Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog


Plakat




Tacky's Support

From the Goan Pots 3

Geschrieben von Johannis am 3. Dezember 2008 um 13:06 Uhr

Das letzte Drittel meines Urlaubs ist angebrochen und somit wird es Zeit für den dritten Bericht aus Goa. Der Schock über den Terroranschlag von vergangener Woche liegt über dem Land wie jene erdrückend schwülwarmen Luftmassen, die uns auch gestern wieder Regen brachten. Aus dem Inland und Europa treffen Reisestornierungen ein, und die eh schlechte Saison 2008 wird sich für Menschen, deren Lebensunterhalt vom Geschäft mit Touristen abhängt, wohl als bittere Enttäuschung entpuppen. Dazu streikten in Goa tagelang alle Taxifahrer, um sich gegen die erpresserischen Methoden russischer Reiseveranstalter zu wehren, die den selbständigen Chauffeuren durch die billigen Fahrdienste ihrer All-Inclusive-Anlagen die Existenz rauben.

Es ist sicher, dass die indische Regierung noch kürzlich und mehrfach vor einem Anschlag gewarnt wurde, bei dem die Täter übers Meer nach Mumbai eindringen würden. Nicht viel anders als in den USA vor dem elften September 2001 wurden diese Warnungen aber leider nicht rechtzeitig ernst genommen. Jetzt ist – frei nach dem Motto „Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, kommt ein Deckel drauf!“ – hektischer Aktionismus ausgebrochen, obwohl ich das aktuelle Risiko für einen zweiten Überfall nach gleichem Muster mit Null einschätze. Wohl wegen in der Umgebung liegender 5-Sterne-Resorts samt Luxustouristen fliegt nun mehrfach täglich ein Hubschrauber die hiesigen Strände ab. Gelegentlich wird er von einem Kampfbomber der Luftwaffe unterstützt, der beim Überflug die Fensterscheiben erzittern lässt. In der Bucht erscheint ebenfalls täglich ein Schnellboot der indischen Küstenwache und kontrolliert die Beatzungen größerer Fischerboote auf versteckte Waffen und böse Absichten. Das Wummern der mächtigen Motoren dringt meilenweit über das Wasser, wenn am Horizont der graue Schiffsrumpf mit der Schnellfeuerkanone am Bug erscheint, das drohende Donnergrollen wird aber Badeurlauber kaum mit besonderer Zuversicht und gesteigertem Sicherheitsgefühl erfüllen.

Aber ich will hier nicht noch mehr Unerfreuliches in den Mittelpunkt stellen, sondern mich angenehmeren Beobachtungen widmen. Zum Beispiel dem verliebten Pärchen, das eines Abends zur Brandung hinunterläuft, während der Strand vor dem Papillon Beach Shack im warmen Licht von Kerzen und Gartenfackeln liegt. Nach einer Weile kehren sie zurück, wobei er seine Liebste auf dem Rücken trägt. Eine weite Strecke bei Ebbe und anstrengend dazu, weil sie kein zerbrechlich-zartes Wesen und das Schleppen von Lasten im tiefen, lockeren Sand grundsätzlich kein Klacks ist. Schnaufend setzt er sie schließlich auf der dritten Stufe der hölzernen Treppe zum Restaurant ab und sie hat als Liebesbeweis kein Körnchen Sand an den nassen Füßen. Sie lachen beide, während er etwas ungeschickt unter ihr hervorkriecht wie beim umgekehrten Bocksprung.

Hier in Colva schieben Blumenhändler ihre vierrädrigen Karren durch kleine Seitenstraßen, sie hoffen auf Käufer für Hibiskus, Bougainvilleas und andere Topfpflanzen, denn der gemeine Goaner hat einen dicken grünen Daumen. Auch wenn manche Häuser pittoresk vergammelt sind, so hat doch fast jedes von ihnen einen liebevoll gepflegten Garten, in dem es prächtig grünt und blüht. Mein Nachbar macht da eine Ausnahme, denn sein Grundstück mit dem vorn an der Straße gelegenen Haus geht – zur Freude aller Krähen der Umgebung – rückseitig fließend vom Hof über den Garten in eine kleine Müllkippe über. Drumherum gibt es Papayabäume und eine Hecke aus Bananenstauden, ein paar Zitrusgewächse und natürlich Palmen. Insgesamt sechs Kokospalmen, und die schönste davon ist Nummer 4, von der Straße aus gerechnet.

Wenn Pflanzen glücklich sein können – und die Forschung hat ja schon lange bewiesen, dass sie kommunizieren und auf Schmerz reagieren – ist Nummer 4 eine glückliche Palme. Sie strotzt förmlich vor Energie und Gesundheit und trägt Früchte in allen Stadien der Entwicklung, von ei- über faustgroß bin hin zur ausgereiften Nuss (Wie sie gelegentlich mit Wucht zu Boden fällt und dabei ab und an einen träumenden Touristen erschlägt. Weltweit mehr als 200 im Jahr – Palmen sind tödlicher als Haie.). Nicht weniger als acht üppige Büschel hängen im Baumwipfel, der gleichzeitig von einer meterhohen gelben Blüte gekrönt wird. Mindestens drei beeindruckende Zentner der grünen Nüsse trägt der Baum, voller erfrischender Kokosmilch, umhüllt von nahrhaftsüßem weißem Fruchtfleisch und geschützt durch eine Schicht aus kräftigen Fasern – das alles ist nur aus Luft, Sonnenlicht und Wasser entstanden. Tja, und etwas Vogelkacke.

Nummer 4 ist nämlich auch deshalb eine glückliche Palme, weil in ihrer Krone eine Krähenfamilie wohnt. Mittlerweile sind die Jungen fast flügge und werden von den Eltern mit Futterbrocken in die Kronen benachbarter Bäume gelockt, damit sie das Fliegen üben. Und wenn mal eine Landung misslingt, können sie mit Schnabel und Krallen an den zähen, gefächerten Palmwedeln hinaufklettern, bis sie wieder halbwegs würdig auf einem Ast sitzen und nach Mama krächzen können. Für eine Palme ist es im wahrsten Sinne des Wortes eine Erfüllung, wenn ein schlaues Krähenpaar diesen Baum zur Wohnstatt der gefiederten Familie erwählt. Sie hat weltgewandte und oftmals humorige Gesellschaft (Gespräche von Palmen untereinander drehen sich meist nur um eines: Wie viele Nüsse hast du?), kaum noch unerwünschte krabbelnde Mitbewohner, die putzigen Vogelkinder sorgen für zusätzliche Unterhaltung und dazu bekommen ihre Wurzeln reichlich weißbraune Kleckse ab. So wachsen gleich noch mehr Nüsse und alle sind zufrieden.

Ich hatte in den letzten Jahren reichlich Gelegenheit, die in Nepal und Indien fast überall verbreiteten Nebelkrähen zu beobachten, denen sogar ein Feiertag gewidmet ist. Diese Tiere sind ziemlich gerissen, sie beäugen allerorts das Tun der Menschen mit wachem Blick und haben einige Tricks drauf. Unerfahrene Touristen mögen Krähen ganz besonders gern. Im Gartenrestaurant einen Moment vom Tisch aufgestanden – schon ist das halb gegessene Sandwich weg. Obst im Liegestuhl auf dem Balkon – bye bye, bananas!

Zur Stärkung nach dem Schwimmen bringe ich mir gelegentlich vom Bäcker pikante Chicken-Chili-Rolls mit zum Strand. Neulich hatte ich nicht aufgepasst und war bereits auf dem Weg in die Brandung, als sich hinterrücks eine sehr ausgeschlafene Strandkrähe an meiner Umhängetasche zu schaffen machte. Nach ein paar Sekunden hatte sie die Tüte mit der Aufschrift Monjini’s (bester Bäcker in Colva, ich bin ziemlich sicher, dass Krähen lesen können) hervorgezerrt, und nur ein entschlossener Sprint rettete meinen Snack. Ich schob mein Fresspaket zuunterst in den Beutel, packte Hemd und Hose obenauf und beschwerte das Ganze mit dem 932-Seiten-Roman Shantaram, der zum Schutz vor Feuchtigkeit auch in einer Plastiktüte ruhte. Als ich nach dem Schwimmen zum Liegestuhl zurückkehrte, lag der Roman im Sand und ein frischer Vogelklecks zierte die Liege. Offenbar hatte sich die Krähe an die verschwundene und verdammt verheißungsvolle Plastiktüte erinnert, während meiner Abwesenheit nachgeforscht und dann enttäuscht feststellen müssen, dass statt saftiger Chicken-Chili-Rolls nun ein schwer verdaulicher Schinken im Beutel war.

Gern wollte ich ein paar Fotos (ja, gestellte Bilder – denn die Biester sind einfach zu flink) der diebischen Vögel zeigen können, die selbst aufmerksamen Fischern den Fang zwischen den Füßen wegklauen, wenn das Netz an Land gezogen wird. Also bat ich den Inhaber des Papillon um Erlaubnis, den schwarzgrauen Flattermännern eine handvoll kalte Pommes zu kredenzen, um sie dabei zu knipsen. Um seine Liegestühle vor Krähenkacke zu schützen, bat er mich, den Teller etwas abseits auf einen Stein zu stellen und dort zu fotografieren. Und ich hatte die Pommes kaum dort abgestellt, als auch schon ein halbes Dutzend Krähen angesegelt kamen. Die Tatsache, dass ihnen eine Portion echter Leckerbissen sozusagen auf dem Präsentierteller kredenzt wurde, ließ die Vögel aber sehr misstrauisch werden und sie trauten dem Braten nicht recht. Erst als ich mich samt Kamera zurückzog und die Reste unverdächtig im Sand lagen, kam der Moment für Pommes mit Ketchup.

Hier im Hof des LaBen-Resorts steht neuerdings ein kitschiger Brunnen samt Statue einer barbusigen Frau, die auf dem Rücken eines Rindviehs sitzt (Europa auf indisch?). Die terrakottabraun lasierte Schönheit lässt Wasser aus einem Krug an ihrer Hüfte pladdern, solange die elektrische Pumpe läuft. Die Krähen der Umgebung, besonders die Sippe aus Palme Nummer 4, nutzen den Brunnen ständig. Besonders beliebt ist er zum Einweichen von hartem Fladenbrot, das sich auf der Müllkippe des Nachbarn findet, aber auch zum Trinken und zur Körperpflege wird so viel Wasser genutzt, dass der Brunnen täglich aufgefüllt werden muss.

Leicht könnte ich so weiter schreiben, über das geschickte Segeln der schwarzen Vögel im Seewind; vom Chorgekrächze über den Dächern, wenn die Schwärme im weichen Abendlicht zu ihren Schlafbäumen unterwegs sind; über die keckernde Krähenlache Kräh-häh-häh (von mir zuweilen und spaßeshalber mit der betont pampigen Frage „Und, was is’ jetzt wieder so witzig?“ beantwortet); vom Mut, mit dem die schwarzen Räuber noch aus einem brennenden Müllhaufen (ja, leider zündet die 13-jährige Nachbarstochter alle paar Tage den entstandenen Müllberg an und für Stunden hängt übelster Qualmgestank in der Luft. Gerade an schwülwarm windstillen Tagen ist der giftige Rauch eine Pest, aber hier machen das fast alle Leute so. Sorry, das war jetzt genörgelt.) mit aberwitzigen Flug- und Hüpfmanövern essbare Brocken aus dem Abfall fischen; über die anderen Vögel hier, die Weißkopfseeadler, Milane, kreisenden Geier, trippelnden Strandläufer, schneeweißen Kuhreiher; über Sonnenuntergänge, Delphine und kleine Kinder; von Zimmermädchen, die ständig die Möbel verrücken und über tausend Dinge mehr – aber dieser Text hat längst das Format gesprengt, das online zumutbar ist.

Wenn du nun tatsächlich bis hierher jeden mehr oder minder kunstvoll hingeschnörkelten oder hergeschnodderten Satz gelesen hast, gebührt dir mein ganz spezieller Dank. Danke, liebe Leserin, danke lieber Leser, wer immer du auch bist. Dir und allen Runterscrollern wünsche ich viel Vergnügen beim Betrachten einer mit Bedacht getroffenen Bilderauswahl, exklusiv für die Freunde des Perlenschweins.

Bis demnächst mal wieder, dann wahrscheinlich aus der westfälischen Heimat.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

2 Kommentare zu “From the Goan Pots 3”

  1. Kulturbanause

    Hi Johannis,

    mhhh… bist du nach Verlassen der Goan Pots hier im kalten Deutschland direkt zum Winterschlaf übergegangen?

    Kulturbanause

  2. Johannis

    Zum Glück habe ich nie in den Goan Pots gesessen (das klingt doch recht unangenehm nach Südsee-Kannibalentum), sondern nur aus ihnen gegessen. Mal seh’n, wenn neue Beiträge derart energisch und vor allem von so vielen Lesern eingefordert werden, muss ich wohl in den sauren Apfel beißen und die Tasten bearbeiten. Ich verspreche also neue Texte, garantiert noch dieses Jahr.
    Bis dahin …

Kommentar schreiben