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Wahnsinnswachstum

Geschrieben von Johannis am 7. Dezember 2009 um 09:36 Uhr

Jubelschreie branden durchs Land, überall wird befreit aufgeatmet, denn durch die Weisheit und Tatkraft der allmächtigen Tigerente ist die Weltwirtschaftskrise bald nur noch der Schatten eines bösen Traums. Zumindest für uns Deutschen, denn das weise Wachstumsbeschleunigungsgesetz löst sämtliche Probleme. Steuern runter, mehr Netto vom Brutto, alles wird gut. Demnächst weiden wir auf grüner Aue, die bekanntlich direkt am frischen Wasser liegt. Ich freue mich schon wahnsinnig drauf.

Begeisterung dort, wo Kinder durchs Haus toben, denn die Kopfprämie für Krabbelknuddels, kleine Kacker und größere Kids wird erhöht. Das ist bares Geld in oftmals volle Taschen. Sie zahlen nennenswert Einkommenssteuer? Noch besser, denn zusätzlich wird der Kinderfreibetrag angehoben. Papa will Ihnen die Firma vererben? Jetzt wird es langsam Zeit für einen Gang in den Weinkeller, denn Jahrgangschampagner sollte möglichst nicht zu alt werden. Sie haben in Ihrer Firma immer wieder Probleme bei der Abschreibung geringwertiger Wirtschaftsgüter, beispielsweise beim neuen Laptop für die siebenjährige Tochter, oder mit der Grunderwerbssteuer? Das ist alles Vergangenheit und zur vollsten Zufriedenheit gelöst, weshalb Sie Ihre Zugehörigkeit zur Klientel der FDP nun unbedingt mit der Gattin bei einem gemeinsamen Wellnesswochenende feiern sollten. Meinetwegen auch mit der Geliebten. Es lohnt sich in jedem Fall, denn im Hotel zahlen Sie nur noch 7 % Mehrbettsteuer. Das mit dem preisermäßigten Frühstück hat noch nicht geklappt, steht aber ganz oben auf der Agenda des Wirtschaftsministers.

Sie und Ihre Kinder gehören laut Sozialgesetzbuch (SGB II) zu einer Bedarfsgemeinschaft? Sie sind dummerweise kinder- oder arbeitslos? Sie müssen sich zum Glück nicht für Ihr unanständig hohes Managergehalt oder für fette Boni schämen, weil Sie durch maßvolle Tarifabschlüsse und den unerschrockenen Kampf der FDP gegen verderbliche Mindestlöhne vor zu hoher Steuerlast bewahrt wurden? Prima, Sie bekommen durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz zwar nichts dazu, müssen aber vorerst auch nichts hergeben. Fair, oder? Sie haben sechs Kinder, sprechen nur gebrochen Deutsch und leben von Sozialtransfers? Schade, das erhöhte Kindergeld wird leider auf Ihren Leistungsbezug angerechnet, aber vielleicht klappt es ja bald mit der größeren Wohnung für kinderreiche Hartz-Vierer.

Als nächsten Schritt zur vollkommenen Steuergerechtigkeit verweigert sich die standhafte FDP der geplanten Börsenumsatzsteuer, mit deren Hilfe Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern finanziert werden sollen. Humbug sagt Dirk Niebel – erstens stand das nicht im Koalitionsvertrag und zweitens brauchen wir keine höheren Preise an den Börsen. Verständlich, denn 0,05 Prozent Börsenumsatzsteuer kosten einen Mittelstandsbürger, der sich Aktien für 10.000 Euro kauft, den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten. Das frisst am Jahresende wahrscheinlich die ganze Dividende auf. Wer hingegen 100.000 Euro hat und sich zusätzlich zehn Millionen leiht, um auf einen fallenden Dollarkurs oder steigende Weizenpreise zu spekulieren, und am Ende des vor vier Flachbildschirmen verbrachten und höchst anstrengenden Tages seine Futures verkauft, dabei aber nur läppische 0,1 Prozent Kursgewinn gemacht hat, wäre echt angeschissen. Der würde nämlich die Hälfte des durch ehrliche Arbeit sauer verdienten Tageslohns als Börsenumsatzsteuer abführen müssen. 5000 Euro. Damit sich die Neger davon Swimmingpools mit Solarheizung bauen? Das geht doch wohl gar nicht!

Unser Entwicklungshilfeminister, auch unter dem Namen Evil Niebel bekannt, hat übrigens sehr gute Chancen, bald den Spitzenplatz in der Liste jener Kabinettsmitglieder einzunehmen, denen ich schnellstmöglich einen kleinen Unfall wünsche. Von derselben Art, wie ihn weiland Jörg Haider erleben durfte, als er endgültig aus dem Verkehr gezogen wurde. Ich gestehe, dass mich auch kurzzeitiges Betrachten von Niebels Antlitz – nur extrem bösartige Menschen würden es als aufgedunsene Hackfresse bezeichnen – jedes Mal in die Nähe eines anyphylaktischen Schocks bringt, wie ihn die offenbar sehr unpopuläre Schweinegrippenimpfung bisweilen auslöst. Fernsehnachrichten zeichne ich neuerdings auf und lasse sie von einem Vorkucker auf Unbedenklichkeit prüfen, der toxische Passagen schlimmstenfalls löscht. Und mein kurdischer Kioskinhaber blättert gekaufte Zeitungen für mich durch, er hat zur Not eine Schere bei der Hand.

Hätte ich weniger Selbstbeherrschung, würde ich Herrn Niebel als absoluten Megakotzbrocken bezeichnen, kann mich aber gerade noch bremsen. Nur aus Rücksicht auf empfindliche Leser. Zu unser aller Unglück wird Evil Niebel in seinem neoliberalen Schaffensdrang weder von Selbstzweifeln noch von nennenswertem Sachverstand gebremst. Aber das gilt leider für viele Regierungsmitglieder, und davon will jetzt ich nicht wieder anfangen. Wächst in diesem Land eigentlich außer Wahnsinn noch etwas?

Schluss.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

5 Kommentare zu “Wahnsinnswachstum”

  1. Second Attempt

    Menschen tödliche Unfälle zu wünschen, entspricht nicht meinen Umgangsformen und Worte wie “Megakotzbrocken” nicht meiner Diktion, aber in der Sache kann ich nur zustimmen – aus Erfahrung, Überzeugung und Einsicht!

  2. Johannis

    @Second Attempt:

    Vielen Dank für den Kommentar und das Re-Tweeten. Ich stimme Ihnen vollkommen zu und freue mich, dass Sie an dem Begriff Hackfresse offenbar keinen Anstoß nahmen.

    Doch Scherz beiseite. Bitte haben Sie Verständnis für mein Dilemma, denn im stündlich brutaler werdenden Kampf um Aufmerksamkeit, Klicks, Leser- und Einschaltquoten bin ich geradezu gezwungen, mit geschmacklosen Tabuverletzungen und Tritten unter die Gürtellinie um mein mediales Überleben zu ringen. Hätte ich die Wahrheit geschrieben, nämlich “Dirk Niebel finde ich ganz schön unsympathisch und ich würde ihm nur sehr ungern meine neue Schlagbohrmaschine leihen”, wäre das wohl wenig beachtet worden.

    Es tut mir leid, aber um als Blogger bestehen zu können, muss ich mich hier oftmals wie ein Verbalpitbull gebärden, der freudig und schon zum Frühstück zwei schlafenden Kleinkindern die Kehle durchbeißt. Dabei bin ich ein stinklangweiliger Pazifist mit buddhistischem Hintergrund, was Sie aber bitte für sich behalten sollten.

    In der Hoffnung, Sie auch zukünftig im Kreise jener Leser begrüßen zu dürfen, die Texte sogar bis zum letzten Absatz lesen (die sind nämlich leider eher rar), grüße ich Sie herzlich.

    Ihr Johannis

  3. Lambsdorff hopps « rauskuckers Blog

    [...] anschließe) findet sich unter allen Artikeln vom „Perlenschwein“, wo es heute um gewisse liberale Nachwuchspolitiker und deren Infamitäten geht. Vielleicht im Ton etwas hart – aber ich wundere mich eher, daß sowas immer noch [...]

  4. Jürgen

    Hallo Johannis,

    schon beim gestrigen lesen dieses Blogeintrags habe ich mir gedacht, es ist schön, dass Du „es den neoliberalen Schweinen gibst“. Ich denke aber, dass dies nicht ausreicht.

    Während Menschen wie Du, die angesichts der momentanen „Krisenbewältigungspolitik“ verzweifeln und sich ihrer Frustration mit harten Worten und Sarkasmus Luft machen, interessiert dies die Angegriffenen überhaupt nicht.

    Ich bin nicht so weltfremd zu denken, dass der Perlenschwein-Blog in Berlin wahrgenommen wird, aber die auf den http://www.nachdenkseiten.de vorgestellten Artikel namhafter Presseorgane gehen in die gleiche Richtung. Selbst bedeutende Vertreter der schwarz-gelben Koalition und der (angebotspolitisch dominierte) Rat der Wirtschaftswaisen positionieren sich gegen die geplanten Steuersenkungen des Wachstums(verhinderungs)gesetzes.

    Diese führen in Verbindung mit der bereits auf Grundgesetzniveau gehobenen Schuldenbremse zu einem sozialen Kahlschlag ungeahnten Ausmaßes.

    Und die breite Masse akzeptiert Lohnkürzungen ohne die Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen. Dies erlebe ich täglich. Wenn das Gehalt gekürzt wird und im Gegenzug Überstunden angeboten werden, freuen sich die Betroffenen sogar noch. Von den Arbeitslosengeld-2 Beziehern versuchen nur noch Querulanten, dieses System in Frage zu stellen (und scheitern bei dem Versuch).

    Daher frage ich mich ernsthaft, wie kann man diesen Irrsinn beenden, statt nur geistreiche, aber wirkungslose Texte zu verfassen?

    Gruß
    Jürgen

  5. Johannis

    Hallo Jürgen,
    vielen Dank für deine Zustimmung. Leider hast du in dem Punkt Recht, dass mein Blog nur von wenigen Abgeordneten und in den Berliner Ministerien wohl gar nicht gelesen wird, was mir aber sicher schon manche Klage wegen Beleidigung erspart hat. Unrecht hast du hingegen mit deiner Annahme, ich würde angesichts des allgegenwärtigen Wahnsinns verzweifeln. Vor Wut schäumen und die letzten Haare raufen Ja – verzweifeln Nein.

    Auch ich denke fast täglich darüber nach, wie es gelingen kann, den Irrsinn zu beenden oder wenigstens erheblich einzudämmen. Dazu baue ich mit einigen Freiwilligen an einer neuen, interaktiven Webseite, die hoffentlich Anfang kommenden Jahres ins Netz geht. Du wirst hier im Blog darüber informiert und bist wie alle anderen herzlich eingeladen, dort mitzutun und deinen Beitrag für mehr angewandten gesunden Menschenverstand im globalen Alltag zu leisten.

    Bis spätestens dann also. Beste Grüße von Johannis

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