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Mäusekaiserschnitt

Geschrieben von Johannis am 5. September 2013 um 09:44 Uhr

Die Schwangerschaft einer Elefantenkuh kann bis zu zwei Jahre dauern, beim riesigen Pottwal kommt schon nach elf Monaten der Moment, wo das Ungeborene in jene salzigen Fluten hinausschwimmt, die zukünftig seine Welt bedeuten werden. Über die Tragzeit von Bergen ist wenig bekannt, überhaupt scheint deren Vermehrung eher rätselhaft. Wenn ein Berg schon mal kreißt (und nicht etwa kreist), dann gebiert er üblicherweise eine graue Maus. Gut – farblich gibt es gewisse Ähnlichkeiten, aber ansonsten bringt man Mäuse doch wohl eher mit Elefanten in Verbindung, die angeblich Angst vor kleinen Nagetieren haben. Von wegen Rüssel raufkriechen und so.

Wird das heute eine Biologiestunde oder finde ich den Faden noch, wollt ihr wissen? Also, um Tiere soll es heute nur am Rande gehen, sondern vor allem um Sinn, Unsinn und Moral. Das Zitat über die seltsame Schwangerschaft von Bergen stammt übrigens aus der Ars poetica des Dichters Horaz (65 bis 8 v. Chr.), wo es in Vers 139 heißt: „Es kreißen die Berge, zur Welt kommt nur ein lächerliches Mäuschen” (lateinisch: Parturient montes, nascetur ridiculus mus). Und auch wenn der gute Horaz bereits seit 2021 Jahren unter dem römischen Rasen liegt, ist sein Spruch gerade in diesen Tagen aktueller denn je. Schließlich war die letzte Woche von hektischem Säbelrasseln und dröhnendem Trommelwirbel erfüllt, gigantische panzergraue (nein, nicht mausgraue) Kriegsschiffe durchpflügten die Wellen des Mittelmeers in östlicher Richtung, und CNN zeigte Computer-Animationen mit Marschflugkörpern, die von Schiffen abgeschossen punktgenau Ziele in Syrien zerstören. Selbstverständlich ohne Kollateralschäden, denn die Koalition der Willigen will schließlich nur den Despoten Assad bestrafen, vergießt dabei aber selbstverständlich kein Blut. Zumindest nicht das Blut Unschuldiger.

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es jetzt so aus, dass die Engländer nicht mitmachen, die Franzosen unentschlossen rumeiern und der amerikanische Kongress dem Präsidenten wahrscheinlich Hand- und Maulschellen angelegt. Much ado about nothing würde Shakespeare sagen, viel Lärm um nichts. Und – soll man sich jetzt freuen oder enttäuscht sein? Nach allen vorliegenden Informationen hat der ebenso brutale wie irrsinnige Diktator tatsächlich Giftgas gegen sein Volk eingesetzt, ein paar Raketen, abgefeuert durch die Vierte Division direkt auf zwei von den Rebellen besetzte Stadtteile. Dabei sind viele Menschen zu Tode gekommen, die Zahlen schwanken zwischen 300 und 1400. Bis die Untersuchungsergebnisse der UN-Mission vorliegen, wird es wohl noch eine Weile dauern – Zeit genug, damit Obamas peinlicher Gesichtsverlust halbwegs in Vergessenheit gerät oder er doch noch eigenmächtig Tod und Verderben vom Himmel regnen lassen kann, als symbolische Strafaktion und Beweis, dass die USA immer noch eine Supermacht sind .

Die von Zerstörern und Fregatten im Mittelmeer abgefeuerten Marschflugkörper träfen dann, genauso wie die Bomben der auf Zypern gestarteten US-Kampfflugzeugen, ein Land, in dem seit zweieinhalb Jahren Bürgerkrieg herrscht. Rund 7 Millionen Menschen – das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung – sind auf der Flucht oder haben Syrien bereits verlassen. Die humanitäre Lage dort ist grauenhaft, aber auch in den Flüchtlingslagern im Libanon, der Türkei oder anderswo ist ein menschenwürdiges Dasein kaum möglich. Und nun faseln die Obamas, Hollandes, Erdoğans, Westerwelles und Camerons dieser Welt von roten Linien, die endgültig überschritten sind, von unsagbar grässlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von zwingend notwendigen Strafaktionen. Wenn diese Marionetten auf der Bühne der Weltpolitik, diese aufgeblähten Scheinriesen im Flachland des internationalen Interessengerangels, auch nur erbsengroße Eier in der Hose hätten und sich wirklich moralisch verantwortlich fühlen würden, dann hätten sie schon im vorletzten Jahr eine Flugverbotszone über Syrien verhängt. Zum Schutz der Zivilbevölkerung und um jenen Rebellen zu helfen, die Demokratie statt Gottesstaat wollen. Oder sie hätten Assad mit ein paar gezielten Raketen getötet, meinetwegen auch von ferngelenkten Drohnen aus. Aber dazu hatte bisher niemand den Mut, wahrscheinlich auch, weil es sich mangels größerer syrischer Ölvorkommen finanziell nicht lohnt.

Also wartete man ab, kommentierte vierteljährlich die nach oben korrigierten Opferzahlen mit zynischem Beileid, und schaute zu, wie Russland, die Türkei, Kuwait, der Iran und diverse Waffenhändler sowohl das syrische Regime als auch die inzwischen vollkommen zerstrittene Bewegung der Aufständischen mit Geld, Munition und neuen Waffen versorgte. Mittlerweile kämpfen religiöse Fanatiker gegen Terroristen aus dem Umfeld der al-Quaida, kämpfen gemäßigte Kräfte gegen die syrische Armee, kämpft dort eigentlich jeder gegen jeden. Mindestens 100.000 Todesopfer forderte dieses sinnlose Blutvergießen bereits, dazu wurden unzählige Menschen an Leib und Seele verstümmelt. Bedauerndes Schulterzucken allerseits. Dann detonierten die Giftgasgranaten und plötzlich herrscht große Aufregung. Seltsam, finde ich, und auch verlogen. Wo bitte – wenn man von den Genfer Konventionen absieht – liegt denn eigentlich der Unterschied, ob man 1000 Menschen mit Knüppeln totschlägt, sie mit Gift oder Autoabgasen (wie es die Nazis anfänglich taten) umbringt, ihre Körper mit Gewehrkugeln, Bomben oder Landminen zerfetzt, sie mit Napalm oder Phosphorbomben verbrennt oder wie in Ruanda mit rostigen Macheten zerhackt? Tausend Männer, Frauen und Kinder sind tot, schnell oder langsam gestorben, unter mehr oder weniger großen Qualen abgekratzt, ihre erkaltenden Körper mit Blut, Urin, Erbrochenem und Kot beschmiert. Detonierende Cruise Missiles und Tomahawk-Raketen machen sie nicht wieder lebendig.

Warum erinnert sich eine Weltgemeinschaft, die zweieinhalb Jahre lang ungerührt zuschaute, wie Assad Krieg gegen das syrische Volk führte, nun plötzlich an ihre moralische Verpflichtung zum Einschreiten? Lasst uns doch weiter untätig zuschauen, lasst uns wie bisher lamentieren, wenn Russen oder Chinesen jede halbwegs sinnvolle UN-Resolution durch Vetos verhindern. Lasst uns weiter Waffen verkaufen und gleichzeitig Spenden für Zelte und Notfallrationen sammeln, damit Flüchtlinge und Verletzte noch eine Weile durchhalten, bevor sie krepieren und wir uns ihr Sterben als verwackelte YouTube-Videos anschauen können. Seien wir doch wenigstens ehrlich und geben zu, dass Syrien uns einen Scheißdreck interessiert. Schließlich sind bald Bundestagswahlen. Mutti sagt, uns ging es nie besser. Seehofer fordert eine Autobahnmaut für Ausländer. Die FDP schwört, dass sie den Solidarbeitrag abschaffen will, damit wir alle mehr Geld in der Tasche haben. Und Steinbrück, der nicht Kanzler wird, verspricht uns einen Mindestlohn von 8,50 € brutto. Halleluja, Hosianna und Frohlocket!

Vor fünf Jahren hatte ich Freudentränen in den Augen, als Barack Obama die Präsidentschaftswahl gewann. Ich halte ihn nach wie vor für einen klugen, sensiblen und sympathischen Mann, aber heute erinnert nur noch wenig an den siegreichen Kandidaten vom 4. November 2008. Wahrscheinlich verändert das perverse System politischer Macht die Menschen genauso wie das Big Business. Offenbar kann man daraus ebenso wenig unbeschadet hervorgehen, wie eine neunzehnjährige naive Ukrainerin, die von Menschenhändlern mit dem Versprechen auf einen anständigen Job in der Altenpflege nach Deutschland gelockt wird und dann Tag für Tag in einem Flatrate-Puff geile alte (und junge) Säcke bedienen muss. Ein total krankes System macht jeden krank, deshalb wählen Banker und Versicherungsmanager den Freitod, deshalb arbeiten sich Praktikanten zu Tode.

Verpasst den Vereinten Nationen, diesem auf Drängen der Supermächte bewusst zahnlosen Tiger, endlich dritte Zähne, damit er nicht nur mit dem Schwanz wedelt, sondern auch zubeißen kann! Schafft das Vetorecht für Amis, Briten, Chinesen, Russen und Franzosen ab, es ist über 60 Jahre alt und ein völlig überflüssiges Relikt aus der Nachkriegszeit! Entweder wir haben eine demokratische Versammlung ALLER! Nationen dieser Welt, die dann auch verbindliche Beschlüsse fassen und völkermordende Diktatoren stoppen kann, oder es bleibt bei dieser verlogenen und extrem teuren weltpolitischen Alibiveranstaltung. Für die manfrau sich ständig schämen muss und die manfrau konsequenterweise abschaffen sollte.

So leid es mir für die Syrer und ihr geschundenes Land tut – ich hoffe, dass es keine Strafaktion gegen Assad geben wird. Drei Tage Bomben und Raketen auf ein paar strategische Ziele, das wäre nicht mehr als eine verlogene Geste, eine militärische  Übersprungshandlung. Nur der moralische Zeigefinger, erhoben von jemand, dessen Glaubwürdigkeit längst ruiniert ist, eine erbärmliche Farce. Ruft die Kriegsschiffe zurück und lasst den Berg weiter kreißen, es liegt nur eine Scheinschwangerschaft vor. Dann wird Obama zumindest nicht als auferstandener George W. Bush in die Geschichtsbücher eingehen, sondern nur als lame duck. Und mit der lahmen Ente schließt sich der Kreis thematisch, sind wir wieder im Tierreich angekommen und für heute am Ende.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Der perverse Imperativ

Geschrieben von Johannis am 21. August 2013 um 08:53 Uhr

Bück dich, du Sau! Leck mir die Stiefel, Dreckskerl. Da, nimm das, und den auch noch – ich will dich winseln hören! Der Imperativ, vulgärsprachlich auch als Befehlsform bekannt, ist im Domina-Business unverzichtbar. Dort zahlt der Kunde gutes Geld dafür, dass er anständig rumkommandiert, ordentlich erniedrigt und fachkundig ausgepeitscht wird. Ein ehrenwertes Gewerbe, dessen Betreiberinnen brav Steuern und Sozialversicherungsabgaben zahlen wie Briefträger, Bäcker und Banker. Ooops, verzeiht mir bitte, dass ich versehentlich Banker und ehrenwertes Gewerbe in einem Satz genannt habe. Selbstverständlich besteht kein logischer Zusammenhang.

So, nachdem der anständige Imperativ geklärt ist, kommt nun der perverse Imperativ. Er hat sich in den letzten Jahren wie ein Virus verbreitet und ist mittlerweile aus dem kommunikativen Alltag kaum noch wegzudenken. An dieser Stelle wäre ein grübel oder sorgenvolldiestirnrunzel angebracht, idealerweise mit * vorn und hinten. Nein, kein lächel oder zwinker, denn das Lächeln ist mir vergangen. Die Imperativperversionen wuchern im Körper der deutschen Sprache wie Krebsgeschwüre und breiten sich metastasenartig aus. Unser wundervoll erhabenes Idiom der Dichter und Denker klingt mittlerweile oft wie das idiotische Brabbeln eines grenzdebilen Alten, der im hinten offenen Krankenhaushemdchen fröhlich vor sich hinsabbert. Kurz bevor Pfötchenstellung, Schnappatmung und schließlich die Leichenstarre eintreten. Wahrscheinlich ist der Tod der Hochsprache nicht mehr zu verhindern, aber trotzdem rate ich dringend zur verbalen Chemotherapie. Und hänge mit diesem Text sozusagen schon mal die erste Infusionsflasche an den Tropf.

Man könnte der Technik die Schuld zuschieben, denn der perverse Imperativ verbreitete sich zuerst über Kurznachrichten, vulgo SMS genannt, und dann über die so genannten sozialen Netzwerke. Aber das wäre zu einfach, denn es ist schließlich der Mensch, der jene Technik nutzt. Und dieser Mensch, insbesondere der deutsche, ist offenbar besonders anfällig für Perverses. Liegt es an unserer braunen Vergangenheit, am geliebten Kommandoton des tausendjährigen Reichs, das bekanntlich nur von 1933 bis 1945 bestand? War heil Hitler bereits ein verkürzter und letztlich zum Scheitern verurteilter Imperativ, weil Adolf unheilbar krank war? Gut – heile Herrn Hitler, gleichzeitig aus zehntausend Nazikehlen donnernd, hätte irgendwie komisch geklungen. Ein bisschen nach heile, heile Gänschen, aber nicht nach größter Führer aller Zeiten.

Zurück zur Technik. Nachdem kryptische Akronyme wie lol und rofl aus der Mode kamen, verbreiteten sich die Imperativperversionen. Schneller als die Schweinegrippe, gegen die manfrau sich wenigsten impfen lassen konnte. *Bambiaugen mach* finde ich ja – wenn es die Liebste simst, um ihren Lover zu becircen – noch halbwegs kreativ, aber vieles ist schlicht und ergreifend verbaler Kernschrott. traurig kuck, sabber, grins oder zwinkergrins sind nur die Spitze des cyberdeutschen Eisbergs, dessentwegen die Ozeane unserer Muttersprache unkontrolliert ansteigen, alle Dämme durchbrechen und die vermeintlich sichere Heimat überfluten. denk, hüpf, strahl, freu, schweig lauten einige der verfluchten Inflektive (zu recht auch als Erikative verspottet), die sensiblen Menschen mit Sprachgefühl heute überall in Ohren und Augen stechen. extremtraurigkuck, kopfanwandknall, hirnüberallhinverspritz, händeweiseschmerztablettenfress!!!

Neulich bekam ich eine E-Mail, was an sich nicht besonders aufregend ist, so was passiert schon mal. Absender war eine Frau mittleren Alters, Mutter zweier Schulkinder und im Besitz des Abiturzeugnisses. Wir hatten uns bei einer Gelegenheit kennen gelernt, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Romantisches Interesse führte in Zusammenhang mit der Kenntnis meines Vornamens dazu, dass Google ihr den Weg zu dieser Webseite wies. Hier fand sie die notwendige E-Mail-Adresse und schickte mir folgende Botschaft: mal dir ein Hallo sende Gruß Annette. Sieben Worte, die nicht nur durch die unkonventionelle grammatikalische Anordnung und das Fehlen jeglicher Satzzeichen bewirkten, dass ich nicht antwortete und ihr romantisches Interesse an meiner Person inzwischen hoffentlich abgeklungen ist. Es beruhte eh nicht auf Gegenseitigkeit.

mal dir ein Hallo sende – wie bescheuert ist das denn? Geht’s noch? augenverdreh und händeüberdemkopfzusammenschlag! An dieser Stelle möchte ich meinem 85-jährigen Vater danken, der seinen drei Kindern nicht nur das Glotzen von Werbesendung im Fernsehen verbot, sondern auch dafür sorgte, dass wir unser Taschengeld nicht für Comic-Hefte ausgaben. Raschel, dröhn, seufz, glucker, schnüffel, murmel – das ist die  vermaledeite Saat, aus der alsbald die Erikative keimten. Kotz. Wo ist sie nur hin, die gute alte Zeit? Schnief!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Rambo rides ’n’ rules

Geschrieben von Johannis am 13. August 2013 um 08:36 Uhr

Supermächte sind wie Superhelden. Sie platzen vor Wichtigkeit fast aus dem Anzug und wirken unecht. Aufgeblasen und irgendwie albern. Unglaubwürdig ihr pompöses Gehabe beim selbstlosen Kampf gegen das ewige Böse. Superhelden scheuen keinerlei Gefahr. Sie retten, bergen, löschen und bringen jeden Bösewicht zur Strecke, und bleiben trotz ihrer übernatürlichen Kräfte bescheiden und liebenswert. Dann kommt der Abspann. Manfrau fegt Popcornreste vom Schoß und verlässt das Kino oder nimmt die DVD aus dem Player. Welcome back to the real world, wo es keine Superhelden gibt. Und eigentlich auch keine Supermächte – nur noch Staaten, die sich irrtümlich für Batman, Hulk oder Spiderwoman halten.

Ich mag die Amis nicht, und das aus guten Gründen. Anders als viele Zeitgenossen, die antiamerikanische Vorteile hegen und pflegen, Land und Leute aber nur aus den Medien kennen, war ich dort. Mehrfach. Insgesamt verbrachte ich vier Monate in den Vereinigten Staaten und bereiste sie von Texas bis New Jersey, von der Atlantikküste bis zur mexikanischen Grenze, von New York bis Los Angeles. In einem klapperigen Kombi, der mir oft auch als Schlafstatt diente. Und obwohl dort sympathische und äußerst aufgeklärte Verwandte leben, werde ich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wohl nie wieder besuchen. Landschaftlich schön, kulturell belanglos, moralisch verkommen, übertrieben gottesfürchtig und politisch gefährlich – das ist die Essenz der USA.

Kürzlich begann dort der Prozess gegen Dschochar Zarnajew. Er soll zusammen mit seinem Bruder für Bombenattentate beim Bostoner Marathon verantwortlich sein. Zu den 30 Anklagepunkten zählt auch der Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Oh Gott, die furchtbare Massenvernichtungswaffe – ein unfassbar garstiges Monster, entstanden aus einer widernatürlichen Paarung der Hure Babylon mit dem Beelzebub. Einst erhob die verabscheuungswürdige Kreatur ihr grässliches Haupt im Irak, vielleicht erinnert ihr euch noch. Saddam Hussein besaß angeblich gaaanz viele Massenvernichtungswaffen, und deshalb musste George Bush leider, leider, leider einen Krieg beginnen, dem etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen und der drei Billionen US$ kostete. Ein sauteurer, unsinniger und ungerechter Krieg, der nun zum religiösen Bürgerkrieg der Sunniten gegen die Schiiten führt. Tragisch, wie viel sinnloses Leid eine Lüge auslösen kann. Doch jetzt, im Lichte neuer Erkenntnisse, muss die damalige Lage neu bewertet werden. Wenn bereits zwei Dampfkochtöpfe, gefüllt mit Schwarzpulver und Nägeln, als Massenvernichtungswaffen gelten – dann hat Bush die Welt gar nicht belogen, sondern der zweite Irakkrieg wurde völlig zu Recht begonnen. Vielleicht hatte Saddam Hussein keine A-, B- oder C-Waffen, um den Weltfrieden zu bedrohen, aber sicherlich ein paar D-Waffen. D wie Dampfkochtopf.

Wer die Macht hat, macht was er will. Warum auch nicht? Wo kein Kläger, da kein Richter, und Supermächte sind bekanntlich immun gegen Zweifel und kleinliche Rechtsbedenken. Die USA töten in Pakistan manchmal angebliche Terroristen und sehr oft unschuldige Zivilisten mithilfe von ferngelenkten Drohnen. Chinesische Polizisten erschießen tibetische Mönche, die den Geburtstag des Dalai Lama feiern wollten. Weltweiter Aufschrei der Empörung? Nix da, nur eine kleine Meldung. Die USA zwingen vier europäische Länder, der bolivianischen Regierungsmaschine den Überflug zu verweigern, weil sie Edward Snowden an Bord vermuten. Kackdreist, der absolute Hammer? Nöh, Business as usual. Niemand regt sich auf, zumindest keiner der amerikanischen Freunde. Putin pöbelt und poltert zwar, aber dahinter stecken berechtigte Minderwertigkeitsgefühle und eine sorgsam gepflegte Feindschaft. Der russische Macho inszeniert sich gern als testosterongetränkter Übermensch (beim Tauchen oder als findiger Hobbyarchäologe, mit Tiger, auf einer Harley, halbnackt auffem Pferd oder als Drachenflieger mit Kranichen) und hält den US-Präsidenten wahrscheinlich für eine pseudointellektuelle Schokoschwuchtel. Und Schwulsein ist in Russland erheblich schlimmer als der Besitz von Massenvernichtungswaffen. Schwule sind unter Putin genauso verhasst wie Menschenrechtler und kritische Demokraten.

Jenseits des Atlantik ist die Lage jedoch nicht viel besser. In Kalifornien traten fast 30.000 Häftlinge in den Hungerstreik, viele von ihnen sitzen seit Jahren in Einzelhaft. Das bedeutet täglich gut 22 Stunden in fensterlosen Räumen bei unablässig brennendem  Kunstlicht (reine Sicherheitsmaßnahme, nicht etwa Folter!), und zur Abwechslung dann neunzig Minuten Hofgang. Was man so Hof nennt. In vielen Hochsicherheitstrakten dürfen sich Gefangene in einem Karree von acht mal acht Meter Größe bewegen, an den Füßen gefesselt und von sechs Meter hohen Mauern umgeben. Land of the Free, Home of the Brave heißt es in der US-Nationalhymne – die Amis haben eine seltsame Definition von Freiheit und Mut. Deshalb werden dort auch wieder Frauen im Gefängnis zwangssterilisiert, eine menschenverachtende und illegale Praxis, der von 1907 bis 1981 mehr als 60.000 Menschen zum Opfer fielen. Trotz des gesetzlichen Verbotes wurden in Kalifornien weiterhin Frauen unter Zwang operiert und unfruchtbar gemacht, damit sie sich nicht vermehren und der bankrotte Staat für Sozialhilfe blechen muss.

Unser ebenso dämlicher wie verlogener Innenminister verbrachte kürzlich einige Tage in Washington, angeblich um sich über die uferlose Spitzelaffäre zu beschweren. Tatsächlich wird er sich bedankt haben, denn auch er ist ein erklärter Freund lückenloser Volksüberwachung. Und jetzt, wo Europa fleißig an einem Freihandelsabkommen mit den USA strickt, mag niemand die Stimmung trüben, das gute Geschäftsklima. Mehr Handel, mehr Export, mehr Umsatz, mehr Profit – das ist alles, was zählt. Mehr Umweltzerstörung, mehr Gift und Gentechnik, mehr Klimagase, mehr komplett überflüssige Produkte – das interessiert nicht. Und deshalb dürfen wir bald genetisch veränderte Lebensmittel, im Chlor gebadetes Hühnerfleisch oder Tiefkühl-Hamburger kaufen, bei denen das bakterienverseuchte Rinderhack erst mit Ammoniak keimfrei gemacht und der wachsbleiche Dreck dann mit Rote-Beete-Saft wieder fleischähnlich gefärbt wurde. Lecker!

Als ich vor gut 20 Jahren quer durch die USA reiste, hatten wir deutschen Weicheier uns gerade dem ersten Irak-Krieg verweigert und waren daher bei vielen Amis ziemlich unpopulär. Nationalismus ist hier seit Adolf mit Hautgout behaftet, wenn man vom krachledern-blöden Mirsanmir der Bayern absieht. In Amiland schämt sich jedoch kaum jemand für superheldenhaftig übertriebenen Nationalstolz oder jene alltäglichen Peinlichkeiten und Gräueltaten, die für Supermächte typisch sind. Es wird von früh bis spät gelogen, dass sich die Balken biegen, in Politik und Wirtschaft gleichermaßen. „We buy American, so you can too!” warb Wal-Mart 1991 lautstark für landeseigene Produkte, mit deren Kauf man die nationale Wirtschaft stärken sollte. Heute würde ich bei dem fiesen Monsterkonzern nicht mehr shoppen, aber damals hatte ich wenig Ahnung und brauchte dringend neue Trecking-Boots. Coleman hieß die Marke, anscheinend ein ehrbarer amerikanischer Name. Erst einige Wochen nach dem Kauf und drei Bundesstaaten weiter (die Stiefel waren bei einer Bachdurchquerung klitschnass geworden) fand ich das entlarvende Schildchen im Futter: Made in Vietnam.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Vom Winde verweht

Geschrieben von Johannis am 5. August 2013 um 08:55 Uhr

Spionieren ist total angesagt. Auch ich schnüffele herum und belausche meine Mitmenschen. Nein, dazu brauche ich kein Hightech, sondern nur Nase und Ohren. XKeyscore hieß letzte Woche der Aufreger, mal sehen was als Nächstes kommt. Überrascht hat mich übrigens, dass Ed Snowden tatsächlich aus dem Moskauer Flughafen raus kam. Lebend, und dazu noch in Begleitung einer attraktiven Frau. Ich hatte eine Neuauflage von Terminal erwartet, nur ohne Tom Hanks, und das Remake spielt in Krakosien. Bin jedenfalls gespannt, wann US-Geheimagenten Snowden finden, entführen und in die Heimat verschleppen. Um ihm dort ganz fair den Prozess zu machen, wie Bradley Manning. Doch zurück zu XKeyscore. Die Schnüffel-Software ist mir zu teuer, deshalb spioniere ich auf althergebrachte Art. Besonders in diesen Tagen – wenn abends überall die Fenster aufgerissen werden, um die von erbarmungsloser Sonnenglut und tropischen Saharawinden unerträglich aufgeheizten Wohnungen zumindest ein bisschen abzukühlen – ist schnüffeln und lauschen kinderleicht. Aber leider kein Spaß.

Der 42-jährige Tätowierer in der Wohnung unter mir hat sich vor einigen Monaten ein mindestens 15 Jahre jüngeres tätowiertes Mäuschen angelacht. Die hormonell euphorisierte Phase auf Wolke 7 geht offenkundig zu Ende, denn mittlerweile ist unten nur noch selten das süßliche Schaaahatz-Gesäusel zu vernehmen, stattdessen wird lautstark gestritten. Auch die Häufigkeit (und Länge) des Liebesspiels (irreführender Begriff, die beiden ficken wie die Karnickel) hat deutlich abgenommen. Nein, meine Wortwahl ist nicht etwa Neid und sexueller Missgunst geschuldet, sondern einem stinknormalem Ruhebedürfnis. Leute, deren ständig laufende Mammut-Glotze man sogar im Nachbarhaus hört (wenn nicht gerade das Wummern des Lieblings-Ballerspiels durch Ziegelwände und Betondecken dröhnt), und die täglich mit großem Behagen lange nach Mitternacht zu zweit in der Badewanne herumquietschen (fast hundertjähriges Haus ohne Lärmdämmung – Metallrohre und Wasser sind exzellente Schallleiter, daher untersagt die Hausordnung Wannenbäder nach 22 Uhr, aber wer schert sich heutzutage um eine Hausordnung?), sind mir schlicht und ergreifend lästig.

Ebenfalls lästig sind die Ausdünstungen, die von unten sowie durch offene Fenster aus Nachbarwohnungen in meine Bude ziehen. Ich bin von starken Rauchern umgeben und besonders in den schwülen, windstillen Tropennächten der letzten Tage wurde die Schnüffelei zur Qual. Thermik lässt den Mief an aufgeheizten Außenwänden nach oben steigen, furzwarme Winde wehen Qualmgestank von nebenan heran und lassen nur eine Wahl: Bei geschlossenem Fenster auf dem Laken schwitzen oder die müffelnden Ausdünstungen unsympathischer Mitmenschen zum Fenster herein und sogar in meine Träume lassen. Pest oder Cholera, das ist die Frage. Ob ich für ein striktes Rauchverbot in Mietwohnungen bin? Im Prinzip nicht, aber in diesem und den beiden angrenzenden Häusern unbedingt.

Neulich habe ich sogar die Polizei bespitzelt. Es begann wieder mit einer unfreiwilligen Lauschaktion, diesmal am Sonntagnachmittag. Ich saß am Computer und schrieb, durchs gekippte Wohnzimmerfenster drang undeutliches Gebrabbel. Vor dem Haus palaverte ein in der Nachbarschaft wohlbekanntes Alkoholikerpärchen, auf das der (meist falsch zitierte, denn es müsste geistlich heißen) Satz „Selig sind die geistig Armen“ passt wie die Faust aufs Auge. Die beiden standen unter den dort seit ein paar Tagen flatternden tibetischen Gebetsfahnen. (Vorgeschichte: Ich arbeite inzwischen Teilzeit im Laden einer tibetischen Freundin. Sie handelt mit Meditationszubehör, Buddhastatuen, Räucherstäbchen, Schmuck, Kleidung und allerlei asiatischem Schnickschnack. Von dort nahm ich vor einigen Wochen fünf an einer Schnur aufgereihte bunte Gebetsfahnen mit, die vorher zur Deko überm Ladeneingang hingen, aber im Sonnenlicht verblichen waren. Nun wirft der Buddhist solche Gegenstände – schließlich ist der Stoff mit Mantras, Buddhabildern und heiligen Symbolen bedruckt – nicht einfach weg. Könnte schlechtes Karma bringen. Deshalb und aus Rücksicht auf die Gefühle meiner Chefin hab ich die Fahnen vorm Haus zwischen Laternenpfahl und Amber-Baum in den Wind gehängt.) Ich hatte bereits einen weiteren sonntäglichen Absatz geschrieben, als seltsame Klänge mein Ohr erreichten, resolute Männerstimmen und verzerrtes Lautsprechergebrabbel.

Wissbegier trieb mich ans Fenster und ich traute meinen Augen kaum. Die dämlichen Suffköppe hatten doch tatsächlich die Polizei gerufen, und nun befassten sich zwei Beamte hochoffiziell mit harmlosen buddhistischen Reliquien. Viele Tibeter glauben, dass die aufgedruckten Gebete vom Wind fortgetragen und so durch die ganze Welt geweht werden. Gebetsfahnen sind heilig, sie verheißen Glück und Segen. Vielleicht in Dharamsala, Kathmandu oder am Fuße des Berges Kailash – hier in Dortmund sind sie offenbar ein Ärgernis und rufen prompt die Staatsmacht auf den Plan. Dreieinhalb Tage hingen die Fahnen im Wind, bevor zwei Polizisten sie in eine braune Beweismitteltüte steckten. Ich war anfangs zu perplex zum Fotografieren, und habe die Aktion daher nur in Teilen dokumentieren können. Zuerst wollte ich das Fenster aufreißen und mich mit den Worten „Hey, was ist denn los, warum nehmt ihr die Fahnen ab?“ als Gesetzesbrecher outen, aber dann siegte journalistische Neugier. Und die Feigheit.

Manchmal ist nämlich auf Gebetsfahnen das asiatische Sonnensymbol aufgedruckt, die Swastika, seit Adolf bei uns als Hitlerkreuz bekannt. Hatte ich tatsächlich Nazisymbole draußen aufgehängt? Tat ich meinen trinkfreudigen Mitmenschen Unrecht, wenn ich sie der Blödheit verdächtigte? Führte eine Mischung aus aufrechtem Bürgersinn und Unkenntnis zu dem überraschenden Polizeieinsatz? Nein, wie ich heute weiß. Im Laden meiner tibetischen Freundin gibt es wohlweislich keine Gebetsfahnen mit Swastika. Übereifer, Spießertum, Angst vor allem Fremdartigen, fanatischer Ordnungssinn und rätselhafte Gründe ließen einen Polizisten auf den Müllcontainer klettern und dort den Leatherman zücken, während sein Kollege eifrig fotografierte und der Funkverkehr aus dem Außenlautsprecher des Einsatzwagens plärrte. (Weil die Fahnen wahrscheinlich mit Milzbrand-Erregern imprägniert waren, trug der Vollstrecker vorsichtshalber Latexhandschuhe.)

Es ist mir bewusst, dass dies unbuddhistische und somit auf dem Weg zur Erleuchtung hinderliche Gedanken sind – aber ich hoffe sehr, dass beide Bullen kräftig in die Hundescheiße getreten sind. Denn die von dürrem Gras bestandenen Baumscheiben in unserer Straße dienen etlichen Hundebesitzern regelwidrig als Kotverklappungsstelle. Entsorgungsbeutel aus Plastik werden vorm Gassigang leider immer zuhause vergessen, und selbst wenn nicht – wer nimmt schon gern Hassos warme Kacke in die Hand. Offenbar darf man im öffentlichen Raum jeden Scheiß machen, aber keine Gebetsfahnen aufhängen. Werd’ ich mir merken.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Meinungen und Deinungen

Geschrieben von Johannis am 26. Juli 2013 um 09:21 Uhr

Ich hab gestreikt. Vorerst nur zur Warnung, den Generalstreik hebe ich mir für später auf. Anders als in Bulgarien – wo wütende Bürger in der Nacht zum Mittwoch das Parlament umzingelten und etwa 100 gewählte Fachleute für Vetternwirtschaft und Korruption am Heimweg hinderten – protestiere ich allein. Und leise. In Sofia kommen seit sechs Wochen jeden Tag Tausende zusammen, sie singen Spottlieder und skandieren Slogans, um die erst im Mai gewählte sozialistische Regierung zu kippen. Ob das Volk bei den eingeforderten Neuwahlen dann eine weisere Entscheidung trifft als beim letzten Mal, bleibt allerdings offen.

Ich als unbeachteter Einzelkämpfer könnte meinen Protest auf die Spitze treiben, indem ich den tibetischen Weg gehe. Öffentliche Selbstverbrennung. Extrem unangenehm, sowohl für todesmutige Akteure als auch für unbeteiligte Zuschauer. Die politische Wirkung solcher Aktionen ist fraglich, insbesondere wenn manfrau es mit der chinesischen Regierung zu tun hat, aber so ein Autodafé hat zumindest mehr Öffentlichkeitswirkung als mein stiller Protest. Wogegen ich eigentlich auf begehre, wollt ihr wissen? Schwer zu sagen. Gegen die Beliebigkeit, gegen den sinnlosen Kult um das Ego, gegen Banalität, gegen das vollautomatische Weiterso, gegen die vorgetäuschte (NSA, NSU, Euro-Hawk etc.) und die echte Ahnungslosigkeit (fast alle anderen Bereiche) unserer Regierung – keine Ahnung, wogegen genau. Ich hatte plötzlich keine Lust mehr zum Schreiben, wollte meine Stimme nicht mehr erheben, mochte die Kakophonie aus Meinungen und Deinungen nicht noch zusätzlich durch aufgeschriebenen Gedankenlärm verstärken. Wenn man nicht mehr weiter weiß, einfach mal die Fresse halten – etwas Besseres fiel mir nicht ein.

Dabei schlummern im Ordner „Stoff für Blog“ drei fast fertige Beiträge, ich hätte euch also wie gewohnt versorgen können. Aufregerthemen gäbe es auch genug, wichtige und erschreckend banale gleichermaßen. Ich könnte mich zum soundsovielten Mal über Syrien empören, über das feige und würdelose Rumgeeiere der internationalen Weltgemeinschaft und ihrer Politiker, wo fast jeder sich an Blutbäder und ständig steigende Opferzahlen gewöhnt hat und vom Schreibtisch oder heimischen Sofa aus ungerührt mit ansieht, wie ein brutaler Diktator und religiöse Fanatiker das Land in Schutt und Asche legen. Doch wem hilft das und wer will wissen, wie ich darüber denke?

Vorgestern hörte ich im Radio die Meldung, dass in Brandenburg eine dreißigköpfige Rinderherde auf rätselhafte Art und Weise verschwunden und nach Tagen wieder aufgetaucht ist. Wie das denn angehen könne, fragte der Moderator ungläubig, jedes der Jungrinder wöge doch schließlich 300 Kilo? Das entspräche dem Gewicht von vier ausgewachsenen Menschen, und er rechnete vollidiotisch 30 Paarhufer in 120 Hominiden um. Wenn 120 Leute verschwinden, das müsste doch auffallen, bramarbasierte er ungehemmt. Ob am Schluss dieser nachrichtentechnischen Nullnummer wenigstens berichtet wurde, was hinter dem mysteriösen Viehverschwinden steckte? Nöh, mit keinem Wort. Ganz alltägliche journalistisch-akustische Umweltverschmutzung, produziert von einem öffentlich-rechtlichen Sender, für den ich Gebühren zahle. Hirnloser Dreck, gegen den nur Weghören hilft.

Das Unglück bei der Duisburger Loveparade jährte sich zum dritten Mal und wurde selbstverständlich wieder medial aufgekocht, mit Blumen, Kerzen, Tränen und Betroffenheit. Junge Menschen, die (bei einem ziemlich überflüssigen und dazu wegen Verkehrschaos, Energieverschwendung, Lärm, Müll, Abgasen etc. umweltschädlichen Mammutevent) ganz unschuldig feiern wollten – 21 Todesopfer, boah, wie tragisch! Allein in diesem Jahr haben sich in Tibet ähnlich viele Mönche und junge AktivistInnen mit Benzin übergossen und angezündet, um gegen das wahrhaft tragische Unrecht aufzubegehren, das ihrem Volk seit über 50 Jahren angetan wird.

Von diesem radikalen Protest erfährt man nur am Rande, kein Vergleich zum britischen Babyboom. Wochenlang lauerten Fernsehteams vor der Klinik, wo nun der Sohn von William und Kate geboren wurde, und alle sind total aus dem Häuschen. Scenes of Madness hätten sich in London abgespielt, kreischte eine überglückliche Engländerin hysterisch ins Mikrofon der BBC. Nein, nicht sie hat das Baby zur Welt gebracht, sondern die Frau des Kronprinzen, also im Grunde eine Fremde. In Thailand kollidierte ein vollbesetzter Reisebus mit einem Zementlaster und ging in Flammen auf, mehr als 20 Menschen starben. Eine Nachricht von Bedeutung oder doch nur unbekömmliches Informations-Junkfood ohne Nährwert, das die grassierende Hirnverfettung vorantreibt? Müssen die Medien mich stündlich über die aktualisierten Opferzahlen des Zugunglücks bei Santiago de Compostela informieren, ist das ihr Auftrag? (77 waren es gestern, als ich nachmittags diesen Beitrag hochlud.)

Ich lese derzeit ein sehr interessantes Buch. Es geht darin um krankmachende geistige Prozesse, die zu einer kollektiven Fehlentwicklung geführt haben. Das Buch behandelt den Tanz um ein Goldenes Kalb namens „Ego“. All die Meinungen und Deinungen, Ichtungen und Dichtungen, die wir ständig von uns geben und abgleichen, dienen vor allem dazu, unser Ego zu füttern und immer weiter aufzublähen. Wir grenzen uns von anderen Menschen ab oder sind einer Meinung mit ihnen, wir stimmen zu oder empören uns, wir klagen und verurteilen unablässig, um eine Illusion zu nähren – die Illusion vom Ich. Ich denke, also bin ich – wer hat diesen irreführenden Satz noch nie gehört? Du bist, was du isst – bist du auch, was du denkst? Sinnlose Gedanken, hohles Zeug, schwachsinnige Vorteile, wiedergekäute Ansichten – daraus besteht die vermeintliche Identität der meisten Menschen. Auch meine.

In der ZEIT von letzter Woche war ein langer Artikel über Helden mit dem Titel Das kannst du auch! Heutzutage kann angeblich jeder zum Superstar/Supermodel/Superathleten aufsteigen, manfrau muss nur wirklich wollen. Geld, Ruhm, Sex, Drugs und Rock’n’Roll kommen dann automatisch, Dieter Bohlen, Heidi Klum und Eufemiano Fuentes sei Dank. Allerdings stellen fast alle Stars und Starlets recht bald fest, dass Ruhm vergänglich ist, und dann heißt es I can’t get no satisfaction. Außerdem lässt zu viel Rummel und Beachtung das Ego derart anschwellen, dass manfrau sich meistens kaum noch mit Nichtstars einlassen mag. Liebesbeziehungen oder Ehen zwischen zwei selbstverliebten Ichlingen scheitern aber, wie wir aus Hollywood und der Bunten wissen, noch schneller und zuverlässiger als bei uns langweiligen Normalos. Tough luck, shit happens!

Food for thought nennt der Engländer geistige Anregung. In dem Buch von Eckhart Tolle steckt viel food for thought. Es weist einen Weg zur Überwindung des Ego und zeigt dabei überraschende Parallelen zur buddhistischen Lehre, der ich herzlich zugetan bin. Ich werde es weiter lesen, langsam, Seite für Seite. Falls ich überraschenderweise erleuchtet werde und mein dummes, altes Ego ablegen kann, lasse ich es euch wissen. Und wenn nicht, merkt ihr es daran, dass ich weiter wie gehabt spotte, kritisiere und mich empöre. Drückt mir bitte die Daumen, denn ein bisschen Erleuchtung kann niemandem schaden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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