Vielfliegerbonus
Geschrieben von Johannis am 24. Januar 2011 um 10:05 Uhr
Zu den bestgehassten Unternehmen dieser Welt gehört neben Microsoft und BP auch die Deutsche Bahn. Im Gegensatz zu den Erstgenannten ist die Bahn jedoch darum bemüht, ihr verdientermaßen beschissenes Image noch zu verschlechtern. Mit erstaunlichem Erfolg, wie ich letzten Montag erleben durfte und nun berichten werde. Erlaubt mir aber vorher bitte noch einen erzählerischen Umweg.
Nachdem ich am Sonntagmittag mein Zeug von der wirklich empfehlenswerten Oaklands Lodge zum Airport verfrachtet hatte, teilte ich kurz darauf in der Boeing 777 die 66te Dreierreihe mit Lisa, einer lustigen Bodybuilderin und Fitnesstrainerin aus Auckland. Der Mittelplatz zwischen uns blieb angenehmerweise frei (Raum für überzählige Kopfkissen, wärmende Decken, ausgefahrene Ellenbogen etc.) und wir frotzelten uns fröhlich durch die zwölf Stunden bis Bangkok. Dort wendete sich mein Blatt allerdings, denn im nächsten Flieger herrschte ein Gedränge wie weiland im Winterschlussverkauf bei Karstadt. Neben mir saß fortan eine Thailänderin, die bis zur Ankunft kein Wort sagte, aber mit asiatischer Unbekümmertheit ihre Extremitäten, alle greifbaren Polstermaterialien und gelegentlich auch ihr müdes Haupt über die Demarkationslinie der Armlehne in den 55 Zentimeter breiten Raum schob, dessen vorübergehendes Nutzungsrecht ich mit dem Kauf meines Tickets erworben hatte. Das könnte man auch einfacher ausdrücken? Okay, zum Schlafen benutzte sie mich als Kuschelkissen und ansonsten rempelte sie mir das Essen von der Gabel und die Rippen blau. Gut so?
Erneute Rückblende, Boarding in Bangkok. Kaum hatten urlaubsmüde Horden den alterschwachen Jumbojet mit Geplapper, Handgepäck und Körpergeruch erfüllt, als in der Sitzreihe hinter mir das Geplärre losging. Dort saß ein erstaunlich knollennasiger Perser in Begleitung zweier ebenso angejahrter wie goldbehängter Damen und verlangte nach einer Steckdose. Der Gute – er sah wirklich wie ein fleischgewordenes Loriot-Männchen aus – fuchtelte mit einem Netzgerät in der Luft herum und faselte von Sauerstoff, den er unbedingt bräuchte. Nun sind in der Economy-Class leider keine Steckdosen vorhanden, der notwendige Sauerstoff wird hingegen – angereichert mit sämtlichen Ausdünstungen und Gasen, die einem lebendigen Menschen entströmen können – allen Reisenden kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wenn auch in Minimalkonzentration und üblicherweise so temperiert, dass sich nur Eskimos und Wüstenbewohner wohl fühlen können. Von Bangkok nach Frankfurt war die Klimaanlage auf 26 Grad gestellt und Schwitzen angesagt, nur durch wiederholte Charmeoffensiven konnte ich die Chefstewardess dazu bewegen, die Temperatur schrittweise auf 24 Grad zu senken. Kälter fand sie unmenschlich.
Doch zurück zum Loriot-Männchen. Es sprach schlechtes Deutsch und kein Englisch, weshalb ich mich alsbald und ungewollt in der Dolmetscherrolle wiederfand. Mühsam konnten zwei Stewardessen und ich dem störrischen Alten verklickern, dass man nicht einfach irgendein Netzgerät im Flieger einstöpseln kann, auch wenn dies angeblich beim Hinflug möglich war. Da hatte er allerdings schon beim Einchecken Bescheid gegeben und man hatte ihm einen entsprechenden Platz plus Spezialadapter besorgt. Dies war nun, die Maschine proppenvoll und abflugbereit, nicht mehr möglich. Es entspann sich ein hitziger Dialog, im Verlaufe dessen verschiedene uniformierte Besatzungsmitglieder und euer Chronist zu klären versuchten, ob des Persers seltsames Sauerstoffdingens denn nun tatsächlich überlebensnotwendig oder doch nur ein Hilfsmittel gegen spontane Schnarcherschnappatmung sei. Man drohte ihm mit Zwangsausladung seiner Person, der beiden keifenden Weiber und ihrer Koffer. Darauf ging er aber zum Glück nicht ein, denn bei tonnenweise gebunkertem Gepäck hätte die Sucherei ewig gedauert. Irgendwann starteten vierhundert genervte Touristen, drei schmollende Perser und eine gestresste Crew mit gut einer Stunde Verspätung in den thailändischen Nachthimmel.
Die nächsten zwölf Stunden überspringe ich mit Rücksicht auf die knappe Zeit meiner Leser und nehme den Faden in Frankfurt wieder auf. Dort gibt es am Flughafen zwei Bahnhöfe mit den üblichen Service-Points. Aaaah, sagt ihr, denn jetzt wisst ihr, wohin der Hase läuft. Wenn er nach gut dreißig Stunden Reisezeit mit deutlicher Verspätung in Deutschland aufschlägt und noch einige hundert Kilometer im Zug zurücklegen muss, fragt der Durchschnittsmensch schon mal nach einer Zugverbindung. Am All-Trains-Bahnhof (heißt laut Beschilderung so) wurde der Service-Point jedoch gerade von Handwerkern abgebaut, und eine vollkommen überforderte junge Eisenbahnerin stand mit Fahrplan bewaffnet neben dem verwaisten Tresen und versuchte, die informationshungrigen Massen in Schach zuhalten und den entsprechenden Gleisen zuzuweisen. Ich schob meinen Trolley an ihr vorbei gen Fernbahnhof und steuerte dort den zum Glück noch existenten Service-Point an. Vor mir ein einsamer Kunde, hinter dem Tresen zwei uniformierte Bahnbedienstete, einer stehend am Monitor, einer sitzend. Ich ging also zum Sitzenden und entbot ihm ein freundliches „Guten Morgen“. Darauf richtete er den wässerigen Blick auf mich und reckte kurz sein Kinn vor, hob es kaum sichtbar in einer ruckartigen Geste, die sowohl „Was willst du denn hier?“ als auch „Sach schon!“ oder „Hau ab, ich hab keine Zeit!“ bedeuten konnte.
Verwöhnt von neuseeländischer Freundlichkeit war ich momentelang baff und wiederholte dann meinen Morgengruß. Das entlockte dem Mann – untersetzt, Ende fünfzig, grauer Schnauzbart, Brille – ein mürrisches „Ja und?“, worauf ich trocken schlucken musste, doch die Beherrschung meiner Muttersprache bald wiederfand. „Ich war mir nicht klar, ob Sie mit ihrer Kopfbewegung schon Kommunikationsbereitschaft signalisierten, daher der erneute Gruß.“ „Mein Kollege bedient Sie“, knurrte der Alte und senkte den Blick wieder in einen Aktenordner. Willkommen daheim in der Servicewüste Deutschland, dachte ich, und stellte mich hinter dem einzigen Kunden an, bekam dort nach einigen Minuten meine Verbindungen ausgedruckt, und kehrte dann zum Meister der Kundenabwimmelung zurück. Auf meine höfliche Frage nach seinem Namen, öffnete er nur seinen Anorak und ließ mich einen kurzen Blick auf das Namensschild an seinem Sakko werfen. W. Eberhard stand dort auf silbrigem Aluminium. „Weh steht für Wolfgang?“ fragte ich. „Werner“ kläffte der Alte zurück, und ich verließ den ungastlichen Ort mit der freundlichen Bemerkung, dass ich diese Begegnung der dritten Art mit seiner übergeordnete Dienststelle besprechen würde. „Machen Sie das“ verabschiedete mich Herr Werner Eberhard im Tonfall, den SS-Männer früher für renitente Juden am Eingang der Gaskammern reserviert hatten.
Mittwoch habe ich dann den versprochenen Anruf getätigt. Vorher musste ich allerdings volle zehn Minuten recherchieren, bis ich endlich einen Festnetzanschluss der Deutschen Bahn AG fand, weil ich nämlich absolut keine Lust habe, diesem Unternehmen bei der Erfüllung seiner Aufgaben behilflich zu sein und dafür 14 Cent pro Minute zu berappen. Allein das ist schon eine echte Frechheit – man findet selbst für die Konzernleitung am Potsdamer Platz 2 in 10785 Berlin nur Hotline-Nummern, neben denen immer (14 ct/Min. aus dem Festnetz, Tarif bei Mobilfunk max. 42 ct/Min.) steht. Wie auch immer, so leicht gebe ich nicht auf und fand schließlich dieses pdf mit Nummern der Ansprechpartner für Medienvertreter. Bin ich ja irgendwie auch, oder? Ich rief also in Frankfurt bei DB Mobility Logistics AG an, Abteilung Kommunikation, zuständig für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, und sprach mit einer freundlichen Dame. Sie hörte sich meine Geschichte an und versprach nach meinem Hinweis, dass ich über die Begegnung mit Weh Eberhard schreiben würde, einen Rückruf.
Dieser erfolgte am nächsten Tag. Sinngemäß teilte sie mir dabei mit, dass ich offenbar an Alzheimer in fortgeschrittenem Stadium leide, denn der Vorfall habe sich vollkommen anders als von mir erinnert zugetragen. Im Übrigen hätte das Kundenleitsystem mir doch wohl klar signalisiert, dass Weh Eberhard mit wichtigen bahninternen Aufgaben beschäftigt war und mich daher unmöglich bedienen konnte. Kundenleitsystem, das sind diese verchromten Aufstellsäulen, in die schwarze Nylongurte eingehängt werden, um das wie Vieh heranströmende Volk in Reihen oder sogar ins Zickzack zu zwingen. Am Service-Point des Fernbahnhofs Frankfurt-Flughafen standen aber morgens um halb acht inklusive meiner Person nur zwei Mann, und es waren keine Kundenleitgurte gespannt. Egal. Ich teilte der Dame in professioneller Freundlichkeit mit, dass Weh Eberhard der Prototyp eines muffelig-menschenfeindlichen Quadratarschlochs ist, und die Bahn auch wegen solcher Leute ein grottenschlechtes Image hätte. Vor der Unfähigkeit, Leute auch bei Schnee oder Sommerhitze halbwegs zuverlässig und lebendig von A nach B zu bringen, und einer Preispolitik, die an legalisierten Straßenraub erinnert, hab ich höflich geschwiegen.
Am Ende des Telefonats erkundigte ich mich nach dem Vornamen meiner Gesprächspartnerin und erzeugte damit heftige Irritationen. Es sei Unternehmenspolitik, dass Medienvertreter die Namen ihrer Ansprechpartner nicht nennen, sondern immer die Formel „nach Auskunft der Deutschen Bahn“ verwenden würden. Auch die großen Agenturen wie DPA und AFP würden sich daran halten. Weshalb ich dies denn tun solle, schließlich hätten wir Presse- und Meinungsfreiheit in diesem Land, fragte ich. Und außerdem sei es ja Unternehmenspolitik und somit keinesfalls verbindlich für unabhängige Schreiberlinge. Darauf hatte sie keine Antworten, bedankte sich aber dialektisch klug schon im Voraus bei mir, weil sie doch stark hoffte, dass ich ihren Wunsch respektieren würde.
Nein, tue ich nicht. Ich habe unter der Rufnummer 069-265-24912 mit einer Frau Wagner ohne Vornamen gesprochen. Wagner gehört zu den wenigen deutschen Komponisten, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann – seine Musik lässt mir die Milch im Kühlschrank sauer werden. Frau Wagner kann nichts für die Unfähigkeit von Menschen wie Werner Eberhard und auch nichts für die völlig verfehlte Investitionspolitik der Deutschen Bahn AG. Frau Wagner war nett und höflich. Aber ich frage mich, was ein aus Staatsgeldern und unseren sauer verdienten Ticketeuros finanziertes Unternehmen zu verbergen hat, wenn es eine derartig konspirative Informationspolitik verfolgt. Man soll dort nicht anrufen, sonst gäbe es ja kostenlose Service-Nummern. Wenn man es dennoch tut und sogar eine Auskunft bekommen hat, soll man nicht sagen, mit wem man gesprochen hat. Wo leben diese Bahnfritzen denn bitte – im Land der grauen Männer von Michael Ende oder in Huxleys schöner neuer Welt? Unglaublich!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«



Hi Johannis,
Habe deine ganze Neuseeland-Berichterstattung verschlungen. Danke nochmal dafür, das war ein kleiner Lichtblick im “Jahrhundertwinter”. Guter Stoff, wenn auch unangenehm wachrüttelnd, zumindest was Umgangsformen angeht. Man sollte einfach keine Bedürfnisse wecken, solange sie selig vor sich hin poofen. Soviel zur Service-Wüste Deutschland und der Atacama DB. Welcome back !
Obwohl: hier im Saarland haben Service und Umgangsformen allgemein offenbar irgendwie leicht neuseeländische Prägung. Vielleicht waren wir damals auf Pangäa Nachbarn…
Eins noch: Der Huxley hat die “schöne neue Welt” verbrochen. Er und Orwell waren aber wahrscheinlich Saufkumpane, also was soll´s… als Ausgleich für die kleine Klugscheißerei folge ich dir ja auch schon seit Pangäa auf Twitter.
Bleib bloß nicht allzulange hier
Gruß
Sascha
@Locutus01:
Vielen Dank für freundliche Worte und den Hinweis an einen verwirrten Autor, der seine Quellen nicht kennt. Habe im Text nun Orwell gegen Huxley ausgewechselt.
Die beiden hatten tatsächlich gute Chancen auf ein gemeinsames Ale, Stout oder Porter, auch wenn der eine in Indien geboren wurde und der andere später nach Amerika auswanderte. Aber von 1929 bis 1937 lebten beide in England, allerdings war Orwell fast immer pleite und total abgebrannt. Das Bier hätte also Huxley zahlen müssen.
Grüße aus Dortmund
Johannis