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Wertschröpfungskette

Geschrieben von Johannis am 17. Februar 2010 um 09:26 Uhr

Dummheit und Gier sind alltägliche Eigenschaften, erst gepaart mit Reichtum wird’s gefährlich. Das ist wie bei Kunstdünger und Diesel – die brauchen zur Explosion auch einen ausreichend heißen Zündfunken. Der Volksmund sagt, Geld verdirbt den Charakter, und vergangene Woche gab es ausreichend Gelegenheit für Charakterstudien, die leider belegen, dass nicht nur Kindermund Wahrheit kund tut.

Da ist zum einen der Fall eines Immobilienhändlers von der letztjährigen Liechtenstein-CD. Um 12 Millionen hatte er den Fiskus beschissen und die Selbstanzeige verpennt. Für eine entsprechende Steuernachzahlung und 7,5 Millionen Geldstrafe ging er, statt in den Knast, heim in seine Luxusvilla, was an sich schon eine Frechheit ist. Ziehen Sie mal einen stinknormalen Betrug über 12 Millionen durch und hoffen dann auf eine Geldstrafe – eher friert die Hölle zu und George W. Bush fängt als Freiwilliger bei Greenpeace an. Aber im Kleingedruckten des Deals mit der Staatsanwaltschaft stand wohl, dass der Immobilienfritze im Gegenzug für die empörend milde Strafe brav bleibt, und nicht etwa zum Verfassungsgericht rennt, um das Urteil anzufechten, weil die Liechtensteiner Daten ja geklaut waren.

Ist er auch nicht. Er hat stattdessen seine Bank in Liechtenstein verklagt, weil die Banker ihn nicht früh genug gewarnt haben. 7,3 Millionen Schadensersatz soll die Bank ihm zahlen, lautet nun das Urteil, aber die Bank geht in Revision und wir können auf klügere Richter in der nächsten Instanz hoffen. Mit dem Wort Chuzpe ist die Geisteshaltung des Immobilienheinis nur unzureichend beschrieben, ich suche noch händeringend nach einer Steigerungsform für kackdreist. Vorschläge aus der Leserschaft sind willkommen.

Schön und lehrreich war auch die Geschichte der vier alten Leute, die sich von ihrem Finanzberater abgelinkt fühlten und den Mann mithilfe eines gedungenen Helfers kidnappten. Erst stopften sie ihn in eine Kiste, fuhren dann zu einer Villa am Chiemsee und sperrten den Berater dort solange im Keller ein, bis er ihnen per Faxanweisung die verlorenen Reichtümer zurücküberweisen ließ. Insgesamt 2,5 Millionen, also auch mehr als der Notgroschen von bescheidenen Rentnern. Sie hielten ihm beim Faxen sogar eine geladene Pistole an den Kopf, bekamen aber nicht mit, dass er auf eine der Anweisungen – wahrscheinlich an eine Bank in der Schweiz oder auf den Cayman Islands – einen versteckten Hilferuf schrieb, worauf zu seiner Befreiung das Sondereinsatzkommando in Marsch gesetzt wurde.

Was lernen wir aus diesen Geschichten – mal abgesehen davon, dass der windige Finanzberater James A. offenbar auch Dreck am Stecken hat und nun ebenfalls angeklagt ist, denn er soll eine ganze Reihe von Anlegern über den Tisch gezogen haben? Wer hat, der hat, will noch mehr und auf keinen Fall loslassen. Das ist wie bei der indischen Affenfalle, wo Monkeyman seine Faust um den leckeren Reis ballt und sie dann nicht mehr aus der hohlen Kokosnuss ziehen kann. Nur die leere Pfote passt durch das Loch, er bleibt stur, lässt den Reis nicht los und landet im Kochtopf. Der Mensch stammt eben vom Affen ab, Geld verdirbt offenbar wirklich den Charakter, und ich bin heilfroh, dass mein Vermögen immer noch im unteren fünfstelligen Bereich angesiedelt und ordentlich versteuert ist.

Noch mal zurück zum Volksmund. Man spricht von Finanzhaien und auch der Immobilienhai hat einen festen Platz in die Deutsche Sprache. Haie leben an der Spitze der Nahrungskette, sie fressen Fische, haben aber selber kaum Feinde. Vom Menschen abgesehen. Anders als all die Algen, Flohkrebse, Fische, Oktopoden und was außer Plankton sonst noch im Meer rumschwimmt, leisten Haie keinen nennenswerten Beitrag in der Wertschöpfungskette der Ozeane. Sie verwandeln kein Licht in Zucker und Proteine, sie reichern diese Stoffe auch nicht in ihren Körpern an und bieten sie dann anderen Räubern zur Speise an, wie Sardinen es beispielsweise tun. Sie düngen den Meersboden nicht nennenswert, säubern andere Lebewesen nicht von Ungeziefer und Parasiten, wie die putzigen Putzerfische – Haie fressen nur. Gut, auch ein paar kranke Fische und sogar Aas, aber das ignoriere ich jetzt mal. Bei einigen lebend gebärenden Haien gibt es sogar den Embryonalkannibalismus, bei dem die Ungeborenen sich im Mutterleib gegenseitig auffressen. Nur der Stärkste bleibt übrig. Nett, oder?

Finanzberater, Investmentbanker und Immobilienhändler leisten – anders als der Maurer auf dem Bau oder die junge Frau im Bakepoint, die aus Teiglingen frische Brötchen backt – keinen konstruktiven Beitrag zur Wertschöpfung. Das ganze Finanzsystem vermehrt zwar auf wundersam-rätselhafte Weise bereits bestehendes Geld, schafft aber keine neuen Werte wie der Mann am Fließband von Opel, der momentan noch Autos aus Einzelteilen zusammensetzen darf. Finanzberater, Investmentbanker und Immobilienhändler sind die Haie des Systems, sie mästen sich an anderen Lebewesen und dem, was diese erschaffen haben. Sie sind im Grunde überflüssig und gefährden – wo sie überhand nehmen – das ganze Ökosystem.

Die Asiaten essen gern Haifischflossensuppe, die aussieht und schmeckt wie warmer Tapetenkleister mit Salz. Zur Gewinnung der Flossen werden Haie mit Langleinen gefangen, man schneidet ihnen bei lebendigem Leib die Flossen ab und wirft sie dann wieder ins Meer, wo sie elendig krepieren. Keineswegs möchte ich dieselbe Behandlung auch für raffgierige Finanzberater, Investmentbanker, Immobilienhändler und reiche Rentner, die sich Kidnapper mieten, vorschlagen. Aber wir brauchen dringend abschreckende Strafen für Steuerbetrüger und all jene, die sich wie Schweine im Geld suhlen und den Hals trotzdem nicht voll kriegen können. Punkt. Das würde auch die lästige Debatte um unsere angeblichen Leistungsträger bereichern.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

4 Kommentare zu “Wertschröpfungskette”

  1. Jürgen

    Hallo Johannis,

    dies ist ein wirklich genialer Blogbeitrag. Danke.

    Gruß
    Jürgen

  2. Gruebel

    Es ist ja immer sehr anschaulich, menschliches Verhalten mit dem von Tieren zu vergleichen. Klappt allerdings nur bei oberflächlicher Betrachtungsweise. Großer Unterschied: Haie werden irgendwann auch mal satt!

    Dessen ungeachtet natürlich wieder ein toller Beitrag!

  3. Johannis

    @Jürgen und Gruebel:

    Leider hab ich versehentlich alle Mails der letzten sechs Wochen gelöscht. Könntet ihr bitte nochmals eure Kontodaten mailen, damit ich euch das vereinbarte Honorar für den freundlichen Kommentarapplaus überweisen kann. Danke!

  4. Spätrömische Dekadenz

    “Finanzberater, Investmentbanker und Immobilienhändler leisten – anders als der Maurer auf dem Bau oder die junge Frau im Bakepoint, die aus Teiglingen frische Brötchen backt – keinen konstruktiven Beitrag zur Wertschöpfung.”

    Nun ja, das ist so nicht richtig, auch wenn man sich im Volksmund gern an stark vereinfachte Weisheiten, wie die Mär vom Osterhasen oder “die Banken sind schuld”, klammert und diese seinen minderjährigen Kindern in dreizeiligen Gutenachtgechichten mit auf den Weg gibt. Solange es Leute gibt, nennen wir sie mal Maurer mit Riester, vulgo Rentner in spe und andere zu Reichtum gekommene Leistungsträger, die ihr Erspartes zur Bank und/oder in Rentenfonds tragen, damit sich dieses zinsträchtig vermehrt, werden weltweit immer Schleusenwärter gebraucht, damit das Kapital stetig bergauf fließt. Den Investmentschleusenwärter jetzt allein dafür verantwortlich zu machen, dass es massive wirtschaftliche bzw. finanzielle Ungleichgewichte und einen generellen Mangel an realwirtschaftlichen Anlagemöglichkeiten gibt, die Renditen ohne Blasenbildung erwirtschaften können, führt nicht nur in die Irre, sondern ist die berühmte Nebelkerze, die die wahren Ursachen weiterhin erfolgreich verbirgt.

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