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In der Hölle von Bahrain

Geschrieben von Johannis am 26. Oktober 2008 um 17:38 Uhr

Gern würde ich jetzt etwas über die Vorzüge und Annehmlichkeiten von Flugreisen in Zeiten der globalen Mobilität schreiben. Unsere hoch entwickelte Kultur hat eine Unzahl von technischen Errungenschaften hervorgebracht, zu denen unbestritten auch das Flugzeug gehört. Aber dieser Trip stand offenbar von Anfang an unter einem ungünstigen Stern, denn schon in Frankfurt knöpfte Gulf Air mir für läppische fünf Kilo Übergepäck bis nach New Delhi ungerührt den nicht gerade bescheidenen Betrag von 184 Euronen ab. Und das, obwohl der Großteil des Gewichts nachweislich von Gerätschaften verursacht wird, die wir nach Nepal spenden. Wer nicht aufgepasst hat oder nur gelegentlich diesen Blog liest – ich kümmere mich in den nächsten Wochen in Nepal um die Entwicklungshilfeprojekte des Vereins HOPE e.V.

Nachdem ich bezahlt, mich halbwegs abgeregt und den Flieger bestiegen hatte, ging es erstmal deutlich aufwärts, nicht nur höhenmäßig. Eine recht sympathische Ergotherapeutin neben mir und auf dem Minibildschirm in der Rückenlehne vor mir ein saulustiger Film, dazu sogar relativ schmackhaftes Essen – alles war nur noch halb so schlimm. Bis eine übereifrige und turboschnelle Stewardess den Gang entlangstürmte und meinen rechten Ellenbogen traf. An dem seit Jahren mein Unterarm gefestigt ist, dran blöderweise wieder die Hand, in der ich eine Tasse hielt, randvoll mit heißem, gezuckerten Milchkaffee. Der dann zu etwa gleichen Teilen auf mir und der Mannheimer Ergotherapeutin landete. Entsprechend klebrig und mit dem unangenehmen Geruch behaftet, den sonst nur Bürokaffeemaschinen verströmen, in denen bitterbraune Bohnenbrühe stundenlang totgekocht wurde, schreibe ich nun diese Zeilen.

Könnte ich mir für die unzähligen Entschuldigungen der schockierten Saftschubse (eigentlich ja Kaffeeschubse), ihrer ebenso betroffenen Vorgesetzten und des gestrengen Supervisors etwas kaufen, würde ich das Geld wohl kurzfristig in einen Hedgefonds investieren, nach ein paar Wochen die Gewinne mitnehmen und dann umgehend die Aktienmehrheit der Deutschen Bahn erwerben. Wenn die endlich an die Börse geht. Stattdessen sitze ich seit knapp vier Stunden kaffeefleckig in Bahrain und warte auf meinen Anschlussflug, der angeblich heute noch starten soll. Über den hiesigen Flughafen habe ich vor zwei Jahren schon im Blog der WAZ abgelästert, und da ich gegenwärtig meiner physischen Existenz ebenso überdrüssig wie von Herzen gelangweilt bin, kommt er jetzt eben noch mal dran.

Es gibt ja die verschiedensten Konzepte von Hölle. Die Anderen, sauheißes Fegefeuer und Schwefelrauch, wochenlang zusammen mit der Exfrau in einem Atombunker eingesperrt sein, drogenabhängig und leider keine Drogen. Oder sauhungrig mit netten Leuten um einen Riesentiegel voll nahrhaftem Brei gruppiert sein, aber es gibt nur Löffel mit drei Meter langen Stielen, von denen man partout nicht essen kann, weil eben nicht zum Mund führbar. Mein höllischer Favorit ist eine originalgetreue Kopie des Bahrain Airport. Komplett eingerichtet mit vollverschleierten Frauen, ihren plärrenden Kindern und einem Heer männlicher Pakistanis auf Heimreise, die sich alle konstant am Sack kratzen und dabei in einer Lautstärke unterhalten, als stünden sie direkt neben einem laufenden Düsentriebwerk. Dazu ist es hier drinnen schweinekalt. Draußen sind plus 30°, deshalb wird die Klimaanlage so hochgedreht, dass man sich die flimsig-hauchdünne Polyesterdecke zurückwünscht, unter der man bereits im Flugzeug gefroren hat wie ein Schneider.

Am schlimmsten sind aber die automatischen Folterdurchsagen. Hier sind in der Deckenverkleidung Millionen von Lautsprechern installiert, die wattmäßig gut in Diskotheken passen würden. Flächendeckend in einem Raster von höchstens fünf mal fünf Metern, auch auf dem Klo – kein Pardon, kein Entkommen. Alle Ansagen werden in Arabisch, Englisch und Hindi gemacht, wegen der vielen Gastarbeiter vom indischen Subkontinent. Erst kommt ein durchdringendes Pliiinnng-Plooonnng, wie man es vielleicht noch vom Schulkorridor erinnert. Dann der stockende Text, wie erwähnt dreisprachig. Your – attention please! Gulf – Air announces the departure – of its flight – four – seven – six – blablabla. Nochmals die Flugnummer, das Gate, und dann die Auforderung, doch unbedingt dorthin zu gehen und hurtig den Flieger zu besteigen. Zwischen dem Ende einer Ansage und dem nächsten Pliiinnng-Plooonnng vergehen im Normalfall zehn Sekunden, dann kommt erneut eine brandwichtige Bitte um Aufmerksamkeit.

In den letzten drei Stunden betrug die längste Pause ohne jegliche Durchsage exakt 4 Minuten und 37 Sekunden, aber ich vermute, da war der eifrige Durchsagenknöpfchendrücker mal kurz zum Pinkeln raus. Zwischen all den wichtig angekündigten Abflügen dieses Popelflughafens werden wir nebenbei darauf hingewiesen, dass wir hier weder rauchen noch unser Gepäck unbeaufsichtigt rumstehen lassen dürfen. Alles mit einer Lautstärke, die Tote weckt, und in der unnatürlich zerstückelten Betonung, die nur ein Computer hervorbringen kann, der vor Jahren im Studio aufgenommene Satzbruchstücke je nach Bedarf neu zusammenbastelt.

Das Konzept der Finalität ist hier offenbar ebenso unverstanden, wie bei uns zuhause die Tatsache, dass man das Wort einzig nicht steigern kann. Also erschallt die letzte Aufforderung – the final call – ein halbes Dutzend Mal. Gefolgt wird er vom last and final call – spätestens dann hoffe ich, dass die abgestumpften Passagiere endlich zum Gate getrottet sind. Denn nachdem der last and final call einige Male in den wichtigsten Weltsprachen wiederholt wurde, kommt die fleischgewordene Ansage. Ein Uniformierter mit Walkie-Talkie läuft hektisch durch die allerorts aufgestellten Reihen sauunbequemer Plastiksitzmöbel und brüllt allen Leuten den Namen des Zielorts ins Gesicht, für den ihm noch Mitreisende fehlen. Dann sollte man besser nicht so aussehen, als würde man schlafen und nach Lahore wollen, sonst wird man unbarmherzig wachgerüttelt.

Das Einzigste, was mich trösten kann, ist die Abwärme des Laptops auf meinen Knien. Wenigstens ein klitzekleines Bisschen Behaglichkeit in dieser feindlichen Welt. Ach ja, hab ich schon erwähnt, dass ich auch in Delhi nochmals sechs Stunden Aufenthalt habe? Da ist der Transitbereich angenehmerweise ungekühlt, dafür aber so obersiffig, dass man sich nicht hinsetzen mag. Aber zum Glück hat die Hose ja schon Kaffeeflecken.

Guten Flug!

PS: Ab jetzt gibt es auf den Seiten von Sheng Fui immer Mittwochs einen Gastbeitrag aus der asiatischen Fremde. Handgestrickt von mir, atmosphärisch dicht und meist bebildert, randvoll mit Insiderkostbarkeiten und garantiert mit einem Extraklacks Betroffenheit. Leider auch in Verbindung mit einem Spendenaufruf zu Gunsten von HOPE e.V., der sich aber leicht ignorieren lässt.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Ein Kommentar zu “In der Hölle von Bahrain”

  1. der vogtleander

    Hallo Johannis,
    erst noch mal danke für deinen Artikel auf Sheng Fui, ich freue mich schon auf den Nächsten.
    Zum Thema Hölle – da hat wohl jeder seinen eigenen Favoriten. Meiner ist Berlin. Dieser Moloch von einer Stadt macht mich krank. Ich bin gerade mal wieder für drei Wochen hierher verbannt und wie immer beeindruckt, das offensichtlich mehr als eine Million Menschen es toll finden, jeden Tag mit Dauerstau, stundenlanger Parkplatz-Suche, immerwährender Geschäftigkeit, Drängeln und Schupsen zu leben. Ich will zurück auf mein Dorf…

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