Rotierender Leichnam
Geschrieben von Johannis am 27. März 2008 um 21:03 Uhr
Heut war ich zum Geburtstagskaffee eingeladen. Ländlich, Menschen meines Alters, exquisite Torten, leicht erhöhter Pädagogenanteil, alle wirklich nett. Gespräche schwappen hin und her, man ist sich herzlich zugetan, raucht nicht und bringt dem Geburtstagskind ein Ständchen, sogar als Kanon.
Es mögen mich manche, an diesem grieselgrauen Nachostertag irritiert mich das ein wenig. Eine wahrhaft liebenswerte Frau hat mal was auf meinem Blog gelesen, hat ihr aber nicht gefallen. Ein Segen. Zu persönlich. Okay. Über irgendwas hat sie sich sogar geärgert, dann aber zuwenig Mut gehabt, um einen passenden Kommentar zu schreiben. Versteh ich. Sie kommt aber zu meiner nächsten Lesung. Schön.
Auf meine Erklärung, dass der Blog halt eins von mehreren Ventilen ist, und ich dort hier vorwiegend jenes Zeug verbrate, das in Lyrik, Kurzgeschichten oder Roman nicht viel zu suchen hat, bemerkt sie: „Aber das klingt irgendwie alles so desillusioniert und frustriert.“
Einspruch, Euer Ehren! Wohlwahr, der Illusionen beraubt bin ich, sie sind mir davongeschwommen wie Felle, über die Wupper gegangen, verreckt, vom Winde verweht, samt heißem Bade mit dem Kind in den Brunnen gekippt worden. Und Deckel drauf. Jedoch nicht Ohnmacht oder Enttäuschung lassen mich hier immer wieder und selten gefällig die Fresse aufreißen, sondern stinknormaler Zorn. Das ist natürlich unpopulär, weil, bringt doch nix, schadet man sich doch nur selbst mit. Et is wie et is, woll? Un et is no’ immer joht jejange. Wie der Kölner sagt. Wer’s glaubt!
Ich wünsche mir manchmal euch mit meiner Wut anzustecken, will euch um den Schlaf und in Rage bringen, unwiderruflich aufstacheln. Einer meinte heute, man müsste eine subversive Kooperative gründen. Zuviel Torte. Lasst uns burmesische Mönche werden.
In meiner Küche hängt, kummervoll vergilbt, eine Karikatur vom seit zweieinhalb Jahren toten F. K. Waechter (die ich am 02.04.08 mit dieser täuschend ähnlichen Arbeit nach dem Original ersetzt habe, um Stress mit Anwälten zu vermeiden). Ich bin sicher, an manchen Tagen könnte man seinen heftig rotierenden Leichnam problemlos zur Stromerzeugung einsetzen, eine mittlere Kleinstadt, schätz’ ich mal. Warum schreit und randaliert ihr eigentlich nicht?




Hallo Johannis,
stinknormaler Zorn über all die täglich Verhungernden, die in Staatsknästen Gefolterten und Isolierten, die in Grossbetrieben gnadenlos Ausgebeuteten, die grinsenden und händeschüttelden Staats-männer plus -frau der G 8 Staaten, die rapide dahinschmelzenden Gletscher des Himalaya, den zunehmenden Dreck und Lärm selbst in Kathmandu, die Brutalstchinesisierung Tibets, die schmuddeligen Migranten im Dortmunder Norden, die in 20 Jahren Hiersein null Interesse zeigten, Deutsch zu lernen…
Anlässe zu stinknormalem Zorn scheint es täglich mehr zu geben.
Aber der wirkliche Grund für Deinen Zorn liegt in Dir selbst. Die einzigen Mißstände, die Dich mit Recht zornig machen, weil Du für sie zuständig bist, bestehen in Dir. Nirgendwo sonst.
Wende Dich ihnen zu und lerne die in Dir kämpfenden Parteien kennen und lieben.
Weil ich das so sehe, bin ich weiterhin für die Gründung einer subversiven Kooperative und halte auch immer mal wieder Schreien und Randalieren für die Mittel der Wahl.
Ganz subjektiv, Joga
Lieber Joga,
das Gegenteil einer Wahrheit ist ebenfalls eine Wahrheit, auch wenn sie vielleicht sehr einfach ist. Die Innerlichkeitskeule hab ich selbst lang genug geschwungen, sie macht Schwielen und mit ihr trifft niemand Mücken. Bevor man Elefanten draus machen konnte, meine ich. Brauchst mir erstmal keinen Platz in der Kooperative zu reservieren, ich wüte bis auf Weiteres lieber allein.
Herzlichst, Johannis
Johannis, Du hast ein recht eigenartiges Frauenbild. So schreibst Du gleich zu Beginn Deines Beitrags mit einem süffisanten Unterton:
“Heut war ich zum Geburtstagskaffee eingeladen. Ländlich, Menschen meines Alters, exquisite Torten…”
Bei diesem machohaften Auftreten wunderst Du Dich allen Ernstes, dass Frauen mit Deinen Blogbeiträgen ihre Schwierigkeiten haben? Ich mich nicht…
Trotzdem viele Grüße
Sybille
Liebe Sybille,
anders als du vermutest, wundere ich mich nur recht selten, sondern betreibe eher eine Art von selbst/weltironisch-halbblindes Eulenspiegeltum. Und nutze diesen Space, um Dinge in einer Weise aus/einzudrücken, die in Kurzgeschichten, Gedichten und Büchern wenig angebracht wäre. Ob das klug ist, wird sich zeigen, Zweifel sind sicher angebracht. Aber, wie du garantiert weißt, ist es für Autoren immer noch besser gehasst, als einfach nur ignoriert zu werden.
Herzliche Grüße, Johannis
Sybille, mit Deinen dauernden Unterstellungen machst Du anscheinend neuerdings nicht nur mir das Leben schwer…
Mit dem von Johannis verwendeten Wort “Torte” (von italienisch torta, aus dem spätlateinischen tōrta, „rundes Brot“, „Brotgebäck“) ist ein feiner, aus mehreren horizontalen Schichten bestehender Kuchen gemeint, der nach dem Backen des Teigs mit Creme und/oder Früchten gefüllt und anschließend verziert wird.
Wenn Johannis nun also von diesem Geburtstagskaffee mit Torten berichtet, zeugt dies weder von einem seltsamen Frauenbild noch kann man ihm Machotum unterstellen. Zieh also nicht durch fremde Blogs und belästige frei schaffende Autoren…
Und jetzt ab in die Küche, ich warte eine geschlagene halbe Stunde auf mein Frühstück!
Lorenz
Endlich mal verstanden werden, wie gut das tut!!!
Ilona verwöhnte ihre Freunde und somit auch mich mit insgesamt fünf der von Lorenz goldrichtig als Rundbackwerken indentifizierten Kreationen, wenn ich mich korrekt erinnere gab’s eine wunderbare Apfelsahne-, eine Walnuss-, eine Karamell-Birnen-, eine mit Marzipan belegte Champagnercreme-nebst-innenliegenden-Himbeeren- und eine weiß-ich-jetzt-leider-doch-nicht-mehr-so-genau-Torte. War aber alles saulecker. Die anwesenden Damen auch.
Guten Hunger, Lorenz
PS: Schlag sie nicht, sondern ihr höchstens vor, Blogtexte ruhig mal bis zum Ende zu lesen. Es kommt doch später noch ein Verweis auf Torte, der frei jeglicher misogyner Konnotationen ist. Subersive Grüße an euch zwei!
Hachgottchen, wie peinlich!
Man sollte doch grundsätzlich erstmal die IP-Adressen kontrollieren, bevor man auf Kommentare antwortet. Sybille lacht sich in sämtliche verfügbaren Fäustchen, weil ich natürlich – ganz Mann und eigentlich sogar Frauenversteher – voll die Defensivbreitseite abgefeuert habe.
So ging das damals schon immer mit meiner Ex, für die war es auch der innere
ReichsparteitagInternationale Frauentag, wenn sie mich mal wieder verarschtäppelt hatte, und Johannis=Merknix.Zur Strafe werde ich jetzt den Vorschlag von Andra, der liebreizenden Bedienung in der Videothek meiner Wahl (ich schwöre, ich war noch nie im Keller, wo all die versauten Schmuddelfilme stehen, echt nich!) befolgen, und einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Erklärzwang beitreten.