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Vergesst Haiti, spendet für Griechenland!

Geschrieben von Johannis am 3. März 2010 um 16:58 Uhr

Mitleid mit den Opfern von Naturkatastrophen, mit Krüppeln und Leprösen – das ist leicht. Aber erst wer Nachsicht und Mildtätigkeit auch jenen erweist, die ihr Unglück durch eigene Schuld und Dämlichkeit auf sich geladen haben, ist wahrhaft großzügig. Solcherart Güte wird karmisch viel höher bewertet, oder – für diejenigen, die nicht an Wiedergeburt und Karma glauben – vom lieben Gott zehnfach belohnt. Mindestens.

Der öffentliche Dienst der Griechen hat für den 16. März erneut zum Generalstreik aufgerufen, und das vollkommen zu Recht. Brutalstmögliche Eingriffe ins Portemonnaie sollen die Staatsdiener hinnehmen, um ihrem verschuldeten Land aus der Pleitepatsche zu helfen. 30 Prozent Kürzungen bei Weihnachtsgeld und dem 14. Monatsgehalt – das trifft Menschen, die oftmals bis ins hohe Alter von 52 Jahren arbeiten müssen, knüppelhart. Wer kann sich noch an die lang vergangenen Zeiten vor der deutschlandweiten Einführung des 15. Monatsgehalts für alle Arbeitnehmer erinnern? Ich nicht, das war vor meiner Geburt. Und nun sollen unsere sirtakitanzenden Freunde vom Peleponnes plötzlich Mehrwertsteuer auf sämtliche Waren und Dienstleistungen zahlen, brav Quittungen ausstellen und ihre schöne Schattenwirtschaft ins grelle Licht der Neider aus Brüssel zerren lassen? Pfui!

Ich werde noch heute ein paar Euros spenden, denn als Zahlungsmittel sind die wohl nicht mehr lange gültig. Fast alle internationalen Hedgefonds wetten mittlerweile große Summen gegen den Euro, und ich bin zuversichtlich, dass auch die Spanier und Portugiesen noch in diesem Jahr Bankrott anmelden werden. Also bekommen wir die D-Mark wieder. Das freut mich, weil ich noch zwei grüne Fünfmarkscheine gebunkert habe. Wie der Wechselkurs dann sein wird? Na ja, so wie damals die Preise angepasst wurden. Eins zu eins.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

8 Kommentare zu “Vergesst Haiti, spendet für Griechenland!”

  1. Jürgen

    Hallo Johannis,

    hier liegst Du aber mal völlig falsch. Siehe hier: http://www.nachdenkseiten.de/?p=4659#more-4659

    Die Hetze gegen Griechenland ist eine weitere Steigerung der neoliberalen Hetzkampagne. Es gab in den letzten Jahren noch Länder, die Lohnsteigerungen zuließen und nicht dem verheerenden deutschen Modell der Lohndrückerei gefolgt sind.

    Jetzt sollen diese mit Hilfe der perversen Spekulanten auch auf diesen Kurs getrimmt werden. Die EU und die EZB sind ziemlich neoliberale (monetaristische) Veranstaltungen.

    Lies einfach diesen Beitrag von Heiner Flassbeck: http://www.flassbeck.de/pdf/2009/29.12.2009/GriechischeTragoedie%20mit%20deutscher%20Wurzelfinal.pdf

    Denk mal drüber nach.

    Zum Schluss noch dies:

    Die freie Wirtschaft

    Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
    Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
    Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
    Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
    Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
    wir wollen freie Wirtschaftler sein!
    Fort die Gruppen – sei unser Panier!
    Na, ihr nicht.
    Aber wir.

    Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
    keine Renten und keine Versicherungen.
    Ihr solltet euch allesamt was schämen,
    von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
    Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
    wollt ihr wohl auseinandergehn!
    Keine Kartelle in unserm Revier!
    Ihr nicht.
    Aber wir.

    Wir bilden bis in die weiteste Ferne
    Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
    Wir stehen neben den Hochofenflammen
    in Interessengemeinschaften fest zusammen.
    Wir diktieren die Preise und die Verträge –
    kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
    Gut organisiert sitzen wir hier …
    Ihr nicht.
    Aber wir.

    Was ihr macht, ist Marxismus.
    Nieder damit!
    Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
    Niemand stört uns. In guter Ruh
    sehn Regierungssozialisten zu.
    Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
    Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
    Die Forderung ist noch nicht verkündet,
    die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
    In Betrieben wirken für unsere Idee
    die Offiziere der alten Armee,
    die Stahlhelmleute, Hitlergarden …

    Ihr, in Kellern und in Mansarden,
    merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
    mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
    Komme, was da kommen mag.
    Es kommt der Tag,
    da ruft der Arbeitspionier:
    »Ihr nicht.
    Aber Wir. Wir. Wir.«

    Theobald Tiger

    Die Weltbühne, 04.03.1930, Nr. 10, S. 351
    Aus: Kurt Tucholsky – Gesammelte Werke in 10 Bänden,
    Bd. Nr. 8, page 60s., Hamburg 1975

    Gruß
    Jürgen

  2. Johannis

    Hallo Jürgen,
    sehe ich zwar anders, aber trotzdem vielen Dank für deinen Fleiß.

    Ich habe Griechen in der Familie und im Freundeskreis, und sie – genau wie die Mehrzahl von über 70 % der Griechen im Land selbst – stimmen der Notwendigkeit eines radikal geänderten Kurses zu. Wenn im Schnitt 3000 Euro an Schmiergeldern pro Kopf und Jahr fließen und fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung inoffiziell erbracht wird, blutet ein Staat aus. Mit solchen Staaten kann eine Währungsunion nicht funktionieren, entweder sie ändern sich oder der Euro ist bald nur noch Spielgeld. Die Kontrolle der Maastricht-Kriterien war zu lax und sie sind zu einseitig ausgelegt, weshalb Spanien bis vor kurzem noch als Musterknabe galt, weil das Land auf der Welle eines selbstgemachten Baubooms segelte. Und nun sind die Spanier fast schon so pleite wie die Griechen. Es ist alles sehr komplex, aber wir Deutschen könnten unsere Staatsschulden locker vom Ersparten einlösen, wohingegen andere EU-Länder sich überwiegend im Ausland verschuldet haben und ihre Sparquote gering ist.

    Egal, die DM kommt eben wieder. Und in der Zwischenzeit liest du bei Interesse diesen Artikel.
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-03/griechenland

  3. Kulturbanause

    Hi,

    wer als Urlauber in den letzten 20 Jahren einmal in Griechenland war, dem dürfte die laxe Steuermoral der Griechen nicht entgangen sein. Korruption und Vetternwirtschaft ist seit jeher ein kaum zu übersehendes Problem.
    Kaum einem aufmerksamen Beobachter dürfte entgangen sein, daß jeder Dorfbürgermeister nach gewonnener Wahl seine Freunde, Verwandten und Parteifreunde mit Jobs versorgt, oder diese z.B. bei der Verteilung von EU-Hilfsgeldern nach den schweren Waldbränden vor 2 Jahren bevorzugt.

    Komisch nur, daß dies die EU Kontrolettis bisher nicht wahrgenommen haben wollen, einfach lächerlich sowas!

    Wie ich ja schon in einem vorherigen Beitrag angeführt habe, gelang die Verschleierung der Krise natürlich mit Hilfe der achso vertrauenswürdigen ausländischen Groß- und Investmentbanken wie z.B. Goldman-Sachs, welche nun wieder an vorderster Front stehen um ein weiteres Riesengeschäft auf unser aller Kosten zu machen.
    Sie gewinnen dabei immer. Zum einen wünschen sie eine Zurückzahlungen ihrer Kredite und verdienen sich an den Zinsen dumm und dämlich, aber wenn das nicht klappt, ist es auch kein Beinbruch, schließlich hat man nun, wie man überall lesen kann, Zertifikate (Wetten) aufgelegt, bei denen man gutes Geld im Falle eines Staatsbankrotts verdient.
    Da kriegt man doch das kalte Kotzen!

    Kulturbanause

  4. Max

    Fakt ist doch die Griechen haben beschissen. Jetzt müssen sie es auch ausbaden. So funktioniert mein Leben zumindest. Ich überlege allerdings, ob es nicht sinnvoller wäre erst einmal die Voraussetzungen zu schaffen, dass Steuern abgeführt werden können. Dazu gehören Registrierkassen in den Geschäften, und Behörden, die nicht korrupt sind.
    Die jetztigen Massnahmen scheinen mir blinder Aktionismus zu sein. Und es gibt genug Beispiele, wo die Forderungen der “Internationalen Staatengemeinschaft” einem Land nachhaltig geschädigt haben.
    Ich bin mal ehrlich: je mehr in Deutschland die Oberen betrügen und damit durchkommen, desto mehr Freude empfinde ich, wenn ich das System auch bescheissen kann. Warum sollen unbedingt die Griechen anders ticken?

  5. Verena

    Komisch, zu D-Mark Zeiten hatte ich immer das Gefühl, nicht komplett abgebrannt zu sein, auch wenn ich da noch studierte und sowieso meist pleite war. Ich dachte oft: “Mensch, jetzt haste für den Rest des Monats noch 300 Mark, sieht doch gar nicht so schlecht aus” Wenn ich das heute sage, geht mir der Arsch aber gehörig auf Grundeis, kannste wissen!

  6. Heiner Flassbeck sein Sohn

    Ich finde auch, dass die Hetze gegen Griechenland eine weitere Steigerung der neoliberalen Hetzkampagne ist.

    Allen anderen Kommentatoren stimme ich aber auch zu. Ich war nämlich auch schon in Griechenland und bin Wirtschaftsexperte (Fachgebiet Retsina). Und knapp bei Kasse bin ich auch (Gruß an Verena).

    Ach, und ein Gedicht habe ich auch noch:

    Loreley

    Zu Bacharach am Rheine
    Wohnt eine Zauberin,
    Die war so schön und feine
    Und riß viel Herzen hin.

    Und machte viel zuschanden
    Der Männer rings umher,
    Aus ihren Liebesbanden
    War keine Rettung mehr.

    Der Bischof ließ sie laden
    Vor geistliche Gewalt -
    Und mußte sie begnaden,
    So schön war ihr’ Gestalt.

    Er sprach zu ihr gerühret:
    “Du arme Lore Lay!
    Wer hat dich denn verführet
    Zu böser Zauberei?”

    “Herr Bischof laßt mich sterben,
    Ich bin des Lebens müd,
    Weil jeder muß verderben,
    Der meine Augen sieht.

    Die Augen sind zwei Flammen,
    Mein Arm ein Zauberstab -
    Schickt mich in die Flammen!
    O brechet mir den Stab!”

    “Ich kann dich nicht verdammen,
    Bis du mir erst bekennt,
    Warum in deinen Flammen
    Mein eigen Herz schon brennt!

    Den Stab kann ich nicht brechen,
    Du schöne Lore Lay!
    Ich müßte denn zerbrechen
    Mein eigen Herz entzwei.”

    “Herr Bischof, mit mir Armen
    Treibt nicht so bösen Spott,
    Und bittet um Erbarmen,
    Für mich den lieben Gott.

    Ich darf nicht länger leben,
    Ich liebe keinen mehr -
    Den Tod sollt Ihr mir geben,
    Drum kam ich zu Euch her. -

    Mein Schatz hat mich betrogen,
    Hat sich von mir gewandt,
    Ist fort von mir gezogen,
    Fort in ein fremdes Land.

    Die Augen sanft und wilde,
    Die Wangen rot und weiß,
    Die Worte still und milde,
    Das ist mein Zauberkreis.

    Ich selbst muß drin verderben,
    Das Herz tut mir so weh,
    Vor Schmerzen möcht ich sterben,
    Wenn ich mein Bildnis seh’.

    Drum laß mein Recht mich finden,
    Mich sterben wie ein Christ,
    Denn alles muß verschwinden,
    Weil es nicht bei mir ist.”

    Drei Ritter läßt er holen:
    “Bringt sie ins Kloster hin!
    Geh, Lore! – Gott befohlen
    Sei dein berückter Sinn.

    Du sollst ein Nönnchen werden,
    Ein Nönnchen schwarz und weiß,
    Bereite dich auf Erden
    Zu deines Todes Reis’.”

    Zum Kloster sie nun ritten,
    Die Ritter alle drei
    Und traurig in der Mitten
    Die schöne Lore Lay.

    “O Ritter, laßt mich gehen
    Auf diesen Felsen groß,
    Ich will noch einmal sehen
    Nach meines Lieben Schloß.

    Ich will noch einmal sehen
    Wohl in den tiefen Rhein
    Und dann ins Kloster gehen
    Und Gottes Jungfrau sein!”

    Der Felsen ist so jähe,
    So steil ist seine Wand,
    Doch klimmt sie in die Höhe,
    Bis daß sie oben stand.

    Es binden die drei Reiter
    Die Rosse unten an
    Und klettern immer weiter
    Zum Felsen auch hinan.

    Die Jungfrau sprach: “Da gehet
    Ein Schifflein auf dem Rhein,
    Der in dem Schifflein stehet,
    Der soll mein Liebster sein.

    Mein Herz wird mir so munter,
    Er muß mein Liebster sein!”
    Da lehnt sie sich hinunter
    Und stürzet in den Rhein.

    Die Ritter mußten sterben,
    Sie konnten nicht hinab;
    Sie mußten all verderben,
    Ohn’ Priester und ohn’ Grab.

    Wer hat dies Lied gesungen?
    Ein Schiffer auf dem Rhein,
    Und immer hat’s geklungen
    Von dem Dreiritterstein:

    Lore Lay!
    Lore Lay!
    Lore Lay!
    Als wären es meiner drei.

    Clemens Brentano

  7. Johannis

    Lieber Heiner sein Sohn (alias Lorenz Meyer – mal wieder),
    auch dir vielen Dank für deinen Fleiß und die Mühe, den irreführenden Link musste ich leider löschen. Ansonsten bitte ich dich, meine wenigen Leser nicht zu verspotten. Das ist ausschließlich mein eigenes Vorrecht und eigentlich der einzige Grund, weshalb ich überhaupt blogge. Danke.
    Viele Grüße in den hohen Norden der Republik

    PS: Wenn schon unbedingt Lyrik, geht’s dann nicht etwas kürzer? Die Leute kriegen ja ‘nen Scrollfinger.

  8. Fakelakifetischist

    Was mir zum Thema griechisch einfällt: Mann, wir sind sowas von am Arsch!

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