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Übelste Nachrede

Geschrieben von Johannis am 23. November 2007 um 10:15 Uhr

Wirklich neue Erfahrung gemacht. Wollte in der ersten Woche schon mal beiläufig im Blog über zwei blonde Hamburger ablästern, deren mittelmäßig interessante Gespräche ich damals im Strandcafé Papillon mithören durfte. Hätte dann aber noch weniger Nachrichtenwert gehabt, als das an dieser Stelle übliche Geschwafel. Konnte aber vor ein paar Tagen meine vorlaute Klappe nicht halten und musste im Liegestuhl irgendwas in breitestem Barmbek Barsch (Hamburger Slang) von mir geben und mich so als Germane und echter Fischkopp outen.

Resultat ist eine wahrscheinlich eher zähflüchtige Bekanntschaft mit Kai und seiner Mutter Veronika W., Gastronomen aus A. in E. Sie bekochen und bewirten 7 Monate im Jahr Hungrige an der Valencianischen Mittelmeerküste und gondeln den Rest des Jahres zusammen in der Weltgeschichte herum. Da man die beiden entweder im fortgeschrittenen Garungszustand auf einer Liege in der Sonne brutzelnd oder rauchend mit einem Buch vor der Nase antrifft, lag es nahe, Kai vorgestern mein letztes Exemplar des „Rikschafahrers“ aufzuschwatzen. Es hatte etwas wahrhaft Herzerwärmendes, als er dann besagtes Büchlein am Strand eine Dreiviertelstunde lang nicht aus der Hand legte und sogar sein Abendessen warten ließ, weil er die erste Geschichte noch nicht ausgelesen hatte.

Heute hatte er das Buch bereits komplett verdaut und sparte nicht an Lob und freundlichen, allerdings auch einigen kritischen Worten. Ich fand es jedenfalls total spannend und auch ein bisschen rührend neben jemandem in der Sonne zu liegen, der gerade mein Machwerk hochkonzentriert (mit den Augen) verschlingt, und es dann auch noch gut findet. Kai und ich blödeln meist, als hätten wir jahrelang bei Blohm & Voss (Hamburger Traditionswerft) in der dritten Schicht Bleche vernietet, er hat – ganz anders als ich – eine saufreche Schnauze. Nun hat er allerdings genau deshalb berechtigte Sorgen und befürchtet, dass ich bei nächster Gelegenheit wenig schmeichelhafte Dinge über ihn schreiben könnte. Den Gefallen tue ich ihm natürlich nicht, auch wenn es mich überrascht, dass ein Gastwirt mit locker zwei Zentner Lebendgewicht und einem Brustkorb wie ein Portweinfass, der offenbar rund um die Uhr wasserfestes Gel in den strohblonden Haaren hat, so feingliedrige, schlanke Pianistenfinger (oder passt Gynokologenhände besser?) hat. Ein echtes Wunder der Natur!

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten, ich will nach wie vor nicht weg von hier, bereite mich aber mental auf die Rückkehr vor. Zuhause habe ich bei manchen Leuten den Spitznamen „Der Blockwart“ weg, wohl weil ich mich um alles kümmere, Probleme löse und bei Bedarf die Reinigung der Dachrinnen veranlasse. Direkt nebenan vom Hotel ist in einem Hinterhof eine Freiluftschreinerei untergebracht, die goanische Hochsaison naht, am Strand werden noch dringend benötigte Restaurants aufgebaut, und die Schreiner sind daher rund um die Uhr damit beschäftigt Tische und Regale zusammenzukloppen. Nun ist der Inder ja bekanntermaßen der Erfinder der Just-in-time-Logistik und überhaupt für sein effizientes Management berühmt. Nur echt nickelige Kleingeister wie ich nehmen Anstoß daran, dass die ganze Sippe, statt am Vormittag zu werkeln, lieber bis weit nach Mitternacht in der kühlen Nachtluft Oberfräse, Kreissäge, Bohrmaschine, Fuchsschwanz, Flex und Hämmer in fröhlichem Takt erklingen lässt. Die erste Nacht war ich nur baff und hab gegen elf mal zart angefragt, wie lange das Werkeln denn wohl so gehen sollte. Zwölf war die Antwort. Gestern musste ich dann erneut erfahren, dass vor Mitternacht nicht mit Feierabend zu rechnen sei.

Voll die fiese Sau hab ich dann in nahezu perfektem Englisch den hässlichen Deutschen raushängen lassen, und kundgetan, dass um elf Schluss sein müsste, sonst würde ich mich am nächsten Morgen bei der Polizei beschweren. [An genau dieser Stelle folgen weitere drei meiner zahllosen Stammleser dem bereits mehrfach erwähnten Herrn B. aus D., der mir nach Lesen meiner Hundehasserglosse die Freundschaft aufkündigte und auch durch intensivstes Arschkriechen und opulente Buchgeschenke nicht umzustimmen war. Ich habe übrigens heute gelernt, dass speziell Boxer als vierbeinige Sexspielzeuge gezüchtet und abgerichtet werden, sowohl als Leckerchen für einsame Damen als auch für den analfixierten Herrn. Werde bei Gelegenheit mal recherchieren, was genau dran ist, bin ja auch schon viel zu lange Single. Das bisschen Hundesteuer ist doch nichts gegen die Kosten, die eine Frau verursachen kann.] Nach einigen wenig schmeichelhaften Entgegnungen auf Hindi (sinngemäß: Pah, mach doch, du blöder Wichser …) war dann aber um kurz nach elf tatsächlich Schicht im Schacht, hatten alle Hämmer Ruhezeit, konnten ausgeglühte Sägeblätter verdientermaßen abkühlen. In drei Minuten ist es wieder soweit, ich bin fast sicher, dass ich die Drohung wiederholen muss, weil das Kurzzeitgedächtnis mit dem Produktionsdruck nicht Schritt halten konnte oder man nebenan hofft, ich sei abgereist oder einem schweren Malariaschub erlegen.

Ansonsten ist es hier in Goa immer noch supernett und ich kann den nervigen Nachbarschaftsschreinern eigentlich von Herzen dankbar sein, weil sie mir meine drohende Abreise wenigstens ein klitzekleines bisschen leichter machen wollen. Bye bye, Colva Beach, I will definitively miss you.

Nachsatz Donnerstagmittag:

Geschissen war auf Nachtruhe, die Nervensäger haben einen neuen Rekord aufgestellt, bis 0:40 ging das lustige Werkeln. Erneute Aufforderungen zur Einhaltung der Nachtruhe und Drohungen mit der Obrigkeit wurden mit unübersetzbaren Frechheiten und feistem Grinsen beantwortet. Überlegt, ob ein Wasserbombenangriff von der Dachterrasse die adäquate Antwort sein könnte, dann aber nur innerlich gekocht und folglich wenig gepennt. Als integre Persönlichkeit und Mann der Tat sauste ich gleich vormittags zur Wache und kurz darauf, von zwei netten Polizisten in schicken Khakiuniformen auf einem Moped eskortiert, zurück auf den Hof der lärmigen Powerschreiner. Dort musste ich mich besonders von den reichlich anwesenden Damen dieser an Kindern und fetten Weibern reichen Sippe tauber Holzwürmern (ich darf das mit den misogynen Ausfällen nicht übertreiben, sonst erwürgt mich irgendwann eine totalrasierte Blondine beim Liebesspiel zwischen ihren Schenkeln) wüst beschimpfen lassen, nahm das aber wie immer mit Fassung. Fazit: Lawrence, der die Nachbarn im Sinne seiner Gäste bereits gestern Abend vergeblich um Ruhe gebeten hatte, ist mir für meine Aktion tüchtig dankbar, einige Mitbewohner dito, ich habe jetzt endlich auch mal eine indische Polizeiwache von innen gesehen und Teile meines Seelenfriedens wiedererlangt. Alles prima also, dem Blockwart sei Dank.

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