Stümper
Geschrieben von Johannis am 1. September 2010 um 09:09 Uhr
Unsere Regierung muss umbenannt werden. Von Tigerententraumtänzertruppe in Interessenvertretung für Großindustrie, Banken und Energiewirtschaft unter besonderer Berücksichtigung der Besserverdienenden. Ja, IGBEbBB sieht als Namenskürzel nicht so toll aus, ist aber wenigstens inhaltlich korrekt. Womit ich das belegen will, möchtest du wissen?
Erstmal, lieber Leser, muss ich hier gar nichts belegen. Solange es gut erfunden oder wenigstens halbwegs unterhaltsam ist, entspricht es durchaus den niedrigen Qualitätsstandards, die für kostenlos im Internet bereitgestellte Inhalte gelten. Lies doch zum Vergleich mal, was die meisten Leute so twittern. Da wird ein simples Wort wie Kurzschwänzigerhobbywichser etliche Male per Retweet weitergeklickt. Idiotisch. Aber der zwitschernde Mikrobloggingdienst ist heute nicht mein Thema. Demnächst vielleicht mal.
Heute rege ich mich darüber auf, wie stümperhaft wir verscheißert werden. Mit großem Habitus vollzog Mutti Merkel letzte Woche ihre Energiereise, damit wir auf die Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke vorbereitet sind und dusseligerweise glauben, dass die vier großen Energiekonzerne nur einen bescheidenen Teil der vielen Zusatzmilliarden behalten dürfen. Die drohten zwar schon mit Abschaltung, aber Mutti drohte säuerlich lächelnd zurück und rächte sich. In Lingen stapfte RWE-Chef Grossmann gezwungenermaßen neben ihr durch den Regen und versaute sich vor laufenden Kameras den teuren Anzug. Strafe muss sein. Er gab aber am Schluss von Merkels Visite scheißenfreundlich bekannt, man habe sich gegenseitig versichert, dass die im September zu fassenden Beschlüsse für alle Beteiligten tragbar sein werden. Bestimmt.
Genau dort liegt der Hase im Pfeffer, denn Grossmann hat recht und wir werden über den Löffel barbiert. Ohne Schaum. Man möchte die Flinte geradewegs in Korn werfen, wenn das bloß irgendwas brächte. Brennelementesteuer, Zusatzabgabe, Abschöpfung der Mehreinnahmen – wer blickt da noch durch? Mutti spricht ausdrücklich nicht von einer Abgabe, will aber die superreichen Kernkraftriesen durch ein Abkommen am Ausbau regenerativer Energien beteiligen. Ja geht’s denn noch? Erst schenkt man denen ein paar hundert Milliarden und glaubt dann naiv daran, dass die Strolche mit all dem schönen Geld freiwillig ihre eigene Konkurrenz stärken? Das ist ungefähr so aberwitzig, als würde man vom Verband Amerikanischer Schnapshändler erwarten, dass sie die Betty-Ford-Klinik sponsern und im Kongress eine Gesetzesvorlage zur Wiedereinführung der Prohibition unterstützen.
Norbert Röttgen, der Mann mit dem Sexappeal eines Teddybären für Frühpensionäre und dem Spitznamen „Muttis Klügster“, gewinnt den diesjährigen Wettbewerb im Dauerrumeiern und Totalverschleiern. Laufzeitverlängerung ja gern, aber lieber nicht und am besten nur ein bisschen. Und Gorleben ist zwar nach allen Maßstäben gesunden Menschenverstands als Endlager untauglich, der nette Norbert lässt aber weiter untersuchen, weil man dort ja schon so viel Geld in den Sand gesetzt hat. Ins Salz müsste es korrekterweise heißen – aber wenn in der Politik so billig getrickst wird, muss ich hier ja wohl nicht päpstlicher als der Ratzinger sein.
Richtig niedlich fand ich am Montag den Auftritt vom lächelnden Nobby und seinem Gegenspieler, dem Nuschelrainer. Guter Bulle, böser Bulle – wie im Spielfilm. Trink-Brüderle-trink erklärte, weshalb die Meiler mindestens 20 Jahre länger laufen müssen, und der graumelierte Grübchenteddy gab den kernkraftskeptischen Klimafreund. Dabei weiß jeder, dass ihr gemeinsam vorgestelltes Gutachten einzig zur Begründung von Laufzeitverlängerungen in Auftrag gegeben wurde. Ergebnis: Sie sind gut im Kampf gegen den Klimawandel. Ein Segen!
Komischweise wurde dabei berechnet, wie sich der CO2-Ausstoß bei Laufzeitverlängerungen plus Investitionen in regenerative Energien entwickelt, und das dann verglichen mit dem Atomausstieg ohne Investitionen in Windkraft & Co. Wissenschaftlich ist das ungefähr so seriös wie ein Nährwertvergleich zwischen Banane und Wassermelone. Billige Taschenspielertricks, von denen sich eine durch die Faktenfülle massiv überforderte Öffentlichkeit aber wohl blenden lässt. Deshalb wird das Thema Atomkraft genauso wurstig abgehandelt wie der Bau des neuen Stuttgarter Bahnhofs. Nach den drei ehernen Regeln des preußischen Beamtentums: Das war schon immer so, das war noch nie so, da könnte ja jeder kommen. Übrigens, wahrscheinlich stecken RWE und e.on hinter dem ganzen Hype um Thilo und das Juden-Gen. War alles von langer Hand eingefädelt. Die Vorstellung von Sarrazins überflüssigem Buch wurde absichtlich auf den Tag gelegt, an dem Brüderle und Röttgen einer gelangweilten Öffentlichkeit das getürkte Gutachten verkaufen sollten. Cleveres Ablenkungsmanöver, Herr Grossmann, wirklich ausgebufft.
Und während die Atomlobby mithilfe der Strohmänner Brüderle und Röttgen ihren Deal unter Dach und Fach bringt, sitzt Wolfgang Schäuble still und brav in einer Berliner Arbeitsgruppe. Dort lässt er sich von Josef Ackermann diktieren, wie die Bundesregierung den Finanzsektor regulieren soll. Ungelogen. Vom Chef der Deutschen Bank. Total normal. Die Fischereiindustrie bestimmt die Fangquoten für Kabeljau und Hering, die Lobby der Bauern setzt die Höhe der Agrarsubventionen fest, und bald darf wohl auch die Mafia im Bundestag abstimmungsreife Gesetzesentwürfe zum Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution vorlegen. Wann bekommen marokkanische Cannabiszüchter und kolumbianische Kokainproduzenten endlich das längst überfällige Mitspracherecht bei den lästigen Zoll- und Einreiseformalitäten an europäischen Grenzen?
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«



Mutti ist eine überführte Lobbyschlampe
Nebenbei bemerkt: die Rechenaufgaben unten sind verdammt hart.
@Hamudistan:
Gegen entsprechende Gefälligkeiten oder substanzielle Geldzuwendungen wäre ich bereit, dir die geheime Liste mit den Auflösungen zugänglich zu machen. Wenn du das und sie für dich behältst.