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Goliath hat Muffensausen

Geschrieben von Johannis am 15. September 2010 um 08:54 Uhr

Erinnert ihr euch noch an Bertelsmann und meine kostenlose Haartransplantation? Die, aus der tragischerweise nix wurde? Oder an den recht naiven Herrn S. von der Nayoki Interactive Advertising GmbH, Part of arvato services und daher zum Bertelsmann-Konzern gehörig? Herr S. hat sich kürzlich mit dem nackten Hintern ziemlich in die Nesseln gesetzt, als er mich anschrieb und ganz lieb fragte, ob er denn im Auftrag seines Kunden einen Gastartikel zum Thema Schönheits-OPs auf meiner Website veröffentlichen könnte. Höhöh. Obwohl ich kurz zuvor in meiner bekannt despektierlichen Art über die nervtötende Verona Pooth, Brustvergrößerungen, Schamlippenverkürzung, Fettabsaugen, Botox und ähnliche Überflüssigkeiten der Neuzeit hergezogen war. Tja – wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Um den armen Herrn S. aus der Reserve zu locken, mailte ich ebenso lieb-naiv zurück, ob man mir im Gegenzug für die gewünschte Werbung wohl eine Gratisoperation bei einem Schönheitschirurgen von Mang Medical One spendieren würde? Meine abstehenden Ohren täten mich echt ganz dolle stören, außerdem stünden Frauen nicht auf Männer mit Glatze – ob im Gegenzug für den Gastartikel wenigstens ein Preisnachlass drin wäre? Mang Medical One ist besagter Kunde, für den Nayoki Interactive Advertising den Beitrag im Blog platzieren wollte. Der Chefschnibbler Prof. Dr. med. Dr. habil. Werner L. Mang tingelt gern durchs Fernsehen und wirbt dort eifrig für Silikontitten und lass-dir-doch-dein-blödes-Grinsen-hinter-den-Ohren-festtackern. Dabei müsste der sich selbst dringend mal liften lassen, denn gegen sein Gesicht wirkt ein chinesischer Shar-Pei, fälschlicherweise auch Faltenhund genannt, glatt wie die frisch eingecremte Arschbacke eines sechs Monate alten japanischen Sumoringersohnes mit frühkindlicher Anlage zu Adipositas. Ja, ich hätte auch Kinderpopo schreiben können, aber das fand ich irgendwie so abgelutscht.

Wie auch immer, ich hatte Herrn S. zweimal spöttisch angemailt und keine Antwort bekommen. Also habe ich unsere Korrespondenz mit leicht süffisantem Unterton hier im Blog verbraten, was ganz besonders neugierige Menschen gern noch einmal nachlesen können. Der Beitrag wurde gut angenommen, ein bisschen weitergetwittert und ein paar hundert Leute hatten ihren Spaß. Nicht aber die Leute von Nayoki Interactive Advertising. Obwohl sie sonst offenbar ihre Merknix-Forte-Dragees mit dem morgendlichen Espresso runterspülen und sämtliche Internetrecherchen von brasilianischen Praktikantinnen in Samba-Kostümen erledigen lassen, hatte ich schon am späten Nachmittag Herrn S. an der Strippe. Ich nenne ihn jetzt mal spaßeshalber Herrn Schaller, aber er könnte ebenso gut Schiller, Schuller oder Schöller heißen.

Herr Schaller was not amused, wie die Queen sagen würde, und probierte an mir alle bekannten Tonarten vom kläglichen Jammern in Moll bis zur verschärften Dur-Nörgelei aus. Der Kunde sei sauer, Mang würde vielleicht abspringen, Ärger mit dem Boss, Beitrag bitte sofort löschen und so weiter und so fort. Ich war wirklich liebenswürdig und erklärte ihm mit Engelsgeduld, dass jemand, der tagträumend durch Neukölln latscht und dort in einen der siebenkommaviermillionen Hundehaufen trampelt, sich nicht wundern dürfte, wenn er plötzlich Kacke am Schuh hat. Mit anderen Worten, ich hab ihn zweimal auf die lustige Tour gewarnt und er hat gepennt wie ein Schnarchhahn nach einer Überdosis Valium. Shit happens. Um zu beweisen, dass ich rudimentär ausgeprägtes Mitgefühl besitze, versprach ich ihm sogar, dass der Beitrag am nächsten Tag gelöscht würde, falls er ernsthaft in Gefahr geriete, seinen Job zu verlieren. Damit er nicht mit weinender Frau und hungrigen Kindern unter einer Isarbrücke schlafen muss. Nett, oder? Fand ich auch.

Am nächsten Morgen klingelt das Telefon und ich hatte Herrn Alberto Oballe am Rohr, den Vorgesetzten von Herrn Schiller oder Scholler. Er kam mir auf die gleiche Tour, nicht richtig massiv, doch schon etwas doller. Erwähnte en passant die Rechtsabteilung, ohne mir dabei direkt zu drohen, aber der Beitrag müsse weg. Auch mit Herrn Oballe telefonierte ich ein angenehmes Viertelstündchen, bin schließlich stets bemüht allen Menschen auf dem steinigen Pfad zur Erleuchtung behilflich zu sein. Übrigens, Nayoki bedeutet in der afrikanischen Bantusprache Kirundi “Ich verstehe Dich”. Ja, daran müssen sie bei Nayoki vielleicht noch etwas arbeiten. Aber Shell hat es auch geschafft, damals nach der Brent-Spar-Geschichte. So, um die Story zu Ende und die Kuh vom Eis zu bringen – ich schlug Herrn Oballe vor, er solle doch aus der üppigen Bertelsmannschatulle ein paar Hunderter an einen gemeinnützigen Verein spenden, und schwupps wäre der lästige Text aus dem Blog verschwunden.

Nein, ich wollte keine Brustvergrößerung für meine ukrainische Sekretärin oder gar die lebenslange Garantie, im Falle eines Penisbruches von Prof. Dr. med. Dr. habil. Werner L. Mang persönlich wieder hergerichtet zu werden. Ich bat nur um eine Spende für gute Werke. Und? Herr Oballe fand das erst ein bisschen dreist und murmelte was von Erpressung, willigte dann aber ein und wollte sich angeblich nur noch das Okay von der nächsthöheren Entscheidungsebene holen. Wahrscheinlich musste er wegen der paar Piepen bis zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Bertelsmann AG robben, der aber entweder im Urlaub oder auf Fortbildung war. Lernt wahrscheinlich Kirundi bei den Bantus. Ich habe jedenfalls nie wieder von den Herren Oballe, Schaller oder Schöller gehört. Nein, sie haben natürlich nicht gespendet. Vielleicht klappt’s ja diesmal. Obwohl, mit dem fallenden Eurokurs ist mein Preis deutlich gestiegen. Shit happens, hatte ich das schon erwähnt?

Nachtrag am 12. Oktober 2011:
Im SPIEGEL erschien letzte Woche ein interessanter und für Prof. Dr. med. Dr. habil. Werner L. Mang mit Sicherheit ausgesprochen unangenehmer Artikel, aus dem hervorgeht, dass in der Bodensee-Klinik des angeblichen Schönheitspapstes nicht nur gepfuscht und getrickst wird, sondern man täuscht Patienten offenbar systematisch und schreckt auch vor dem Fälschen von Krankenakten nicht zurück. Das sollte potentielle Kunden sehr vorsichtig machen. Ich wollte der Lebensabschnittsgefährtin eigentlich eine neue Nase zu Weihnachten schenken, aber jetzt bekommt sie wohl doch eher einen Faltenhund. ;-)

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

11 Kommentare zu “Goliath hat Muffensausen”

  1. Eva

    Hahahahaha!! Way too cool for the big bad commercial sharks!

  2. www.webguerilla.org » Fremdblogger

    [...] Goliath hat Muffensausen [...]

  3. Anna

    Es scheint, als müsstest Du dennoch auf eine OP zurückgreifen, sollte Dir Deine Glatze wirklich zu schaffen machen. Die trüben Aussichten bei einer Behandlung mit Kérastase & co bringt der Spezialist mit dem verheißungsvollen Namen wie folgt auf den Punkt:

    «Es gibt viele Behandlungsmethoden, die leider überhaupt nicht helfen oder bei denen eine Wirkung nicht nachgewiesen wurde», sagt Ralph Trüeb.

    Der ganze Artikel ist nachzulesen unter: http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/schlechte_aussichten_im_kampf_gegen_die_glatze_1.7528246.html

  4. Bjoern Habegger

    :) Wunderbar. Gleich mal weiter twittern. Dieser Beitrag “made my day” today … wunderbar geschrieben

  5. Johannis

    @Anna:
    Schnickschnack. Erstens habe ich keine Glatze, sondern sehr kurzes und etwas ungleichmäßig über den Schädel verteiltes Haupthaar. Zweitens finden Frauen Glatze, besonders eine gepflegte bei attraktiver Kopfform, alles andere als unattraktiv. Vor allem, wenn Hirn im Schädel ist.

    Und drittens, und das möchte ich ein für alle Mal mit gebührendem Nachdruck erklären: Die Frau, die mich eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages kriegt und sich dann schlauerweise warmhält, muss ihrem Schöpfer auf Knien danken! Dreimal täglich. Ich bin klug, sensibel, witzig, welterfahren, gut im Bett, kann auch stocknüchtern über Gefühle reden, wirklich gut kochen und längst nicht alle meinen guten Eigenschaften aufzählen, ohne den längsten Kommentar zu schreiben, den dieser Blog je erdulden musste. Punkt. Eine Frau, die mich in die Finger bekommt und zähmt, müsste auch dann noch stündlich vor Dankbarkeit weinen, wenn ich am ganzen Körper wie ein Bison behaart oder mit einer offenen Fontanelle ausgestattet wäre.

    Nur dass das klar ist. Merkt’s euch Mädels, und haltet euch ran. Irgendwann bin ich alt, impotent, debil oder tot, und dann setzt weltweit das große Jammern und Wehklagen ein.

    @Bjoern Habegger: Das freut mich!

    PS: (10 Stunden später): Noch mehr freue ich mich, Bjoern, wenn Leser ihre Retweets bei Twitter nicht nur vollmundig ankündigen, sondern dann auch tatsächlich was twittern.

  6. Anna

    @Johannis:
    Ein alter Fehler von mir… Ich bin einfach zu gutgläubig, zu wenig kritisch, zu naiv, und Ironie ist und bleibt für mich ein Fremdwort, ebenso wie Rätohrick und Herrmeneutig, was hier womöglich auch eine Rolle gespielt hat. Ich dachte nämlich, Du meintest die Passage „Auch eine Haartransplantation wäre für mich interessant, denn heutzutage stehen nur wenige Frauen auf Männer mit Glatze“ (http://www.kassandrus.de/blog/meine-kostenlose-haartransplantation) ernst, denn sie ergibt ja nur dann Sinn, wenn sie auf Deine Person referiert… Da bin ich wohl auf etwas hereingefallen, was Du nicht ganz so wörtlich gemeint hattest. Aber das war sicher eine Ausnahme, und ich hege keine Zweifel, dass alles andere, namentlich Abs. 2–3, wörtlich zu nehmen ist!

    Ich korrigiere also (auch ein alter Fehler von mir):
    „Sollte Dir Deine *potentielle künftige* Glatze wirklich *einmal* zu schaffen machen [z.B. wenn Du alt, impotent, debil oder tot oder auch alldies zugleich bist], müsstest Du dennoch auf eine OP zurückgreifen.“

  7. Bjoern

    Zum Thema weiter twittern:

    http://bit.ly/atonPc Zu geil, Goliath hat Muffensausen.
    2:32 PM Sep 15th via TweetDeck

  8. Johannis

    @Bjoern:
    Komisch, der angebliche Tweet findet sich in deinem Profil nicht. Ist aber egal, weil ich dich mittlerweile als Kommerztwitterer eingestuft und geblockt habe. No need for goodbyes.

  9. Bjoern

    :) Also ich bin in der Lage, diesen Tweet in meiner Timeline zu sehen. Aber kein Thema … Kommerztwitterer…cool…hoffentlich kommt bald ein Scheck.

  10. Bjoern

    achso :)
    mspmedia -> Job
    bhabegger -> privat

    Schau mal im privaten Twitterprofil … tses…

  11. Johannis

    @Bjoern:
    Na siehste, so klärt sich doch alles auf. Um zum Zeichen, dass ich nicht nachtragend bin, habe ich in deinem privaten Twitterprofil gleich auf Folgen geklickt. Schönen Abend noch.

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