Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog


Plakat




Tacky's Support

Heimatfunk

Geschrieben von Johannis am 30. November 2007 um 18:59 Uhr

Auch wenn dieser Blog langsam zum Verbaläquivalent eines endlosen Diavortrags ausartet, wird mich hier nichts bremsen. Schließlich könnt ihr – anders als bei Onkel Heinz und Tante Hilde, wo man bei lauwarmem Bier und Schnittchen nebst Diaprojektorengebläsegebrumm und Furzgemuffel gefangen und zu braven Ahs und Oh-wie-schöns verdammt ist – hier ganz flink und einfach abhauen, ohne dass es wer merkt, sich beleidigt fühlt oder euch womöglich enterbt. Also, wer nicht wegklickt ist selbst schuld, Masochist oder zwanghaft bloggisch.

Was es denn schon wieder gibt, wollt ihr wissen? Nicht viel. Ich bin am Samstag bei Fastfrost und einer Grundhelligkeit, wie man sie sonst nur im begehbaren Kleiderschrank der Vorhölle findet, nach Germanien zurückgekehrt und bereue das von ganzem Herzen. In selbigem rauscht immer noch die sanfte Brandung der arabischen See, scheint die goldene Sonne Goas, duftet es nach Curry, Kokosmilch und Koriander.

Meine eigentlich noch recht gesunde Siemens-Kühlgefrierkombination hat nach zwei Monaten Kompressionspause den geregelten Dienst eingestellt, sie gefriert nun entweder alles nach zentralsibirischer Art oder lässt mein leckeres Tiramisu-Eis soweit auftauen, dass es sogar für Schnabeltässler zahnschmelzschonend mundgerecht ist.

Autos und Frauen soll man ja nicht verleihen, aber da ich schon ewig keinen geregelten Sexualverkehr hatte, wurde die andere Hälfte der Regel auch ignoriert und mein Passat-Kombi (ja, ich weiß, absolut spießige Familien- und Loserkiste) für acht Wochen an den Nachbarn abgetreten. Bis zum nächsten Supermarkt bin ich nach meiner Rückkehr gekommen, dann fiel der Auspuff ab (nein, Tacky, es besteht kein Kausalzusammenhang. War es eigentlich nett in Aschaffenburg?) und der Motor röhrte befreit auf.

Ein anderer Nachbar hat mir einen Aufkleber gedruckt. Ein Hundewelpe in der Bratpfanne, darüber schwebt ein Hackebeilchen und der Slogan „Ich mag Hunde“. Nett, nicht? Glaubt mir eigentlich wer, dass ich jahrelang Vegetarier war?

Normalerweise müsste ich der Fairness halber an dieser Stelle mal wieder über Männer herziehen. Aus gegebenem Anlass muss das aber warten, denn ich machte eben die unerfreuliche Bekanntschaft mit einer runderneuerten Frühseniorenschlampe und stehe noch derart unter Schock, dass ich nicht anders kann, als ein Quäntchen Häme zu verschütten.

Ort: Drogeriemarkt, der namentlich an eine frühere deutsche Währung erinnert (nein, nicht Thaler, du Dussel!). Ich sause mittelfrohen Mutes und mit ein, zwei Artikeln in der Faust gen Kassenzone (Warum tragen eigentlich im Winter alle Schwarz? Seid ihr suizidal, aber feige und hofft, dass euch jemand auf dem dämmrigen Heimweg übermangelt?) wo sich schwarzbemantelte Damen und solche, die diese Bezeichnung nicht verdienen, knubbeln. Zwei Kassen sind offen, frau steht aber im unaufgeräumten Pulk im Gang herum und meditiert vor Nagellack und Kastanientönung.

Durchaus freundlicher O-Ton ich: “Stehen Sie schon an oder noch vorm Regal?“

Zwischen Jacketkronen und Keramik-Inlays streitlustig hervorgewürgt: „Ich stehe an.“ Sie ist blondiert, in teurem, nachtschwarzem Outfit, knapp sechzig Jahre alt und in Zentimetern gut doppelt so hoch, maximal einsfuffzich. Ob geliftet, collagengespritzt, gebotoxt oder einfach nur zugespachtelt kann ich nicht recht erkennen, sehe auch nicht genau hin, weil nicht mein Beuteschema.

Vermittelnd ich: „Hätte ja auch sein können, dass Sie sich noch nicht recht entschieden haben.“ Sehe, dass an der rechten Kasse kaum jemand steht, und stelle mich dort an.

O-Ton gefärbte graue Pantherin: „Sie haben ne richtig große Klappe.“ Verbitterungs- und Bissigkeitsgrad, als hätte ich gerade ein amouröses Wochenende mit ihrem holden Gatten hinter mir, der damit endgültig sein Coming-Out zelebriert hat. „Sie sind ja so was von selbstherrlich“ setzt sie schneidend hinzu.

Bass erstaunt von so viel profunder Menschenkenntnis, aber ebenso irritiert, weil ich offenbar grundlos zur Zielscheibe von Verbalinjurien werde, kann ich sie nur überrascht von oben herab fixieren und antworte mit leicht kryptischem Unterton: „Dafür fehlt es bei Ihnen woanders. “ Voller Gemeinheit lasse ich dabei offen, ob ich Körpergröße, die Brustvergrößerung, die Männe vor Jahren dann doch nicht zahlen wollte, oder etwa das Zeug meine, wovon Männer durchschnittlich ein Viertelpfund mehr hinter dem Stirnbein haben.

Weiter-an-der-Kasse-stehen, Zahlen, Einpacken, Abgang, Ende.

Ich danke der unbekannten nicht-wirklich-Dame für ihre unmotivierten Fiesheiten, mit denen sie mir flugs verklickert hat, dass ich wieder in Deutschland bin. Germania, Land der hängenden Mundwinkel, gewaltbereiten Hundefreunde und unsterblichen Jung-, Mittel- und Altnazis. Wundervolles Deutschland, wo man Kinder entweder im Nebenzimmer verhungern lässt oder vor die Glotze sperrt, bis sie alt genug sind, um Counterstrike zu spielen; Nation der abgestumpften Dauermuffler und ich-werd-dir-schon-zeigen-was-ne-Harke-ist-Sackgesichter; Land des draußen-nur-Kännchen und einer zähen Dunkelheit, die spätestens im November Herz und Hirn aller Teutonen zu verschlingen droht; Vaterland und Mutterscholle an blutgedüngtem Ackerrain; Grund und Boden, auf dem verfassungstreu ich steh und wandele; Heimat, selten vermisst und vielgeschmäht, der ich liebendgern noch heute den Arsch zukehren wollte, um dorthin zu fliehen, wo Menschen nicht über Stefan Raab lachen, sondern weil in ihnen eine Leichtigkeit ist, die nichts von Bausparvertrag oder Privatinsolvenz weiß und auch keine Krankenkasse kennt; wo mit uns weitläufig verwandte nussbraune Lebewesen täglich mit der Flut aufs Meer hinausrudern, in Netzen silbrigkleine Fische fangen und manchmal eben froh sind. Einfach nur so.

Das muss euch jetzt für ’ne Woche reichen.

2 Kommentare zu “Heimatfunk”

  1. T@cky

    Hi Johannis,

    mußtest du das mit dem Auspuff unbedingt öffentlich machen?
    Da nützt mir der Hinweis auf den nicht vorhandenen Kausalzusammenhang auch nichts mehr !
    Wer leiht mir jetzt noch sein Auto, oder gar seine Frau?

    Tacky

    Ps.: Aschaffenburg habe ich gar nicht gesehen, sondern nur die Autobahn.

  2. Johannis

    Keine Gnade, mein Guter.

    Das Auto kriegst du bestimmt nochmal, über das Fehlen holder Weiblichkeit in meinen langweiligen Leben bist du ja leider bestens informiert und brauchst dir deshalb keine Hoffnung machen. Leider ist es hier in Dortmund zwar saukalt, aber wir sind keine Eskimos, wo einem Gast schon mal der kuschelige Platz unter der Bettdecke der Hausherrin angeboten wird.

Kommentar schreiben