Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog

Schädeltrepanation

Geschrieben von Johannis am 8. Februar 2012 um 10:04 Uhr

Das beste Mittel gegen Kopfweh ist ein Loch im Kopp. Wirklich! Bekanntlich ist Ursache der Schmerzen fast immer überreichlich vorhandene Hirnmasse, die nicht genug Platz im Schädel hat und somit Überdruck erzeugt. Deshalb begann man schon in der Jungsteinzeit damit, bestimmten Leuten ein Loch in den Kopf zu meißeln und etwas Grütze rauszulöffeln, zur Druckentlastung sozusagen. Gut, manchmal sollten auch böse Geister durch die zusätzliche Öffnung ausfahren – besonders die Inka bohrten da wohl sehr emsig – aber meist gingen vorzeitliche Hirnchirurgen von einem Zuviel an grauer Masse aus, und die musste eben weg. Nicht immer überlebte der Patient den Eingriff, eigentlich sogar eher selten, daher kommt wohl auch der verbreitete Seufzer „Boah, meine Kopfschmerzen bringen mich noch um!“ Auch die Lebensabschnittsgefährtin leidet bedauerlicherweise recht häufig unter Kopfweh (Nein, nicht von der Sorte Schatz-heute-Abend-bitte-nicht-ich-hab-Migräne), aber ich halte es für keine gute Idee, ihr eine Schädeltrepanation vorzuschlagen. Natürlich zuallererst in ihrem eigenen Interesse, aber auch, weil ich auf schlaue Frauen stehe. In puncto Gehirn ist weniger eben nicht mehr.

Regelmäßige LeserInnen (ja, ich war sehr schreibfaul in den letzten Monaten) werden kaum überrascht sein, dass sogar mein Dickschädel (Hutgröße 61) kaum ausreichend Fassungsvermögen für den fetten Hirnklumpen hat, der meine Halswirbelsäule belastet. Trotzdem war die drangvolle Enge nicht der Grund für jenes Loch (14 mal 8 Millimeter), das man mir kürzlich in die Birne gefräst hat, sondern Komplikationen einer Sinusitis frontalis führten mich zur HNO-Station des Dortmunder St.-Johannes-Hospitals (wird hoffentlich bald umbenannt in Johannis-Hospital). Dort durfte ich eine Ausschabung über mich ergehen lassen, nur dass statt der nicht vorhandenen Gebärmutter Teile meines Schädels von überflüssigen Schleimhäuten befreit wurde (mein leidiger Zustand wäre sonst wohl auf eine Kopffehlgeburt hinausgelaufen). Wer mehr unappetitliche Details über derartige Eingriffe möchte, findet reichlich Informationen im Netz. So viel sei aber verraten: Mein linkes Auge bleibt mir erhalten, ich habe nur noch erträgliche Schmerzen und insgesamt eine recht gute Zeit verbracht. Das lag vor allem am freundlichen und kompetenten Personal der Station G5, aber auch an zwei witzigen jungen Kerlen, mit denen ich zeitweise das Zimmer teilte und kalauernd gegen mein verfrühtes Ableben kämpfte. Mit unserem schrägen Galgenhumor hatten wir bald Kultstatus auf der Station, und Ärzte, Schwestern wie Pfleger kamen gern auf unser Zimmer.

Krankenhäuser sind eine Welt für sich, jedes Hospital ist ein Mikrokosmos, bewohnt und regiert von seltsamen Zeitgenossen, deren Stammeszugehörigkeit schon an der Kleidung erkennbar ist. Weiß steht meist für Halb- und Vollgötter, bordeaux, blau oder grün für Schwestern und Pfleger, orange trägt das Reinigungspersonal. Verwaltungsmenschen kleiden sich zivil wie draußen das Bürovolk, und dann gibt es noch die vielen Unsichtbaren. Sie kochen, spülen, halten die Heizung in Gang, entsorgen Müll, reparieren, holen, bringen, machen und tun, und der vor allem mit sich selbst beschäftigte Patient bekommt selten etwas davon mit. Dabei steckt in jedem Kittel natürlich ein Mensch mit Launen, Sorgen, Nöten, Stärken und Schwächen. (Auf Nachfrage verriet mir eine Schwester, dass im JoHo insgesamt 2790 Leute arbeiten. Die Einwohnerschaft einer Kleinstadt.) Um einige dieser Menschen soll es gehen, und natürlich um jene Leute, neben die man sich in der Straßenbahn vielleicht nur ungern setzen würde. Aber plötzlich lebt man Tag und Nacht mit ihnen zusammen, teilt Schicksal, Mahlzeiten und das Klo, und ihr Schnarchen, das schmerzliche Stöhnen und die Furze sind bald vertrauter, als man sich je hätte vorstellen können. Oder gewünscht hat. Besonders auf einer HNO-Station wird unablässig gerotzt und geröchelt, geschnoddert und geschnauft, dass man seine helle Freude hat. Jeder Dritte hat grad die Rachenmandeln eingebüßt oder läuft mit einer dämlichen Schweinchennase aus Plastik herum, weil der operierte und tamponierte Zinken sonst die fragile Form verliert. In der Augenklinik ist es deutlich ruhiger, aber man kann sich seine Krankheiten leider nicht aussuchen.

Die Grundhaltung des Normalpatienten ist widersprüchlich. Paradoxerweise will er der Genesung wegen einerseits ins Krankenhaus rein und gleichzeitig schnellstmöglich wieder raus aus dem Reich der Spritzen, Sägen und Skalpelle. Wer wie ich durch die Notaufnahme anreist und so groggy ist, dass er für die zweihundert Meter bis zur Station um einen Rollstuhl bettelt (hab mich erstmals im Leben schieben lassen, und das von einer Frau!), hat ausreichend Leidensdruck, um für ein Bett im Dreibettzimmer dankbar zu sein. Egal, welche Mitpatienten dann neben ihm liegen. Urplötzlich ist man sehr hilfsbedürftig, dem guten Willen wildfremder Ärzte und PflegerInnen ausgeliefert, wird dünnhäutig und ist heilfroh, nicht wie ein lästiges Möbelstück behandelt zu werden. Und das möchte ich betonen – sie haben mich gut behandelt. Schnell war klar, dass auf der HNO-Station (anders als man es sonst oftmals aus Krankenhäusern kennt) ein Team von Menschen arbeitet, die ihre Jobs mit Energie und Leidenschaft erledigen, wo Beruf also durchaus noch etwas mit Berufung zu tun hat. (Nein, mir wurden leider keine bewusstseinstrübenden Opiate verabreicht und ich beschönige auch nicht, bloß weil mir unverbesserlichem Spaßvogel sogar kurz vor dem finalen Atemstillstand noch ein paar Witzigkeiten rausgerutscht sind und alle deswegen besonders nett zu mir waren.)

Der Fisch fängt bekanntlich vom Kopf zu stinken an, aber das Gegenteil stimmt auch. Man merkt eben, wenn gute Leute ihren Laden im Griff haben und für Teamgeist sorgen. Chefarzt Dr. Luckhaupt hatte am Tag meiner Aufnahme selbst eine Kiefer-OP und es fehlten ihm daher vorübergehend ein paar Vorderzähne. Neugierig befragte ich deswegen nach der Untersuchung die Fachärztin Frau Aufgebauer, weil es doch seltsam ist, wenn der Chefarzt optisch an einen Obdachlosen erinnert. Das hat sie ihm erzählt, aber er nahm es mir nicht übel, eher im Gegenteil. Dr. Luckhaupt frotzelte bei der nächsten Visite gutgelaunt mit wieder komplett möbliertem Esszimmer und hat mich tags drauf eigenhändig und sorgfältig operiert. (Er hätte sich ja auch rächen und mich zum Üben freigeben können, für die ärztlichen Praktikanten.) Besonders gern begab ich mich auch in die Hände von Joon Lee. Der koreanische Facharzt hat seine Doktorarbeit zwar schon abgegeben, sie wird aber noch geprüft (und garantiert für gut befunden). Daher nannte ich ihn – ganz der asiatischen Höflichkeit verpflichtet – nicht Doktor, sondern Meister Lee. Er nahm es mit Humor.

Als Beispiele für sympathische Pflegekräfte (von denen es im JoHo viele gibt) will ich die hübsche, quirlige und auch nach 12 Tagen Dauerdienst stets fröhliche Schwester Margarethe und den Bufdi Armin erwähnen. Sie nahm es am Anreisetag klaglos hin, dass ich – kaum fünf Minuten auf dem Zimmer – gleich das Bad vollkotzte, putzte flink durch und tröstete mich sogar noch. Der ebenfalls sehr eifrige und freundliche Armin schob mich an seinem allerersten Arbeitstag als Bundesfreiwilligendienstleistender samt Bett durch endlose Flure zum OP, und ich war baff zu hören, dass es von Kristina Schröder für diesen Ersatz-Zivildienst maximal läppische 336 Euro gibt. Im Monat. Nicht vergessen habe ich die stille und fleißige Tunesierin, die Tag für Tag unser (und bestimmt noch einige dutzend andere) Zimmer putzte und sich sichtbar über jedes freundliche Wort freute. Oder dass mal jemand seine Schlappen aus dem Weg räumte, während sie den Boden wischte. Interessant war auch das Gespräch mit dem Haustechniker, der unser frostklapperndes Fenster reparierte. Er bestätigte meinen Eindruck, dass längst nicht auf allen Stationen so gute Stimmung herrscht und der Patient im Mittelpunkt steht. Ich habe mit der G5 eben Glück gehabt, auch wenn Patienten das ganze JoHo im Jahr 2011 wieder zum beliebtesten Dortmunder Krankenhaus wählten.

Während ich darauf wartete, in den Operationssaal geschoben und durch Vollnarkose ausgeknockt zu werden, vernahm ich, wie eine Schwester ihren älteren Kolleginnen ganz aufgeregt von der erneuten Begegnung mit einem Rettungssanitäter erzählte, in den sie offenbar verliebt ist. Nur eine von vielen aufgeschnappten Geschichten. Schockierend fand ich die des Zimmergenossen, einem jungen Lastwagenfahrer mit mehrfach gebrochener Nase und fehlendem Schneidezahn. Er hatte nach dem samstäglichen Discobesuch angetrunken auf einer Mauer gesessen, ein Taxi herbeigesehnt und mit angesehen, wie eine russische Gang die schrankförmigen Türsteher in eine Schlägerei verwickelte. Als die Russen in die Flucht geschlagen waren, kam einer der Türsteher (SECURITY stand auf seiner schwarzen Jacke) auf ihn zu, pöbelte ihn an und trat dann ohne Warnung zu. Mitten ins Gesicht. Nase kaputt, Zahn raus. Zum Glück gibt es Zeugen – zwei Frauen, die meinen bewusstlosen Mitpatienten mit kräftigen Ohrfeigen wieder halbwegs wach bekamen (hatten sie wohl im Film so gesehen, ist aber bei Verdacht auf Schädelhirntrauma keine gute Idee), und hurtig Polizei plus Krankenwagen riefen. O tempora, o mores. Herbe Zeiten, üble Sitten!

Als ironische Note des Schicksals teilte ich – durchaus kommunikativ und einem guten Gespräch nie abgeneigt – das Zimmer zeitweise mit zwei recht sympathischen Logorrhöikern, also Leuten, die quasseln bis der Arzt kommt. Und auch nachdem der Arzt wieder weg ist. Zuhörer brauchen sie dabei nicht unbedingt und manche halten nicht mal dann die Klappe, wenn man Kopfhörer aufsetzt, um Musik zu hören. Um den steten Redefluss eines Logorrhöikers auszulösen, reicht es vollauf, wenn eine Lebensform zugegen ist, die mindestens so viel Intelligenz wie eine Kaulquappe hat, notfalls führen sie aber auch Selbstgespräche. Sogar mit dem zusätzlichen Loch im Kopp gelang es mir nicht, die Ohren auf Durchzug zu stellen, und wieder zuhause war ich heilfroh, dass mich hier keiner volltextet oder mir ständig dazwischenquatscht. Nun werden bald die Fäden gezogen und insgesamt verging die Zeit im Hospital recht schnell. Dies war auch einer Mitpatientin geschuldet, die brav Passwort und Usernamen für das kostenpflichtige Klinik-WLAN mit mir teilte, nachdem ich empört feststellen musste, dass E-plus in Mittäterschaft mit Medion und Aldi seine Kunden übelst abzockt. Das Guthaben meiner bei Aldi erworbenen Prepaid-SIM-Karte für mobiles Surfen war schon nach einem Jahr verfallen, und auch die SIM-Karte kann ich jetzt nur noch benutzen, wenn irgendwo ein Tisch wackelt. Zum Unterlegen. Alles Schweine, außer Mutti. Und der traue ich auch nicht erst über den Weg, seit sie im Kanzleramt sitzt und sich ständig mit Sarkozy abbusselt. Egal.

Ja, dieser Text wurde wieder zu lang. Aber Leser Wolf meckerte am Montag im Kommentar, dass ich zum Syrienthema nach so langer Zeit nur ein kurzes Statement von mir gegeben habe. Das hat er nun davon. Unten noch ein wenig schmeichelhaftes Bild, aufgenommen vom Mitpatienten Max wenige Stunden nach der Operation. Nein, ich habe eigentlich kein Doppelkinn und mein Kopf ist nicht nur gut faustgroß. Ja, das rückwärtig offene OP-Hemdchen ist extrem sexy und die ersten Brusthaare werden grau. Ende.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

8 Kommentare zu “Schädeltrepanation”

  1. Wolf

    …wenn Du wüsstest…..

    Nein, alles Gute erstmal, Dein Bild hat mich erschreckt ;)

    gruß wolf

  2. Clara Himmelhoch

    Johannis, ich habe schon lustigere Fotos von dir gesehen – siehe Header – und ich will auch keinesfalls mit dem meinigen nach einer Augen- oder einer Nasen-OP kontern, sondern dir einfach nur nachträglich alles Gute wünschen – aber jetzt bist du ja den Logorrhöikern entkommen.
    Interessant das bei dir: “dass E-plus in Mittäterschaft mit Medion und Aldi seine Kunden übelst abzockt.” – Sie haben fast den höchsten Preis mit 11 ct/pro Minute und andersherum mit E-Plus fast den schlechtesten Empfang.
    Mit Gruß von Clara

    PS: Jetzt hatte ich mich beim Spamschutz tatsächlich verrechnet *grins*

  3. Sarah Berndoz

    Heißt ein solcher Eingriff nicht recht eigentlich “Schädelpenetration”???
    Sorry für die überflüssige Albernheit, denn es war sicherlich alles andere als witzig für dich, auch wenn du spassige Mitinsassen und nettes, v.a kompetentes Personal um dich hattest…

    Gute und schnelle Genesung wünscht
    Sarah

  4. nömix

    Haben Sie schon Besuch von den KlinikClowns gehabt?
    Gute Besserung.

  5. Johannis

    @Wolf:
    Gut so, ich befürchtete schon, dich erschreckt nichts mehr.

    @Clara Himmelhoch:
    Immer dieser Kampf mit dem Spamschutz, tragisch! Ansonsten Danke für Mitleid und Tipps. Wenn du einen Anbieter kennst, der Pre-Paid weniger als 2 Euro pro Tag für mobiles Surfen verlangt, lass es mich bitte wissen.

    @Sarah Berndoz:
    Freue mich immer, wenn versaute Gedanken nicht nur unter meinem Schädeldach gedeihen. Vorsicht: Der Hirnfick führt, weil Präservative zu klein und die Köppe meist zu groß sind, oftmals zur Kopfgeburt.

    @Nömix:
    Nein, leider nicht, alles muss man selber machen. Bin aber bereits zuhause, insofern bräuchte ich Besuch von den Heimclowns.

    Beste Grüße allerseits,
    Johannis

  6. Doktor Peh

    Aha. Daher die lange Ruhezeit. Da erst einmal Überflüssiges entfernt werden musste. Hast Du mitbekommen, ob die großzügige Spende Deinerseits dann per Tiefkühlkoffer und Hubschrauber standepede nach Berlin verfrachtet wurde, um dort einer Bedürftigen im Kanzleramt transplantiert zu werden? Aber nach dem, was ich so aus Deutschland mitbekomme, scheinen diese Transplantationen ja dauernd schiefzugehen.

    Gute Besserung trotzdem. Und immer schön mit dem dritten Auge alles im Blick behalten!

  7. Rainwoman59

    Entgegen meinen ersten Befürchtungen hat es dir ja doch nicht dauerhaft die Schreibe verschlagen – das freut mich.

    Beste Genesungswünsche und viele Grüße
    Rainwoman

  8. Johannis

    @Doktor Peh:
    Ich bin seit 20 Jahren als potentieller Knochenmarksspender registriert und würde notfalls auch mal einen halben Liter Blut spenden – aber mein Hirn für die Berliner Gurkentruppe? Das wären dann doch wahrhaftig Perlen vor die Säue, oder?! Abgesehen davon wurden mir nur vereiterte Schleimhäute und gelber Rotz entnommen. Wenn Angie gelben Rotz will, braucht sie nur den Vizekanzler herbeizurufen. Oder den Außenminister. Oder den Gesundheitsminister. Oder…

    Danke für die guten Wünsche allerseits

Kommentar schreiben