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Horizontalzeit

Geschrieben von Johannis am 14. Oktober 2010 um 09:16 Uhr

Heute geht es nicht um Sex, nicht um im Bett verbrachte Zeit oder Aktivitäten, die üblicherweise in der Horizontalen ausgeführt werden. Übrigens, vergangene Woche erklärte ein Schlafforscher im Radio, dass man sein Bett nur zum Schlafen und keinesfalls für Sex nutzen sollte. Wühlt zu sehr auf, führt zu Schlafstörungen. Da werden sich einige Menschen ziemlich umstellen müssen, aber was tut man nicht alles für gesunden Durchschlaf. Eines fernen Tages werde ich daher wohl meiner zukünftigen Liebsten (Ausschreibung läuft, Zahl der Interessentinnen steigt, aber noch ist alles offen), nachdem ich mich ausgiebig an ihre warmen Rundungen gekuschelt und ihren pheromonhaltigen Duft eingesogen habe, ins Ohr flüstern: „Du Schatz, kommst du mal mit ins Bad. Nur zum Nachgucken, ich hab da unten so eine komische Schwellung.“

So, das war jetzt, um jene Leute zu ärgern, die bei Twitter nur die ersten hundertnochwas Zeichen lesen und dann weiterklicken, weil ja nix über Sex kommt. Auf zum Thema, dem Zeithorizont. Zeit ist in unserem Universum bekanntlich die vierte von etlichen Dimensionen, und außer Länge, Breite und Höhe als einzige messbar. Das Wesen der Zeit verstehen wir nicht recht, daher wird sie sprachlich jenen drei Dimensionen angeglichen, mit denen wir uns halbwegs auskennen. Neuerdings quatscht jeder vom Zeitfenster, das sich öffnet und schließt, jedoch nie geputzt wird. Überall Zeitrahmen, aber keiner kann sagen, welches Bild drinhängt. Foto oder Kupferstich, Öl, Aquarell oder Rötelkreide, abstrakt oder surrealistisch? Braucht man um Zeitpuffer zu braten rohe oder gekochte Zeit, und werden Zeitpuffer auch mit Apfelmus serviert? Überall herrscht Zeitdruck, aber er lässt sich weder messen wie Reifendruck, noch gibt es Zeitüberdruckventile oder Menschen die an Zeitunterdruck leiden. Zeitsaug sozusagen. Obwohl, Zeitsauger kenne ich. Das sind Leute, die nur mal kurz auf eine Tasse Kaffee vorbeischauen, dann aber den ganzen Tag bleiben, einem beide Ohren abquatschen und dabei verhindern, dass man irgendwas gebacken kriegt.

Worauf wollte ich hinaus? Ach ja, der Zeithorizont. Besonders deutlich wird die Tendenz zu plumper Vereinfachung, wenn vom Zeitraum die Rede ist, denn schwupps sind wir wieder bei Länge, Breite und Höhe. Plötzlich ist Zeit so überschaubar wie eine Landschaft in Mecklenburg-Vorpommern oder das Watt vor Büsum. In Oberbayern redet keine Sau vom Zeithorizont, weil’s dort keinen Horizont gibt. Behinderung durch Bergflanken. Nur Touristen kennen sich halbwegs mit dem Zeithorizont aus, weil sie ständig auf Berge kraxeln und oben mit etwas Glück Fernsicht haben. Trotzdem, in den Alpen ist der Horizont auch bei Schönwetter unübersichtlich und zerklüftet, nichts gegen die aufgeräumte Norddeutsche Tiefebene oder gar das friesische Wattenmeer. Nein, ich bin nicht voreingenommen, bloß weil ich als gebürtiger Fischkopp eine heftige Dirndlallergie habe. (Nicht gegen das, was im Dirndl drinsteckt!) Doch zurück zum Zeithorizont und einem neuen Versuch, euch Lesern begreifbar zu machen, weshalb ich diesen Beitrag geschrieben habe.

Jeder kennt es. Man hat noch soundsoviel Monate, Wochen, Tage oder Stunden bis zu einem bestimmten Ereignis. Besuch der Schwiegereltern, Rettung aus einem chilenischen Minenschacht, die OP zur Brustvergrößerung oder um den lästigen Hirntumor loszuwerden – solche Dinge meine ich. Wir können Zeit messen und einteilen, sie verstreicht oder vergeht, und ein bestimmter Zeitpunkt rückt näher. Seht ihr, schon wieder ein eklatanter Fall von Dimensionenpfusch, denn ein Punkt ist etwas Zweidimensionales. Anders als dieser pixelige . hat ein Punkt eigentlich gar keine Ausdehnung, sondern ist nur der Schnittpunkt zweier Linien im Raum. Aber egal. Die Nummer mit dem Zeithorizont ist auch ein hingeschludertes Bild, denn gemeint ist ja, dass etwas absehbar ist und näher rückt. Bullshit. Wer jemals auf offener See, im Flugzeug oder per Fahrrad im Flachland versucht hat, sich dem Horizont zu nähern, weiß um die Blödsinnigkeit eines solchen Unterfangens. Außerdem kommt der Horizont auch nicht näher, wenn wir völlig verzagt verharren, er bewegt sich nicht einen Millimeter. Eigentlich gibt es keinen klar definierten Horizont, ein Kreis hat schließlich auch keinen Anfang und kein Ende. Claro?

Es wird jetzt doch etwas verwirrend, manche langweilen sich oder haben dringende Termine – ihr wollt jetzt endlich wissen, worum es heute geht? Gut, gut, ich red jetzt Tacheles. Drohender Wandel, Vorausschau, Abschied und Neubeginn. Finster dräuenden Gewitterwolken am Horizont, nix mit Silberstreifen! Wird der Blog eingestellt, hat das Perlenschwein sich mit Maul- und Klauenseuche infiziert, muss der Autor in den Knast oder stirbt am Hirntumor? Nein. Bleibt also alles wie gewohnt? Nein. Ich werde im November erst beruflich nach Asien und danach privat nach Neuseeland reisen. Heimkehr irgendwann im Januar. Vorhersagen über den Blogbeitragsausstoß sind unmöglich, er wird aber wohl rückläufig sein. Ja, das sind bittere Neuigkeiten. Auf dem bisherigen Höhepunkt meines schreiberischen Ruhmes (vergleichbar mit dem von Ernest Hemingway zu Beginn seines dritten Schuljahrs) setze ich meine Karriere auf Spiel, um sinnlos und klimafeindlich durch die Welt zu gondeln. Dabei war ich schon mehr als ein dutzendmal in Nepal und auch bereits in Neuseeland. Okay, der Besuch dort ist 24 Jahre her, man kann also noch nicht von pathologischem Wiederholungszwang reden. Aber ist diese Reise wirklich nötig?

Keineswegs. Ich grusele mich sogar schon ein bisschen davor, besonders seit ich die aktuellen Preise für Hotelübernachtungen, Pensionszimmer und Internetbenutzung kenne. Da fliegen im Geiste die NZ-Dollars nur so aus meinem schmalen Geldbeutel. Anders als damals werde ich weder auf einer Kiwi-Plantage noch als Anstreicher arbeiten, und auch kein Auto haben. Puh, das wird hart. Vor allem, weil ich auf lieb gewonnene Rituale verzichten muss, die daheim meine geistige Verfassung soweit stabilisieren, dass ich bisher nicht komplett dem Wahn verfiel. Falls ihr mich schmerzlich vermisst, solltet ihr hoffen, dass ich es Down Under nicht aushalte, zu Weihnachten unbedingt Schneematsch und Glühweindunst brauche, deshalb meinen Rückflug umbuche und früher heimkehre. Oder ihr vergesst mich einfach und lest das Zeug von jemand anderem, gibt schließlich genug Auswahl. (Schnief.) Ob ich überhaupt nicht schreiben will, unterwegs? Doch, wahrscheinlich sogar mehr als hier in Dortmund, und bestimmt auch mal für den Blog. Aber bestimmt nicht mit der bisher gewohnten Montags-Mittwoch-Feitagszuverlässlichkeit, die manche Leser an mir schätzen. Geht ja schon los mit der Schlamperei, denn gestern gab’s nix Neues.

Wie ich eigentlich auf das Zeithorizontalthema gekommen bin? Neulich, beim Staubsaugen. Lacht nicht, ich hab schließlich keine Putzfrau. Und muss, weil ich ja auch sonst keine Frau habe, die für mich plant oder packt, eben reichlich vorausdenken, damit ich alles parat hab, wenn das Zeitfenster sich schließt und der Zeitpunkt zur Abreise gekommen ist. Apropos Fenster – Leser mit nächtlichem Nebenjob sollten sich bei eventuellen Einbruchsversuchen nicht wundern. Ich bin zwar weg, habe aber durch die Mitwohnzentrale einen netten koreanischen Studenten gefunden, der hier wohnen wird. Er heißt Pak Phoung, ist halb so alt und doppelt so fit wie ich, und macht in seiner Freizeit ein bisschen Kampfsport. Also bitte nicht erschrecken, wenn ihr das Fenster aufgehebelt habt. So, abschließend noch ein Foto aus dem Frühjahr 1987, kurz bevor ich meinen klapperigen Morris Countryman verkaufte und via Honolulu, Los Angeles, Houston und London heimwärts flog. Sauweit weg, dieses Neuseeland oder Aotearoa, das Land der langen weißen Wolke.

 

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

2 Kommentare zu “Horizontalzeit”

  1. Sindy

    Lieber Johannis,

    schade, jetzt, wo ich anfange, deinen Blog zu lesen, machst du dich “auf und davon”. ;-)

    Ich wünsch dir für deine beruflichen Pläne ganz viel Erfolg und alles Gute und hoffe, dass du auch deine privaten Ziele erreichen wirst.

    Bestimmt werde ich hier immer mal reinschauen, ob es etwas Neues von dir gibt und du uns Zurückgebliebene vielleicht wissen lässt, wie es dir geht.

    Bis dann.

    LG Sindy

  2. Himmelhoch

    Es ist immer, aber wirklich immer, ein lesetechnischer Genuss für mich, hier vorbeizuschauen.
    In diesem Artikel gab es ja viele highlights, aber die “Dirndlallergie” war mcih das “Oberhochlicht”
    Viel Spaß in “Jenseits des Horizonts-Land” wünscht Clara

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