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Oh Scheiße, die Armen kommen!

Geschrieben von Johannis am 7. März 2011 um 09:40 Uhr

Das Jahr 2011 war bisher recht abwechslungsreich. Überall in der Welt verließen innig geliebte Helden des Volkes die politische Bühne, erst Ben Ali, dann Mubarak und nun Karl-Theodor zu Guttenberg. Letzterer wehrte sich zwar erbittert und zeigte bis zum Schluss wenig Reue, aber gegen Gaddafi ist er ein Musterbeispiel an Einsichtsfähigkeit und Mäßigung. Bis vergangenen Dienstag hätte ich nicht darauf gewettet, dass Gutti zuerst den Schwanz einkneifen würde, aber der Libyer hatte offenbar deutlich mehr Sympathien und Rückhalt. Anders lässt es sich nicht erklären, dass die libysche Luftwaffe auch im Osten des Landes Stellungen der demokratiesüchtigen Widerständler bombardieren kann, während man sich bei UN, EU und im Rat der Arabischen Liga feige vor Beschlüssen für eine militärische Unterstützung der Aufständischen drückt.

Gut, jeder hat seine Gründe. Die UN – auch unter dem irreführenden Namen Vereinte Nationen bekannt, obwohl man sich da eigentlich nie einig ist – haben durch hartnäckige Intervention von George W. Bush und seinen republikanischen Freunden seit vier Jahren diesen dämlich-dauerlächelnden saftlosen Schlappschwanz als Generalsekretär, bei dessen Namen ich immer an koreanische Nudelsuppe denken muss. Von ihm ist, außer warmen Worten, nichts zu erwarten. Und die Amis selbst zögern derzeit etwas, wenn es darum geht, Völker mit Waffengewalt zur Demokratie zu zwingen. Wohl angesichts ihrer tragisch sinkenden weltpolitischen Bedeutung und dramatisch schlechten Sympathiewerte, die nicht zuletzt auf die peinlichen Ramboallüren des George W. Bush zurückzuführen sind. Die Demokratisierung mithilfe von Granaten und Soldaten klappt offensichtlich nicht immer, ist sauteuer und hinterher heißt es wieder, es sei den Amis doch nur ums Öl gegangen. Da wartet man lieber und schaut zu, wie der geisteskranke Gaddafi sein Volk beschimpft und bombardieren lässt.

Beim Stichwort geisteskrank fällt mir Hugo Chavez ein, venezolanischer Busenfreund von Muammar Abu Minyar al-Gaddafi und seit 2004 Träger des Internationalen Gaddafi Menschrechtspreises. Ihr denkt, das habe ich mir ausgedacht und es sei wieder einer meiner geschmacklosen Scherze? Mitnichten, wie dieser Link euch flink beweisen wird. Hugo, der es an Durchgeknalltheit durchaus mit Muammar aufnehmen kann, erhielt nun den offenbar göttlichen Auftrag, einen Friedensplan für Libyen zu erschaffen, durch den Volk und Herrscher ausgesöhnt werden. (Wieso sagt man eigentlich, also phonetisch gesprochen, immer Lühbien, wenn es doch nach der Schreibweise Liehbüen heißen müsste? Nur mal so eine Frage.) Ich bin sehr gespannt, was daraus wird. Ölquellen haben ja beide und Gaddafi erklärte neulich seinem Volk, dass nur zehn Prozent der Erlöse ins Ausland gehen, 90 % bekäme das Volk. Die merken davon leider nichts. Weil er ihnen nicht verklickert hat, dass ihm selbst, frei nach dem Motto „L’État, c’est moi“, die ganze Kohle gehört. Also das Öl, beziehungsweise die Kohle, die aus dem Öl gemacht wird. Ach, ihr wisst schon.

In Brüssel arbeitet sich seit gut einem Jahr die Baroness Catherine Margaret Ashton halbtot, um die gemeinsame Außenpolitik der EU zu repräsentieren. Diese wachsbleiche Ikone der Profillosigkeit tut und macht, bis ihr das Blut unter den Fingernägeln hervorsprützt, wie Walter Kempowski mal eine seiner Romanfiguren sagen ließ. Alles nur, damit Europäer wie du und ich uns im Ausland anständig vertreten fühlen. Nach Ägypten hat sie sich vor Mubaraks Abgang zwar nicht getraut, schickt jetzt aber ein Team nach Libyen, das ihr Echtzeitinformationen über die Lage im Land und die Bedürfnisse der Flüchtlinge schicken soll. Toll! Also, ihren überflüssigen Job könnte doch auch unser aller Lieblingsguido übernehmen, der gondelt eh die ganze Zeit in der Weltgeschichte rum und ist jederzeit als Phrasendreschmaschine einsetzbar. Weshalb machen Ban Ki-Moon und Lady Ashton, Letztere für Laien gut erkennbar am durch jahrhundertelange Inseladelsinzucht komplett fehlenden Kinn, nicht zusammen ein Nudelrestaurant auf, meinetwegen am Prenzlauer Berg? Der Laden würde bestimmt gut laufen und da könnten die beiden kaum Schaden anrichten. Höchstens mal einem hungrigen Grafik-Designer eine heiße Nudelsuppe in den Schoß kippen, aber das wäre weltpolitisch zu verkraften.

Warum gibt es immer noch kein Flugverbot für den libyschen Luftraum, aber ständig wachsende Flüchtlingslager an den Grenzen zu Tunesien? Warum schmeißt die NATO nicht ein paar schlaue lasergesteuerte Monsterbomben auf die von Gaddafi kontrollierten Militärbasen, und dem geifernden alten Sack (mit dem für einen aufrechten Muslimen peinlich dünnen Fusselbart) am besten auch gleich ein Dutzend davon auf seinen Palast? Warum warten alle ab, obwohl sogar die libyschen Aufständischen längst nach militärischer Auslandshilfe rufen? Weil Demokratie Mist ist, zumindest bei den Armen. Demokratie und Dritte Welt – das geht gar nicht! Stellt euch doch bitte mal vor, was passiert, wenn jetzt auch noch die Libyer befreit werden und machen dürfen, was sie wollen. Nächste Woche sind’s dann die Marokkaner. Im Jemen und in Angola wird schon demonstriert, an der Elfenbeinküste fällt grad der Startschuss für einen neuen Bürgerkrieg – ruckzuck steht halb Afrika hier bei uns auf der Matte. Das kann und darf doch nicht wahr sein. Afrikaner haben weder Kreditkarten noch Traveller-Schecks, das sind überwiegend ganz arme Schlucker. Wir wollen euch hier nicht, ihr nervt schon auf Lampedusa genug. Punkt.

Nein, da machen wir lieber die Augen zu und dulden ein bisschen Völkermord. Das hat ja in Srebrenica, Mogadischu, Ruanda und anderswo auch ganz gut funktioniert. Eigentlich ist es sogar nur Völkermord-Light, denn die libyschen Aufständischen haben schließlich mit dem Zoff angefangen. Hätten sie sich brav weiter unterjochen, beklauen und knechten lassen, gäb’s mit ihnen kein Problem. Aber nun haben wir den Salat. Wie sollen wir uns bloß all die afrikanischen Wirtschaftsflüchtlinge vom Pelz halten, wenn die Diktatoren am südlichen Mittelmeer das nicht mehr für uns erledigen? Jesus konnte zwar übers Wasser laufen, aber wir können dort ja schlecht einen Zaun bauen, wie die Amis an der Grenze nach Mexiko oder die Israelis mitten durch Palästina. Mauern mit Selbstschussanlagen auf Pontons oder schwimmende Zäune von Boje zu Boje – das klingt ziemlich unmöglich. Aber halt, jetzt kommt mir eine praktikable Idee! Wir schütten die Meerenge von Gibraltar zu, mit dem Bauschutt all der leerstehenden spanischen Ferienhäuser und Wohnsiedlungen. Die Investitionsruinen müssen sowieso abgerissen werden, da haben die Spanier was zu tun und die Arbeitslosigkeit im Land sinkt. Über 20 Prozent, schrecklich!

Dann pumpen wir das Mittelmeer leer, einfach ab in den Atlantik mit der ganzen Dreckbrühe. Fische gibt es zwischen Malaga und Tel Aviv eh kaum noch und zum Baden fahren die Leute sowieso lieber nach Thailand oder an die Ostsee, wo’s ja zum Glück auch immer wärmer wird. Quer über den schmalen Damm von Algeciras nach Ceuta, also den Bauschutthaufen zwischen Afrika und Europa, kann man ganz locker eine solide Grenzbefestigung nach DDR-Vorbild bauen. Mit Minen und dem ganzen Zeug, meinetwegen siebenfach gestaffelt. Und am Grund des ausgepumpten Mittelmeers bauen wir dann eine Mauer mit Stacheldraht und allem Pipapo, die ganze Strecke von Gibraltar bis Iskenderun. Das liegt dummerweise in der Türkei, also werden wir die Kümmeltürken wohl notgedrungen in die EU aufnehmen müssen, wenn wir uns Afrikas arme Schlucker vom Hals halten wollen. Geht leider nicht anders.

Klingt doch nach einem guten Plan, nach einer Win-Win-Situation vom Allerfeinsten. Beschäftigungsprogramme für die brachliegende Bauindustrie, die Afrikaner müssen sich nicht an das unangenehme europäische Klima und den allgegenwärtigen Ausländerhass gewöhnen, wir haben unsere Ruhe und bleiben vergleichsweise stinkreich – rundum alles paletti. Doof nur, dass durch das ausgepumpte Mare Mediterraneum der Meeresspiegel in anderen Ozeanen schneller steigen wird als geplant. Da werden die Bewohner der Malediven wieder meckern. Und für den Suezkanal muss ich mir auch noch was einfallen lassen, den wird man leider dichtmachen müssen, weil sonst das rote Meer ausläuft. Aber dafür haben die Ägypter sicherlich Verständnis und der olle Mubarak kann sich ja nicht mehr aufregen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Ein Kommentar zu “Oh Scheiße, die Armen kommen!”

  1. Tourist

    Es noch gar nicht so lange her, da konnte ich wie aus der Pistole geschossen, Urlaubswünsche, Reiseziele nennen. Einige finanzierbar, andere Träumereien. Fragt man mich dieser Tage nach meinen Träumen, kommt erst mal nichts. Wo soll man unbeschwert seine freien Tage des Jahres verbringen?
    Rund ums Mittelmeer? Rundherum! Alle! Mit Sicherheit keine Option! Die Mauer steht schon lange, ob gebaut oder nicht. Nach der ägyptischen Diät hatte ich zudem noch nie Verlangen.
    Strände der Karibik? Touristenmikado auf Dom Rep? Isla margarita? Die Hotelanlage schützt den Touristen vor den Terroristen, die die Länder regieren.
    Der afrikanische Kontinent! Der gute Deutsche reist nach Namibia, mal sehen was aus ihnen geworden ist, den „Negerlein“. Der Abenteurer bucht eine Rundreise durch Marokko. Sie kommen zurück und schwärmen von der Herzlichkeit der afrikanischen Menschen. Es sind genau die, die immer noch „Neger“ sagen und hier bei uns auf deren Herzlichkeit sch…
    Und nun heißt es, Urlaub im eigenen Land sei zurzeit das Nummer 1 Ziel! Auch das ist mir ein Rätsel!
    Augen zu oder auf? Und nun zum Faschingsumzug! Da machen dann alle die Augen auf und morgen wieder zu!

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