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Rambo rides ’n’ rules

Geschrieben von Johannis am 13. August 2013 um 08:36 Uhr

Supermächte sind wie Superhelden. Sie platzen vor Wichtigkeit fast aus dem Anzug und wirken unecht. Aufgeblasen und irgendwie albern. Unglaubwürdig ihr pompöses Gehabe beim selbstlosen Kampf gegen das ewige Böse. Superhelden scheuen keinerlei Gefahr. Sie retten, bergen, löschen und bringen jeden Bösewicht zur Strecke, und bleiben trotz ihrer übernatürlichen Kräfte bescheiden und liebenswert. Dann kommt der Abspann. Manfrau fegt Popcornreste vom Schoß und verlässt das Kino oder nimmt die DVD aus dem Player. Welcome back to the real world, wo es keine Superhelden gibt. Und eigentlich auch keine Supermächte – nur noch Staaten, die sich irrtümlich für Batman, Hulk oder Spiderwoman halten.

Ich mag die Amis nicht, und das aus guten Gründen. Anders als viele Zeitgenossen, die antiamerikanische Vorteile hegen und pflegen, Land und Leute aber nur aus den Medien kennen, war ich dort. Mehrfach. Insgesamt verbrachte ich vier Monate in den Vereinigten Staaten und bereiste sie von Texas bis New Jersey, von der Atlantikküste bis zur mexikanischen Grenze, von New York bis Los Angeles. In einem klapperigen Kombi, der mir oft auch als Schlafstatt diente. Und obwohl dort sympathische und äußerst aufgeklärte Verwandte leben, werde ich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wohl nie wieder besuchen. Landschaftlich schön, kulturell belanglos, moralisch verkommen, übertrieben gottesfürchtig und politisch gefährlich – das ist die Essenz der USA.

Kürzlich begann dort der Prozess gegen Dschochar Zarnajew. Er soll zusammen mit seinem Bruder für Bombenattentate beim Bostoner Marathon verantwortlich sein. Zu den 30 Anklagepunkten zählt auch der Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Oh Gott, die furchtbare Massenvernichtungswaffe – ein unfassbar garstiges Monster, entstanden aus einer widernatürlichen Paarung der Hure Babylon mit dem Beelzebub. Einst erhob die verabscheuungswürdige Kreatur ihr grässliches Haupt im Irak, vielleicht erinnert ihr euch noch. Saddam Hussein besaß angeblich gaaanz viele Massenvernichtungswaffen, und deshalb musste George Bush leider, leider, leider einen Krieg beginnen, dem etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen und der drei Billionen US$ kostete. Ein sauteurer, unsinniger und ungerechter Krieg, der nun zum religiösen Bürgerkrieg der Sunniten gegen die Schiiten führt. Tragisch, wie viel sinnloses Leid eine Lüge auslösen kann. Doch jetzt, im Lichte neuer Erkenntnisse, muss die damalige Lage neu bewertet werden. Wenn bereits zwei Dampfkochtöpfe, gefüllt mit Schwarzpulver und Nägeln, als Massenvernichtungswaffen gelten – dann hat Bush die Welt gar nicht belogen, sondern der zweite Irakkrieg wurde völlig zu Recht begonnen. Vielleicht hatte Saddam Hussein keine A-, B- oder C-Waffen, um den Weltfrieden zu bedrohen, aber sicherlich ein paar D-Waffen. D wie Dampfkochtopf.

Wer die Macht hat, macht was er will. Warum auch nicht? Wo kein Kläger, da kein Richter, und Supermächte sind bekanntlich immun gegen Zweifel und kleinliche Rechtsbedenken. Die USA töten in Pakistan manchmal angebliche Terroristen und sehr oft unschuldige Zivilisten mithilfe von ferngelenkten Drohnen. Chinesische Polizisten erschießen tibetische Mönche, die den Geburtstag des Dalai Lama feiern wollten. Weltweiter Aufschrei der Empörung? Nix da, nur eine kleine Meldung. Die USA zwingen vier europäische Länder, der bolivianischen Regierungsmaschine den Überflug zu verweigern, weil sie Edward Snowden an Bord vermuten. Kackdreist, der absolute Hammer? Nöh, Business as usual. Niemand regt sich auf, zumindest keiner der amerikanischen Freunde. Putin pöbelt und poltert zwar, aber dahinter stecken berechtigte Minderwertigkeitsgefühle und eine sorgsam gepflegte Feindschaft. Der russische Macho inszeniert sich gern als testosterongetränkter Übermensch (beim Tauchen oder als findiger Hobbyarchäologe, mit Tiger, auf einer Harley, halbnackt auffem Pferd oder als Drachenflieger mit Kranichen) und hält den US-Präsidenten wahrscheinlich für eine pseudointellektuelle Schokoschwuchtel. Und Schwulsein ist in Russland erheblich schlimmer als der Besitz von Massenvernichtungswaffen. Schwule sind unter Putin genauso verhasst wie Menschenrechtler und kritische Demokraten.

Jenseits des Atlantik ist die Lage jedoch nicht viel besser. In Kalifornien traten fast 30.000 Häftlinge in den Hungerstreik, viele von ihnen sitzen seit Jahren in Einzelhaft. Das bedeutet täglich gut 22 Stunden in fensterlosen Räumen bei unablässig brennendem  Kunstlicht (reine Sicherheitsmaßnahme, nicht etwa Folter!), und zur Abwechslung dann neunzig Minuten Hofgang. Was man so Hof nennt. In vielen Hochsicherheitstrakten dürfen sich Gefangene in einem Karree von acht mal acht Meter Größe bewegen, an den Füßen gefesselt und von sechs Meter hohen Mauern umgeben. Land of the Free, Home of the Brave heißt es in der US-Nationalhymne – die Amis haben eine seltsame Definition von Freiheit und Mut. Deshalb werden dort auch wieder Frauen im Gefängnis zwangssterilisiert, eine menschenverachtende und illegale Praxis, der von 1907 bis 1981 mehr als 60.000 Menschen zum Opfer fielen. Trotz des gesetzlichen Verbotes wurden in Kalifornien weiterhin Frauen unter Zwang operiert und unfruchtbar gemacht, damit sie sich nicht vermehren und der bankrotte Staat für Sozialhilfe blechen muss.

Unser ebenso dämlicher wie verlogener Innenminister verbrachte kürzlich einige Tage in Washington, angeblich um sich über die uferlose Spitzelaffäre zu beschweren. Tatsächlich wird er sich bedankt haben, denn auch er ist ein erklärter Freund lückenloser Volksüberwachung. Und jetzt, wo Europa fleißig an einem Freihandelsabkommen mit den USA strickt, mag niemand die Stimmung trüben, das gute Geschäftsklima. Mehr Handel, mehr Export, mehr Umsatz, mehr Profit – das ist alles, was zählt. Mehr Umweltzerstörung, mehr Gift und Gentechnik, mehr Klimagase, mehr komplett überflüssige Produkte – das interessiert nicht. Und deshalb dürfen wir bald genetisch veränderte Lebensmittel, im Chlor gebadetes Hühnerfleisch oder Tiefkühl-Hamburger kaufen, bei denen das bakterienverseuchte Rinderhack erst mit Ammoniak keimfrei gemacht und der wachsbleiche Dreck dann mit Rote-Beete-Saft wieder fleischähnlich gefärbt wurde. Lecker!

Als ich vor gut 20 Jahren quer durch die USA reiste, hatten wir deutschen Weicheier uns gerade dem ersten Irak-Krieg verweigert und waren daher bei vielen Amis ziemlich unpopulär. Nationalismus ist hier seit Adolf mit Hautgout behaftet, wenn man vom krachledern-blöden Mirsanmir der Bayern absieht. In Amiland schämt sich jedoch kaum jemand für superheldenhaftig übertriebenen Nationalstolz oder jene alltäglichen Peinlichkeiten und Gräueltaten, die für Supermächte typisch sind. Es wird von früh bis spät gelogen, dass sich die Balken biegen, in Politik und Wirtschaft gleichermaßen. „We buy American, so you can too!” warb Wal-Mart 1991 lautstark für landeseigene Produkte, mit deren Kauf man die nationale Wirtschaft stärken sollte. Heute würde ich bei dem fiesen Monsterkonzern nicht mehr shoppen, aber damals hatte ich wenig Ahnung und brauchte dringend neue Trecking-Boots. Coleman hieß die Marke, anscheinend ein ehrbarer amerikanischer Name. Erst einige Wochen nach dem Kauf und drei Bundesstaaten weiter (die Stiefel waren bei einer Bachdurchquerung klitschnass geworden) fand ich das entlarvende Schildchen im Futter: Made in Vietnam.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Vom Winde verweht

Geschrieben von Johannis am 5. August 2013 um 08:55 Uhr

Spionieren ist total angesagt. Auch ich schnüffele herum und belausche meine Mitmenschen. Nein, dazu brauche ich kein Hightech, sondern nur Nase und Ohren. XKeyscore hieß letzte Woche der Aufreger, mal sehen was als Nächstes kommt. Überrascht hat mich übrigens, dass Ed Snowden tatsächlich aus dem Moskauer Flughafen raus kam. Lebend, und dazu noch in Begleitung einer attraktiven Frau. Ich hatte eine Neuauflage von Terminal erwartet, nur ohne Tom Hanks, und das Remake spielt in Krakosien. Bin jedenfalls gespannt, wann US-Geheimagenten Snowden finden, entführen und in die Heimat verschleppen. Um ihm dort ganz fair den Prozess zu machen, wie Bradley Manning. Doch zurück zu XKeyscore. Die Schnüffel-Software ist mir zu teuer, deshalb spioniere ich auf althergebrachte Art. Besonders in diesen Tagen – wenn abends überall die Fenster aufgerissen werden, um die von erbarmungsloser Sonnenglut und tropischen Saharawinden unerträglich aufgeheizten Wohnungen zumindest ein bisschen abzukühlen – ist schnüffeln und lauschen kinderleicht. Aber leider kein Spaß.

Der 42-jährige Tätowierer in der Wohnung unter mir hat sich vor einigen Monaten ein mindestens 15 Jahre jüngeres tätowiertes Mäuschen angelacht. Die hormonell euphorisierte Phase auf Wolke 7 geht offenkundig zu Ende, denn mittlerweile ist unten nur noch selten das süßliche Schaaahatz-Gesäusel zu vernehmen, stattdessen wird lautstark gestritten. Auch die Häufigkeit (und Länge) des Liebesspiels (irreführender Begriff, die beiden ficken wie die Karnickel) hat deutlich abgenommen. Nein, meine Wortwahl ist nicht etwa Neid und sexueller Missgunst geschuldet, sondern einem stinknormalem Ruhebedürfnis. Leute, deren ständig laufende Mammut-Glotze man sogar im Nachbarhaus hört (wenn nicht gerade das Wummern des Lieblings-Ballerspiels durch Ziegelwände und Betondecken dröhnt), und die täglich mit großem Behagen lange nach Mitternacht zu zweit in der Badewanne herumquietschen (fast hundertjähriges Haus ohne Lärmdämmung – Metallrohre und Wasser sind exzellente Schallleiter, daher untersagt die Hausordnung Wannenbäder nach 22 Uhr, aber wer schert sich heutzutage um eine Hausordnung?), sind mir schlicht und ergreifend lästig.

Ebenfalls lästig sind die Ausdünstungen, die von unten sowie durch offene Fenster aus Nachbarwohnungen in meine Bude ziehen. Ich bin von starken Rauchern umgeben und besonders in den schwülen, windstillen Tropennächten der letzten Tage wurde die Schnüffelei zur Qual. Thermik lässt den Mief an aufgeheizten Außenwänden nach oben steigen, furzwarme Winde wehen Qualmgestank von nebenan heran und lassen nur eine Wahl: Bei geschlossenem Fenster auf dem Laken schwitzen oder die müffelnden Ausdünstungen unsympathischer Mitmenschen zum Fenster herein und sogar in meine Träume lassen. Pest oder Cholera, das ist die Frage. Ob ich für ein striktes Rauchverbot in Mietwohnungen bin? Im Prinzip nicht, aber in diesem und den beiden angrenzenden Häusern unbedingt.

Neulich habe ich sogar die Polizei bespitzelt. Es begann wieder mit einer unfreiwilligen Lauschaktion, diesmal am Sonntagnachmittag. Ich saß am Computer und schrieb, durchs gekippte Wohnzimmerfenster drang undeutliches Gebrabbel. Vor dem Haus palaverte ein in der Nachbarschaft wohlbekanntes Alkoholikerpärchen, auf das der (meist falsch zitierte, denn es müsste geistlich heißen) Satz „Selig sind die geistig Armen“ passt wie die Faust aufs Auge. Die beiden standen unter den dort seit ein paar Tagen flatternden tibetischen Gebetsfahnen. (Vorgeschichte: Ich arbeite inzwischen Teilzeit im Laden einer tibetischen Freundin. Sie handelt mit Meditationszubehör, Buddhastatuen, Räucherstäbchen, Schmuck, Kleidung und allerlei asiatischem Schnickschnack. Von dort nahm ich vor einigen Wochen fünf an einer Schnur aufgereihte bunte Gebetsfahnen mit, die vorher zur Deko überm Ladeneingang hingen, aber im Sonnenlicht verblichen waren. Nun wirft der Buddhist solche Gegenstände – schließlich ist der Stoff mit Mantras, Buddhabildern und heiligen Symbolen bedruckt – nicht einfach weg. Könnte schlechtes Karma bringen. Deshalb und aus Rücksicht auf die Gefühle meiner Chefin hab ich die Fahnen vorm Haus zwischen Laternenpfahl und Amber-Baum in den Wind gehängt.) Ich hatte bereits einen weiteren sonntäglichen Absatz geschrieben, als seltsame Klänge mein Ohr erreichten, resolute Männerstimmen und verzerrtes Lautsprechergebrabbel.

Wissbegier trieb mich ans Fenster und ich traute meinen Augen kaum. Die dämlichen Suffköppe hatten doch tatsächlich die Polizei gerufen, und nun befassten sich zwei Beamte hochoffiziell mit harmlosen buddhistischen Reliquien. Viele Tibeter glauben, dass die aufgedruckten Gebete vom Wind fortgetragen und so durch die ganze Welt geweht werden. Gebetsfahnen sind heilig, sie verheißen Glück und Segen. Vielleicht in Dharamsala, Kathmandu oder am Fuße des Berges Kailash – hier in Dortmund sind sie offenbar ein Ärgernis und rufen prompt die Staatsmacht auf den Plan. Dreieinhalb Tage hingen die Fahnen im Wind, bevor zwei Polizisten sie in eine braune Beweismitteltüte steckten. Ich war anfangs zu perplex zum Fotografieren, und habe die Aktion daher nur in Teilen dokumentieren können. Zuerst wollte ich das Fenster aufreißen und mich mit den Worten „Hey, was ist denn los, warum nehmt ihr die Fahnen ab?“ als Gesetzesbrecher outen, aber dann siegte journalistische Neugier. Und die Feigheit.

Manchmal ist nämlich auf Gebetsfahnen das asiatische Sonnensymbol aufgedruckt, die Swastika, seit Adolf bei uns als Hitlerkreuz bekannt. Hatte ich tatsächlich Nazisymbole draußen aufgehängt? Tat ich meinen trinkfreudigen Mitmenschen Unrecht, wenn ich sie der Blödheit verdächtigte? Führte eine Mischung aus aufrechtem Bürgersinn und Unkenntnis zu dem überraschenden Polizeieinsatz? Nein, wie ich heute weiß. Im Laden meiner tibetischen Freundin gibt es wohlweislich keine Gebetsfahnen mit Swastika. Übereifer, Spießertum, Angst vor allem Fremdartigen, fanatischer Ordnungssinn und rätselhafte Gründe ließen einen Polizisten auf den Müllcontainer klettern und dort den Leatherman zücken, während sein Kollege eifrig fotografierte und der Funkverkehr aus dem Außenlautsprecher des Einsatzwagens plärrte. (Weil die Fahnen wahrscheinlich mit Milzbrand-Erregern imprägniert waren, trug der Vollstrecker vorsichtshalber Latexhandschuhe.)

Es ist mir bewusst, dass dies unbuddhistische und somit auf dem Weg zur Erleuchtung hinderliche Gedanken sind – aber ich hoffe sehr, dass beide Bullen kräftig in die Hundescheiße getreten sind. Denn die von dürrem Gras bestandenen Baumscheiben in unserer Straße dienen etlichen Hundebesitzern regelwidrig als Kotverklappungsstelle. Entsorgungsbeutel aus Plastik werden vorm Gassigang leider immer zuhause vergessen, und selbst wenn nicht – wer nimmt schon gern Hassos warme Kacke in die Hand. Offenbar darf man im öffentlichen Raum jeden Scheiß machen, aber keine Gebetsfahnen aufhängen. Werd’ ich mir merken.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Meinungen und Deinungen

Geschrieben von Johannis am 26. Juli 2013 um 09:21 Uhr

Ich hab gestreikt. Vorerst nur zur Warnung, den Generalstreik hebe ich mir für später auf. Anders als in Bulgarien – wo wütende Bürger in der Nacht zum Mittwoch das Parlament umzingelten und etwa 100 gewählte Fachleute für Vetternwirtschaft und Korruption am Heimweg hinderten – protestiere ich allein. Und leise. In Sofia kommen seit sechs Wochen jeden Tag Tausende zusammen, sie singen Spottlieder und skandieren Slogans, um die erst im Mai gewählte sozialistische Regierung zu kippen. Ob das Volk bei den eingeforderten Neuwahlen dann eine weisere Entscheidung trifft als beim letzten Mal, bleibt allerdings offen.

Ich als unbeachteter Einzelkämpfer könnte meinen Protest auf die Spitze treiben, indem ich den tibetischen Weg gehe. Öffentliche Selbstverbrennung. Extrem unangenehm, sowohl für todesmutige Akteure als auch für unbeteiligte Zuschauer. Die politische Wirkung solcher Aktionen ist fraglich, insbesondere wenn manfrau es mit der chinesischen Regierung zu tun hat, aber so ein Autodafé hat zumindest mehr Öffentlichkeitswirkung als mein stiller Protest. Wogegen ich eigentlich auf begehre, wollt ihr wissen? Schwer zu sagen. Gegen die Beliebigkeit, gegen den sinnlosen Kult um das Ego, gegen Banalität, gegen das vollautomatische Weiterso, gegen die vorgetäuschte (NSA, NSU, Euro-Hawk etc.) und die echte Ahnungslosigkeit (fast alle anderen Bereiche) unserer Regierung – keine Ahnung, wogegen genau. Ich hatte plötzlich keine Lust mehr zum Schreiben, wollte meine Stimme nicht mehr erheben, mochte die Kakophonie aus Meinungen und Deinungen nicht noch zusätzlich durch aufgeschriebenen Gedankenlärm verstärken. Wenn man nicht mehr weiter weiß, einfach mal die Fresse halten – etwas Besseres fiel mir nicht ein.

Dabei schlummern im Ordner „Stoff für Blog“ drei fast fertige Beiträge, ich hätte euch also wie gewohnt versorgen können. Aufregerthemen gäbe es auch genug, wichtige und erschreckend banale gleichermaßen. Ich könnte mich zum soundsovielten Mal über Syrien empören, über das feige und würdelose Rumgeeiere der internationalen Weltgemeinschaft und ihrer Politiker, wo fast jeder sich an Blutbäder und ständig steigende Opferzahlen gewöhnt hat und vom Schreibtisch oder heimischen Sofa aus ungerührt mit ansieht, wie ein brutaler Diktator und religiöse Fanatiker das Land in Schutt und Asche legen. Doch wem hilft das und wer will wissen, wie ich darüber denke?

Vorgestern hörte ich im Radio die Meldung, dass in Brandenburg eine dreißigköpfige Rinderherde auf rätselhafte Art und Weise verschwunden und nach Tagen wieder aufgetaucht ist. Wie das denn angehen könne, fragte der Moderator ungläubig, jedes der Jungrinder wöge doch schließlich 300 Kilo? Das entspräche dem Gewicht von vier ausgewachsenen Menschen, und er rechnete vollidiotisch 30 Paarhufer in 120 Hominiden um. Wenn 120 Leute verschwinden, das müsste doch auffallen, bramarbasierte er ungehemmt. Ob am Schluss dieser nachrichtentechnischen Nullnummer wenigstens berichtet wurde, was hinter dem mysteriösen Viehverschwinden steckte? Nöh, mit keinem Wort. Ganz alltägliche journalistisch-akustische Umweltverschmutzung, produziert von einem öffentlich-rechtlichen Sender, für den ich Gebühren zahle. Hirnloser Dreck, gegen den nur Weghören hilft.

Das Unglück bei der Duisburger Loveparade jährte sich zum dritten Mal und wurde selbstverständlich wieder medial aufgekocht, mit Blumen, Kerzen, Tränen und Betroffenheit. Junge Menschen, die (bei einem ziemlich überflüssigen und dazu wegen Verkehrschaos, Energieverschwendung, Lärm, Müll, Abgasen etc. umweltschädlichen Mammutevent) ganz unschuldig feiern wollten – 21 Todesopfer, boah, wie tragisch! Allein in diesem Jahr haben sich in Tibet ähnlich viele Mönche und junge AktivistInnen mit Benzin übergossen und angezündet, um gegen das wahrhaft tragische Unrecht aufzubegehren, das ihrem Volk seit über 50 Jahren angetan wird.

Von diesem radikalen Protest erfährt man nur am Rande, kein Vergleich zum britischen Babyboom. Wochenlang lauerten Fernsehteams vor der Klinik, wo nun der Sohn von William und Kate geboren wurde, und alle sind total aus dem Häuschen. Scenes of Madness hätten sich in London abgespielt, kreischte eine überglückliche Engländerin hysterisch ins Mikrofon der BBC. Nein, nicht sie hat das Baby zur Welt gebracht, sondern die Frau des Kronprinzen, also im Grunde eine Fremde. In Thailand kollidierte ein vollbesetzter Reisebus mit einem Zementlaster und ging in Flammen auf, mehr als 20 Menschen starben. Eine Nachricht von Bedeutung oder doch nur unbekömmliches Informations-Junkfood ohne Nährwert, das die grassierende Hirnverfettung vorantreibt? Müssen die Medien mich stündlich über die aktualisierten Opferzahlen des Zugunglücks bei Santiago de Compostela informieren, ist das ihr Auftrag? (77 waren es gestern, als ich nachmittags diesen Beitrag hochlud.)

Ich lese derzeit ein sehr interessantes Buch. Es geht darin um krankmachende geistige Prozesse, die zu einer kollektiven Fehlentwicklung geführt haben. Das Buch behandelt den Tanz um ein Goldenes Kalb namens „Ego“. All die Meinungen und Deinungen, Ichtungen und Dichtungen, die wir ständig von uns geben und abgleichen, dienen vor allem dazu, unser Ego zu füttern und immer weiter aufzublähen. Wir grenzen uns von anderen Menschen ab oder sind einer Meinung mit ihnen, wir stimmen zu oder empören uns, wir klagen und verurteilen unablässig, um eine Illusion zu nähren – die Illusion vom Ich. Ich denke, also bin ich – wer hat diesen irreführenden Satz noch nie gehört? Du bist, was du isst – bist du auch, was du denkst? Sinnlose Gedanken, hohles Zeug, schwachsinnige Vorteile, wiedergekäute Ansichten – daraus besteht die vermeintliche Identität der meisten Menschen. Auch meine.

In der ZEIT von letzter Woche war ein langer Artikel über Helden mit dem Titel Das kannst du auch! Heutzutage kann angeblich jeder zum Superstar/Supermodel/Superathleten aufsteigen, manfrau muss nur wirklich wollen. Geld, Ruhm, Sex, Drugs und Rock’n’Roll kommen dann automatisch, Dieter Bohlen, Heidi Klum und Eufemiano Fuentes sei Dank. Allerdings stellen fast alle Stars und Starlets recht bald fest, dass Ruhm vergänglich ist, und dann heißt es I can’t get no satisfaction. Außerdem lässt zu viel Rummel und Beachtung das Ego derart anschwellen, dass manfrau sich meistens kaum noch mit Nichtstars einlassen mag. Liebesbeziehungen oder Ehen zwischen zwei selbstverliebten Ichlingen scheitern aber, wie wir aus Hollywood und der Bunten wissen, noch schneller und zuverlässiger als bei uns langweiligen Normalos. Tough luck, shit happens!

Food for thought nennt der Engländer geistige Anregung. In dem Buch von Eckhart Tolle steckt viel food for thought. Es weist einen Weg zur Überwindung des Ego und zeigt dabei überraschende Parallelen zur buddhistischen Lehre, der ich herzlich zugetan bin. Ich werde es weiter lesen, langsam, Seite für Seite. Falls ich überraschenderweise erleuchtet werde und mein dummes, altes Ego ablegen kann, lasse ich es euch wissen. Und wenn nicht, merkt ihr es daran, dass ich weiter wie gehabt spotte, kritisiere und mich empöre. Drückt mir bitte die Daumen, denn ein bisschen Erleuchtung kann niemandem schaden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Freistilringer

Geschrieben von Johannis am 9. Juli 2013 um 09:24 Uhr

und, schreibste mittlerweile auch alles klein? is voll praktisch… geht auch viel schneller… wir ham ja alle keine Zeit mehr……. krass, alter, dauernd online, dazu ständig unterwegs auf Facebook und Twitter. Ooops, da sind mir doch glatt zwei Kapitälchen rausgerutscht, auch Versalien oder Majuskeln genannt. Sorry. Schuld an dem großen F und großen T ist der Drache, mein Spracherkennungsprogramm. Ich tippe nämlich nur noch möglichst wenig, aus Zeit- und Faulheitsgründen. Weil die Software mindestens so störrisch und unberechenbar wie ein feuerspeiendes geflügeltes Fabelwesen ist (oder eine übellaunige Ehefrau), nenne ich sie den Drachen. Der Anbieter von Dragon NaturallySpeaking wollte mit dem Produktnamen wahrscheinlich angenehmere Bilder im Kundenkopf erzeugen, aber es ist immerhin noch besser gelaufen als damals für Mitsubishi. Die fleißigen Japaner wunderten sich lange, warum sich ihr robustes Allradfahrzeug in Spanien so schlecht verkaufte. Bis sie darauf kamen, dass Pajero umgangsspanisch Wichser heißt, und die Kiste klammheimlich in Montero umtauften.

Ja, die menschliche Sprache steckt voller Tücken. Sie ist ein Labyrinth aus übermannshohen blickdichten Buchsbaumhecken, die Wege vom Sand des Verderbens bedeckt und an jeder Ecke baumelt ein Damoklesschwert am seidenen Faden. Ein schier endloses Minenfeld, wo einem verbale Sprengfallen zwar nicht gleich beide Beine wegreißen, aber sogar aufmerksame Wanderer häufig bis zum Knie im Fettnäpfchen stehen. (Achtung! Metaphern- und Klischeealarm). Aus diesem Grunde, aber auch um der schwindenden Grundintelligenz des reizüberfluteten Durchschnittsmitbürgers Rechnung zu tragen, muss unser Hominidenidiom dringend vereinfacht werden. Der Volksmund hat genug damit zu tun, Fastfood und anderen Schrott zu schlucken, und will sich nicht länger wegen nutzloser Regeln die Zunge beim Gebrauch einer vermeintlichen Hochsprache verknoten. Man sollte also dringend die Heckenschere ansetzen und große Löcher ins hinderliche Gebüsch des Sprachlabyrinths schneiden, nach dem Motto „Weg mit den Alpen – Freie Sicht aufs Mittelmeer!“, und mit einer scharfen Rosenschere den wortgewordenen Wildwuchs von Stilblüten befreien.

Wie immer vorbildlich in ihrem unermüdlichen Pioniergeist sind hierbei die Amerikaner. Worte mit geringer Unterschichtenkompatibilität werden vereinfacht, gekürzt oder durch Zahlen ersetzt. So tauscht man through gegen thru, aus right wird richtigerweise rite (es gibt auch eine Ladenkette namens Shoprite) und die lästige Dreibuchstabenkombination you verkürzt man einfach zum u. Das verstehen mittlerweile auch dumpfbackige Germanen (easy 4u, rite?) und tippen einfach Cu und luvU ans Ende ihrer Kurznachrichten. Apropos einfach – dieses simple Wort mit der Bedeutung bescheiden, anspruchslos, unkompliziert oder elementar darf heute in kaum einem Satz fehlen. Jedes Essen ist einfach köstlich, 0815-Sex einfach geil und selbst flaue Filme sind einfach fantastisch. Insbesondere, wenn’s um schwierige Probleme geht, hört man andauernd den Ratschlag „Mach doch einfach…“. Einfach toll, so ein wahnsinnig praktischer Hinweis, einfach genial. Oder einfach idiotisch.

Ungefähr genauso idiotisch ist die ebenfalls aus Amerika zu uns herübergeschwappte und saudämliche Angewohnheit, mit doppelten Krallenfingern zwei imaginäre Gänsefüßchen in die Luft zu kratzen und dabei gleichzeitig „in Anführungszeichen“ zu sagen. Doppelt gemoppelter und kropfüberflüssiger Pleonasmus. Wann beginnen wir wohl, mit dem Zeigefinger ein spiegelverkehrt an der Wand klebendes Spaghetti-S plus einen Spritzer Sauce in die Gegend zu malen, um das unhörbare Fragezeichen am Satzende pantomimisch zu untermalen? Ich sach ma bald, sachichma. „Ich sach ma“ hört man ja auch ständig, obwohl es problemlos hörbar ist, dass der Gesprächspartner bereits spricht. Es wäre selbstverständlich nicht nötig darauf hinzuweisen, dass er etwas sagt, obwohl er eigentlich nicht viel zu sagen hat, aber natürlich macht er es trotzdem. Eigentlich und natürlich gehören auch zu jenen Adjektiven, die zu bedeutungslosen Füllseln verkommen sind und tagtäglich tausendfach missbraucht werden. Häufiger als wehrlose Frauen während des Völkermordes in Ruanda. Is natürlich kein schönes Bild, Machete und Vergewaltigung, aber ich sachma, mir fiel einfach nix anderes ein. Schade eigentlich.

Radiomoderatoren werden offenbar von ihren Arbeitgebern vertraglich zu überschwänglicher Freundlichkeit gezwungen. Vielleicht gibt man gibt ihnen auch stimmungsaufhellende Drogen oder leitet Lachgas ins Studio, jedenfalls wünschen die dauerlächelnden Radiofuzzies ihren Hörern ständig einen wunderschönen guten Morgen oder Tag. Warum eigentlich so geizig, wieso nicht ein wunderschönersonnigerechtsupernetterguter Morgen? Irritierend finde ich auch, dass selbst im öffentlich-rechtlichen Radio Worte wie dafür, dagegen, davon, daran, dadurch, damit, dabei, darauf, dazu – also bis auf Darfur und Damaskus fast alles, was mit da anfängt – auseinander gerissen werden. Ich komm da nicht mit klar, Leute, da hab ich was gegen. Echt! „Da nich für“, sagt der Bremer, wenn er „Gern geschehen“ meint, und die Fleischereifachverkäuferin im Ruhrgebiet fragt schon mal „Kommt da noch was bei?“, aber von Rundfunkjournalisten muss man mehr verlangen dürfen. Statt dazu kommen wir später noch kommen sie da später noch zu, und ich bekomm da Pickel von. Tut mir leid, ich kann da nix für.

Die Pole-Position im Stilblütenrennen hält derzeit das Wort einzigste (der etwas begriffsstutzige Drache versteht mich nicht und macht beim Diktat flugs ein Sechstel draus). Weite Kreise der Bevölkerung ignorieren kackdreist, dass einzig eben einzig ist und man das nicht steigern kann. Einzig ist einmalig und unvergleichlich. Punkt. Niemand redet von einmaliger und unvergleichlichst, nicht mal die Werbefritzen, denen zur Konsumentenverblödung sonst jedes Mittel recht und kein Superlativ zu bescheuert ist. Gewöhnt an Hohlsprech und sinnloses Gedröhn entschlüpft dem sabbernden Volksmund ständig diese unsägliche und einzigste Steigerungsform. Allereinzigste fehlt noch, kann aber nicht mehr lange dauern. Ich bin gespannt, wann auch die unschuldige Konjunktion allein derart missbraucht wird. Allein, alleiner, am alleinsten – man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. Statt „Kevin allein in New York“ hätte die Fortsetzung jener Hollywood-Komödie, der wir den Kevinismus verdanken, ganz einfach den Titel „Kevin alleiner zu Haus“ tragen können. Optimaler Wiedererkennungswert, auch für Menschen ohne Hauptschulabschluss.

Besonders rätselhaft finde ich übrigens die neuerdings grassierende Marotte, jeden zweiten Satz schriftlicher Botschaften mit… zu beenden. Das spart beim Tippen von Mails und SMS weder Zeit noch macht es Kommunikation einfacher, im Gegenteil. Vor allem Frauen lassen ihre Sätze gern mit….. auströpfeln, als gebe es einen unaussprechlichen Subtext. Soll der Empfänger intuitiv erspüren, was die geheime Botschaft sein könnte, oder mit dem Herzen zwischen den Zeilen lesen? Man sieht ja nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist bekanntlich für die Augen unsichtbar. Sorry, Ladies, lasst den Quatsch! Wir Männer verstehen euch rätselhafte Wesen bekanntlich nur mit Glück oder sehr viel Mühe, macht uns bitte das Leben nicht unnötig schwer. Seltsame Sitte eigentlich, ich kapier’s einfach nich…………

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Feinde in deinem Bett

Geschrieben von Johannis am 1. Juli 2013 um 09:51 Uhr

Die gemeine Bettwanze ist in unserem Kulturkreis nahezu ausgestorben. Früher hingen die reiskorngroßen Insekten an der Zimmerdecke unbeheizter Schlafräume und ließen sich fallen, sobald das rußende Kerzenlicht zwischen spuckefeuchten Fingerspitzen verzischte. Auf sechs Beinen krabbelten sie dann hurtig unters Federbett, um dort nichtsahnende Menschen im Schlaf anzuzapfen und sich an deren Blut zu laben. Heute sind Wanzen kaum größer als jene Krabbelviecher von damals und voll elektronisch. Mithilfe von Schlapphüten finden sie ihren Weg ins Privatleben und sogar in die Büros unserer Regierungen, verstecken sich dort wie Läuse im Fell eines Hundes, und übertragen per Funk Banales, Geheimes sowie gelegentlich auch lustvolles Stöhnen. Aber Geheimdienstler tragen schon längst keine Schlapphüte mehr, und im Zeitalter der professionellen Rundumonlineüberwachung wird auch die elektronische Wanze langsam überflüssig.

Hat ihr euch aufgeregt, als Edward Snowden auspackte? Seit ihr schockiert, weil Briten und Amerikaner offenbar wahllos Leitungen anzapfen, Daten sammeln und Informationen speichern? Oder gehört ihr zur Habichjalängstgewusst-Fraktion, die NSA und britischen Geheimdienst mit ein paar spöttischen Tweets („Meine Espressomaschine Hisbollah macht wieder Zicken, ich ruf gleich Al Qaida oder jagt die ganze Küche selbst mit einer Nagelbombe hoch!“) verarschten und danach achselzuckend zur Tagesordnung übergingen? Weil manfrau eh nichts machen kann, weil wir halt alle überwacht werden, und weil ein Magengeschwür auch nix bringt.

Bei der Wortwahl für ihre Orwellschen Spionageprogramme bewiesen die Briten mal wieder mehr Geschick als die Amerikaner. PRISM klingt nach prison, nach Knast und Einzelhaft. Ganz schlechter Name. Bei TEMPORA hingegen denke ich sofort an japanische Küche, an kross gebratene Gemüsestreifen, frittierte Garnelen und in dünnem Teig ausgebackene kleine Fische. Leckeres Tempura statt der widerlichen britischen Tempora eben. Tempora mutantur, nosque mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen – ob wir wollen oder nicht. Jeden Tag ein neuer Skandal, dann bellen ein paar getroffene Hunde und die endlose Karawane der machtlosen Kamele zieht weiter. Das Informationszeitalter muss bald umgetauft werden, in Zeitalter der globalen Vergesslichkeit, Epoche der tagtäglichen Generalamnesie. Woher noch die Kraft nehmen für Empörung und Aufbegehren, wenn doch sonnenklar ist, dass wir nach Strich und Faden verarscht und manipuliert werden? Wem soll das nützen, was ändert es, wenn ich mich echauffiere?

So, liebe Leute, nun zur Sache. Leider kommt heute nichts wirklich Witziges und ihr nicht ungeschoren davon. Im Gegenteil. Mit etwas Glück spendet ihr sogar ein paar Pfund, um eine Reihe von mutigen Frauen zu unterstützen, die sich nicht alles gefallen lassen. Doch vor der Moral kommt erst noch ein Skandal: Die Zeitung Guardian deckte vergangene Woche in einer ganzen Serie von schockierenden Artikeln auf, wie die britische Polizei seit über 50 Jahren alle möglichen kritischen Gruppen unterwandert und ausgespäht. Egal ob Regierungs-, Gesellschafts- oder Konsumkritik, niemand war sicher vor den perfiden Methoden des Scotland Yard. Und mit perfide Methoden meine ich nicht abgehörte Telefonate und heimlich geöffnete Briefe, sondern verdeckte Ermittler, die sich gezielt in die Herzen und Betten von Menschen manövrieren, die angeblich die herrschende Ordnung gefährden.

Helen Steel gehörte zu jenen fünf Aktivisten, die im Jahr 1986 Flugblätter in London verteilten, auf denen die zweifelhafte Qualität der Fastfoodprodukte von McDonald’s kritisiert wurde. Vier Jahre später reagierte McDonald’s mit einer Verleumdungsklage, die erst 1997 in einem Pyrrhussieg endete. Das langwierigste Gerichtsverfahren der britischen Geschichte sprach dem Bulettenbrater zwar Schadensersatz in Höhe von 60.000 £ zu (im Revisionsverfahren auf 40.000 £ reduziert und von McDreck nie eingefordert, um weiteren Imageschaden zu vermeiden), aber das gesamte Verfahren dürfte den Konzern mehr als 10 Millionen gekostet haben. Über den McLibel-Fall wurde damals ein beeindruckender Dokumentarfilm gedreht, in dem Helen Steel eine Hauptrolle spielt.

Anfang der 1990er, kurz nach Beginn des Mammutprozesses, lernte sie John Barker kennen und verliebte sich in ihn. Zwei Jahre lebte sie zusammen mit dem vermeintlichen Mister Right und träumte von einer gemeinsamen Familie, bis der Geliebte plötzlich spurlos verschwand. Achtzehn lange Jahre suchte sie nach ihm und reiste dabei bis nach Neuseeland, getrieben von dem sicheren Gefühl, dass er noch am Leben sei. Ihre Intuition stimmte, denn John Barker arbeitete nach seinem Verschwinden weiter bei der Londoner Polizei. Sein wirklicher Name war John Dines, verdeckter Ermittler und professioneller Herzensbrecher. Sein Spezialgebiet: Antikapitalistische Protestgruppen, gegen die er seit 1986 eingesetzt wurde. Auch McDonald’s heuerte übrigens Privatdetektive an, insgesamt sieben spionierten allein Helen Steel und dem mitangeklagten Dave Morris nach.

In einem anderen Fall zeugte Bob Lambert, ein weiterer Polizeispitzel, sogar ein Wunschkind mit einer Aktivistin und verschwand nach der Geburt aus dem Leben der beiden. Ich kann unmöglich alle Fakten zu der perfiden Polizeistrategie auflisten, ohne das Format dieses Textes komplett zu sprengen. Tatsache ist, es handelt sich um eine gigantische Sauerei. Insgesamt acht Frauen, die unwissentlich Liebesbeziehungen mit verdeckten Ermittlern eingingen, verklagen nun Scotland Yard. Ihre Überzeugung: Unter keinen Umständen ist es gerechtfertigt, dass Polizeibeamte zum Schein Liebschaften mit Personen aus ihrer Zielgruppe eingehen, nur um an Informationen zu kommen. Ein solches Verhalten ist Ausdruck von institutionellem Sexismus und schockierender Menschenverachtung. Mehr Informationen findet ihr hier, allerdings auf Englisch.

Angela Merkel hat Barack Obama für PRISM wohl nur ein bisschen gerügt, als der irrtümliche Friedensnobelpreisträger und Präsident der gebrochenen Versprechen kürzlich in Berlin war. Die Briten zapfen mit TEMPORA zwar fleißig das weltweite Glasfasernetz an, haben sich dafür aber durch nationale Gesetze bereits einen Persilschein ausgestellt. Unser instinktloser Innenminister konnte Neid und Begeisterung neulich kaum verbergen, er will 100 Millionen € bereitstellen, damit auch deutsche Geheimdienste bald in großem Stil spionieren können. All das wird gerechtfertigt mit jenem Kampf gegen den Terror, den ein hirnloser amerikanischer Präsident vor zwölf Jahren begann. Gegen PRISM und TEMPORA ist wohl kaum etwas zu machen, aber wir können acht mutige Frauen unterstützen. Sie kämpfen nun vor Gericht gegen die britische Polizei und für die angeblich unantastbare Würde des Menschen, und auch dieser Prozess wird voraussichtlich lang dauern und viel Kraft erfordern.

Kohle für Gutachter und Öffentlichkeitsarbeit, für Reisen und psychologische Betreuung, Geld zum Durchhalten und Nichtaufgeben könnt ihr hier spenden. Ganz unproblematisch, auch kleine Beträge, gern mit Paypal. Ich habe 25 £ gegeben und hoffe, dass diese acht Frauen die Verantwortlichen bei Scotland Yard mindestens so hart in den Arsch treten werden, wie Barack Obama und David Cameron es für PRISM und TEMPORA verdient haben. Die gemeine Bettwanze sind wir losgeworden, doch nun müssen wir uns gegen zweibeinige Blutsauger wehren. Sie entwickeln sich zur Landplage, lassen sich jedoch nicht mit Insektenspray bekämpfen. Etwas DDT in den Kaffee – das ginge wohl, aber das Zeug ist in Europa zum Glück längst verboten.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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