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From the Goan Pots 2

Geschrieben von Johannis am 30. November 2008 um 14:52 Uhr

Naheliegend wäre es an diesem Freitagabend aus Goa über die Gräueltaten von Mumbai zu berichten, während im Hotel Taj Mahal Sprengsätze gezündet werden und die National Security Guards mit den letzten überlebenden Terroristen kämpfen – naheliegend auch wegen der geographischen Nachbarschaft. Aber ich will über ein Thema schreiben, das die Leserschaft – von Horrormeldungen ermüdet und gramgebeugt – hoffentlich ein wenig unterhält, wenn nicht gar aufheitert. In allem gebührenden Ernst, denn nicht nur der Himmel über Goa trug heute einen anthrazitgrauen Trauerflor. Die Stimmung hier in Indien ähnelt der in Amerika nach 9/11 – nur dass die Anschläge dort in wenigen Stunden geschahen, während das blutige Drama hier auch am Abend des zweiten Tages fortdauert.

Es geht im heutigen Text um Lebensretter, die edelste Sorte Mensch, ganz neu an den Gestaden der indischen Südostküste. Fangen wir also zur Abwechslung mal am Schluss an, bei meinem Interview mit dem australischen Surf-Life-Saver Craig Carney und P.N. Pandey (2. v. rechts) von der Firma Drishtii Adventure Sports, die als Sponsor auftritt. Mit dem taffen Craig (2. v. links) hab ich neulich schon einmal gesprochen und er berichtete mir von den 89 bis 267 (die Zahlen variieren je nach Quelle) meist jungen männlichen Indern, die im vergangenen Jahr an den Stränden Goas ersoffen sind. Und von den Anstrengungen, die er – ein freigestellter Profilebensretter aus Bondi Beach, dem berühmtesten Citystrand Sidneys, berühmt früher nicht nur wegen der braungebrannten, muskulösen Surfer, sondern auch wegen brauner Unappetitlichkeiten, die aus der kurz vor der Küste mündenden Kanalisation ans Ufer geschwemmt wurden – zusammen mit seiner Partnerfirma und ein paar Freiwilligen zum Wohle der Nichtschwimmer unternimmt.

Er macht dabei alles genau so, wie es in Bali und anderswo auch funktioniert – die Badenden werden umzingelt, zermürbt und dann aus dem Wasser vertrieben. Zu ihrer eigenen Sicherheit natürlich. „You know“ knurrt er, “the indian boys follow the tits.“ Die Touristinnen im knapp geschnittenen Badeoutfit sind also schuld. Schilder mit Erläuterungen der neuen Baderegeln für die Einheimischen sollen bis spätestens zum Jahresende aufgestellt werden, bis dahin heißt es eben trillern und schimpfen. Und im Ghetto plantschen, wenn man keinen ausländischen Pass hat. Denn an der hiesigen, flachen und locker 25 Kilometer langen Strandfront hat Craig nur eine handvoll Nichtschwimmerzonen ausgewiesen, die mit gelbroten Fahnen gekennzeichnet und bestenfalls 200 Meter breit sind. Manchmal allerdings deutlich schmaler, dann sieht es aus, als würden die Inder im Meer Schlange stehen und darauf warten, dass einer ihrer vielen Götter auch endlich mal die Fluten teilt.

Aus Gesprächen und Beobachtungen weiß ich, dass die meisten Inder nicht schwimmen können, aber dennoch großes Vergnügen am Brandungsbaden finden. Wenn sie am Wochenende oder bei Junggesellenausflügen ein bis sieben Bier getrunken haben, und sich idealerweise auch noch ein paar hellhäutige Bikinischönheiten in den Wellen tummeln, kennen Mut und Selbstvertrauen keine Grenzen. Wie Figuren aus homerischen Dramen folgen sie den westlichen Sirenen ins lauwarme Wasser und finden dort gelegentlich ein nasses Grab. Oder so ähnlich. Deshalb jetzt also die indische Umsetzung der Volvo-Sicherheitskonzepte für den Nassbereich – der kombinierte Front- und Seitenairbag für Leute, die den Schwimmunterricht geschwänzt haben. Kein Platz für lebensmüde Inder. Ich warte darauf, dass ein kluger deutscher Minister das System kopiert und – zur Vermeidung von Unfalltoten auf unseren Autobahnen – alle Strecken bis auf die A1 für den Personenverkehr sperren lässt.

Das Leben eines Lifeguards ist hart und entbehrungsreich. Frühmorgens rammt er die Fahnenstange in den Sand und richtet sich dann auf seinem einsamen Hochsitz ein wie ein Schiedsrichter beim Wimbledon-Endspiel. Nach präzisen Vorgaben und exakten Messungen müssen Hochsitz und Fahne immer wieder dem unberechenbaren Tidenhub angepasst und versetzt werden. Nur mit Trillerpfeife, dem Surfbrett, seiner Rettungsboje und dem ewig knarzenden Funkgerät bewaffnet, nimmt der Lebensretter seinen Kampf mit den menschlichen Lemmingen auf. Oftmals wartet er Stunden, bis sich eins der scheuen Wesen ins Wasser wagt. Dann gilt es aufpassen, den sobald der Bauchnabel des schwimmunfähigen Artgenossen feucht wird, gilt es beherzt einzugreifen. Egal ob sportliche Halbstarkenteams, die sich nach einem Strandfußballkick abkühlen wollen, oder gereifte Männer, schick im Baumwolldoppelripp – wer nicht zwischen den gelbroten Fahnen badet, den trifft der gerechte Zorn der uniformierten Bademeister.

Von zögerlicher Einsicht über hartnäckige Besserwisserei bis hin zu spontanen Handgreiflichkeiten (jene hingegen häufig als Antwort auf Rempeleien und verbale Unsportlichkeiten der Trillermänner) muss sich der Lebensretter auf alles Mögliche einrichten, weil der dumme Inder in seiner irregeführten Auffassung von Demokratie auf dem vermeintlichen Recht besteht, überall in seinem freien Land zu plantschen. Das ist natürlich Blödsinn, denn er darf sich ja schon überall zu Tode fahren (lassen), arbeiten, saufen, rauchen oder fressen. Beim Ertrinken ist aber Schluss, verständlicherweise. Ausnahmen gelten nur für Touristen, denn die können meist sogar besoffen und stoned noch halbwegs schwimmen.

Und so haben Craig Carney und P. N. Pandey heute bei Fototermin und anschließendem Interview ganz umsonst vor mir gezittert, denn erstens wird es dieser Bericht wohl kaum bis in den Reiseteil der ZEIT schaffen und zweitens bin ich bekanntlicherweise ein Mann, der für Law and Order schwärmt. Also Ghettoplantschen und Abschreckung um jeden Preis, denn nur ein lebender Inder ist ein guter Inder. Mit viel Sympathie habe ich tagelang die unaufgeregte Routine der Lifeguards beobachtet und erleben dürfen, wie hart ihr Alltag ist. Langeweile und zu wenig Russinnen in Tangabikinis Ermüdender Zwang zur Aufmerksamkeit und der nie erlahmende Wille, sein eigenes Leben zum Wohle eines in Not geratenen Mitmenschen zu riskieren, fordern schweren Tribut. Doch sie wanken nie, kennen keine Klagen, und die Spezialisten unter ihnen suchen unermüdlich das Meer mit dem Fernglas nach unsicheren Schwimmern ab. Diesen Männern gehört meine uneingeschränkte Hochachtung, sie sind die Jehovas Zeugen des tropischen Küstensaums.

Einige Gastronomen finden das Auftreten der Rettungsschwimmer zwar ein bisschen zu autoritär. Sie verlieren angeblich sogar Kunden, weil ihre Restaurants nicht an der Nichtschwimmerzone, sondern genau gegenüber einer der verhassten blutroten Hier-schwimmst-du-besser-nicht-Kollege-Fahnen liegen, von wo selbst akademisch gebildete Gäste mit unsanftem Nachdruck zum fußnassen Schlangestehen in die Idiotenlagune vertrieben werden. Peter Rodriguez, Inhaber des „Papillon Beach Shack“, tritt hingegen dafür ein, dass die Lifeguards sogar Gewalt ausüben dürfen. „Ich hab es so satt, Mann“ erklärt er in flüssigem Englisch, „jedes Jahr muss ich hier ersaufende Inder rauszerren. Die Mund-zu-Mund-Beatmerei mag ja anderen Leuten Spaß machen, aber mich nervt das. Und es überleben ja noch nicht mal alle, und die liegen dann hier rum wie Fisch in der Sonne. Man sollte die Idioten mit dem Knüppel zum Nichtschwimmerstrand treiben, dann herrscht hier endlich Ordnung!“ Übrigens, eigentlich ist Peter ein netter Kerl.

Ich verabschiede mich mit einigen stimmungsvollen Fotos (draufklicken zum Vergrößern) aus dem herausfordernden Arbeitsleben der unermüdlichen roten Engel von Colva Beach, denen ich weiterhin viel Erfolg bei ihrer wichtigen Aufgabe wünsche.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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