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Schurkenstaaten

Geschrieben von Johannis am 5. Februar 2012 um 19:29 Uhr

Warum regen sich eigentlich alle so auf? Russland und China haben sogar nach einem Jahr blutigsten Gemetzels keine Lust, UN-Resolutionen gegen den irren syrischen Diktator zu unterstützen und daher gestern erwartungsgemäß ihr Veto eingelegt. Na und? Genau so gut könnte man von einem Stinktier erwarten, dass dessen Arsch nach Lavendel duftet, oder von Neonazis, dass sie Juden, Linke und Schwule mögen. (Au weia, das gibt wieder Ärger und schlimmstenfalls zerstochene Reifen.) Natürlich ist den Chinesen jede Art von Menschenrechtsbewegung suspekt, sie wollen ihr Volk ja nicht auf dumme Gedanken bringen. Außerdem brauchen sie Öl, viel Öl. Und die Russen – Demokratie ist bekanntlich fast so schlimm wie Kapitalismus, und der Moskauer Pöbel demonstriert schon jetzt viel zu oft – wollen weiterhin Waffen und Munition nach Syrien verkaufen, egal auf wen dort geschossen wird. Da kann man sich doch von albernen moralischen Einwänden und ein paar tausend toten Zivilisten nicht das Geschäft vermasseln lassen. Wieso gehen die Idioten auch ständig auf die Straße? Sollen sie doch zuhause bleiben, da passiert ihnen nix.

Mao und Stalin ließen sich von kleinlichen Bedenken nie stoppen. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne. Außerdem wird Westerman, unser heldenhafter Außenminister, bald mit seinen chinesischen und russischen Kollegen reden. Danach wird alles gut, das hat er heute versprochen. Fast wörtlich. Einige wohlgesetzte Diplomatenworte aus seinem Mund, und plötzlich klatschen sich die russinesischen Sturköppe einsichtig vor die Stirn, sind geläutert und vetoisieren nie wieder. Wetten? Und selbst, wenn nicht – ich darf mich keinesfalls aufregen! Aus medizynischen Gründen, wie ich bald in einem ausführlichen Dossier darlegen werde.

So, gleich muss ich Nachrichten kucken. Bin gespannt, wie viele renitente Syrer die Panzer- und Heckenschützen heute erwischt haben. Neulich waren es mehr als zweihundert an einem Tag, das lässt sich bestimmt noch toppen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

7 Kommentare zu “Schurkenstaaten”

  1. Wolf

    Hey, bist Du aus dem Bett gefallen? Nach so langer Zeit ein so kurzes Statement, na gut….

    Da gibt´s so einen Spruch: “Sei auf der Hut, wenn dich deine Feinde loben”, der dürfte auch bei diesem Veto zutreffen.
    Warum schwimmst Du auf dem Mainstream mit? Mir hat die “Befreiung” Afghanistans und Libyens gereicht, um die Mitverbrecher zu entdecken. Russland und China haben m.M.n. gute Gründe für das Veto, und wenn die Springerpresse, die Amis und “die ganze Welt” (wie sich die “freie Presse” wohlmeinend ausdrückt) sich jetzt entsetzen; gut so, sollen sie sich am besten in die Ecke stellen und stehen bleiben.

    Mir sind die einen Schurken nicht lieber als die anderen, ich mag´s nur nicht, wenn im Dunkeln Schlimmeres vorbereitet wird, es soll ja Typen geben, die schon am Irankrieg basteln, die Taliban packen auch schon ihre Rucksäcke voll.

    In Syrien herrscht ebenso wie in Libyen ein Bürgerkrieg, dessen neue Sieger uns nur kurzfristig gefallen werden…….

    gruß wolf

  2. Johannis

    @Wolf:
    Du ahnst nicht, wie dicht du an der Wahrheit dran bist, aber es war ein Krankenhausbett.

    Ansonsten nur dies: Anders als du (anscheinend) muss ich nicht gegen den Mainstream schwimmen und hab mich sehr über das Veto geärgert. Afghanistan-2.0, Libyen und die Lage in Syrien zu vergleichen ist etwa so sinnvoll, wie der Versuch eine schmackhafte Konfitüre aus Schweinehack, unreifen Kumquats und Schichtnougat zu kochen (um mal eine kreative Alternative zum bekannten Spruch, demzufolge man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen könne, zu liefern).

    Sogar der Rat der Arabischen Liga hat das russinesische Veto einstimmig! verurteilt, und die Araber sind sich selten einig. Diktaturen und Gewaltherrschaft sind einfach nicht mein Ding, da bin ich ziemlich altmodisch. Ich bleibe eben ein unverbesserlicher Moralist, habe während des Volkaufstandes 2006 in Nepal hautnah miterlebt, wie Soldaten auf friedliche Demonstranten schossen, hatte das Blut der Toten an meinen Schuhsohlen kleben, und finde solcherlei mehr als überflüssig.

    Unabhängig davon wird natürlich nicht automatisch alles gut, bloß weil ein Volk seine Ketten sprengt, wie wir ja täglich am Beispiel Ägypten miterleben dürfen. Aber genauso, wie jedes Individuum sich frei entscheiden kann, ob es sich vor der Glotze zu Tode säuft oder als Veganer die Lebensdauer von Jopi Heesters zu übertreffen versucht, sollten Völker auch die Chance bekommen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Daher bleibt es dabei – ich finde das Veto schändlich!

    Gruß zurück

  3. Wolf

    …auf der Fahrt zur Arbeit hörte ich Info-Radio (RBB), auch hier wieder der Grundton vom im Warmen sitzenden Redakteur “böses Regime….”, dann ein Lokalreporter, welcher gerade aus Syrien zurückkam und von Islamisten, Teilnehmern anderer “Befreiungskriege (die wohlbekannten)” und Ausländern (Türken, Afghanen etc.) berichtete, nachdem der Redakteur nett suggestiv nach Verbrechen des Assad-Regimes fragte.
    “Ihr Schicksal selbst bestimmen”, pah, sag das den afghanischen Frauen und Kindern, kommt UN-Resolution, kommt Nato, kommt Islamismus, kommt richtig dickes Ende.

    Wie nennst Du den Zustand, wenn eine Diktatur durch eine noch grausamere ausgetauscht wird?
    Wir beide finden sicher, daß Leben in Demokratie ein Grundrecht aller Menschen ist, ich habe allerdings anders als Du keine Lösung in der Tasche, hier bin ich wirklich ratlos.

    gruß wolf

  4. Sarah Berndoz

    Das Veto der Chinesen und Russen ist verächtlich und zynisch. Zeigt jedoch sehr anschaulich, welche Werte für sie von Bedeutung sind und dass Menschenleben eben rein gar nichts zählen, was ja nichts Neues ist. Und es ist ja auch ganz nett, dass sich die Mehrheit der Länder und Nationen darüber empören. Nur leider leider sind Moral und wirtschaftliche Interessen nicht miteinander vereinbar, so dass wir Merkelchen oder Schwesterwellchen, oder wen auch immer sicher bald wieder freundlich shaking hands mit diesen Regimen machend, auf unseren Blödschirmen zu sehen bekommen.

    “Moral ist, wenn man moralisch ist”. (B. Brechtzitat – mit Gruß an von und zu Gutti) und Demokratie ist… sich mit einem Kreuzchen auf einem Zettelchen für das geringste Übel zu entscheiden, welches sich dann später als genauso groß herausstellt, wie auch alle übrigen – aber immerhin wurden wir ja “befragt”.

    Ceterum censeo, dass sich zwar die Schweine ändern, die Tröge jedoch immer die gleichen bleiben. (frei nach Schiller)

    Mit fatalistischen Grüßen,
    Sarah

    PS: Sehr lesenswert, weil informativ, ist die Seite von “Medico International” !!!

  5. Wolf

    Wenn Mehrheiten zunächst demokratisch zulassen, daß Minderheiten durch selbstgewählte Dikatoren (und ich denke hier an viele Staaten) gequält werden, kann es nicht sinnvoll sein, daß diese Mehrheiten durch “äussere” Mehrheiten zu Minderheiten werden, um eine andere Demogratie (das Wort habe ich gerade entdeckt)zu etablieren.

    Mir fällt (und hier verzeih meine begrenzten Gleichnisse, Johannis) wieder nur der Herr der Fliegen ein. Wie toll wären Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wenn nicht immer wieder Blödmänner wachsen würden, die die tumbe Meute einlullen und für eigene Zwecke missbrauchen, und dies trifft in Deutschland wie in England und Israel und der Ukraine und und und…..zu.
    Sarah, in diesem Sinne ist vieles verächtlich und zynisch, vor einigen Stunden habe ich das Gedicht “Meinst Du, die Russen wollen Krieg” gelesen, und nein, ich meine nicht. Ich meine auch, die Amerikaner und die Israelis und die Iraner wollen keinen Krieg, sie wollen aber alle die Kette des Häuptlings tragen.
    Und die Kette des Häuptlings von Syrien sieht sicher auch an den Führern der FSA wunderbar aus, und ach, ich will mich doch lieber vor dem Fernseher besaufen, weil alle so Recht haben.

  6. Johannis

    @ Sarah Berndoz:
    Wieso sind Moral und wirtschaftliche Interessen nicht miteinander vereinbar? Das klappt in manchen Firmen und einigen Teilen dieser Welt recht gut (und damit meine ich nicht nur Bhutan).

    Moralisches Verhalten in Produktion und Handel wird viel zu selten praktiziert und noch seltener eingefordert. (Nach dem Motto, das machen die Mitbewerber doch auch nicht und wir müssen uns dem Konkurrenzdruck beugen.) Stattdessen gieren viele Verbraucher nach immer neuen Schnäppchen und sind geil auf Tiefstpreise. Damit fördern wir unmoralische Verhältnisse überall auf dem Planeten. (Sah neulich die Dokumentation “Der Preis der Rose” und kaufe seitdem noch seltener Blumen. Die Arbeiter einer großen Rosenplantage in Kenia verdienen in Vollzeit rund 30 Euro monatlich, damit wir in der Kassenzone von Lidl, Aldi, REWE und Co. spontan ein Bund Rosen für 2,99 mitnehmen können. Ja, natürlich kommt die Blütenpracht per Luftfracht zu uns, wodurch das Klima belastet und Flughafenanwohner mit Lärm gequält werden. Außerdem gab es im Film reichlich Beweise, dass in den Gewächshäusern hochgiftige Pestizide versprüht werden, während ein paar Pflanzreihen weiter Frauen ungeschützt Rosen schneiden. Wen das noch überraschen soll? Eigentlich niemanden.)

    @Wolf:
    Wir hatten letztes Jahr, anlässlich der peinlichen deutschen Enthaltung bei der Libyen-Resolution, doch schon einmal eine ähnliche Diskussion und konnten uns nicht einigen. Das wird wohl auch diesmal nix. Leider. Hier dennoch nochmals eine kurze Replik:
    1. ging es bei der UN-Resolution vom letzten Samstag nicht um ein Eingreifen, um Flugverbot und Bomben, sondern um Kritik und eine Verurteilung des Verhaltes von Baschar al-Assad. Also um Moral.
    2. habe ich nie behauptet, dass ich für den Konflikt in Syrien eine Lösung in der Tasche hätte. Aber eine Meinung darf ich haben.
    3. sind die Menschenrechte ein universelles Recht, das auch für Syrer gilt.
    4. finde ich es einfach eine Riesensauerei, mit Panzern und Mörsergranaten in Wohnviertel zu schießen, und Heckenschützen auf Demonstranten und Beerdigungszüge feuern zu lassen. Derlei moralisch zu verurteilen macht mich noch nicht zum Kriegstreiber oder dumpfen Law-and-Order-Fetischisten.
    5. sind in Syrien seit März letzten Jahres durch die Aggression eines verblendeten Diktators und seiner willigen Schergen mindestens 5000 Menschen getötet worden, darunter 400 Kinder.

    Ich halte es weiterhin mit Winston Churchill, der sagte Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

  7. Sarah Berndoz

    Werter Johannis, natürlich gibt es vereinzelte Unternehmen, die sich um Moral, Nachhaltigkeit und faire Löhne etc. bemühen. Aber eben leider nur vereinzelt, da Idealismus scheinbar in den Köpfen nur sehr selten Einzug hält ( im Gegensatz zur Profitgier ) und er zudem offensichtlich auch schwer realisierbar ist im Kampf mit/gegen zahlreichere, gigantische Konkurrenzkonzerne.
    Meinst du wirklich, dass die Menschen freiwillig so sehr geil auf Tiefstpreise sind? Ich gehöre leider auch zu den Menschen, die es sich nicht leisten können, täglich Biobauernhöfe aufzusuchen, mir damit Gutes zu tun und sie mit meinen Käufen auch noch zu unterstützen, sondern ich bin leider auch genötigt, so Scheißläden wie Lidl etc. mitzufinanzieren.
    Es wäre wirklich ganz wunderbar, würde sich das Konsum- und Kaufverhalten der Menschen ändern. Aber solange das gemeine Volk bereit ist, sich über Jahre für eine Pressspanküche (in Mahagonioptik! )horrend zu verschulden, oder “auf” Autos “spart”, die aussehen, wie gigantische Ekelinsekten oder Killerfahrzeuge, so lange wird sich wohl auch immer noch Jemand finden, der Rosen aus Kenia kauft, obgleich ein Jeder weiß (besser: wissen sollte), dass die Zucht dieser Gewächse dort sämtliche Wasservorräte verbraucht, die den Menschen zum schlichten Lebenserhalt fehlen…
    Leider bin ich absolut hoffnungslos, was einen möglichen Sinneswandel der Masse angeht.

    Und so ziehe ich mich jetzt auch schnell wieder auf mein ererbtes Federkernsofa vonne Omma zurück und nehme mir zum wiederholten Male Machiavellis “Il Principe” vor, damit ich wieder ganz klar sehe und mich über nichts mehr wundern muß.
    P.S.
    Der olle Winston Churchill ( übersetzt: Kirchenkrank )gab so manches bemerkenswerte bonmot von sich, oh yes! Und darauf eine gute Zigarre!
    Uns allen ( zumindest teilweise ) bhutanesische ( oder heißts bhutanische? ) Verhältnisse wünschend, sende ich herzliche Grüße in die Cyberwelt.
    Sarah

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