigentlich längst pro Kopf zwei Paar Gummistiefel, denn jeder Fleck ist mit Kotballen aller erdenklichen Größen, Formen und Farben bedeckt. Die Birken verfärben sich schon früh im Sommer pissgelb, und versuchen sich am Wurzelstumpf mit besonders dicker Borke gegen die Beinchenheber zu schützen. Der polnische Hilfsgärtner, der alle zwei Wochen seinen Rasenmäher über die Mauer wuchtet, trägt allerdings weder Stiefel noch Schutzmaske. Mit stoischer Ruhe häckselt er zentnerweise Hundeschiss und ein bisschen Gras zu feinem Mulch und pustet es gut gemischt in die Gegend. Er ist offenbar durch seine berufliche Praxis total immunisiert. Oder selbst Hundehalter.

Das Wort an sich ist ein Paradoxon, Hundelaufenlasser wäre korrekt. "Der tut nichts, will nur spielen, oder mal schnuppern!" Wenn die kleine Misttöle dann doch an der hellen Hose hochspringt und seine dreckigen Pfoten abgewischt hat, wird tüchtig geschimpft. "Du böser Charlie, Pfui, Pfui, schlimmer Junge!" Als ich zwei Damen bei solch einer Gelegenheit freundlich-pädagogisch entgegenhielt, dass der Fehler wohl eher bei Ihnen läge, der Hund würde leinenlos halt tun, woran er Spaß hätte, lautete die Antwort: "Wir haben eine Reinigung, Sie können mir die Hose ja mitgeben." Geniale Idee, ich setze meinen Spaziergang in Unterhosen fort - dann haben es die Dobermänner und Doggen beim Schnüffeln auch etwas leichter - und werde spätestens vor meiner Haustür wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet.

Der durchschnittliche Besitzer eines Kläffers ist absolut beratungsresistent, denn er hat mit der Entrichtung von ein paar Euro jährlicher Hundesteuer offenbar auch ein Privileg erworben, das mit der früher serienmäßig eingebauten Vorfahrt von Mercedes-Limousinen unmittelbar verwandt ist. Hunde-bitte-an-der-Leine-führen-Schilder, Maulkorbzwang oder Köter-nicht-auf-Kinderspielplätze-kacken-lassen-Gebote - alles Makulatur, alberne Kleinlichkeit obrigkeitshöriger Spießbürger, notorischer Nörgler und Miesmacher. Ein Herz für Tiere. Der beste Freund des Menschen. Wer den nicht mag ist auf jeden Fall sozial deformiert. Schwer gestört eben, wie ich. Sollte besser auswandern.

35 Euro kostet laut Bußgeldkatalog eine nicht geräumte Tretmine auf Gehweg, Parkplatz, Liegewiese. Haben Sie eigentlich schon mal gesehen, dass jemand die Hinterlassenschaften seines Lieblings mit Plastiktüte aufnimmt und sozialverträglich entsorgt? Als ich vor einiger Zeit arbeitslos war, habe ich beim Arbeitsamt eine neue Stelle für mich vorgeschlagen, meine eigene ABM sozusagen. Gebt mir einen Ausweis und eine Jacke mit der Aufschrift Ordnungsamt, und ich mache euch den Terminator. Mit Strafzettel, Digitalkamera und Pfefferspray wollte ich die Stadt durchstreifen und uns ein für alle Mal von der Kacke befreien. Mit dem Amt hätte ich halbe-halbe gemacht und wäre zu Anfang garantiert auf einen Stundenlohn gekommen, bei dem selbst Schönheitschirurgen mit eigener Praxis vor Neid gelb werden.

Nach ein paar Monaten hätten die Leute natürlich dazugelernt, und würden ihre Viecher nur noch im Schutz der Dunkelheit und außerhalb meiner Dienstzeiten koten lassen. Die Tierärzte müssten andauernd konstipierte Boxer und Bellos behandeln, und könnten Abführmittel verkaufen wie geschnitten Brot. Irgendwann würde dann leider meine Privatadresse bekannt, nächtliche Anrufe und anonyme Drohbriefe gingen bei mir ein und am Schluss stünde ich morgens vor den rauchenden Resten meines Autos, abgefackelt von der Liga für Freies Kacken, kurz LFK.

Mittlerweile hab ich Albträume, höre penetrantes Schellen an meiner Haustür, vor der ich dann ein brennendes Paket finde. Im Traum bin ich jedes Mal gleich blöd, falle auf den uralten Trick rein und springe mit beiden Füßen drauf, um die Flammen auszulöschen. Selbstverständlich ist es ein Paket aus frischer Hundescheiße, in Zeitungspapier gewickelt und mit Feuerzeugbenzin übergossen. Die rauchende Fußmatte kann ich gleich zusammen mit den Schuhen wegschmeißen. Dann wache ich schweißgebadet auf und lausche ins Treppenhaus.

Mein Psychoanalytiker hat mich wiederholt nach traumatischen Kindheitserlebnissen im Zusammenhang mit Hunden befragt, aber da war nichts. Gut, der Cocker-Spaniel von meinem Kumpel Hans-Peter neigte zu sexuellem Missbrauch. Wenn wir gelegentlich zusammen mit Schulkameradinnen für die nächste Klassenarbeit büffelten, lebte er seine schlimme Angewohnheit aus. Er ließ sich erst ein bisschen die Ohren kraulen, um sich dann solange am Knie von Heike oder Andrea zu schubbern, bis es ihm kam. Den Mädchen war das ungeheuer peinlich, wir fanden Hundesperma an der Jeans einer 13-Jährigen eher witzig. Die Fähigkeit von Rüden, sich selbst durch Oralverkehr Erleichterung zu verschaffen, war in sehr schwachen Momenten meines Lebens das einzige, worum ich Hunde jemals beneidet habe. Selbst als junger Mensch war ich jedoch nie gelenkig genug für so was.

Zuhause hatten wir sogar selbst einen Rauhaardackel, ein Jagdhund, dem allerdings an einem schönen Herbsttag bei der Entenjagd eine heiße Patronenhülse aus Papas Pumpgun aufs Auge knallte und der danach eisern nach Mahatma Gandhis Grundsätzen der Gewaltlosigkeit lebte. Ohne den Vegetarismus allerdings. Seit ich meinem Therapeuten von der LFK erzählte und dass ich mich bedroht fühle, ermutigt er mich. Ich solle mich dem Schrecken stellen, nicht alles in mich hineinfressen, aktiv an dem Problem arbeiten. Er meinte das wohl eher metaphysisch, direkt gesagt hat er aber nichts. Ich habe jetzt eine stabile Edelstahl-Suppenkelle an den abgesägten Griff eines Tennisschlägers montiert und sammele fleißig Hundekacke. Nicht etwa um die säumigen Tierfreunde zu entlasten und ihren Dreck zu entsorgen, nein Danke. Ab heute wird zurück geschossen.

Nachts mache ich meine Runde, löffele hier einen Haufen, da eine Wurst und schleudere das Ganze mit der Schnellkraft meiner Eigenkonstruktion gegen die Autos diverser Köteristen. Man kennt sich ja, schließlich geht mein Arbeitszimmer zur Straße hinaus, Schreibtisch am Fenster. Karosserie zählt einfach, Scheiben doppelt und Zusatzpunkte gibt es, wenn ich Griffe oder Türschlösser treffe. Dem Schwachkopf aus Hausnummer 14 habe ich sogar schon mehrfach punktgenau exakt jene Pfunde auf den Balkon geknallt, die seine zwei Collies und der arthritische Bernhardiner Tag für Tag in die Gegend setzen. Jetzt, bei dem anhaltenden Frostwetter, sind allerdings schon zweimal Fenster zu Bruch gegangen, nicht nur das Leben wird härter.

Ich will mich nicht lange bei der jungen Wienerin aufhalten, in die ich mich vor einigen Jahren während eines Seminars in Graz verliebte. Etliche Telefonate, Gedichte und Wochen später gab es ein Wiedersehen, sie beschloss spontan mich zu besuchen. Von ihrer Reisebegleitung Sina, einer alternden Deutsch-Drahthaar-Hündin, erzählte sie erst kurz vor ihrer Ankunft, a gaaanz a liabes Tier. Leider gewohnt mit Frauchen in einem Bett zu schlafen, an exakt dem Platz, von dem ich monatelang geträumt hatte. Sina bekam dann nach langem Hin und Her ein Lager in der Küche mit eigenem Federbett und Kissen, und schmollte dort Abend für Abend vor sich hin.

Besonders schön war immer die Zeit, wenn sie ihr tägliches, getrocknetes Schweineohr fraß. Locker eine Stunde lang konnte das wunderbare Tier an dem zähen Knorpel rumkauen und zerren, dabei knurren, schmatzen und schließlich furzen. Knorpelfurze sind, das sei hier allen Laien versichert, das schlimmste was ein Hundedarm hervorbringen kann. Selbst die Silberfischchen in meinem Bad haben damals kapituliert und sind durch die Kanalisation zum Nachbarn ausgewandert.

Nach der letzten Sitzung hat mein Analytiker mir geraten, ich sollte mehr spazieren gehen, das wäre gut für meine Seele und auch für den Rücken, ich säße eh zuviel vor dem Computer. Ok, ich also wieder los auf meine Runden durch den Park. Das erste was ich sehe sind zwei fette Weiber auf einer Bank, vor sich ihre räudigen Viecher. Mit kräftigem Strich bürsten sie Büschelweise stinkiges Hundehaar aus und streuen die Flocken in den Wind. Ich bekomme spontan einen schweren Anfall von Hundehaarallergie und Krampfasthma, Krankheiten die mir bisher fremd waren. Zuhause steht mein Entschluss fest. Ab sofort sammle ich abgeschnittene Fußnägel, um sie bei mir bekannten Hundefreunden in die Hausbriefkästen zu schütten. Bei der Fußpflegerin an der Ecke habe ich schon mal angefragt, vorgeblich für modernes Kunstprojekt. Sie schaut mal, was so für mich abfällt.

Irgendwie muss ich mich ja gegen die Übermacht der bissigen Vierbeiner und ihrer arroganten Besitzer wehren. Momentan probiere ich neue Kochrezepte aus. Jack-Russell-Terrier haben, besonders wenn sie noch jung sind, festes, schmackhaftes Fleisch und - mit Schalotten und Knoblauch in reichlich trockenem Rotwein gesotten - ein Aroma, das an Lammbraten erinnert. Der Vorteil gegenüber dem weitaus kräftigeren Chow-Chow liegt in der Größe, denn der Jack-Russell-Terrier ist für den modernen Ein-Personen-Haushalt wie geschaffen. Klassisch im Bratrohr zubereitet wiegt er kaum mehr als eine französische Barbarie-Ente, hat aber doppelt soviel knusprige Beine.

© Johannis R. Jappen, 07.12.2005

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