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Neues vom Blockwart

Geschrieben von Johannis am 11. Oktober 2010 um 09:22 Uhr

Boah, war das schön – damals, als mir alle Leute total am Arsch vorbei gingen. Egoismus pur, Hauptsache Spaß. Aber irgendwann hab ich mir diesen fiesen Gutmenschenvirus eingefangen, und gegen den ist leider kein Kraut gewachsen. Multiresistenter Erreger. Ich hab’s schon mit Ciprofloxacin und Bestrahlungen versucht, hab literweise Eigenurin getrunken und bei Vollmond nackt im Eibenwald getanzt – nix hilft. Also füge ich mich in mein Schicksal, knechte seit 12 Jahren für einen humanitären Verein und bin hier in Hausnummer 8 der ehrenamtliche Hausmeister. Was mir den Spitznamen „Der Blockwart“ eingetragen hat, und auch wenn ihr’s nicht glaubt, der ist halbwegs freundlich gemeint.

In letzter Zeit plane ich allerdings meinen Umzug. Möglichst weit weg. Wie ich vor Wochen an gleicher Stelle berichtete,  hält mich ein Nachbar seit Monaten auf Trab. Der gehörlose und ziemlich verschrobene Baldrentner hatte Ende Juli die eigene und eine darunter liegende Wohnung geflutet, weil seine Waschmaschine nachts inkontinent wurde. Wegen seiner Taubheit konnte er natürlich das Wasserrauschen nicht hören, und der Mensch ein Stockwerk tiefer schlief wie ein Stein, während die Suppe von seiner Küchendecke pladderte. Wenn schon, denn schon – gründliche Arbeit! Konsequenzen: Wochenlang brummten riesige Raumtrockner durch unser Haus, diverse Handwerker gingen ein und aus, oder blieben gleich weg. Dutzende Telefonate mussten geführt werden, mit Versicherungen, der Wohnungsgenossenschaft und den Baufirmen – alles endnerviger Scheiß.

Wie telefoniert eigentlich ein Gehörloser, dessen gutturale Lautäußerungen man kaum als Sprechen bezeichnen kann? Ganz einfach, er klingelt beim Nachbarn, drückt dem irgendwelche Briefe in die Hand, gestikuliert, radebrecht und kritzelt Worte auf Zettel. Und wer ist der Nachbar? Erraten, der Blockwart. Mein Nachbar klingelt übrigens nicht einfach nur, er hämmert grundsätzlich auch mit der Faust gegens Türblatt. Kräftig. Könnte ja sein, dass ich die Klingel nicht höre, er hört sie ja auch nicht. Diese Besuche können jederzeit stattfinden, selbst kurz vor Mitternacht. Deshalb ja auch meine Umzugspläne. Schließlich kann ich dem alten Zausel nicht mit ein paar wohlgesetzten Worten verklickern, wo die von ihm beständig ignorierten Grenzen gutnachbarschaftlicher Hilfsbereitschaft liegen, weil ich dusseliger Gutmensch leider die Gebärdensprache nicht beherrsche. Echt mieses Karma!

Um ganz gegen meine Gewohnheit mal auf den Punkt zu kommen, will ich euch berichten, dass eine wichtige Bauetappe geschafft ist. Donnerstag kamen die Fußbodenleger, schlossen die vor Wochen in die Bohlen gesägten Raumtrocknerschnorchellöcher und spachtelten dann den Küchenboden. Dazu musste allerdings erst der Kühlschrank raus. Seinen sonstigen Krempel hatte der Nachbar schon im Juli in den Keller geschleppt, weshalb dort kein Durchkommen ist. Hab ich schon erwähnt, dass der schrullige Hausgenosse einen Job hat und ich daher den Schlüsseldienst versehen darf? Ein Homeoffice hat eben auch Schattenseiten. Weiter im Takt. Mittags verpissten sich die Fußbodenfritzen klammheimlich und als ich in typischer Blockwartmanier nach dem Rechten schauen wollte, prallte ich auf einen Kühlschrank, den sie vor meiner Wohnungstür abgestellt hatten. Wo auch sonst? In einer Hälfte der winzigen Nachbarbutze, sehr kleine anderthalb Zimmer, glänzte ja feucht der Spachtel, harrte der Trocknung und hoffte auf sein neues PVC-Kleid, das ihm für Freitag versprochen war. Dort war also kein Platz für sperrige Kühltechnik, und auf Nachbars Bett wollten sie das Ding wohl nicht stellen.

Wie auch immer, spätnachmittags kommt der Gute von der Arbeit und staunt bunte Bauklötze. Selbstverständlich hat er seinen Kühlschrank nicht abgetaut und im Treppenhaus sind keine Steckdosen. Da seine Wohnungstür fast so dicht schließt wie der Tresor einer Schweizer Großbank, was eine Kabelverlegung unmöglich machte, und ich keine Lust auf Kühlschranksuppengetröpfel hatte, hab ich abends eine Verlängerungsschnur von meinem Schlafzimmer nach draußen gelegt, damit sein alter Eisschrank nur brummt und nicht kleckert. Auf eine gewisses Maß von Verschrobenheit seitens meines Hausgenossen habe ich ja bereits hingewiesen, war dann aber doch baff, als ich ihn bei diesem Hausmeisternotstromversorgungseinsatz mit Brot und Heringssalat im Treppenhaus sitzen sah, wo er sein Abendessen einnahm. Am Kühlschrank. Eigentlich logisch, denn seine Küchenmöbel stehen im Keller und sein Schlafzimmer ist derart vollgerümpelt, dass allerhöchsten noch ein Kanarienkäfig reinpasst. Die Billigausführung für ganz kleine Piepmätze.

Wie auch immer, ich habe meinen Nachbarn fotografiert und den Vorgang somit dokumentiert. Damit es nicht wieder heißt, ich würde mir meine Geschichten aus den Fingern saugen. Es kostete mich übrigens nur drei Telefonate, um sicherzustellen, dass die Fußbodenheinis am Freitag wieder auftauchten und etwa 12 Quadratmeter PVC-Fliesen in Nachbars Wohnküche klebten. Seitdem steht auch kein Kühlgerät mehr von meiner Eingangstür. Trotzdem eine Bitte: Hat unter den werten LeserInnen vielleicht jemand ein leerstehendes Gästezimmer, das ich die nächsten drei Wochen bewohnen kann? Nur solange, bis der Verrückte sein gesamtes Inventar aus dem Keller hochgeschleppt und sich wieder eingerichtet hat. Ich sorge auch für Unterhaltung, koche und bringe Wein mit. Keiner? Mist.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

7 Kommentare zu “Neues vom Blockwart”

  1. Lorenz Meyer

    Hättest ruhig dazu schreiben können, dass Dein Nachbar an dem Tag besonders deprimiert war, weil die mittlerweile dritte Doppelgängeragentur ihn als Fidel-Castro-Double abgelehnt hat.

  2. hamudistan

    Nix Fidel. Das ist ein Che Double.

  3. coolio

    OmG! Ist das im 1. Bild links unten etwa eine Klobrille? Er wird doch nach dem Essen nicht……..

  4. Sylvi

    hach…*Tränen abwisch* ich hätte zwar ein Gästezimmer, aber würde ich diesen Tarnanzug in 5 km Entfernung auf mein Haus zukommen sehen, wäre in Sekundenbruchteilen alles verrammelt – vom Keller bis in den Spitzboden. Das Zimmer liegt nämlich im 2. Stock einschl. Dusche und Toilette – also für diesen Gesellen leider zu viel Munition für neue Überschwemmungsorgien, sorry.

    Im Keller wäre noch ne Ecke frei, da dürfte es wohl derzeit aussehen wie in seinem Schlafzimmer…würde ja schon irgendwie passen….achneee…da steht ja auch ne Waschmaschine.

    Aber Du schaffst das schon!!! Chakaaaa

  5. Bender

    @Sylvi:
    Du hast da was missverstanden, er sucht das Gästezimmer nicht für den bärtigen Nachbarn im Fleckentarn, sondern für sich selbst. Und er bietet Küchendienst plus Weinlieferung an, womöglich wäre er dir sogar anderweitig zu Diensten. Schließlich betont er doch ständig, dass er keine Frau im Bett hat.

  6. Sylvi

    Au Mist, da habe ich glatt eine halbe Zeile überlesen *schäm* Hm…die Weinlieferung wäre schon okay, aber ich bezweifle, dass mein derzeitiger und äußerst kochverrückter Lebensabschnittsgefährte SEINE Küche teilen wird.
    Keine Frau im Bett…hm…vielleicht könnte da ja meine äußerst liebenswerte und -bedürftige 18jährige Katze aushelfen. Die freut sich immer über sehr viel Körpernähe.
    Überlege gerade, da wären mal wieder 16 Fenster (inkl. derer in Haus- und Wohnzimmertür) zu putzen…

  7. Himmelhoch

    Die Angebote meiner Vorschreiberin sind ja mit nichts zu überbieten – und außerdem ist die Landes(haupt)stadt viel zu unspektakulär und unliebenswürdig für solch einen caritativen, humanitären Blogwart, der sich jetzt allerdings aus der “Verantwortung” stehlen (*grins*) will.

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