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Republik der Neinsager

Geschrieben von Johannis am 8. Oktober 2010 um 09:34 Uhr

Das Leben ist kein Ponyhof und auch kein Picknick, soviel ist bekannt. Was ist es dann, vielleicht ein Bahnhof? Womöglich gar der bereits teilweise abgerissene Kopfbahnhof einer süddeutschen Großstadt, die es in puncto Langeweile und Farblosigkeit nur mit Hannover aufnehmen kann? Leben in Stuttgart etwa die Gallier Germaniens, ist die Deutsche Bahn das Römische Reich? Was passiert in diesen Wochen in Deutschland und warum?

Fangen wir mit der seltsamen Bahnhofsgeschichte an. Volle 18 Jahre nach Beginn der Planungen und zu einem Zeitpunkt, wo Teile des alten Gebäudes bereits demoliert und die ersten Bäume gefällt sind, steigern sich die Schwaben in einen bemerkenswerten Protestrausch, um einen unterirdischen Neubau zu verhindern. Gut, vom Timing läuft das ein bisschen, als würde eine besorgte Elterngruppe mit Holz und Gitterdraht einen Brunnenschacht abdecken, nachdem bereits die komplette zwölfköpfige Krabbelgruppe hineingestürzt ist. Demonstranten ketten sich an und werden losgekettet, sie machen Lärm und die Polizei macht ihnen Beine, mit Knüppelschlag, Pfefferspray und Wasserwerfern. Einige Polizisten verdreschen das Volk nach Herzenslust, Schüler und Senioren gehen zu Boden, die Empörung schlägt hohe Wellen. Unschöne Bilder, die man bei YouTube sehen kann (ab 18, Anmeldepflicht), welche aber in der jahrzehntelangen deutschen Geschichte von Demos und Widerstand nichts Besonderes sind. Da hab ich schon Schlimmeres erlebt. Es wollen eben nicht alle Jungs Lokomotivführer werden, mancher wird Polizist, weil er für Law and Order und gegen alternative Spinner ist, weil er gern mal feste draufhaut und nicht etwa als Masseur in einer ayurvedischen Wellnessoase arbeiten möchte.

In Stuttgart geht es um Law and Order, um gültige Verträge und deren Einhaltung. Auch wenn das Bahnhofsprojekt offenbar sauteuer wird und verkehrspolitisch fragwürdig ist – formal ist die Sache wasserdicht, beschlossen und verkündet, endgültig. Basta. Und mit diesem Lieblingswort eines früheren Kanzlers schlage ich den Bogen nach Berlin, denn eigentlich geht es in Stuttgart nur scheinbar um den Bahnhof. Der Protest gilt nicht einem besonders unsinnigen oder exorbitant verschwenderischen Projekt, da gäbe es bundesweit reichlich Auswahl und schlimmere Beispiele. Nein, es ist Widerstand gegen die zunehmende Instinktlosigkeit der Politik an sich, und wachsender Unmut, weil die Menschen sich ständig neuen Veränderungen ausgesetzt fühlen, die sie nicht beeinflussen können. Die Stuttgarter Proteste sind zumindest teilweise der Ausdruck von Ohnmacht und Angst, außerdem zeigen sie die Lust der kleinen Leute an Macht, am Neinsagen. Wir wissen oftmals nicht, was auf uns zukommt, wissen auch nicht, wie sinnvolle Veränderung aussehen könnte, also sagen wir Nein. Das ist menschlich und längst nicht so schwer, wie konstruktiv zu kritisieren oder gar konkrete Alternativlösungen vorzuschlagen.

Es geschieht überall, Tag für Tag ertönt das kollektive Nein. Egal ob gegen offenkundig fragwürdige Projekte, wie die weitere Erkundung des Gorlebener Salzstocks, oder gegen wirklich sinnvolle und zukunftsweisende, wie den Bau eines Pumpspeicherkraftwerks auf einem unbedeutenden Hügel im Südschwarzwald, immer finden sich Neinsager. Eine Biogasanlage im ländlichen Brockdorf, neue Hochspannungsleitungen zum Transport von Strom aus dem windigen Norden in den industriereichen Süden, oder der Verkauf von Bauland zur Finanzierung der neuen Sportstätten in Monheim – schnell finden sich empörte Bürger zusammen, gründen eine Initiative und versuchen das Projekt zu verhindern. Dabei geht es manchmal recht schizophren zu, denn besorgte Grüne boykottieren grüne Projekte, aufrechte Atomkraftgegner sorgen mit Einsprüchen gegen die so genannten Stromautobahnen ungewollt dafür, dass Windkraft nicht ausgebaut wird und Kernenergie floriert.

Beim Ausdruck von berechtigtem und unberechtigtem Bürgerunmut geht es vielfach um Egoismus, um das NIMBY-Syndrom. Not in my backyard – macht es irgendwo, aber nicht in meiner Nachbarschaft! Das gilt für Windräder genauso wie für Atommülllager. Aber auf der Metaebene, unterhalb von berechtigten und unberechtigten Bürgerinteressen, ist Furcht zu spüren, eine diffuse Angst vor der Zukunft. Es geht eben nicht um die Biogasanlage des Großbauern oder irgendeine Hügelkuppe irgendwo im Schwarzwald, es geht um eine zunehmend unkalkulierbare Zukunft, um Klimawandel, Artensterben, Poleisschmelze. Wir fürchten uns vor dem was kommt, klammern uns ans Altvertraute, wollen den Wandel verhindern, weil er uns existenziell bedroht. Das Leben ist kein Ponyhof – es ist ein Bahnhof, in dem Züge kollidieren, Tankwagen explodieren und Menschen sterben. Es ist unberechenbar, gefährlich wie eine stockfinstere Nacht im tropischen Urwald, und wir wissen, dass wir trotz allen technischen Fortschritts im Grunde schutzlos sind. Deshalb protestieren wir und stemmen uns gegen eine bedrohliche Zukunft, aber das wird uns nicht helfen.

Selbst wenn mit Heiner Geißlers Hilfe, und der Mann ist um diesen undankbaren Job nicht zu beneiden, die Stuttgarter Bahnhofskuh vom brüchigen Eis geholt werden kann, werden die Proteste weitergehen, da bin ich sicher. Dann eben in Gorleben oder sonstwo. Warum machen wir nicht einen bundesweiten Generalstreik, gegen die verantwortungslosen Beschöniger in Berlin, gegen neoliberale Idiotie und den profitgeilen Ausverkauf unserer Zukunft. Eigentlich könnte man gleich weltweit streiken, denn der Wahnsinn betrifft uns alle.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

7 Kommentare zu “Republik der Neinsager”

  1. Lilo

    Vielleicht entwickelst Du beim Anschauen dieser Bilder http://del.yks.org/ so etwas wie Achtung oder Respekt vor den unbeugsamen Aktivisten, die ihre Gesundheit und ihr Leben auch für Leute wie DICH aufs spiel setzen. In einem Schlossgarten, in dem der Boden für immer mit den Tränen und Bluttropfen unzähliger unschuldiger Opfer eines unbarmherzigen Polizeistaates getränkt ist!!!

  2. Johannis

    @Lilo:
    Nein, es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich nach dem Betrachten des verlinkten Videos (ich schenk’s mir) den gewünschten Respekt vor unbeugsamen Aktivisten entwickele, die im mit Blut und Tränen getränkten Schlossgarten Gesundheit und Leben für Leute wie mich aufs Spiel setzen. Falls dieser Kommentar nicht mal wieder einer der üblich-geschmacklosen Scherze aus den Reihen meiner hyperkomischen Stammleserschaft ist (Grüße nach Plön), entwickele ich höchstens Mitgefühl für Menschen wie dich, vulgo Piraten genannt, die sich einer an Schwülstigkeit kaum noch zu überbietenden Blut&Boden-Rhetorik bedienen, welche mich unangenehm an Stalin und Mao erinnert. Friede ihre Asche und dir die Fähigkeit, deine tränenverschmierte Ideologiebrille abzusetzen und den Beitrag nochmals zu lesen. Vielleicht verstehst du dann, was ich sagen wollte.

  3. Lilo

    Du lehnst es ab den von mir genannten link anzuschaun (ist übrigens gar kein video), aber ich soll mir deinen beitrag gleich nochmal durchlesen. Das ist keine basis für ne konstruktive diskussion, glaube ich, von deinen Beleidigungen mal ganz abgesehen!!

  4. Johannis

    @Lilo:
    Ich hab dir jetzt den Gefallen getan und mir die wahrlich schockierenden Bilder angeschaut. Du bist die Jungblondine mit dem grauen Plaid und den Dackelbabyblick, vierte Reihe von oben Mitte, stimmt’s? Im Übrigen ist mir durchaus bewusst, dass du weder Lilo heißt noch noch Piratenbraut bist. Nur den Lesern zuliebe bin ich auf deine Schmähungen eingegangen, lieber Lorenz von Sheng Fui.

    PS: Aber ich muss ja wohl froh sein, wenn überhaupt jemand diesen Artikel kommentiert. Dabei war es der meistgelesene Beitrag seit Anbeginn vor 3 Jahren. Vielleicht bedeutet die mangelnde Resonanz aber auch, dass die Leser dem nichts mehr hinzufügen konnten oder wollten. Ernsthaftes meine ich, liebe Lilo. Und nochmals besten Dank für die getwitterte Leseempfehlung, Lorenz.

  5. Meinungsmontag

    [...] interessante und modernsierungstheoretisch logische Begründung liefert der Blog vom Perlenschwein: “Die Stuttgarter Proteste sind zumindest teilweise der Ausdruck von Ohnmacht und Angst, [...]

  6. Ein Schuh für Schäuble » Kurz verlinkt |

    [...] http://www.kassandrus.de/blog/republik-der-neinsager [...]

  7. Himmelhoch

    Berlin und seine fragwürdigen Proteste gutbetuchter Zehlendorfer gegen Fluglärm ist auch so ein Beispiel für “Neinsager”, “Bürgerproteste” oder ähnliches. “Jeder will fliegen, aber keiner will Flugrouten über seinem Haus.”

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