Lautlos kommt der Tod
Geschrieben von Johannis am 30. Mai 2009 um 18:46 Uhr
Oh Gott, höre ich nun einige Leute stöhnen, da isser wieder. Der mit Abstand am wenigsten gelesene Zeroblogger der Blogosphere, ein Klugscheißer mit gigantischem und chronisch unverschließbaren Monsteranus, unser aller moralisches Gewissen, auf das wir herzlich gern verzichten würden. Warum schreibt er nur? Frage ich mich manchmal auch, besonders wenn ich mir die Besucherstatistik ansehe. Ob ich hier das Maul aufreiße oder nicht – das macht kaum einen Unterschied. Nicht mal Freunde lesen mein Zeug, was eventuell daran liegen könnte, dass ich keine Freunde habe. Egal.
Vor zwei Wochen aus dem Vorland des Himalaya-Massivs ins wunderschöne (höh höh!) Westfalen retourniert, habe ich mich erstmal ausgeschwiegen. Relaxt. Gefaulenzt. Den lieben Gott ’nen guten Mann sein lassen. Und mich (wieder mal) gefragt, warum ich eigentlich für ein derart gleichgültiges Publikum wie meines überhaupt schreiben soll. Schlüssige Antworten habe ich (wieder mal) keine, außer dieser: Zur Übung. Damit ich (noch!) besser werde, für wonnig gewählte Worte und sauschön geschmiedete Sätze, einfach für die verfluchte Fertigkeit. Nicht etwa euretwegen! Nur für mich und meine glorreiche Zukunft, für die Tage meiner Entdeckung, für jene Zeiten, da meine Stimme endlich kraftvoll über den ganzen Planeten erschallen wird. Und ich euch lahmarschigen Lesemuffeln und Kommentarversagern endgültig die bitterkalte Schulter zeigen werde. Oder gleich beide.
So, dass sollte zum Abreagieren erstmal reichen. Was es sonst noch gibt? Nicht viel. Ich bin heil und vergleichsweise gesund angekommen, habe unverzüglich Kühlschrank und Weinkeller aufgefüllt und mich alsdann aufs Sofa verkrochen. Woselbst ich eine gute Woche verblieben bin. Mittlerweile hat jedoch der Alltag seine klebrigen Finger nach mir ausgestreckt und mich leider wieder fest im Griff. Leider. Obwohl – in Nepal möchte ich jetzt auch nicht sein. Schon wegen dem Monsun nicht. Dativ darf man ja neuerdings. Gestern war ich beim Arzt, den Augeninnendruck messen. Der ist bei cholerisch veranlagten Menschen schon mal erhöht und das führt dazu, dass sie dann später einen Vogel kriegen. Einen Star, grün. Will ich nicht.
Bei meiner Innercityexkursion fiel mir (wieder mal) auf, wie komplett verschusselt der Durchschnittsdeutsche durch die Stadt eiert. Auf den knapp fünf Kilometern, die ich CO²-neutral und fröhlich radelnd bewältigte, hätte ich locker ein halbes Dutzend Teenies totfahren können, von den tatterigen Omas ganz zu schweigen. Selbst bin ich mehrfach Tod oder Verstümmelung durch idiotische Kraftfahrer entgangen (sehr populär ist mittlerweile, weil offenbar zu bußgeldbillig, das Telefonieren am Steuer), was hauptsächlich meinem überragenden Reaktionsvermögen zu verdanken ist. Und dem regelmäßigen Training in Kathmandu. Wer sich wider Erwarten tatsächlich für die Verkehrsgewohnheiten in Nepals Hauptstadt interessiert, kann sich hier informieren. Sie oder ihn erwarten ein launiger Text und etliche recht schöne Fotos, die ich im vergangenen Herbst der Website von Lorenz Meyer (Lügenbaron, Esoterikteufel und bitterböser Demagoge, der sich hier hinter Pseudonymen wie Henriette Erler versteckt) zur Verfügung stellte. Was ich zulängst und zutiefst bedauere. Aber egal.
Der Gegensatz ist schon frappierend, wenn man aus einer Stadt zurückkehrt, die etwa fünfmal so viele Einwohner, doppelt so viele Fahrzeuge, aber nur einen Bruchteil des Straßennetzes von Dortmund hat. Und in der alles quirlt, wuselt, hupt, drängt und schiebt, aber dennoch niemand ernsthaft zu Schaden kommt. Trotz aufgelassener Kanalschächte, kokelnder Müllberge, wahnsinniger Busfahrer, löchriger Asphaltdecken und einer Vielzahl von Verkehrsteilnehmern, die hier eher selten anzutreffen sind. Heilige Kühe, streunende Hunde, Ziegenherden, Rikschafahrer, Lastenkulis, blinde Bettler, Leprakrüppel auf wackeligen Rollbrettern und so fort. Das ganz normale Chaos. Klappt aber, weil man wach ist. Aufmerksam.
In Deutschland gibt es eindeutig zu viele Regeln und zu wenig Grips. Besonders bei jungen Leuten schreitet die Verblödung schneller voran als Gletscherschmelze oder der Rückgang des polaren Schelfeises. Sie starren gebannt aufs Handy und senden dabei immens wichtige Botschaften, twittern vielleicht sogar und stolpern zeitgleich quer über die Straße. Nach dem Motto: Was nicht lärmt, existiert nicht. Da mein Fahrrad weder brummt, quietscht noch klappert, ich aber Kraft meines jugendlichen Herzens und strammer (na ja) Waden in flinkem Tempo durch die Welt sause, bin ich zum steten Idiotenslalom gezwungen. Ich habe mir schon überlegt, mir im Scherzartikelladen so einen bunten Schaumgummihammer zu kaufen, der bei jedem Hau ein schrilles Quieken von sich gibt. Anstatt alarmistisch zu klingeln und mich dabei in die Todeskurve zu legen, hämmere ich träumenden Deppen mit dem Juxhammer auf die Birne. Dann fliegen ihnen vielleicht auch die obligatorischen iPod-Stöpsel aus den verschmalzten Ohren. Besser einen Klapps von mir als unter einen Brauereilaster gelatscht und mit reichlich Blumen auf dem Ostfriedhof gelandet. Wie hieß es doch in meiner Jugend so pädagogisch wertvoll: Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. In diesem Sinne wünsche ich allen Erdenbürgern, dass sie ab sofort möglichst oft welche auf den Keks kriegen.
So, mir reicht’s für heute. Euch sicher schon lange. Bis die Tage. Oder so.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«


