Nie wieder Thunfisch-Pizza
Geschrieben von Johannis am 6. März 2010 um 09:04 Uhr
1981 bin ich mal mit dem Fahrrad nach Spanien gefahren. Von Isny im Allgäu, wo ich damals wohnte, quer durch die Alpen bis in ein kleines Dorf in Katalonien, um dort an einem Theaterworkshop teilzunehmen. (Ja, das war ein ziemlich bizarrer Trip und ich heilfroh, dass mein Drahtesel auf dem Dachgepäckträger eines überladenen Renault R16, in welchem ich mich zwischen Kindern, Kotztüten und Kanistern mit Olivenöl schmal machen durfte, nach Deutschland zurückkehrte.) Unterwegs in der Schweiz kam ich an einer Hühnerfarm vorbei. Mitten in der alpinen Pampa stand auf der grünen Wiese eine flache Halle mit einer Tür aus Gitterdraht, und vielstimmiges Gegackel drang an mein Ohr.
Neugierig und mit müden Beinen schob ich mein Rad samt all den Sattel- und Packtaschen (ich hatte irrwitzig viel Zeug dabei und fluchte deshalb an jeder Steigung) über einen lehmigen Feldweg und schaute mir das seltsame Gebäude an. Der Raum hätte vielleicht für zwei Tennisplätze ausgereicht, vorausgesetzt man wollte nur flache Bälle schlagen, und die Halle war von Wand zu Wand komplett mit jungen Masthähnchen angefüllt. Als ich ans vergitterte Tor trat, gerieten die Vögel sofort in Panik. Sie flatterten übereinander und drängten sich in dem Versuch, wenigstens einen kleinen Halbkreis zwischen sich und den feindlichen Zweibeiner zu legen, noch enger zusammen.
Tausende schmutzigweißer Hähnchen zusammengepfercht in einem vollgekackten und stickigheißen Schuppen, der widerliche Gestank und das panischen Gefiepse jener Vögel, die schon wenige Wochen später knusperbraun und fettglänzend auf einem Spieß rotieren und dann, von einer Geflügelschere sauber halbiert, mit Pommes und Ketchup auf einem Teller landen sollten – diese Mixtur aus Sinneseindrücken und Gedanken gehörte zu den vielen Anstößen, die mich etwas später zum Vegetarier werden ließen.
Bis Ende der Neunziger Jahre habe ich weitgehend auf Fleisch und Fisch verzichtet, obwohl mir eigentlich fast alles schmeckt, was Beine, Flossen oder Flügel hat und größer als eine Wanderheuschrecke ist. Irgendwann kam dann meine radikale Anti-Dogma-Phase. Unterstützt wurde der Sinneswandel durch regelmäßige Projekt-Besuche in Nepal, wo mir als Ehrengast auch in ärmlichen Dörfern gern etwas Huhn- oder Ziegenfleisch in scharfer Currysoße serviert wird. Solcherart kulinarische Gaben von Menschen abzulehnen, die selbst oftmals nur Reis, Linsen und Mangold auf dem Blechteller haben, erfordert eine Herzlosigkeit, die ich nur an ungewöhnlich schlechten Tagen aufbringe. Also esse ich seit gut zehn Jahren wieder Fisch und Fleisch, wenn auch in bescheidenem Umfang.
Obwohl ich ganz ordentlich kochen kann (wie Freunde zur Not sogar bestätigen würden) konsumiere ich gelegentlich Dinge, die in Amerika Convenience-Food heißen. Meine Hitliste im Bereich Bequemlichkeits-Futter führt seit Jahren die Tiefkühl-Pizza an, gern von Feinkost-Albrecht. Formfleisch- und Kunstkäseskandale lassen mich schon länger auf Schinkenpizza verzichten, und Salami entwickelt bei 225 Grad einen unangenehmen Geruch, der mich beim Betreten der Küche auch am nächsten Morgen noch stört. Also blieben nur Thunfisch und Spinat als Alternativen.
In dem Bemühen meine Grundbefindlichkeit auf ein historisches Tief zu drücken, und weil ich für ein Langzeitprojekt möglichst viel deprimierende Fakten zur Lage des Planeten sammele, las ich kürzlich das neue Buch von Taras Grescoe. Es hat den Titel „Der letzte Fisch im Netz“ und wurde von einem kanadischen Journalisten geschrieben, der eigentlich sehr gern Fisch isst. Auf 520 gut geschriebenen Seiten informiert er nun aber die Leser, warum man sich den Verzehr von Schuppigem in den meisten Fällen dringend überlegen sollte. Wer es unbedingt wissen will, weiß natürlich längst, dass die industrielle Fischerei mit Fabrikschiffen und Hochseetrawlern auf Seeteufelkommraus die Meere leer fischt, und ihrem Ziel einer Ausrottung der meisten Bestände bereits erschreckend nahe gekommen ist. Dabei ist es egal, ob der Kabeljau zu klein und kaum noch fortpflanzungsfähig ist, ob tonnenweise unerwünschter Beifang halbtot ins Meer oder den Möwen zum Fraß vorgeworfen wird, oder ob die Zucht von Lachs und Garnelen ganze Küstenabschnitte verseucht – Hauptsache die Kasse klingelt noch ein paar Jahre.
Die meisten Ozeane haben allerdings schon klein beigegeben, nur der störrische Pazifik wehrt sich noch ein bisschen. Diese interessante Dokumentation (abrufbar in der ZDF-Mediathek hier) von den Marshall-Inseln verquickt verschiedene Themen: Wegen des Klimawandels absaufende Pazifikinseln, die bewusst in Kauf genommene radioaktive Verstrahlung der Insulaner bei amerikanischen Atombombentests auf dem Bikini-Atoll, und die Ausplünderung des widerspenstigen Ozeans mithilfe von kilometerlangen Langleinen und gigantischen Schleppnetzen durch China und andere Nationen, die den Mikronesiern die Fischereirechte für ein Taschengeld abgeluchst haben. Sehr empfehlenswert, wenn’s von selbst mit den Depressionen nicht recht klappen will.
Was denn jetzt mit der thematischen Pizza-Connection ist? Ach ja. Im Januar wurde in Japan ein Blauflossenthunfisch (diese Spezies ist fast vollkommen ausgerottet) für den Rekordpreis von 121.000 Euro versteigert und dann zu Sushi verarbeitet. Der Rekordfisch wog 230 Kilo und hatte somit einen Grammpreis von knapp 53 Cent, das ganze Viech vom Kopp bis zur Schwanzflosse. Auf der Thunfischpizza von Aldi (Mama Mancini, 365 Gramm) sind 12 % Thunfisch, also rund 44 Gramm, und die Pizza kostet im Doppelpack 2,79 €. Mit geschreddertem Blauflossenthun belegt müsste die Aldi-Pizza demnach gut 23 Euro kosten, pro Stück, wenn man andere Zutaten und Profitabsichten mal großzügig ignoriert. Wahrscheinlich bestanden die bräunlichen Schmodderbrocken auf meiner allerletzten Thunfischpizza vorwiegend aus dem fünfmarkstückgroßen (aktueller Bezug auf die bevorstehende Währungsreform im Euro-Raum!) Bereich um den Darmausgang des Thunfisches, etwas Bauchlappen und den Rändern der Brustflossen.
Wie auch immer. Ich hoffe, dass ich niemandem den Appetit verdorben habe. Aber schließlich wissen wir längst, dass Tomaten und Paprika heutzutage nicht mehr aus fruchtbarer Ackerscholle, sondern nur noch unter Glas auf mit Flüssigdünger getränkter Steinwolle wachsen. Schlachtreife Hähnchen, wie damals in der Schweiz, werden mittlerweile nicht mehr von Hand eingefangen, sondern mit rotierenden Gummibesen aus dem Stall auf Fließbänder gebürstet und von dort in Kisten gepresst, die dann per LKW zum vollautomatischen Chicken-Massaker rollen. Das dabei anfallende Blut wird übrigens sprühgetrocknet und landet als Eiweißspender wo? Im Tierfutter, genau. Tja, so isses eben. Und Bauern leben in erster Linie von EU-Subventionen, aber nicht von der Herstellung dessen, was man früher altmodisch als Lebensmittel bezeichnete. Ich bin ein nörgelnder alter Miesepeter? Ja, leider.
Hoffentlich wird der Blattspinat auf meiner Spinatpizza einfach nur von Acker gemäht und gewaschen, sonst kann ich mir die Heimpizzanummer bald komplett abschminken.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«



Manchmal wird mir auch schlecht, wenn ich darüber nachdenke, wo unser Essen herkommt.
Hier mal ein Literaturtipp: “Die letzten ihrer Art” von Douglas Adams und Mark Carwardine.
Den Appetit hast du damit nicht verdorben, der war schon vorher weg.