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Internationale Heuchelmeisterschaften

Geschrieben von Johannis am 27. Juni 2009 um 19:28 Uhr

Pünktlich zum Ableben von Jacko können plötzlich alle Latein. De mortuis nihil nisi bene – red’ nicht schlecht über Tote. Also wird geschwafelt und gejammert, was die Linsen und Mikrofone fassen und weltweit der einzige Sender, der gestern Abend kein Michael-Jackson-Special brachte, war das iranische Staatsfernsehen.

Es ist schon tragisch, wenn Stars und Sternchen sich peinlich verhalten und besonders, falls man diese Leute mal bewundert hat. Michael Jackson war der amerikanische Boris Becker, nur anders. Gut, er konnte singen und vor allem soooo toll tanzen, aber ganz dicht war er eben nicht. Trotzdem trauern alle Menschen reinen Herzens (ich deshalb auch nicht) um den King of Pop. Nur ganz am Rande werden kritische Zwischentöne eingestreut, wegen seiner vielen OPs und der albernen Hautbleicherei, einigen Vorwürfen des Kindesmissbrauchs und seinem seltsamen Lebensstil auf der Neverland Ranch.

Ein Junge, zusammen mit seinen neun Geschwistern vom hyperehrgeizigen Vater zum Showstar gedrillt und dabei um die Kindheit betrogen, wächst heran, hat irgendwann und zu früh Erfolg und macht zu viel Geld. Er kauft sich davon eine zweite Kindheit mit Abenteuerspielplatz und Kuschelzoo, benimmt sich wie ein Teenager und muss doch mit fünfzig Jahren erkennen, dass die sorglosen Kindertage nie wiederkommen. Tragisch. Ende.

Ich fand ihn immer etwas nervig, besonders der ständige Griff an die eigenen Eier. Vor allem, weil dort augenscheinlich erschreckend wenig Fleisch im engen Beinkleid hing. Ein Kinderschniedel eben. Seine albernen Outfits, die oft an Strampelanzüge für Babies erinnerten, die bescheuerte Frisur, zerbastelte Nase und seine Macken – alles nix für mich. Spätestens wenn das Autopsieergebnis bestätigt, dass er sich vor lauter Panik (die letzte Tournee sollte im Juli beginnen) selbst um die Ecke gebracht hat, wird der Tonfall anders. Dann werden all jene, die den armen Michael heute noch betrauern, ihn zu dem reduzieren, was er eigentlich war: Ein Mensch, dem Kindheit und Jugend gestohlen wurden und der sich später, als von den Massen angebeteter und leider hochneurotischer Erwachsener, göttergleich komplett neu erschaffen wollte, was voll daneben ging. Ein verschuldeter Popstar, der alt wird. Eigentlich eine arme Sau.

Als ich gestern Mitschnitte von Live-Konzerten sah, die hysterischen, weinenden oder sich in orgiastischen Zuckungen windenden Mädchen, ihre Anbetung, wie sie alle Texte auswendig mitsingen und in Ohnmacht fallen, dachte ich an einen Gottesdienst. Stadion statt Kirche, Thriller statt Gebetbuch, Michael statt Priester – fertig ist der Glaube der Neuzeit. Nicht King of Pop – God of Pop hätte er heißen müssen. Aber Gott ist bekanntlich tot, und das ist gut so.

Bye, Jacko! Please don’t come back.

Like Jesus, I mean.

He finally left too.

Got it?

Bye.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

2 Kommentare zu “Internationale Heuchelmeisterschaften”

  1. Wolfgang

    Hallo Johannis,

    Du hast ‘ne geile Schreibe. Du bringst es auf den Punkt.

    Grüße aus Dortmund
    Wolfgang

  2. Johannis

    Besten Dank, is immer schön, wenn’s gefällt.

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