Lanzenbruch
Geschrieben von Johannis am 26. Dezember 2007 um 14:32 Uhr
Die Haustür verbarrikadiert, jegliche Art von Fensterschmuck, pieksigem Grünzeug und alles, was nur entfernt weihnachtlich anmuten könnte, radikal entfernt, Radio – einen Fernseher besitze ich vorsätzlich nicht – und Telefon ausgestöpselt, harre ich in heiterer Gelassenheit und zuhause der hereinbrechenden Christnacht. In den vorvergangenen Tagen erreichten mich mitleidige oder eher beleidigende Anrufe en masse. Was ich denn machen würde, und ob ich nicht lieber und wenigstens am heiligen Abend der tragisch-chronischen Versingelung entfliehen wolle. (Der Begriff Single hat sich derart tief in den germanischen Wortschatz eingegraben, dass er jetzt korrekt Singel geschrieben wird. Wenigstens hier. Zwei Singels, Singeltum, Singelparty, versingelt, entsingelt.) Bundesweit entstehen ab Wintersonnenwende in kreuzbrav-ordentlichen Heile-Welt-Haushalten kleine Zentren praktizierter Nächstenliebe, irreführend auch Asyl für allein stehende Blutsverwandte oder Single-Krisenzentrum genannt.
„Komm doch ruhig vorbei, wir freuen uns auf dich, vor allem die Kinder! Nein, Geschenke brauchst du wirklich keine mitbringen, wir haben doch schon alles…“ so klingt der O-Ton allerorten. Dann noch die Versicherung “Bei uns wird Heiligabend ganz entspannt angegangen, absolut kein Stress, total locker, wirklich!“ Singels dieser Welt, fallt nicht auf diese Lügen rein, denn an Weihnachten ist geteilte Freud fast immer halbe Freud plus doppeltes Leid!
Eine von mir und Freunden in den letzten zwei Jahrzehnten zusammengetragene repräsentative Datenerhebung zeigt als Grundaussage folgendes:
Singelweihnachten sind gute Weihnachten.
Die Zahlen für Alkohol- und sonstigen Substanzmissbrauch liegen nur geringfügig über dem ganzjährigen Durchschnittswert, im Bereich Auto- und Fremdaggression weist die Studie für sämtliche Probanden unbedenkliche Parameter auf. Die Monatsstresskurve der Singels zeigt für den 24., 25. und 26. Dezember sogar eine leichte Abflachung verglichen mit dem langjährigen Mittel. Alles unbedenklich also.
Kein Wunder, denn bei uns wird garantiert kein essentieller Blumenstrauß beim Händler vergessen; kein Karpfen zerkocht, denn wir essen Tiefkühlpizza statt übergartem Truthahn; nicht vorhandene Kinder können sich auch kein im Übermaß genossenes Schokoladeneis auf Feststagszwirn und Lackschühchen kotzen; kein Gatte reißt schon auf dem Weg zum kirchlichen Krippenspiel die 0,8-Promillelatte; nie werden wir von holder Ehefrau angemistet, weil wir beim Baumarkt natürlich und wie immer zu spät diese mit Abstand krummste und dazu noch gnadenlos überteuerte Nordmanntanne erworben haben; keine Schwiegermütter mästen sich erst mit in Jamaikarum getränktem Baumkuchen plus Irish Coffee, dann an Filetsteaks mit Sahnechampignons und Zuckerschoten und schließlich am Niederegger Marzipan, nur um uns bei Kerzenglanz, in mittelschwerem Zuckerschock und präkomatös beizupuhlen, dass sie sich ja damals an Töchterchens Stelle ganz klar für den Bürgermeisterssohn entschieden hätten. Bei uns wird nicht gebrüllt, geheult und rumgeplärrt, man wirft sich keine Blicke zu, deren Botschaften verbalisiert todsicher den Gang zum Scheidungsrichter auslösen müssten, keine verwöhnten Rotzblagen nölen, nachdem sie mit Präsenten überhäuft wurden, deren Gegenwert das durchschnittliche Jahresbruttosozialprodukt eines Grönländers übersteigt, dass es letztes Jahr ja wohl echt bessere Geschenke gegeben habe.
Wir Singels sind im Grund die besseren, auf jeden Fall die glücklicheren Menschen, insbesondere an Weihnachten. Nie überfällt uns im Angesicht der minderjährigen Abkömmlinge und der nicht mehr vage drohenden, sondern längst Realität werdenden Klimakatastrophe, die finale Endzeitdepression, heiter und gelassen blicken wir, ein Glas Mangosaft/Bordeaux/die Wasserpfeife zur Hand in die Abgründe der menschlichen Existenz und sagen lässig zu Gevatter Tod: „Wolltse mich heut schon holen oder hat das noch Zeit?“ Und weil keine Antwort kommt lächeln wir entspannt, gehen nicht ans Telefon und richten in heiliger Stille ein bis drei mitfühlende Gedanken an alle von blutrünstigen Amokfantasien geplagten Paare, an zukünftige Patchworkfamilien und die zahllosen kinderlosen Trennungsfeiglingen. In diesem Sinne also, ein frohes Fest!


