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Macht mich zum Weltherrscher!

Geschrieben von Johannis am 16. August 2010 um 09:10 Uhr

Demokratie ist wie eine Motorsense – gerät sie in die falschen Hände, hat das meist verheerende Folgen. Deshalb bin ich gegen Volksbegehren und Mitbestimmung und wünsche mir schnellstmöglich eine weltumspannende Diktatur. Meinetwegen mit mir als Chefdespoten, falls den Job sonst keiner haben und anständig erledigen will. Ob ich meinen überraschenden Standpunkt ein wenig erläutern mag, möchtest du wissen? Gern. Schauen wir uns drei aktuelle Beispiele an und gehen dazu nach Hamburg, in die Schweiz und nach Kalifornien.

In Hamburg hat neulich eine Allianz aus verstörten Bildungsbürgern und hanseatischen Pfeffersäcken mit einer teuren Medienkampagne die gut gemeinten Bestrebungen des Senats für mehr Gerechtigkeit im Bildungswesen torpediert. Die Alliierten schürten Angst und Standesdünkel und verhinderten per Volksentscheid den rotgrünen Plan, dass Schüler zukünftig sechs Jahre zusammen lernen sollen, anstatt schon in der vierten Klasse für Gymnasium, Real- oder Hauptschule durchsortiert zu werden. Hinter der Kampagne steckte vor allem der Wunsch vieler Besserverdiener, ihre verwöhnten Rotzblagen möglichst schnell von schmuddeligen Unterschichtskindern trennen und aufs Gymnasium schicken zu können. Pisatest hin oder her. Dabei gehen Kids in Finnland, bekanntlich Testsieger der Pisastudie, neun Jahre lang zusammen zur Schule. So viel also zum Thema Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Volkes Stimme spricht, Dummheit siegt.

Auch in der Schweiz, dem europäischen Musterland der Basisdemokratie, stimmt das Volk meistens für die Beibehaltung des Altgewohnten, für konservative bis reaktionäre Ideen. 80 nationale Volkbefragungen seit dem Jahr 2000, und was kam dabei heraus? Lebenslange Verwahrung von Sexual- und Gewaltstraftätern, Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen und ein Verbot des Baus von Minaretten. Die demokratiebegeisterten Eidgenossen stimmten noch 1959 gegen das Frauenwahlrecht, 1986 gegen den Beitritt zur UN, und 2001 gegen niedrigere Arzneimittelpreise und die Einführung einer Kapitalertragssteuer. Volkes Mund tut Weisheit kund? Vielleicht sollte das Volk lieber mal die Schnauze halten und Leute entscheiden lassen, die sich auskennen. Mich zum Beispiel.

Kalifornien, wo es bekanntlich niemals regnet, ist pleite. Ende Juli schickte Arnie 200.000 Staatsbedienstete in den unbezahlten Zwangsurlaub, weil der muskulöse Gouverneur keine Kohle für die Gehälter hat. Seit 1911 darf das Volk im Golden State auf direktem Wege mitbestimmen, und das rächt sich jetzt fürchterlich. Mit Proposition 13 haben die Kalifornier im Jahr 1978 dafür gesorgt, dass die Steuereinnahmen des Staates faktisch eingefroren wurden. Steuererhöhungen müssen nun immer mit Zweidrittelmehrheit beschlossen werden, was aber gegen die menschliche Natur ist. Schließlich ist sich jeder selbst der Nächste, deshalb sind parlamentarische Mehrheiten für Vernunft und Verzicht selten. 1990 wurde dann mit Proposition 111 beschlossen, dass es für Ausgaben keine Limits mehr gibt. Das war der Beginn des Höllenritts in die Staatspleite – Einnahmen deckeln und Ausgaben nach Gusto erhöhen. Tolle Idee! Besonders empörend ist in Kalifornien, dass nahezu jeder Volksentscheid von finanzkräftigen Interessengruppen angeleiert und durchgepeitscht wird. Deshalb verdienen Gefängniswärter nun 100.000 $ im Jahr und Lehrer kriegen fürstliche Gehälter plus ultrafette Renten. Gleichzeitig liegt Kalifornien beim US-Pisatest auf Platz 49 von 50 Staaten der USA – der Qualität des Bildungswesens hat das viele Geld nicht genützt.

Wann’s hier was zu lachen gibt? Heute nicht, Schätzchen, aber ich mach’s kurz. Hoffentlich. Also, bei einem Großbrand käme doch wohl keiner auf die Idee, eine Anwohnerversammlung einzuberufen und alle Einwohner demokratisch entscheiden zu lassen, wo und wie gelöscht werden soll, oder? Wenn eine gefährliche Epidemie sich ausbreitet, würde man kaum alle Leute mitentscheiden lassen, ob, wann und wie viel Impfstoff gekauft werden soll. Hah, jubilierst du jetzt innerlich (wenn du im dem-Klugscheißer-muss-dringend-mal-einer-die-Meinung-sagen-Modus bist), und dann läuft’s so wie bei der Schweinegrippe. Ein Haufen Geld wird unnütz verpulvert. Ja, das kann passieren. Doch zuviel Impfstoff bei einer eher harmlosen Krankheit ist zwar lästig, aber besser als umgekehrt.

Und jetzt komme ich endlich auf mein Lieblingsthema, das Große, Ganze, Globale. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich würde mich lieber von einem Diktator mit Grips und Weitsicht regieren lassen, dem das Wohl des Volkes wichtig ist, als von jener Sortierung rückgratloser Fähnchennachdemwindedrehern, die heute in fast allen Demokratien der Welt am Drücker ist. Obama als Weltherrscher oder zumindest Chef eines internationalen Ältestenrats? Jeweils fünf Frauen und Männer mit Erfahrung, Integrität und Durchsetzungsvermögen. Erstmal für zwei Jahre? Warum nicht. Solange es fast allen gut ging und die Zukunft als Silberstreif am Horizont glänzte, waren unfähige Politiker ein ärgerlicher Aspekt der Wirklichkeit, aber nicht lebensbedrohlich. Doch nun sind die Karten neu gemischt, weht uns ein steifer Wind mitten ins Gesicht, steigt das Wasser stetig und erreicht bald Schulterhöhe. Global und bildlich gesprochen, also nicht nur in Sachsen und Pakistan. Glaubt ihr denn wirklich, dass mit dem schwächlichen Führungspersonal und gleichgültigen Stimmvieh von heute eine existenzielle Herausforderung wie der globale Klimawandel gemeistert werden kann? Wirklich? Na Mahlzeit – dann glaubt das aber bitte für mich mit.

Demokratie ist eine Schönwetterstaatsform, sie taugt nicht für die Art von Orkan, die uns bevorsteht. Und Volksentscheide sind wie Schnaps: In kleinen Mengen belebend und durchblutungsfördernd, doch zu reichlich genossen führen sie zu Säuferwahn und Leberzirrhose. Überlegt euch deshalb gut, ob ihr mich nicht doch zu eurem Diktator machen wollt, bevor ich mich traurig dem Suff ergebe und nur noch Matsch in der Birne habe. Tolerant wie ich bekanntlich bin, würde ich die Macht auch mit ein paar anderen Schlauköpfen teilen, damit wir eine globalen Krisenstab bilden und hart gegenlenken können, bevor der Menschheitskarren endgültig vor die Wand gefahren wird. Denkt mal drüber nach, denken tut ja eigentlich nicht weh.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

9 Kommentare zu “Macht mich zum Weltherrscher!”

  1. twuertz

    Hallo Johannis,
    der Meinung, dass die Demokratie nicht hält, was sie verspricht, kann ich mich nur anschließen. Und das ist ganz normal. Ein Hund, der acht Stunden zu Hause eingesperrt auf sein Herrchen wartet, fängt auch an, Dummheiten zu machen. Unsere Politiker werden nach den Wahlen nach Berlin geschickt, und dann kümmern sich die wenigsten Wähler noch um sie. Kein Wunder, wenn dann anfangen wird, mit blindem Aktionismus um die Gunst jeder auch noch so kleinen Resonanzgruppe zu buhlen. Wenn diese Theorie stimmt, sollten die Bürger regelmäßig mal nachfragen, was ihre Abgeordneten so treiben. Macht jeder normale Chef bei seinen Mitarbeitern.”Und, Müller? Was ham se heut gemacht?”

    Eine andere Lösung wäre eine Netzwerkstruktur an Stelle einer hierarchischen. In einer Hierarchie ist das ganze Konstrukt nur so clever, wie der oberste Boss… In einem Netzwerk gibt es das Phänomen der übersummativen Intelligenz. Nur bis wir echte Kompetenzträger dazu gebracht haben, sich zusammen zu setzen, und unsere selbstgerechten Volksvertreter aus den Ämtern zu scheuchen, müssen wir langsam anfangen, letzt genannte nach konkreten Vorschlägen und Ergebnissen zu fragen.

    Wenn wir schon Demokratie spielen, dann bitte alle und bitte richtig… “Und Frau Merkel? Was waren Ihre konkreten Vorschläge auffem Umweltgipfel? Wieso genau hats nicht geklappt? Was waren da denn die Ursachen? Was machen wir nächstes Mal anders?” Wir sind doch schließlich erwachsene Leute und können offen über alles reden… ;-)

    Herzlich, Tobias

  2. Steffen Geyer

    Ola!

    Es wundert mich ein wenig, dass du nicht auch noch das doofe Todesurteil gegen Sokrates auspackst, um uns die Demokratie madig zu machen. Unsere vom tumbem Pöbel “gewählten” Volksvertreter sind übrigens ebenfalls ein beliebter Zaunpfahl von Mitbestimmungsgegnern.

    Was du übersiehts, ist der Umstand, dass erst die politische Beteiligung aller Bürger in den letzten 200 Jahren dich in die Lage versetzt, hier über den mangelnden Weitblick der Massen zu schreiben. Ohne den Wunsch nach Mitbestimmung und das Vermögen des Volkes seine Bedürfnisse durch gemeinschaftliche Entscheidung zum Wohler “aller” zu regeln, wärst du heute noch Eigentum eines regionalen Alleinherrschers/Königs/Diktators, dessen Intelligenz allzuoft nicht höher liegt als des gewöhnlichen Stammtischs.

    Ich für meinen Teil bin froh, dass wir mitreden dürfen und würde mir wünschen, dass wir dies häufiger tun und dass unsere Entscheidungen häufiger direkte Wirkung entfalten.

    Mit hanfigen Grüßen
    Steffen

  3. Johannis

    @twuertz:
    Schwarmintelligenz ist wohl auch ein Wort für die von dir benannte übersummative Intelligenz. Grundlage ist aber wohl eine verbindliche Ethik, die sich am Wohlergehen aller Lebewesen auf dem Planeten orientiert. Was schädigt, krank macht oder zerstört muss weichen oder ersetzt werden.

    @Steffen Geyer:
    Ja, und weil Gottlieb Daimler vor über 100 Jahren die motorgetriebene Droschke erfand, hab ich heute ein Auto vor der Tür stehen. Deshalb muss ich aber noch lange nicht Formel-1-Fan sein oder am Wochenende zum Spaß durch die Pampa gondeln. Churchill soll gesagt haben, dass die Demokratie von allen beschissenen Staatsformen immer noch die beste ist. Sehe ich auch so. Autofahren ist von allen Formen des Individualverkehrs immer noch die bequemste. Und trotzdem ist es allerhöchste Zeit, dass wir uns für neue Formen der Mobilität (und/oder weniger Mobilität) entscheiden. Solange es noch nicht zu spät ist. Darüber kannst du ja mal eine Jointlänge nachdenken.

  4. Mrs. Mop

    Hm, hm, hm.

    “Ich würde mich lieber von einem Diktator mit Grips und Weitsicht regieren lassen, dem das Wohl des Volkes wichtig ist…” – schon mal einen kennengelernt? Name? Adresse? Handynummer? – “…Obama als Weltherrscher oder zumindest Chef eines internationalen Ältestenrats? Jeweils fünf Frauen und Männer mit Erfahrung, Integrität und Durchsetzungsvermögen. Erstmal für zwei Jahre? Warum nicht.” – Fragst du das jetzt im Ernst (“warum nicht.”)? Kann ja wohl nicht dein Ernst sein, weil – “… als von jener Sortierung rückgratloser Fähnchennachdemwindedrehern, die heute in fast allen Demokratien der Welt am Drücker ist.”

    Hieße, nach allen Regeln der Logik und des Heiligen Dreisatzes: “Ein Fähnchennachdemwindedreher als Weltherrscher”, ich meine, Im Ernst, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein?

  5. Johannis

    @Mrs. Mop:
    Es erstaunt mich immer von Neuem, wie todernst man mich nimmt. Nein, ich habe meinen Vorschlag, mich zum Weltherrscher zu machen, nicht ernst gemeint. Höchstens ein bisschen, wirklich haben will ich den Job nicht. Außer, wenn ich mir die anderen Mitglieder des Krisenstabs frei aussuchen darf. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die gegenwärtigen internationalen Entscheidungsstrukturen nicht geeignet sind, um globale Probleme wie den Klimawandel oder den Hunger von einer Milliarde Menschen zu lösen. Es klappt ja noch nicht einmal lokal, siehe Feuer in Russland oder Wasser in Pakistan. Und ich wäre gern bereit, für zwei Jahre unter einer globalen Interimsregierung bestehend aus Obama, Lula da Silva, Quentin Brice, Michelle Bachelet und einem weiteren halben Dutzend fähiger Leute zu leben. Wirklich!

    Diktatoren sind nicht immer Despoten, Beispiele wären Michael Gorbatschew oder Paul Kagame. Ich habe wohl eher an einen gütigen König gedacht, der sich dem Wohl des Volkes verpflichtet fühlt. So ein Mittelding aus Dalai Lama und Nelson Mandela. Man darf doch träumen, oder?

    Freut mich auf jeden Fall, dass mein Beitrag sowohl Zustimmung als auch Widerspruch ausgelöst hat. Grüße von Johannis

  6. Mrs. Mop

    Danke für die ausführliche Antwort. Ist aber keine Antwort auf meine Frage.

    OK, nochmal abgekürzt:

    Du sagst: Obama als Weltherrscher – warum nicht.
    Ich sage: Obama als Marionette von Wall Street – bloß nicht.

    Solltest du jetzt sagen: Obama ist doch gar keine Marionette von Wall Street, sondern einer mit Grips und Weitsicht, dem das Wohl des Volkes wichtig ist, – dann sind wir beide einfach unterschiedlicher Meinung, und so was soll’s ja geben.

    Mehr wollte ich nicht angemerkt haben.

    (An deiner Qualifikation zum Weltherrscher/Diktator/Despoten/gütigen König habe ich nicht den geringsten Zweifel und habe dies aus diesem Grund in keiner Weise in Frage gestellt.)

  7. Johannis

    @Mrs. Mop:
    Gern geschehen. Wenn Obama nicht auf die Mehrheitsverhältnisse im Senat und Kongress, auf Hundertschaften hirnlos reaktionärer Republikaner und ein Heer von Lobbyisten, die nur an Profit denken, und eine Wählerschaft, die denkt, dass Europa ein Land ist und Gott Eva aus Adams Rippe geschnitzt hat, Rücksicht nehmen müsste, könnten die Wallstreetler sich warm anziehen. Aber das werden wir nicht erleben dürfen, weil eben alles so ist, wie es ist.

    Viel wahrscheinlicher ist es hingegen, dass wir schon in wenigen Jahren erleben müssen, wie so genannte Umweltkatastrophen von einem Ausmaß alltäglich werden, über das die Medien von heute noch aufgeregt berichten. Dann wird dann leider normal sein.

  8. Mrs. Mop

    *lol*, das ist echt lustig!

    Du sagst:
    “Wenn Obama nicht auf … ein Heer von Lobbyisten, die nur an Profit denken … Rücksicht nehmen müsste, könnten die Wallstreetler sich warm anziehen.”

    Ich kürze jetzt mal ganz frech noch mehr ab und sage:
    Wenn Obama nicht auf die Lobbyisten von Wall Street Rücksicht nehmen müsste, könnten die Wallstreetler sich warm anziehen.

    Du verstehst, warum ich mich so gut amüsiere?

  9. Johannis

    @Mrs. Mop:
    Dir nochmals zu antworten, heißt mit Schwung die berühmte Handvoll Perlen vor die Säue zu schmeißen, aber ich hab jetzt lecker zu Abend gegessen und außerdem heute meinen großzügigen Tag. Dein offensichtlich sehr eingeschränktes Verständnis von der inneren Dynamik in demokratischen Machtsystemen wird nicht weniger beklagenswert, wenn du aus fünf guten Gründen einen (das Heer von Lobbyisten) herauspickst und isoliert belächelst.

    Nein, ich verstehe nicht, warum du dich so gut amüsierst. Ich tippe mal darauf, dass du bei der letzten Bundestagswahl dein Kreuz bei den Piraten oder der Linken gemacht hast, mag mich aber täuschen. Auf Leser, die Kürzel wie *lol* benutzen, verzichte ich nur ungern, aber dennoch leichten Herzens. Speziell, wenn sie Anhänger von demokratischen Wurmfortsätzen wie den Piraten oder der Linken sind. Tja, wenn ich es recht betrachte, habe ich heute doch nicht meinen großzügigen Tag. Shit happens.

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