Onkel Yogendras Wasserbüffel

Die ganze Nacht rumpeln auf dem nahen Highway Lastwagen vorbei, buntbemalte indische TATA-Trucks, am Heck in geschwungenen Pinselstrichen die Aufschrift "Horn please!". In jeder Kurve dröhnen ihre Hupen und Fanfaren, ähnlich einer Geheimsprache oder dem Trompeten von Elefanten. Wie fette rote Ameisen kriechen sie in endloser Reihe durch die Berge, ziehen ölige Rußschleppen hinter sich her und wirbeln Dreck auf. Aus Indien windet sich ihre Spur ins Land, emsig tragen die Nachfolger der Ochsengespanne Benzin, Kerosin, Diesel, Reis, Maschinen, Zucker und Mehl in das kleine Königreich am Himalaya. Sie donnern über das Pflaster und verquirlen Staub, Nebel, Rauch und Dieselschwaden zu ihrer ganz speziellen Duftmarke.

Ein dunkelgrünes Dreiradtaxi biegt von dem löchrigen Asphaltband ab und schaukelt müde die Straße zum Busbahnhof hinauf. Bedrohlich neigt es sich nach links, als einer der Reifen tief in einem Schlagloch versinkt, gequält knattert der kleine Motor. Für einen Moment hängt das andere Rad in der Luft, Schlamm spritzt auf und der Fahrer reißt den Lenker herum. Der Scheinwerfer über dem Vorderrad schickt einen armdicken Strahl blassgelben Lichts in die Dämmerung, zäh teilt er den kühlen Dunst eines Morgens, der sich nicht recht von der Nacht trennen mag.

Das Dreirad mit seinem rissigen Verdeck hält vor einem schmucklos-grauen Gebäude, zwei Frauen steigen aus, heben die Säume ihrer Saris hoch und gehen hinüber zum Schalter. Wegen der Kälte hat jede von ihnen Haar, Mund und Nase unter einem Schal verborgen, sie tragen schwer an einer Tasche und dem klobigen Koffer. Stumm warten sie, dass sich hinter dem Gitter die hölzerne Klappe öffnet und sie Fahrkarten lösen können. Am Himmel fließen die ersten Farben der Morgenröte in eine störrische Dunkelheit.

Noch stehen alle Busse wie versteinert, die Scheiben schmierig und beschlagen, ohne jede Regung lassen sie den neuen Tag heraufziehen. Bald werden sie, wie die Menschen hier, zum Leben erwachen, sich schütteln, stöhnen, husten und ausspucken und sich wieder auf den Weg machen. Eine dicke Frau mit dunkler, fast schwarzer Haut kocht Tee auf einem Klapptisch, das Glas zu fünf Rupien. Dazu verkauft sie selbstgemachtes Schmalzgebäck, geringelte Stangen mit grobem Hagelzucker bestreut.

Auf einer Sitzbank aus Beton, etwas abseits unter dem löcherigen Blechdach, schält sich ein Junge unter seiner Decke hervor, die noch ein zweites Kind bedeckt. Er streckt sich kurz und geht dann mit steifen Schritten über den Platz. "Guten Morgen, Didi", grüßt er sie. Er hat früh gelernt, alle älteren Frauen höflich mit Didi, große Schwester, anzusprechen. Männer sind Dhais, große Brüder. Sie nickt ihm freundlich zu und wischt sich mit dem Handrücken über die glänzende Stirn. In respektvollem Abstand hockt er sich auf den Bordstein und schaut in die Flammen des fauchenden Kerosinkochers. Er schlingt seine Arme eng um die Knie und zittert, während er zu der Dicken hinüber sieht. Sie gießt Wasser aus einem Kanister in den rußigen Topf, wartet eine Weile, wirft eine Handvoll Teeblätter dazu, wartet wieder, und rührt schließlich Milch und Zucker hinein. Durch ein verbeultes Sieb gießt sie die schaumige Köstlichkeit in kleine Gläser auf einem Blechtablett, von dem sich die wartenden Passagiere flink bedienen.

Ram denkt an die Zeit bei der Großmutter, als die Brüder morgens immer so viel Milchtee trinken durften, wie sie mochten. Manchmal gab es sogar frische Kekse dazu, Gingernuts mit dem leicht scharfen Ingwergeschmack, den er so liebt. Im Dezember ist sie an Ruhr gestorben. Am Ende des Monats hat der Hauswirt die beiden Jungen aus dem winzigen, feuchten Zimmer geworfen, und sie haben sich aufgemacht ins Terai. Dort im Tiefland lebt Onkel Yogendra auf seiner kleinen Farm. Er wird sie sicher aufnehmen. Er muss einfach.

Das Geld von dem Inder, der den dürftigen Hausrat der Großmutter kaufte, hat nur für ein Ticket bis nach Pokhara gelangt. In einem klapprigen Bus sind sie abends hier angekommen, sozusagen gestrandet, und dann geblieben. Seit vier Tagen sitzen sie jetzt hier fest, ohne eine Rupie, ohne Ticket und ohne Vorstellung, wie es weitergehen soll. Zweimal schon hat die Dicke ihnen ein Glas Tee geschenkt und einmal sogar ein bröckeliges Stück Schmalzkuchen. Ob heute wieder so ein Glückstag ist? Ram kauert sich zusammen und schaukelt auf den Fußballen vor und zurück, von weitem wirkt seine Silhouette wie ein Ei, aus dem ein Kopf und Kinderfüße ragen. Er muss sich dringend etwas einfallen lassen, damit sie hier wegkommen. Die Nächte werden kälter, und sie können nicht ewig auf dem Busbahnhof bleiben. Vor zwei Tagen waren Soldaten hier, sie suchten zum Glück nur nach Rebellen, nicht nach Kindern. Einer hat trotzdem gedroht, er werde sie mitnehmen und einsperren lassen, wenn sie nicht bald von hier verschwunden sind.

Gestern hatte Ram einen Lastwagen gefunden, der ins Terai fahren sollte, und der Fahrer versprach sie mitzunehmen. Als die beiden am Nachmittag auf die Ladefläche klettern wollten, verlangte er plötzlich Geld, fünfzig Rupien. Wie ein haariger Fels stand er vor ihnen, zornig und mit Gier in den Augen. Als ihm klar war, dass die Kinder kein Geld hatten, spuckte er rötlichen Betelsaft in den Sand, in weitem Strahl aus einer braunen Zahnlücke. Ram verlegte sich aufs Bitten, jammerte und bettelte, aber der Mann scheuchte sie vom Wagen weg und fluchte dann noch hinter ihnen her.

Von der Müllhalde mit ihren Bretterbuden weht jetzt stinkiger Rauch herüber, verschmortes Plastik mischt sich mit Aasgeruch und Fäulnis. Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen kriechen über das Stationsgebäude und Ram dreht sein Gesicht ins Licht. Das kurze Schwarzhaar ist staubig und steht in Büscheln ab. Auf dem Hinterkopf leuchtet eine fingerlange Narbe, wie ein himmelwärts gerichteter Speer. Er hat die Augen geschlossen. Das Schlurfen von Sandalen kommt näher, eine kleine Hand schiebt sich von hinten unter seinen rechten Arm. Kamal ist aufgewacht.

"Ich habe Hunger", kommt es leise von ihm.

"Natürlich. Wir haben aber nichts, also sei still und warte. Vielleicht schenkt uns die Didi nachher einen Tee."

Auch Kamal hockt sich auf die Fersen, kauert neben seinem Bruder in dem langsam wachsenden Sonnenfleck, und zieht die Wolldecke um seine Schultern. Hinter ihnen springt mit lautem Dröhnen ein Motor an, stottert, verstummt und wird erneut gestartet. Am Schalter ist die Klappe auf, eine Menschentraube drängt an das Gitter, speckige Geldscheine werden durch die Stäbe gereicht und gegen hellgrüne Papierfetzen getauscht.

"Soll ich rübergehen und sie fragen?", fragt der Kleine.

"Lieber nicht, sonst wird sie vielleicht böse. Sie mag keine Bettler. Lass uns lieber zum Waschraum gehen und Wasser trinken, und danach zum Müllberg", sagt Ram, streckt die Arme weit nach vorn und steht auf. Der Kleine zieht einen Schmollmund und grummelt leise vor sich hin.

"Warten wir doch lieber noch ein bisschen, gestern hat sie uns doch auch Tee gegeben."

"Das war vorgestern, du Träumer. Los, komm jetzt. Wir müssen früh auf der Kippe sein, bevor die Lastwagen kommen. Wenn wir genug Plastik und Pappe gesammelt haben, gehen wir heute Abend Dhal Bat essen." Als wenn das so einfach zu schaffen wäre.

Im Grunde ist es gar nicht so schlecht hier bei den Bussen, es gibt Wasser, Bänke und ein Dach. Nur abends, wenn sie sich unter der lumpigen Decke aneinanderschmiegen und schlafen wollen, tut der Hunger weh. Dann trägt der Nachtwind Geräusche von den Garküchen heran, wo die Tagelöhner essen. Dort wird gelacht und gesungen, und der Duft von Reis, Curry und Linsen liegt in der Luft. Für 35 Rupien kann man sich satt essen, essen soviel man will. Dort wird er sich mit Kamal den Bauch voll schlagen, bald schon, er hat es sich fest vorgenommen.

Seit sie aus Kathmandu hergekommen sind, haben sie nicht viel zu beißen bekommen. Manchmal gibt ihnen ein Reisender eine Orange oder ein Stück Brot, wenn sie Glück haben. Er muss endlich einen Weg finden, wie sie von hier wegkommen. Ram hat sich schnell daran gewöhnt, dass er nun allein das Sagen hat und für den Sechsjährigen mit entscheiden muss. Er steht auf und zieht den Kleinen hoch. Sie trotten über den staubigen Platz zum Männerklo mit seinen rissigen Waschbecken und vergilbten Pissoirs. "Restrooms for Gentlemen" steht an der fleckigen Mauer, drinnen kämpfen ein paar dünne Räucherstäbchen gegen den stechenden Ammoniakgestank. Nacheinander beugen sie sich vor einem halbblinden Spiegel über den abgenutzten Hahn und trinken, bis sie satt sind. Das Wasser ist kühl und schmeckt nach Eisen und Chlor. Wieder draußen schlendern sie hinter das Haus, Ram nimmt die Wolldecke von Kamals Schultern, schaut sich um, und stopft sie dann soweit er kann in ein trockenes Kanalrohr.

Langsam lässt die Kälte nach, die Busse sind bereit zur Abfahrt. Motoren donnern, Hörner und Hupen zerreißen die Luft, halbwüchsige Beifahrer lehnen lässig aus offenen Türen, wedeln mit Geldbündeln und grünen Tickets. Wie irre Muezzine schreien sie ihr Fahrtziel in die Menge, macht euch bereit, die Reise geht los. Wieder und wieder lassen Fahrer ihre Maschinen aufheulen und schicken schwarzblaue Rauchwolken zwischen die einsteigenden Fahrgäste. Ruckelnd bewegen sich die Blechkisten voran, Meter für Meter, und warten auf das Startzeichen, um endlich von neuem gierig den Asphalt zu verschlingen. In einer Stunde wird der ganze Platz leer sein, ausgestorben bis zum Nachmittag, wenn nach und nach Busse aus dem ganzen Land hier eintreffen, voll mit müden und verschwitzten Menschen.

"Los, lass uns rübergehen, vielleicht finden wir sogar ein paar alte Flaschen, die Inder geben fünfzig Paisa für jede. Halt gefälligst die Augen auf und träum nicht!" Er nimmt den Kleinen bei der Hand und kreuzt mit ihm den Highway. Flip-Flop, Flip-Flop, Flip-Flop, der monotone Gesang ihrer Gummilatschen auf dem vernarbten Teer, zum Glück sind sie nicht barfuß. Sie müssen einen großen Bogen um den Slum machen, der sich an den Fuß des Müllbergs schmiegt. Gestern hat eine Horde struppiger Bengels mit Steinen geschmissen und ihnen die Hunde hinterher gejagt. Die Familien in ihren Hütten aus Pappe, Blech und Brettern haben den Berg untereinander aufgeteilt, keiner wird seinen Bereich freiwillig mit Fremden teilen. ...

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