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Krückenläufer

Geschrieben von Johannis am 27. Dezember 2009 um 11:46 Uhr

Gewollte Gottlosigkeit findet immer mehr Anhänger, und das ist gut so. Mit Interesse las ich vor einer Weile den Beitrag einer radikalatheistischen Kollegin, die auf eine Kampagne zum forcierten Coming-Out der Ungläubigen hinwies. Statt bunter Schleife gibt es dort ein hübsches A für die eigene Website: A für Aussteiger, Alles Quatsch, Arme Seele, Antichrist.

Evangelisch getauft und brav konfirmiert bin ich mit achtzehn aus der Kirche ausgetreten, und habe das ich nie wirklich bereut. In meinen Dreißigern beschäftigte ich mich während der üblichen Sinnsuche mit einigen esoterischen Themen und bin dabei auf manchen Blödsinn reingefallen. Im nächsten Lebensjahrzehnt war dann – nach vorherigem Vergleich der verschiedenen Weltreligionen – der Buddhismus dran. Auslöser waren meine regelmäßigen Reisen nach Asien sowie die Tatsache, dass die Lehre des Buddha als einziges religiöses Konzept ohne Gott auskommt und die Verantwortung für das eigene Wohl komplett in die Hände der Gläubigen legt. Sieben Jahre lebte ich zwar nicht in Tibet, bemühte mich aber, den tibetischen Buddhismus in meinen Alltag zu integrieren, was sogar halbwegs gelang. Aber auch damit ist schon länger Schluss.

Warum? Aus dem gleichen Grund, weshalb ich kein Piercing in der Eichel habe, ungern geblümte Schlaghosen trage und auf Drogen verzichte: Es bringt mir nichts. Und weil mir die missionarische Besserwisserei vieler Gläubiger ziemlich auf den Sack geht. Ich habe sogar den Kontakt zu einer guten und gläubigen Freundin abgebrochen, weil sie mir nach Ende meiner spirituellen Phase heftig zusetzte. Sie tat, als wäre ich in den Hungerstreik getreten und schwebte nun in akuter Lebensgefahr. Religiöse Menschen und Esoteriker können recht intolerant sein, anders als wir Gottlosen. Ein anderer Freund hat plötzlich die Kirche für sich entdeckt, nachdem er an Krebs erkrankte. Das ist für mich kein Problem, solange es ihm gut tut.

Bleibt mir jedoch bitte mit aufdringlicher Bekehrungswut von Leib und Seele. Ich glaube nicht an eine höhere Macht und die Erde dreht sich trotzdem weiter. Punkt. Menschen, die Gott entdeckt haben und sich seiner Sympathie sicher sind, können häufig den Mund nicht halten. Sie selbst stolpern mit Krücken durchs Leben, jubeln aber jedermann ins Ohr, wie wunderbar diese Art der Fortbewegung ist. Mein Gott, wer keine Krücken hat, der ist zu bedauern, dem fehlt ja das Wichtigste im Leben: der Glaube, ein Krückstock. In Dortmund läuft regelmäßig eine frühpensionierte Lehrerin mit einem Schild durch die City, auf dem „Jesus rettet“ steht. Dazu ruft sie unermüdlich und beschwörend „Das Wichtigste“ und verteilt selbstgedruckte Handzettel. Ich bin für Jesus verloren, unrettbar gottlos.

Toll ist auch, das es Glaubenskrücken in verschiedenen Ausführungen gibt. Der Markt des Göttlichen bietet katholische, evangelische, orthodoxe, muslimische, hinduistische, judaistische, jainistische und andere Gehhilfen. Jedem seine Marke, wie bei politischen Parteien. Und genau wie politische Fanatiker brüllen manche Leute ihre unumstürzliche Überzeugung in die Welt, dass man nämlich einzig und allein mit Stöcken ihrer Lieblingsmarke vorwärts kommt. Hast du andere oder gar keine Krücken, bist du ein ganz armes oder sogar hassenswertes Schwein. Besonders unsere muslimischen Freunde tun sich dabei hervor und bezeichnen alle, die nicht an Allah glauben, gern als Ungläubige.

Dabei sind sie, genau wie all die anderen Krückenläufer, nur einer speziellen Form der Verblendung erlegen, leiden unter religiösen Wahnvorstellungen. Bisher gibt es kein überzeugendes Argument – von Beweisen mal ganz abgesehen – für die Existenz irgendeines Gottes. Sein angebliches Interesse an uns Menschen und seine Neigung, verbindliche Vorschriften zu machen, seine (oder ihre?) Liebe für uns Erdlinge, die göttliche Allmacht und Allwissenheit – alles unbewiesenes Zeug. Gut, Placebos können heilkräftig sein und solange der Dornbusch nicht in meinem Garten brennt, ist mir der ganze Zinnober wurscht. Aber dennoch, liebe Besitzer der göttlichen Gnade, macht mir nicht weis, dass ich ohne Krücken nur ein halber Mensch bin. Denn ich komm’ ganz gut zurecht.

Danke.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

6 Kommentare zu “Krückenläufer”

  1. Perlenschwein » Blog Archiv » Krückenläufer | Atheismus / Theismus

    [...] via Perlenschwein » Blog Archiv » Krückenläufer. [...]

  2. Mamasliebling

    Sehr interessant finde ich, dass die Ungläubigen den Gläubigen in ihrem (de)missionarischen Treiben in nichts nachstehen.

    Die Ohne-Krückenläufer versuchen die Krückenläufer inbrünstig von der von der Nichtexistenz Gottes zu überzeugen.

    Bei http://www.sheng-fui.de versucht Perlenschwein mehrfach unseren Freund Artur davon zu überzeugen, dass die Bestellung beim Universum Quatsch sei und das, obwohl Artur angab, aus dieser Seite Kraft zu schöpfen. Ihm tut die Sache gut.
    Lass ihn doch mit seinem Leib und seiner Seele in den unendlichen Weiten des Universums auf eine astrale Reise gehen!

    Die einen laufen durch die Dortmunder Fußgängerzone und versuchen die Leute mit einem Schild in der Hand zu bekehren, die anderen laufen durch das Internet und versuchen die Leute mit einer Homepage in der Hand zu bekehren.

  3. Johannis

    @Mamasliebling:
    Bitte verzeih, dass ich bedingt durch eine festliche Abwesenheit der virtuellen Welt abhold war und mich nur mit echten Menschen befasst habe, während das System meine vorab zusammengeschluderten Beiträge nach und nach veröffentlichte.

    Zum Thema Missionieren dies: Würden die rund 1,5 Milliarden Atheisten ebenso viel Energie darauf verwenden, die unvernünftigen Gläubigen zur Vernunft zu bringen, wie umgekehrt die Gottbesitzer uns Heiden zusetzen, wären die meisten Kirchen mittlerweile abgerissen und die Schweizer hätten nicht gegen Minarette votieren müssen. An Gott zu glauben ist in unseren Augen albern, aber wir lassen den Menschen ihre oftmals historisch bedingten Albernheiten. Man glaubte ja auch lange Zeit daran, dass die Erde eine Scheibe sei. Über religöse Albernheiten nachzudenken und gelegentlich ein paar Zeilen zu schreiben, muss doch aber erlaubt sein, oder?

    Was deinen Busenfreund Artur angeht, zeigt die Erfahrung, dass esoterische Spinner wie er vollkommen immun gegen jeglichen Zweifel und rationale Argumente sind. Mach dir also um ihn keine Sorgen. Wer seine Herzenswünsche auf einem Portal veröffentlich, das sich in eindeutig spöttischer Art und Weise von jeglicher Esoterik distanziert, ist selber schuld und verdient es geradezu, verarscht zu werden. Nicht mehr tat ich und hatte meinen Spaß dabei. Und wenn ich dich zitieren darf: “Zu dem Artikel “Das Universum antwortet nicht” möchte ich Dich ausdrücklich beglückwünschen. Ist das nicht krass, was für arme Seelen auf Hilfe vom Universum hoffen und sich tatsächlich nicht von deinen drastischen Kommentaren abschrecken lassen?” Ja, es ist krass.

    Schöne Grüße an dich, das Universum und alle Götter, an die du vielleicht glauben magst.

  4. gerd riese

    Richtig gut fand ich den Kommentar von Mamasliebling! Schließe mich gerne an…

    Ansonsten: es gibt natürlich keine Beweise. Weder für die Existenz Gottes noch für die Nichtexistenz. Die meisten stehlen sich heutzuutage da raus, indem sie sich für Agnostiker halten. Dann kann man einfach nichts so richtig falsch machen. Windelweich, da ist mir so ein ehrlicher Atheist ja lieber. Ansonsten ist Gott eine poetische Wahrheit.

  5. Johannis

    @Gerd Riese:
    Lustig ist dein Satz: Es gibt natürlich keine Beweise. Weder für die Existenz Gottes noch für die Nichtexistenz. Dass man die Nichtexistenz von etwas, dessen Existenz man nicht belegen kann, beweisen soll, ist schon ziemlich heftig um die Ecke herum gedacht. Muss ich, wenn im Kühlschrank kein Bier zu sehen ist, beweisen, dass sich dort kein unsichtbares Bier versteckt? Sollte beim Thema Gott nicht auch das gute alte in dubio pro reo gelten? Gut, dann wäre allerdings bewiesen, dass es keinen Gott gibt, und das wäre für die Gläubigen jedweder Couleur natürlich tragisch.

  6. Lorenz Meyer

    @Gerd Riese @Johannis: Unter http://bit.ly/6kZ5ub gibt es übrigens einen Beitrag, der die von Euch diskutierten Fragen zum Inhalt hat und (auch in den Kommentaren) einige interessante Aspekte aufführt.

    Energetische Grüße, Lorenz

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