Schickt Ilse Aigner ins Bio-Gas!
Geschrieben von Johannis am 9. Juni 2011 um 09:25 Uhr
Ich hab’s getan. Tomaten und Salat gegessen, roh. Immer wieder, seit Wochen schon. Mein Todestrieb wird nur von der Spottlust übertroffen, weshalb ich nun auch noch meinen letzten guten Vorsatz breche und über EHEC schreibe. Ja, auch ich bin ein Hype-Anheizer. Grässlich, wie dieser Killerkeim unsere Republik in seinen mordlustigen Krallen hat und die Menschen sterben lässt wie weiland die Beulenpest. Schon 26 Tote, in nur vier Wochen. Unvorstellbar grauenhaft! Und die Deutschen, in ihrer Hilflosigkeit, haben die Ernährung komplett auf Schokolade, Erdnussflips, Bratwurst, Pommes und Chicken McNuggets umgestellt. The German Angst geht um, jeder könnte als nächster in die Grube fahren. Sargtischler arbeiten Tag und Nacht, Eichenfurnier wird bereits knapp, Messingbeschläge sind kaum noch bezahlbar.
Gut, man könnte nun anmerken, dass im Schnitt seit Ausbruch der Epidemie pro Tag nur ein Mensch an EHEC gestorben ist, aber täglich 165 Deutsche an den Folgen ihrer Fettleibigkeit krepieren. Außerdem sterben drei MitbürgerInnen an Magersucht, aber diese Statistik ist nun wohl hinfällig, seit das Volk seine Ernährungsgewohnheiten so radikal ändern musste. Wenn Ilse Aigner und Daniel Bahr diese neue Geißel der Menschheit nicht bald in Griff bekommen und die Opferzahlen weiter stetig steigen, werden am Jahresende fast so viele Deutsche an EHEC gestorben sein wie an AIDS. Okay, AIDS ist kaum noch Thema, aber EHEC klingt auch viel gemeiner. Richtig heimtückisch, etwas, das nur der Satan ausgeheckt haben kann. In AIDS steckt immerhin das englische Wort für Hilfe, aid. Halb so wild also. Aber EHEC bringt uns alle um, bei ungebremstem Krankheitsverlauf wird schon im April des Jahres 232.348 nach Christus der letzte Deutsche ins bakterienverseuchte Gras gebissen haben. Sarrazin lag also völlig richtig, nur anders als er dachte. Nicht die integrationsresistenten Muslime, sondern ein Keim vom Stamme Escherichia coli rottet die Germanen aus. Tragisch!
Okay, wenn ich jetzt mit akutem Nierenversagen auf einer Intensivstation liegen würde, blieb mir der Spott sicher im Hals stecken, weil dort ja schon der Plastiktubus für die künstliche Beatmung säße. Aber die Frage, ob wir es mit der EHEC-Panik vielleicht ein winziges bisschen übertreiben, muss dennoch erlaubt sein. Ein Freund wurde gestern an der Supermarktkasse vom Kunden hinter ihm mit dem Worten „Na, Sie sind aber mutig!“ angesprochen. Nein, in seinem Einkaufswagen ringelte sich keine quicklebendige Königskobra neben einem Sechserpack angerosteter Eierhandgranaten aus Beständen der Roten Armee (Mindesthaltbarkeitsdatum 03/1989) und einem angetauten japanischen Kugelfisch, ergänzt von einem schlampig übersetzten Handbuch „Kugefish-Suschi fül Anfängel“ – dort lagen neben Käse, Wurst und Brot eine Salatgurke, drei Paprika, einige Tomaten und ein Kopfsalat. Ich kann nur hoffen, dass er mich in seinem Testament entsprechend all der Wohltaten, die ich ihm in den vergangenen Jahren widerfahren ließ, recht großzügig bedacht hat.
Ja, die Überschrift ist mal wieder ziemlich grenzwertig. Als Deutscher sollte man tunlichst nicht über ins-Gas-schicken schreiben. Oder damit noch ein paar Jahrhunderte warten, bis der leidige Holocaust in Vergessenheit geraten ist. Aber unsere Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin, gelernte Radio- und Fernsehtechnikerin, beeindruckte mich bisher nur durch ihre Vollbusigkeit, nie durch Sachkenntnis oder kompetentes Krisenmanagement. Gemeinsam mit Daniel Bahr, einer der drei Hoffnungsträger aus der FDP-Boygroup und neuerdings Gesundheitsminister, (lieber würde ich Karim, meinem kurdischen Kioskinhaber, die Leitung der europäischen Zentralbank anvertrauen als diesem Bahr-Bubi das Gesundheitsministerium) hat Ilse Aigner es geschafft, dass uns nun die ganze Welt hasst. Die Spanier, weil wir das von illegalen Immigranten unter Plastik angebaute und pestizidverseuchte Gemüse nicht mehr wollen, während in Almeria die Müllkippen überquellen. Die Skandinavier kaufen unseren leckeren Ruccola nicht mehr, weshalb das Grünzeug von stinksauren Bauern jetzt auf dem heimischen Acker untergepflügt wird. Sogar die Russen haben Einfuhrverbote für alle deutschen Gemüse erlassen. Pfui! Und die anderen hassen uns, weil wir reich und großkotzig sind, Socken zu Sandalen tragen, weil wir unsere teuren Bomben horten, statt sie in Libyen abzuwerfen, oder weil man Deutsche eben noch nie mochte. Verständlich.
Apropos Einfuhrverbot. Wie geht eigentlich die Pornobranche mit den EHEC-verseuchten Gurken um? Das Einführen von Salatgurken in dafür nicht vorgesehene Körperöffnungen gehört seit etlichen Jahren zum Standardrepertoire und wurde vielfach verfilmt. Zartbesaitete Leser klicken jetzt bitte nicht auf den folgenden Link, obwohl ich sie beruhigen kann. Die junge Dame in dem Porno-Video hat der Gurke ein Präservativ übergestreift, sie ist also vor Ansteckung sicher und die Gurke kann nach Abschluss der Dreharbeiten problemlos noch eine Nebenrolle im Catering spielen. Scheibchenweise.
Noch einmal zurück zur Überschrift, sie ist nämlich ein gut gemeinter Tipp. Die Sendung Report Mainz wies am Montag darauf hin, dass der neue Erreger aus einer Biogas-Anlage stammen könnte. Dort wird Hühnerkacke, Schweinegülle und Kuhmist mit Wasser verquirlt und darf dann bei etwa 35 Grad solange Methangas produzieren, bis die Suppe nach ein paar Tagen aufhört zu blubbern. Der verbleibende Schlamm wird danach als Dünger ausgebracht, auch und gerade auf die Felder von Biobauern, weil er ja organisch ist. Obwohl Ilse, Daniel und das Robert-Koch-Institut bei der Suche nach der Herkunft des EHEC-Keims fast soviel Talent zeigen wie Panzernashörner beim Gleitflug, wurde immerhin klar, dass der neue Erreger sein Erbgut aus verschiedenen Coli-Keimen zusammengepuzzelt hat. Vielleicht im Gülle-Mix einer Biogas-Anlage, bei kuschelig warmen Temperaturen und unter stetem Rühren? Wäre doch nicht vollkommen undenkbar. Übrigens darf man in Deutschland immer noch Klärschlamm als Dünger auf Äcker ausbringen, obwohl die Feststoffe aus unseren städtischen Abwasseraufbereitungsanlagen Schwermetalle, Hormone, Antibiotika und all die anderen Leckereien enthalten, die wir so durchs Klo runterspülen. Mahlzeit!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«



Dieser Beitrag erscheint auch in unserem Magazin.
Wenn ich mir Frau Aigner so anschaue auf dem Bild, dann kann ich mir schon recht genau vorstellen, wo die Killerkeime ihre Brutstätte haben. Platz wäre da ja genug, feuchtwarm ist es bestimmt auch. Und die Verteilung des Dünnschisses erfolgt verbal.
Außerdem sollen es ja inzwischen Sommersprossen sein, auf denen die Keime siedelten. Oder doch Tomaten auf den Augen? Salat?
Jedenfalls rottet die Spezies Mensch sich jetzt durch gemeinsames Verhungern aus, nachdem die Angst, durch BSE, Schweinepest, Vogelgrippe, Quecksilberfische, Strahlenpilze oder Coliautomaten zu sterben, den Genuss jedweden Nahrungsmittels verbietet. Umwelt, endlich hast du es geschafft.
Sind das die sogenannten G-(Punkt)-urken? – Gut, dass die junge Dame keine Tomaten versenkt hat und wir dann noch einer “Saugglocken-Entbindung” hätten beiwohnen müssen.
Hi Johannis,
der Gurkenfilm war jetzt nicht nötig, Du “gleitest” so sanft in eine gewisse Schmuddelecke, was die Notwendigkeit des Überlebens der Menschheit doch zusätzlich in Frage stellt.
Natürlich ist Frau Landwirtschaftsministerin nur Teil der Gurkentruppe, die an der Macht bleiben will. Die Medien sind Hauptakteure, sie haben es ja sogar geschafft, Dich hinter dem Ofen vorzulocken, ich dachte schon, Du meldest Dich erst wieder, wenn Gaddafi gegrillte Babys frühstückt….Im Übrigen, bin schon ganz gespannt, wie viel wir von der Kriegsbeute abbekommen….
gruß wolf
@Wolf:
Du hättest dir den Gurkenfilm ja nicht anschauen müssen, ich hatte doch wohl deutlich genug davor gewarnt. Erstaunt mich etwas, dass auch du dich nun zu jenen Chorleitern gesellst, die mir (vor allem auf Twitter) sagen wollen, wie und was ich zu singen habe. Wenn ich das mal ganz am Rande und in aller Bescheidenheit anmerken darf: Dies ist mein Blog, hier schreibe ich was ich will und wie ich will, und wem das nicht passt, der findet im Netz sicher genügend gefällige Ausweichangebote. Nein, von künstlerischer Freiheit fange ich jetzt gar nicht erst an…
Gruß, Johannis
Nein, es ist Dein Blog und Du darfst schreiben, was und wie Du willst, natürlich…. Wirklich, ich kenne Twitter nicht und das wird so bleiben, deshalb können dort meine Gesellen nicht sein….
Haben sie Dich dort so doll “verkloppt”, daß ich jetzt Stellvertreterdresche beziehe?
Abgesehen davon; erst warnen, sprich:neugierig machen, dann das Echo nicht vertragen; passt nicht zu Dir, oder hast Du die falschen Gurken verspeist?
gruß wolf
@Wolf:
Nöh, nöh, ich hab wohl grad meine prämenstruelle Phase, da reagiere ich manchmal etwas empfindsam. Ansonsten solltest du mich gut genug kennen und wissen, dass Tabubrüche immer mal an der Tagesordnung sind. Ich kann ja schlecht Woche für Woche stets denselben Seim absondern.
Auszug aus dem Twitterecho:
@chauffeurinbonn schreibt:
@Perlenschwein Bei allem Verständnis für Deine Entrüstung ist die Headline http://bit.ly/lXjp26 nicht grenzwertig, sondern einfach widerlich!
@Malka_Koenig gibt mir den weisen Rat:
@Perlenschwein – Jemanden ins Gas zu schicken! Überleg mal kurz!
Gnäh, Kassandrus, Sie Ärmster! Selbst pc-Fans (nicht Home-Computer, Ihr Korinthenkacker, sondern political correctness) sollten in der Lage sein, Wörter wie Ironie oder Provokation im Wörterbuch nachzuschlagen, bevor sie auf Autoren rumhauen, die sie nicht verstehen (wollen).
Wenn ich in die Richtung dann nochmal ein paar gekackte Korinthen nachwerfen darf: Da steht Bio-Gas in der Überschrift. BIO!
Und Bio ist doch gesund. Sagt die Verbraucherministerin.
aber echt mal, jemanden ins gas schicken! überleg mal kurz! – leuten ins gesicht furzen ist doch nun wirklich nicht witzig, zumal deutschland ja bekanntermassen der weltgrösste markt für alle arten von ausscheidungspornographie ist.. weshalb sich dafür vermutlich auch entsprechende produkte der pornoindustrie zur untermalung gefunden hätten, vielleicht sogar mit protagonistinnen die der ilse ähnlich sehen, ich mein wenn schon draufknüppeln, dann aber richtig.. gemüsefellatio ist ja nun auch nicht mehr wirklich schockierend.. ähm ja, was wollt ich jetzt eigentlich.. ach so, die sache mit dem klärschlamm ist doch nun wirklich halb so wild, die ganzen giftstoffe waren ja ohnehin schon mehrmal in unserem kreislauf, da dürfte eine erneute runde auch nicht weiter schaden.. ist nur gerecht wenn wir den dreck den wir verursachen auch fressen müssen..
@Buchstaeblich:
Es tut sooo gut, endlich mal in Schutz genommen zu werden! Und dann auch noch von einer Frau, trotz Krieg der Geschlechter. Danke!
@Ulysses:
Ilse möchte ich nicht mal ins Gesicht furzen müssen, wenn sie mit Euroscheinen winkt. Nein auch kein Natursekt, von koprophagischen Exzessen ganz zu schweigen. (Das wird Wolf jetzt wieder nicht passen. Zu schlüprig-seicht.) Und der dünnhäutigen @Malka_Koenig erwiderte ich bierernst: Für einen pointierten Text von 878 Worten reicht kurzes Überlegen nicht. Ich mag die Überschrift, du nicht. So what?
Warum sind einige Leser so echauffiert? Verstehe ich absolut nicht.Wir Menschen hören doch nur zu, wenn es deftig wird. Lese gern hier und ich liebe Ironie, der allgemeine Medien-Info-Müll ist doch teilweise kaum noch zu ertragen.
Je mehr ich lese, um so mehr sind meine grauen Gehirnzellen damit beschäftigt, das Gelesene sofort wieder auf meiner “körpereigenen Festplatte” zu löschen.
@Perlenschwein, schreib weiter so und mach Deinem Namen weiterhin Ehre.
JanaRetour
Hallo Johannis,
Humor mag ich… in jeder Form… Kassendiscounter-Situationsbeschreibungen haben ohnehin immer etwas – da pulst sozusagen das tägliche Leben… es darf auch ruhig einmal sarkastisch-boshaft werden, wenn es passt…
Hier passt es nicht. Warum nicht?
Weil da offenbar täglich und noch immer Menschen sterben… und sie sterben nicht an Durchfall, sondern mehr oder weniger an Nierenversagen, lagen teils im Koma… waren nicht mehr zu retten… Bei jedem Einzelnen von ihnen gibt es Menschen, die um sie trauern.
Und ja… auch bei den älteren Damen (die ja ohnehin bald gestorben wären) wird das so sein.
Seit inzwischen drei Wochen lese ich in verschiedenen Blogs und Foren humorgetarnte Menschenverachtung… von hinkenden Vergleichen über die höhere Anzahl von Verkehrsopfern jährlich – bis hin zu Erdbeerfeldern in Österreich, die von Frauen nur noch mit Hosen betreten werden dürfen, weil sie angeblich mit Röcken leichter auf die Pflanzen und Früchte pinkeln könnten… ja – es wurde sogar indirekt geschrieben, der Virus stamme von Migranten (Erntehelfer bis Küchenhelfer), die uns alle islamistisch geprägt ausrotten wollten. Ein ebenfalls witziger Zeitgenosse meinte gar, EHEC wäre kein orales “Problem”, sondern hätte in der Tat nur damit zu tun, dass sich die Opfer Gurken vaginal/anal “zuführten”.
Das muss lustig sein, für Eltern, die gerade an den Betten ihrer Kinder wachen – so zwischen zwei Blutwäschen etwas über die sexuelle Präferenz ihrer noch zum Teil recht kleinen Kinder zu erfahren.
Jeder, der schon einmal eine Salmonelleninfektion, den Norovirus, ja eine klitzekleine Magen- und Darmgrippe hatte, wird sich auch qicklebendig und genesen – so halbwegs jedenfalls – reindenken können, wie es wohl wäre, eben nach dem Durchfall trotzdem noch nicht “durch” zu sein…
… es tröstet Schwerkranke im Allgemeinen auch wenig, dass jährlich mehr Menschen durch Verkehrsunfälle, an Hunger oder an Krebs sterben… vermutlich stürzen auch mehr Flugzeuge ab, ich weiß es nicht… aber ich wüsste ebenfalls nicht, dass die Leiden anderer als Kompensation etwa für die eigene Krebserkrankung taugten, um nur einmal ein Beispiel zu nennen. Würde “Statistik” helfen, wenn man selbst an einer Krankheit herumdoktort, die sich für Nichtbetroffene irgendwie “lächerlich” anfühlt? Wohl kaum…
Lustig machen könnte man sich freilich darüber, dass in Krankenhäusern nun Helden arbeiten, die in 14-Tage-Schichten Überstunden á la “Intensiv-Ehec” schieben… aber sind sie Helden, nur weil sie mehr arbeiten müssen, ob der verknappten Personaldecke in den Kliniken? Nö…
Vielleicht wäre es auch lustig, darüber zu schreiben, wie einige Tafeln in Deutschland plötzlich mit Gemüse en masse eingedeckt werden – die Entsorgungskosten für die Discounter sind zu hoch, da entdeckt man schnell und gern die Armen…
Die Suche nach der Ursache… von Gurken über Sprossen bis zum Wühlen in Biomülltonnen wäre gleichsam lächerlich, zumal immer noch nicht klar ist, wie denn nun der spezielle EHEC (es gibt ja ein paar “Typen” mehr am Markt) nun eigentlich wohin gelangt ist, um neben den Verkehrsopfern, den Krebserkrankten etc. pp. für zusätzliche “Selektion” zu sorgen.. auch unter den geoutsourcten Putzfrauen, die für 7 Euro – so gar nicht heldenhaft – intensiv die Intensiv putzen…ihr Zeitarbeit-Arbeitszeitkonto mit Überstunden füllen, die ihnen vermutlich nie ausgezahlt werden…
Spanien fordert offiziell keinen Schadenersatz für die angeblich von der Palette gefallenen 180 Kisten Gurken oder für die Melde-Ente, die zur Ursache haben dürfte, dass jetzt spanische Erntehelfer und Betriebe die Arbeitslosenzahlen dort aufforsten – feini… dann sehen unsere Zahlen – obwohl gehübscht und gerüscht – nicht mehr so dramatisch aus…
…und wie kommt man den Spaniern – ganz Europäer – entgegen, wenn einmal mehr ihre Kasse (Stichwort: PIIGS) nicht stimmt?
Werden wir verwurstet, verobstet oder – einmal mehr – wie immer eigentlich nur verar***t? Und wie fühlt man sich eigentich, wenn man über die Veräppelung gerade hinwegstirbt als ein blödes EHEC-Opfer unter so vielen toten Lebenden?
Schreib doch mal dazu etwas…
@JanaRetour:
Ist mir ja peinlich, aber ich bin sehr empfänglich für solche Schmeicheleien. Danke!
@Kristin:
Erstmal gibt es drei Fleißpunkte für den ausführlichen und ernsthaften Kommentar. Interessant finde ich, dass auch du zu den Leuten gehörst, die bestimmen wollen, worüber man/frau lachen darf. Der Beitrag wurde seit gestern früh etwa 500 mal gelesen und ich habe (in Kommentaren und vor allem auf Twitter) eine Menge Feedback bekommen. Etwa 80% positiv, man hat mich aber auch als Holocaustverniedlicher und Nazifreund beschimpft. Das freut mich, denn wenn ein Text polarisiert, ist er gut. Punkt.
Er gefällt bloß nicht allen, und das ist gut so, weil ich hier keine weichgespülte Mainstreamkuschelprosa anbiete. Ich will euch reizen, zum Widerspruch, aber auch zum Nachdenken. Und euer Zwerchfell, wenn was lustig ist. Schwarzer Humor ist nicht jedermanns Sache, aber hier schreibe ich und daher entscheide eben ich, was ich lustig finde.
Auf alle von dir vorgebrachten Gründe einzugehen, weshalb ich mich eigentlich für meinen Text schämen müsste, verkneife ich mir, auch aus Zeitgründen. Statt dessen ein paar Fakten und ein paar Fragen. Seit 13 Jahren leite ich den gemeinnützigen Verein HOPE e.V. , der in Nepal u.a. Schulen und Trinkwasserprojekte baut. Für den Verein bin ich jährlich vor Ort, hab insgesamt gut 2 Jahre unter oft primitiven Umständen in einem der ärmsten Drittweltländer gelebt, und bin einmal an Amöbenruhr und einmal an Bakterienruhr erkrankt. Ich weiß also zumindest, was Durchfall ist. In Nepal sterben in jedem Jahr, besonders während der Regenzeit, tausende Menschen an Durchfallerkrankungen, oftmals Kinder und alte Leute. Die Shigellose, auch Bakterienruhr, tötet in der Dritten Welt jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen, ca. 160 Millionen erkranken pro Jahr an ihr. Hast du schon um eins dieser Kinder getrauert oder im Geiste einer alten asiatischen Oma dein Mitgefühl gewidmet, die sich im Monsun irgendwo zwischen Gujarat und Laos die Seele aus dem Leib geschissen hat?
Wir haben mit HOPE e.V. Schulen für etwa 1500 Kinder und Trinkwassersysteme für weit über 1000 Haushalte gebaut, ich habe in Nepal schon Leute auf der Straße krepieren sehen – wieso darf ich nicht über eine künstlich aufgebauschte Bedrohung spotten, von der sich hysterische und verwöhnte Wohlstandsbürger fürchten, als seien mordlüsterne Aliens mit sechshundert Raumschiffen auf allen Kontinenten der Erde gelandet? Nein, den billigen Witz mit den Inkontinenten verkneife ich mir.
Wann hast du zuletzt von den Zigtausenden gehört, die in Japan immer noch in Notunterkünften hausen müssen, seit Monaten in einer Turnhalle, hinter einem Sichtschutz aus Pappe? Was ist mit den 12.000 Vermissten, die nach dem Tsunami irgendwo unter Trümmerbergen verwesen oder längst von den Fischen gefressen wurden?
Du versteht sicher, worauf ich hinaus will. Die Medien steuern unsere Aufmerksamkeit und somit auch unser Mitgefühl. EHEC war ein Hype, auch darüber habe ich gespottet. Heute – und wahrscheinlich nur wegen meines provokanten Beitrags, den Frau Aigner sicher gelesen hat – wurde EHEC-Entwarnung gegeben, bis auf rohe Sprossen dürfen wir wieder alles essen. Der Tod, so gern wir das leugnen möchten und mit aller Macht verdrängen, gehört zum Leben. Nicht irgendwann, sondern immer, in jedem Moment. Menschen werden geboren, sind gesund, werden krank, sterben. In Mexiko starben allein im April 1400 Menschen bei einem seit zehn Jahren andauernden Krieg zwischen Polizei, Armee und der Drogenmafia. Viele waren unbeteiligt, standen im Weg, wurden von Querschlägern getroffen. Auch Kinder. Ist ihr Tod weniger tragisch als der Tod von 29 deutschen EHEC-Opfern?
Deine Anregung, doch mal was über die Frage zu schreiben, wie man sich als Sterbender fühlt, werde ich nicht aufgreifen. Die Recherche dürfte schwierig werden und nach einem geglückten Selbstversuch klappt es mit dem Schreiben nicht mehr. Aber unter den bisher 496 Beiträgen in diesem Blog sind auch einige, die sich sehr ernsthaft mit den Abgründen menschlicher Existenz befassen, und wenn dir das nicht reicht, schau mal im Bereich PROSA und BILDER. Da findest du z.B. die Reportage “Fahrradtour in Kathmandu” und Bilder aus Nepal, auch vom Volksaufstand aus dem Mai 2006. Ich habe dort manches Mal meinen Hals riskiert und sogar mit den Schuhen im Blut junger Männer gestanden. Drei Demonstranten, die von der Armee erschossen wurden, deren Körper noch nicht kalt waren und von der Polizei aus einem Hospital verschleppt wurden, damit man sie irgendwo unauffällig verscharren konnte.
Leben ist Leiden, und alles im Leben ist relativ. Die Nähe zum Leiden der anderen wird heute von den Medien bestimmt, sie schaffen den Maßstab, an dem wir Leiden messen. Nimm die 1,5 Millionen Toten durch Bakterienruhr – ausgelöst durch Gier, Geiz und Gleichgültigkeit, denn viele Menschen in der in der Dritten Welt haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, haben keine Wahl, trinken deshalb aus Bächen und Teichen. Diesen Zustand weltweit zu beenden, würde nur einen Bruchteil der westlichen Rüstungsausgaben kosten, aber kaum Profite bringen. Also bleibt alles beim Alten. Und wir verwöhnten Wohlstandsbürger fürchten uns vor Gurken. Wenn das nicht lachhaft ist!
Hallo Johannis,
deine Fleißpunkte benötige ich nicht – ich habe geschrieben, was ich geschrieben hatte, weil es mir ein Anliegen ist, u.a. mit der Aufrechnerei aufzuhören…
Hinter diesen Zahlen (auch den von dir erwähnten!) von Todesopfern stecken immer auch Einzelschicksale – und ja, ich fühle mit Erdbebenopfern genauso mit, wie mit etwa den Eltern die ihre im Mittelmehr ertrunkenen Kinder betrauern… ich bin traurig, wenn in den Kliniken krebskranke Kinder auf das Sterben vorbereitet werden und ja, ich nehme auch die Eltern von an Ehec erkrankten Kindern nicht aus: http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article1901268/Das-passiert-doch-nur-den-anderen.html
… das meine ich mit “Aufrechnen”…. und stimmt, mir geht auch diese Beschreibung aufs Gemüt.
Du schreibst, ich wolle dir deinen Humor zum Vorwurf machen, respektive – würde darüber bestimmen, wer über was zu lachen hat oder nicht, argumentierst damit, dass die Mehrzahl der hier Lesenden deinen Kommentar witzig, originell und gut fände… ich stelle das nicht infrage – ich versuche eine andere – zusätzliche Sicht auf die Dinge zu vermitteln und denke nicht in “Mehrheiten”…
… ich pflichte dir bei, dass es völlig lächerlich ist, dass in einem Land, wie Deutschland – so reich wie es ist – eine derartige Unterentwicklung in Teilbereichen zur medizinischen Forschung vorliegt… und du hast auch recht, dass die Gurke als Solches “witzig” bis lächerlich ist… nicht aber das Krisenmanagement in solchen Situationen… das föderale “Gemurkse”, die Panikmache… ohne wirklich aufzuklären.
Es gäbe viel Stoff, dazu sozusagen tiefer in die Thematik einzutauchen – auch in Form tiefschwarzen Humors (dabei aber möglichst die Erkrankung und die Opfer herausnehmend) und du hättest völlig recht, wenn du dann argumentiertest, dass es ungleich einfacher ist, die jeweilige Mehrheitsmeinung wiederzuspiegeln. Mir war übrigens bewusst, als ich hier zum Schreiben ansetzte, dass ich einmal mehr eine unbequeme Minderheitenposition vertrete… mir aber zu unterstellen, ich wolle andere Menschen am Lachen hindern… nein, das trifft es nicht.
LG Kristin
PS. Dein Engagement für HOPE spricht mich an – nicht, dass du mich vollends falsch verstehst.
Dieser Beitrag erscheint auch in unserem Magazin.
[...] Und Edit war beim PerlenSchwein stöbern und hat den ultimativen Beitrag zum grusligsten und EHEClichsten selfmadeKeim aller Zeiten gefunden. [...]