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Wozu?

Geschrieben von Johannis am 9. Mai 2011 um 09:51 Uhr

Lest diesen Text nicht. Warum nicht? Ist Müll. Reine Zeitverschwendung. Gut, jeder von euch verschwendet beim Lesen bloß ein paar Minuten, aber wenn nur 200 Leute auf diesen total überflüssigen Dreck reinfallen, habe ich euch in Summe mehr von eurer kostbaren Lebenszeit gestohlen, als mich das Schreiben dieses dämlichen Konvoluts gekostet hat. Klickt jetzt gefälligst weg. Bohrt mit Hingabe in der Nase, geht eine rauchen, fragt Kollegen, was gestern im Fernsehen lief, surft mal kurz auf eure Lieblingspornoseite, gießt die Blumen, twittert was – ganz egal, nur lest bitte diesen Beitrag nicht.

Er wird nicht besser, sondern schlechter. Es gibt nix zu lachen, aber auch nichts Erhellendes. Selbstreferenzieller Mist. Wiedergekäutes, hochgewürgt aus dem Blättermagen eines frustrierten Schreiberlings, peinlicher Exhibitionismus eines fetten alten Mannes, der mutterseelenallein im Park herumsteht und seinen viel zu kleinen Pimmel entblößt, während kalte Regenböen den fleckigen Trenchcoat flattern lassen. Metaphorisch gesprochen, denn ich bin weder fett noch habe ich einen viel zu kleinen Pimmel, nur um das klarzustellen. Unabhängig von der Größe meines Penis lohnt sich das Lesen dieses Textes wirklich nicht, wie nun wohl auch jene Menschen kapiert haben sollten, die bisher aus lauter Starrsinn meine Ratschläge in den Wind geschlagen haben. Lasst gut sein, es bringt nichts. Wirklich!

Aha, höre ich die ganz Cleveren frohlocken, er kommt uns heute mit paradoxer Intervention, der Schlauberger. Denk nicht an den rosa Elefanten, haha, sehr witzig. Natürlich will er, dass wir seinen Text lesen, das will er immer, er bettelt nachgerade um unsere Aufmerksamkeit. Na schön, tun wir ihm den Gefallen. Nein, tut es nicht! Ich bitte euch. Genauso gut könntet ihr einem Fixer im Endstadium seiner selbstzerstörerischen Sucht die Nadel mit der finalen Überdosis in eine entzündete Vene rammen und dann den Kolben der Spritze bis zum Anschlag durchdrücken. Gut, ich werde wohl nicht zuckend ins Koma driften, Darm- und Blaseninhalt unter mich entleeren und dann die Spontanatmung einstellen, aber trotzdem wäre es besser, dieser Text bliebe ungelesen. Noch besser bliebe er ungeschrieben, aber dafür ist es nun zu spät.

Runde Geburtstage und Jubiläen werfen deprimierend kalte Schatten voraus, in deren grauem Zwielicht nur das Grausen gedeiht. Statt an die triste Zukunft zu denken, könnte man auch neben einer ausgebrannten japanischen Reaktorruine Gurken und Tomaten pflanzen. Spätestens beim fünfzigsten Geburtstag gehen Happy und Birthday getrennte Wege, doch diesen abgedroschenen Kalauer habt ihr schon viel zu oft ertragen müssen. Aber mein Fünfzigster liegt doch schon Jahre zurück, was denn eigentlich los sei, fragt ihr euch? Die 500 kommt, das halbe Tausend. Dies ist der 488ste Beitrag, den ich seit September 2007 hier veröffentlicht habe. Noch ein Dutzend, und die magische Schwelle ist erreicht. Und wozu das Ganze? Weil ich nach Beachtung giere. Georg Franck schrieb 1998 in seinem Buch Ökonomie der Aufmerksamkeit, dass Beachtung die unwiderstehlichste aller Drogen ist. Wir leben im mentalen Kapitalismus und Aufmerksamkeit ist die Leitwährung. Deshalb steht Ruhm über der Macht, verblasst Reichtum neben der Prominenz. Ich bin ein armes Würstchen, das beachtet werden will. Wie peinlich.

Rechnet man alle 488 Texte zusammen, entspricht das etwa einer halben Million Wörter. In Buchform gebracht, hätte man einen Folianten von rund 1200 Seiten Text in den krampfenden Händen, Fotos wurden nicht berücksichtigt. Schätzungsweise 2000 Stunden habe ich mit dem Schreiben, korrigieren, editieren und ins-Netz-stellen dieser 488 Beiträge verbracht. Das ist ein volles Jahr Arbeit, bei 40-Stunden-Woche, zwei Wochen Urlaub und ohne Feiertage. Ein ganzes Jahr unbezahlte Arbeit. Wie krank ist das denn? Diese sprachliche Anleihe bei den Lockerlächelnden, Gepiercten und Totalrasierten bringt mich zu DSDS. Zu Casting-Shows und freiwilligem Exhibitionismus, zum Aufmerksamkeitsjunkietum. Die spanische Modekette Desigual lockte mitten im kalten Januar Kunden durch das Versprechen in ihre Läden, wer nur mit Unterwäsche bekleidet käme, erhielte zwei Kleidungstücke gratis. Das galt allerdings nur für die ersten hundert Kunden. Trotzdem verbrachten Horden junger Leute die Nacht in Zelten vor den Shops und boten den angerückten Kameraleuten morgens schöne Bilder.

Jede Woche schreibe ich zwei Texte für diesen Blog, und neulich hatte ich keine Lust dazu. Wieso soll ich mich hinsetzen und das eh schon grenzenlose Überangebot an weitgehend verzichtbaren Informationen noch vergrößern. Wegen der lachhaft geringen Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird? Pah! Sollte ich nicht einfach mal streiken? Die Harvard-Soziologin Danah Boyd forscht für Microsoft über die Auswirkungen digitaler Kommunikation. Sie entschuldigt sich auf ihrer Website, weil sie viele Anfragen nicht beantwortet. Neulich legte sie sogar einen Email-Sabbatmonat ein. Wer ihr mailte, bekam eine automatische Nachricht, dass alle Mails unwiderruflich gelöscht würden, man sich also am Ende des Sabbatmonats erneut an sie wenden möge, wenn es denn wirklich sooo wichtig sei. Schöne Idee, finde ich.

Eine erboste Leserin schrieb mir kürzlich, ich würde in meinen weinerlichen Texten nur mein peinlich-ostentatives Leiden an der Welt herauskehren. Sie hat es nicht ganz so prägnant formuliert und ich lösche beleidigende Mails, daher fehlt das Originalzitat. Sie ist Italienerin und verdient einen Haufen Geld damit, dämlichen Deutschen verfallene italienische Bauernhöfe anzudrehen, während sie ihre freudlosen Tage in einer Münchener Penthousewohnung fristen muss. In ihrem Blog geht es vor allem um ihr Heimweh nach bella Italia. Wenn sie nicht bloggt oder kocht, oder fotografiert, was sie gerade gekocht hat, twittert sie und informiert ihre 3500 Follower im Minutentakt über Ignorierenswertes. Liebe Chiara, auch du bist ein Aufmerksamkeitsjunkie. Du hungerst nach virtueller Zuwendung, weil dir echter Kontakt Angst macht. Nähe bedeutet Verletzbarkeit. Schade, denn wir Aufmerksamkeitsjunkies sehen nur an Besucherstatistiken und Kommentaren, an Mentions und unserer Timeline, ob man uns beachtet hat. Niemand streichelt uns anerkennend übers Köpfchen oder küsst uns gar mit warmen Lippen, alles ist nur binärer Code. Traurig, oder?

Ich kenne mich mit Casting-Shows nicht aus und weiß darüber nur, was man im Feuilleton von Qualitätszeitungen liest. Aber ich bin kein Deut besser als all die armen Würstchen, die sich bei Heidi Klum oder Dieter Bohlen zum Deppen machen, denn auch ich will nur beachtet werden. Vielleicht müsste ich mir mal eine Folge von DSDS anschauen, aber das muss warten, bis Dieter Bohlen tot ist. Dieser Mann verkörpert für mich das mentale AIDS unserer bedauernswerten Zivilisation, er ist die fleischgewordene Seveso-Katastrophe der Unterhaltungsindustrie. Wenn ich Dieters dummbraune Faltenfresse sehe, steigen in mir Fantasien von Marterpfählen und ferngezündeten Sprengkapseln auf. Rektal eingeführt. Ich sehe ihn vor mir, nackt und winselnd, wie er an seinen Fesseln zerrt und bettelt, mir Geld und Ruhm verspricht, Abbitte leistet für all die miesen Popsongs und fiesen Sprüche, und um sein wertloses Leben fleht. „Tja,“ sage ich zu ihm, „leider hattest du nicht so viel Mumm in den Knochen wie Gunter Sachs. Deshalb helfe ich dir jetzt.“ Dann ziehe ich die Teleskopantenne aus der Fernbedienung, gehe ein paar Schritte zurück, um nicht von Fleischbrocken oder Darminhalt getroffen zu werden, werfe ihm ironisch lächelnd eine Kusshand zu und drücke auf den Knopf für Zündung.

Gegen den HIV-Virus gibt es zwar noch keine Impfung, aber immerhin Medikamente, mit denen sich die Krankheit beherrschen lässt. Das mentale AIDS breitet sich aber in beängstigender Geschwindigkeit über den ganzen Planeten aus, infiziert vor allem junge Menschen und zerstört ihre Gehirne. Kondome schützen nicht und es gibt kein Methadon für Aufmerksamkeitsjunkies. Abschalten kann helfen, die Glotze aus dem Fenster schmeißen, alle Profile bei Facebook, Twitter und dem ganzen Soschälnättwörkscheiß löschen. Aber wer macht das schon? So, Leute, ich muss jetzt mal die Besucherstatistik checken, wie viele Leser dieser Beitrag heute schon hatte.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

7 Kommentare zu “Wozu?”

  1. me-magazine

    Dieser Beitrag erscheint auch in unserem Magazin.

  2. Solveigh Calderin

    “Ich bin ein armes Würstchen, das beachtet werden will. Wie peinlich.”

    Jeder Mensch auf unserer Erde ist so ein “armes Würstchen” und in unserer kalten, menschenfeindlichen Gesellschaft, in der das Geld als das einzig Wahre, und Werthaltige angebetet wird, lechzen immer mehr Menschen einfach nach Aufmerksamkeit, lies Liebe und menschliche Wärme.

    Jeremy Rifkin ist ein Ökonomen, der das und die zerstörerische Kraft der “nur Geld Ökonomie” erkannt hat. Er plädiert für die “Empathische Gesellschaft”, denn der Mensch ist von Geburt empathisch und sozial. Darum haben die social networks auch solchen Erfolg.

    Dein Artikel ist übrigens Klasse und es war für mich reines Vergnügen, ihn zu lesen. Ich habe in meinem Leben gelernt, wenn einer sagt: “Tu’s nicht”, dann ist es interessant, genauer hinzugucken – und es dann unter Umständen – wie bei Deinem Artikel – eben DOCH zu tun :-)

  3. Verbraucher-Ed

    Solange der Schrei nach Aufmerksamkeit sich in Texten wie diesem äußert, ist das doch eine gute Sache. Die Leser profitieren auf vielfältige Weise. Sie lernen neue Aspekte des Lebens kennen und können, wenn sie möchten, ihre Hirnzellen anwerfen. Voraussetzung, sie verfügen über diese. Wenn der Schrei nach Aufmerksamkeit in der Castingshow zum Ausbruch kommt, bitte. Jeder/Jede wie er/sie will.
    Zu oft sieht der Schrei nach Aufmerksamkeit leider anders aus. Wut, Zerstörung, Gewalt gegen sich und andere. Jetzt frage ich mich, wer trägt hier die Verantwortung? Mit Sicherheit auch das Netz und die Castingshows. Sie sind Teil dieser Gesellschaft.

  4. Himmelhoch

    Du schreibst ganz richtig:
    “… und freiwilligem Exhibitionismus, zum Aufmerksamkeitsjunkietum” – tja, ein großer Teil der Blogger, Twitterer und Facebooker betreibt es wohl zu diesem Zweck, schreibende nicht ganz ausgenommen.

    Gib D.B. noch ein paar Jahre, denn er ist ja noch nicht 78 – aber auch dann wird er nicht so viel Klugheit angesammelt haben, dass er sich freiwillig verzieht. Vielleicht hat er zu der Zeit dann wieder mehrere Kleinkinder als Vater zu betreuen.

    “Mentales AIDS” – das trifft es.
    So, und ich muss jetzt mal aufrüsten, auf FF 4, mal sehen, ob alles klappt.
    Und tschüss sagt Clara

  5. Johannis

    @Solveigh Calderin:
    Danke für das Kompliment. Wer sagt’s denn, paradoxe Intervention funktioniert!

    @Verbraucher-Ed:
    Danke für die freundlichen Worte. Leider mehren sich die Tage, an denen mir das schwungvolle Einrennen offener Türen töricht erscheint. Es wäre ebenso töricht, zu glauben, dass ich mit meinen hingerotzten oder fein ziselierten Texten tatsächlich etwas bewege, von meinen Fingern auf der Tastatur mal abgesehen. Es sind doch fast immer dieselben Verdächtigen, die sich hier genügend Zeit für Hirnschmalzbewegungen nehmen. Nein, ich bin nicht undankbar. Es mangelt mir nur an Zuversicht, sowohl für die individuelle als auch für die globale Perspektive.

    @Himmelhoch:
    Freut mich, wenn dir meine Wortschöpfung Mentales AIDS gefällt. Im Jugendslang heißt es ja schon mal “dich hamse doch ins Hirn gefickt”, vielleicht gibt das Aufschluss über einen der möglichen Übertragungswege. Hoffe, die Umstellung auf Firefox4 lief wie geschmiert.

  6. Himmelhoch

    Es klappte super, ist wirklich schneller und auch besser – und keine Panne.
    Nochmals danke fürs gut zureden.

  7. Verbraucher-Ed

    Möglich, dass viele der Meinung sind, dass deine Worte fast schon alles sagen, was zu sagen ist.

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