Merkel lügt!
Geschrieben von Johannis am 3. Januar 2012 um 09:50 Uhr
Endlich. Die Tage sind vorbei, an denen eine Nettonahrungsaufnahme unter 4500 Kilokalorien von der Gattin, den Gastgebern oder verwandten Personengruppen nicht geduldet wurde und jede Gegenwehr den Tatbestand der Beleidigung erfüllte. Gut, die Gegenseite machte sich, mit dem silbernen Auftulöffel (norddeutsches Wort, Restgermanien sagt Servier- oder Vorlegebesteck) drohend, millionenfach der Nötigung schuldig, denn kaum ein Satz wurde über Weihnachten so oft ausgesprochen wie „Nimm doch noch!“ Aber das liegt ja nun zum Glück hinter uns, ebenso wie alle Jahresrückblicke, Best-of-2011-Sendungen und die unvermeidlichen Gratulationen zum zehnjährigen Geburtstag des Euro. Volljährig wird der Kleine wohl kaum, aber das Thema will ich heute nicht anschneiden.
Am Sonntag hat dann das ganze Land seine Raclette-Pfännchen geschrubbt und weggeräumt, durch kräftiges Lüften die Wohnung vom hartnäckigen Geruch des verschmorten Käses und anschließend die Schädel vom Restalkohol befreit. Familien, Paare und tapfere Singles (mögen Letztere in diesem Jahr endlich Traummann/Traumfrau oder einen passenden Hermaphroditen finden und dann auf ewig glücklich sein!) stapften im Neujahrsnieselregen durch Parks, in denen Ringeltauben sich bereits gurrend zur Paarung vorbereiten und vereinzelte Rosensträucher blühen. Passend zum ausgefallenen Sommer gibt es nun eben auch keinen Winter, die Temperatur wird sich wohl bald ganzjährig bei 20 Grad einpendeln. Egal. Auf Gehwegen liegen neben all den Feuerwerksverpackungen (vergisst man in Feierlaune ja gern) noch etliche als Raketenabschussbasen genutzte Sektpullen, und die geplatzten Papprollen der Chinaböller verwandelt der frühlingswarme Regen in braune Matschhaufen, die echter Hundekacke täuschend ähnlich sehen. Tja, so sind die Tage nach Sylvester eben.
Über 100 Millionen Euro gab unser Volk übrigens aus, um wenigstens akustisch das Bürgerkriegsfeeling der arabischen Welt erleben zu dürfen. Gut – in Syrien werden keine bunten Ornamente in den Himmel geballert und auch die siegreichen Libyer haben, nachdem sie den gefangenen Oberst Gaddafi in Kopf und Arsch (oder war es doch der Bauch?) schossen, ihre Freude nur mit reichlich Leuchtspurmunition ans Firmament gezeichnet. Aber wenn schon nicht scharf geschossen wird, soll es bei uns wenigstens auch mal kräftig knallen (melodisch untermalt vom klagenden Laalüülaalüü der Notarztwagen und Löschzüge). Ist doch schön, oder? Nur echte Miesepeter und völlig verstrahlte Gutmenschen wenden ein, dass man mit den verknallten 100 Millionen Euro auch dreihunderttausend verhungernde Äthiopier ernähren könnte, ein ganzes Jahr lang. Dass mit einem Pfund Schwarzpulver gefüllte schuhkartongroße Feuerwerksbatterien ein klitzekleines bisschen zur globalen Erwärmung beitragen, soll hier nicht unnötig breitgetreten werden. Ich glaube bekanntlich nicht an Gott und daher auch nicht an böse Geister, die in der Neujahrsnacht mit Böllern verscheucht werden sollen (allein auf den Philippinen wurden Sylvester über 200 Menschen verletzt, denn dort gilt „Je lauter der Knall, desto mehr Schiss haben die Geister“), bin etwas lärmempfindlich und kapiere außerdem nicht, warum Zivilisten ihre Freizeit unbedingt in Fleckentarnklamotten verbringen müssen, wo Camouflage doch für Soldaten zum effektiveren Töten und Selber-nicht-getötet-werden entwickelt wurde. Aber ich verstehe eben vieles nicht, nicht nur die Mode.
Irritiert hat mich beispielsweise die Aufschrift „Aus traditioneller Herstellung“ auf einer Packung Bremer Biomilch. Soll das suggerieren, dass neben der zufrieden wiederkäuenden Biokuh eine drallblond bezopfte Magd auf dem Melkschemel im Mist hockte und weißen Biosaft von Hand aus dem vierzitzigen Euter in einen verzinkten Eimer spritzen ließ, wie zu Großmutters Zeiten? Oder möchte man sich von der Analogkäse-, Dioxinei-, Olivenölpanscher- und Gammelfleischbranche abgrenzen? Verwirrend. Schön fand ich die unten abgebildete Danksagung von Philipp Rösler (ist er eigentlich noch Bundeswirtschaftsminister oder nur der Katastrophenschutzbeauftragte für die FDP?) mit dem magischen Dreiklang Wirtschaft-Wachstum-Wohlstand. Drei W, wie chic! Fehlt nur noch Wahnsinn, denn jeder Dummdödel (besten Dank an Dieter Nuhr für die Erlaubnis, eines seiner Lieblingswörter benutzen zu dürfen) müsste doch mittlerweile kapiert haben, dass auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen und stetig wachsender Bevölkerung, der außerdem leider nur eingeschränkte Abwehrkräfte gegen Treibhausgase und Umweltgifte aller Art zeigt, ständiges Wirtschaftswachstum nicht die Lösung sein kann. Das wäre ja so, als würde man ein XXL-Glas Nutella (Deckelaufdruck: Jetzt dauerhaft mehr Inhalt!) auslöffeln und erwarten, dass es nie leer wird. Und – um beim Bild zu bleiben – gleichzeitig Tag für Tag einen Klacks jener braunen Masse, die wir meist nur flüchtig beim Betätigen der Klospülung betrachten, ins Nutellaglas füllen und unterrühren. Farblich mag es ja passen, aber geschmacklich und olfaktorisch lässt das garantiert zu wünschen übrig.
Wachstum, Hauptsache Wachstum, dann wird alles gut! Die reichen 1 % investieren gern in Immobilien (allein in China stehen rund 60 Millionen brandneue Wohnungen leer, ganze Trabantenstädte werden nur von fleißigen Straßenkehrern und Gärtnern bevölkert. Leider gehen für Zement, Stahl, Glas und was man sonst noch zum Bauen braucht, reichlich Ressourcen drauf. Erdöl und so. Aber wer viel Geld hat, darf es auch vermehren. Um jeden Preis. Und die aufstrebende Wirtschaftsmacht China will auch endlich eine Immobilienblase. Verständlich.) oder die ebenso beliebten wie undurchschaubaren Investmentzertifikate (mit denen die letzte Finanzkrise begann und nun die aktuelle Schuldenkrise weiter angeheizt wird), während unsereins, also die restlichen 99% der Weltbevölkerung, gefälligst einkaufen gehen soll. So wunderbare Dinge wie eine batteriebetriebene Pfeffermühle (auch für Salz erhältlich), die nicht nur brummt und mahlt, sondern zusätzlich die Tomatenschnitze oder Schinkenscheibe auf dem Teller beleuchtet, damit bloß nix daneben geht. (Dieses unverzichtbare Produkt kannte ich noch nicht – man sollte eben doch häufiger die Verwandten besuchen.) Für Leute, deren Hände von Gicht oder Rheuma fast gelähmt sind, mag solch ein Ding ja sinnvoll sein, aber ich benutze immer noch die olle Pfeffermühle, die mir 1978 zusammen mit anderem Küchenkrempel zufiel, als ich das Haus meiner Eltern verließ und in den Ernst des Lebens startete. Sie war damals schon gebraucht, funktioniert mit Muskelkraft und es fehlt ihr die geplante Obsoleszenz. Soll heißen, sie geht einfach nicht kaputt, mahlt jahrein jahraus brav meinen Pfeffer, muss nicht ersetzt werden und verhindert somit das überlebensnotwendige Wirtschaftswachstum. Mist. Die vorsintflutliche Analogmühle passt aber gut zu einem verbiesterten Konsumfeind wie mir.
Was denn jetzt mit Merkel ist? Achgottchen – dass Politiker lügen ist ja etwa so überraschend wie die Tatsache, dass Bäcker Brötchen backen. (Meist aus tiefgefrorenen Teiglingen, die aus Billiglohnländern herangekarrt werden. Nix mit traditioneller Herstellung.) Ich wollte mich eigentlich noch zur sterbenslangweiligen Neujahrsansprache der Kanzlerin auslassen, aber dieser Text ufert eh schon wieder bedenklich aus. In einem Satz zusammengefasst sagte Angie: „Leute kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten!“ Das tat sie aber salbungsvoll lächelnd und im Tonfall von Nina Ruge, die früher ihre Sendung immer mit den Worten „Alles wird gut“ beendete. Das ist natürlich Bullshit, denn so wie es bislang läuft, wird nix gut und die Zukunft ein Jammertal von der Tiefe des Marianengrabens. Weil es weltweit so viele Dummdödel gibt, in den Völkern, Parlamenten und Regierungen gleichermaßen. Freuen können sich Investmentbanker, clevere Hedgefondsmanager und Apokalyptiker. Der Rest der Welt kann nur hoffen und beten, wobei Beten nicht hilft. Zu Glück haben wir aber schon zwei Tage des neuen Jahres hinter uns. Wie sagte früher der Wehrpflichtige (als man noch nicht freiwillig zum Bund und dann bewaffnet nach Afghanistan ging): Noch 363 Tage (Achtung, wir haben ein Schaltjahr!) und der Rest von heute. Obwohl – wegen der Kalenderschlamperei der Maya geht die Welt ja schon am 21. Dezember unter. So gesehen haben wir von 2012 schon fast zwei Wochen rum. Frohes Neues Jahr!
Mögen eure sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gehen, möge überall Hirn vom Himmel regnen und die Vernunft sich weltweit schneller ausbreiten als weiland die Vogelgrippe. Ja, ich bin ein unverbesserlicher Träumer.
PS: Dieser Beitrag enthielt wieder etliche überlange Schachtelsätze und zu viele Klammern. Somit habe ich schon einen meiner guten Vorsätze gebrochen. Schade.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«




Johannis, darf ich statt des von dir vorgesehenen Hermaphroditen lieber einen Hund beantragen?
Danke für lästermäulige Buchstabenaneinanderreihung, du schwiegst etwas länger, so dass ich schon unangebrachte Enthaltsamkeit befürchtete.
Ich hatte mich ja gerade bei mir über die Böllerei aufgeregt – danke für die genannte Summe dafür. Fast alle Kommentatoren bei mir kaufen nichts, wie viel kaufen dann die Nachbarn, die anderen? – Nun pendle ich gerade zwischen MiesepeterIn und GutmenschIn *lach* hin und her, mal sehen, wie ich mich entscheide. Ein zweites Knalltrauma brauche ich nicht, also bin ich auch weiterhin gegen diese Knallerei – ich bin froh, dass ich nach dem Krieg geboren bin und muss ihn nicht jetzt jährlich vorgeführt bekommen.
Ist Dummdödel echt ein Nuhrsches Patentwort, Blog-Anwaltlich be- und geschützt?
Ich überlege gerade, ob Trabant und Wartburg auch mit geplanter Obsoleszenz gebaut wurden – ich denke, eher nein – die mussten bis zum nächsten Bestell-/Lieferzeitpunkt (zwischen 10 Jahren in Berlin und 15 Jahren in der Provinz) halten.
Schluss – wird zu lang!
Auf ein neues wünscht
Clara
@Clara Himmelhoch:
Liebe Clara,
dein Wunsch nach einem Hund irritiert mich ein bisschen (weil ich so eine blühende und leider auch schmutzige Fantasie habe), aber ich bin sicher, dass du dabei keinerlei schlüpfrigen Hintergedanken hattest, sondern dir einfach nur einen vierbeinigen Freund für Spaziergänge und als Adressaten für Monologe wünscht. Wie wär es denn mit einem Besuch im Tierheim, gerade nach Weihnachten haben die dort oft ein erstaunlich gut sortiertes Angebot?
2010 gaben die Deutschen 108 Millionen Euro für Sylvesterfeuerwerk aus, und der Handel war neulich recht zuversichtlich, dass diese Zahlen auch 2011 wieder erreicht werden. Und da, wie vorgestern vom DIHK berichtet, die Konsumlaune der Deutschen ungebrochen gut ist (wir haben 2011 so tief in die Tasche gegriffen wie seit zehn Jahren nicht mehr, privater Verbrauch ist um mindestens 1,2 Prozent gestiegen), werden wohl ein paar Milliönchen mehr verballert worden sein.
Nein, Dummdödel ist kein Nuhrsches Patentwort, er benutzt es aber gern und stellt sich manchmal etwas an, wenn’s um geistiges Eigentum geht. Was aber angesichts der drohenden Piratenpest verständlich ist.
Ost-Erzeugnisse gab es nicht mit geplanter Obsoleszenz, in der DDR litt der Verbraucher zwar unter der Mangelwirtschaft, wurde aber nicht planmäßig beschissen. Wobei geplante Obsoleszenz keine Erfindung des kapitalistischen Klassenfeindes war, obwohl die Amerikaner das Konzept ab den Fünfzigern zu ständig neuer Blüte trieben. Schon vor dem zweiten Weltkrieg gab es ein internationales Kartell (zu dem auch die deutsche Firma Osram gehörte) der Glühbirnenhersteller, das nur ein einziges Ziel hatte: Die Lebensdauer handelsüblicher Glühbirnen von 2000 auf 1000 Stunden zu drücken. (Edison rotierte mit 17.500 U/min im Grab!) Jeder Hersteller musste seine Birnen ständig im Probelauf überprüfen lassen und zahlte hohe Strafen, wenn die Dinger zu lange brannten. Ähnlich lief es später mit der ursprünglich nahezu unverwüstlichen Nylonstrumpfhose. Dem Kunstoff für die Fasern wurde eine Substanz beigemischt, um das Nylon gegen UV-Licht empfindlich und somit brüchig zu machen. Perfiderweise steigerten die Hersteller die Konzentration dieser Beimischung von Jahr zu Jahr und bald bekamen die Damen ständig Laufmaschen, weil sie ihre bestrumpfhosten Waden dem Sonnenlicht ausgesetzt hatten. Die Welt ist schlechter, als man denkt. Alles Schweine, außer Mutti!
Gruß aus Dortmund (Sommerreifen noch intakt!)
Johannis, du hättest mich enttäuscht, wenn du diese Hundegedanken nicht gehabt hättest und ich musste schmunzeln, dass du sie so relativ formvollendet zu Papier gebracht hast. – Hund bleibt Traum, bei 780,00 Rente und 508,00 Miete ohne Strom, Telefon und anderweitig notwendige Dinge müsste ich ja für jeden Tierarztbesuch auf den Senioren…. ach nein, zu meiner Mama betteln gehen, nicht zu Mutti, die ist hartherzig und verwöhnt nur ihre Kunden und Minister. Muss nicht sein, dass ich dann womöglich aus Versehen seinen Napf leer esse, weil es nicht mehr für mich und meinen Napf gereicht hat.
Gruß aus dem pfeifenden Berlin Südwest