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Einzelcamper

Geschrieben von Johannis am 3. Dezember 2010 um 09:43 Uhr

Ich bin ein Schwamm. Vielleicht bin ich auch eine Handvoll Ackerkrume, von unbarmherziger Sonnenglut ausgedörrt, oder ein zundertrockener Brocken Torf. Neuseeland ist frisches Wasser. Ich sauge mich voll bis zur letzten Pore, nehme all die köstliche Feuchtigkeit in mich auf, bis ich tropfnass bin. Und nachts, während ich schlafe und vom novembergrauen Deutschland träume, verdunstet das kostbare Nass, sodass ich am Morgen von neuem damit beginnen kann, Neuseeland in mich aufzunehmen.

LeserInnen, die nach diesen ersten Zeilen befürchten, ich hätte versehentlich oder gar absichtlich mein Frühstück mit Magic Mushrooms ergänzt oder wäre einer anderen halluzinogenen Droge verfallen, mögen beruhigt sein. Es geht mir gut, sehr gut sogar, und von ein bis zwei abendlichen Gläsern Wein mal abgesehen, lebe ich recht enthaltsam. Seit drei Tagen wohne ich nun in meinem Schlafwagen Lucy unter Bäumen auf einem wunderschönen Campingplatz in Mangawhai Heads, direkt an der Lagune, hinter der ich zwischen den Dünen die weißen Schaumkämme der Brandung erkennen kann. Und ich tue exakt das, wozu ich hierher nach Neuseeland kam, ich sauge mich voll. Ich atme mit jedem Atemzug jene würzig-süße Luft ein, die so köstlich mit Blumenduft und dem Aroma des Ozeans gesättigt ist, wie ich es aus keinem anderen Land kenne. Ich sauge mich voll mit den Klängen der Natur, mit Vogelstimmen und dem nächtlichen Lärmen der Baumfrösche, mit Blätterrascheln und dem Rauschen der Baumkronen, dem Säuseln oder Brausen des Windes, dem fernen Tosen der Brandung. Meine Augen völlern Tag für Tag am Blau des Meeres, an hunderttausend üppigen Schattierungen von lebendigem Grün, am sanften Schwung der Hügel und schroffen Felsklippen, und können sich dennoch nicht sattsehen.

Das Licht dieses Landes ist einzigartig. Bisweilen kann ich es sogar auf Fotos oder in Filmen, die in Neuseeland gedreht wurden, spontan erkennen. Ich liebe dieses Licht, das bei Tag ständig wechselt, während bei Nacht die Sterne des Südens in überwältigender Fülle und funkelnder Helligkeit am Himmel stehen. Sie sind dann zum Greifen nah. Vieles in Neuseeland ist so – unmittelbar, direkt, gradlinig. Wie die jungen Enten, die hier auf dem Campingplatz manchmal neben meinem Auto aus dem Bächlein steigen und mich um eine milde Gabe anquaken, oder die frechen Möwen, die schon bei Tisch erscheinen, sobald dort nur ein leerer Teller zu sehen ist. Anders als die Enten mit ihrem freundlichen Blick fixieren mich die hungrigen Möwen aus kalten gelben Augen mit stecknadelkopfgroßen schwarzen Pupillen. Aber irgendwie mag ich auch sie, ihr heiseres Geschrei und das leuchtende Rot ihrer Füße. Ich mag fast alles hier, und das ist mir manchmal richtig unheimlich. Schließlich bin ich mit gemischten Gefühlen angereist, wissend, dass der zweite Besuch hier – nach einem unvergesslichen halben Jahr, das ich als junger Mann auf diesen Inseln verbrachte – durchaus wie das Wiedersehen mit einer alten Liebe ablaufen könnte, die man Jahrzehnte nicht gesehen und dann nur mit Mühe wiedererkannt hat. Und nun bin ich plötzlich wieder mit dieser alten Liebe zusammen, wache nach 24 Jahren erneut jeden Tag neben ihr auf, und sie hat sich kaum verändert, ist genauso schön wie damals. Das ist mir unheimlich und gleichzeitig bin ich sehr dankbar, wie ihr an meinem schwärmerischen Schreibstil sicherlich ohne Schwierigkeiten ablesen könnt.

Heute ist Sonntag (wegen meines Hangs zum Wildcampen und der fehlenden Internetinfrastruktur in der neuseeländischen Wildnis, erscheinen meine Beiträge oftmals erheblich zeitversetzt), und auch das macht mich froh, denn anders als viele Wochenendcamper, die nun ihre Zelte abbrechen, die aufgebockten Wohnwagen wieder an klobige Allradfahrzeuge ankoppeln, ihr gesamtes Zeug nach zwei kurzen Tagen wieder einpacken und bald im Stau auf dem Highway in Richtung Auckland stehen werden, bleibe ich einfach hier. Ich schreibe noch, bis der Akku leer ist und dann gehe ich schwimmen. Jawohl, ich werde im Meer schwimmen, denn anders als an der Westküste, wo ich mir vor ein paar Tagen beim Waten in den Wellen fast Füße und Waden abgefroren habe, ist das Wasser hier erträglich warm. Ich schätze 19 Grad, aber das sind sicher vier Grad mehr als an der Rimmer Road und ist bei kräftigem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel warm genug für ein Bad im Ozean.

Ein bisschen schäme ich mich für meine haltlose Schwärmerei und die wahrscheinlich eher gemischten Gefühle, welche meine Schilderungen bei den LeserInnen auslösen mögen. Schließlich ist bei euch Spätherbst und für viele die unangenehmste Zeit des Jahres, dunkel und kalt, ganz ohne Blumenduft und Blättergrün. Vielleicht tröstet es euch ja ein wenig, dass ich bis zur Toilette etwa 100 Meter, bis zur Dusche sogar 300 Meter Fußweg zurücklegen muss. Warmwasser zum Duschen gibt es minutenweise und auch nur, wenn man genügend Münzen eingeworfen hat. Ach ja, und am Freitagnachmittag haben meine Nachbarcamper vier Stunden lang laut Hardrock gespielt, eine Musikrichtung, für die ich ebenso schwärme wie für Fastfood von McDonalds oder Fußpilz zwischen den Zehen. Doch als ich mich schon beinah zu einem Lärmschutzbittgang durchgerungen hatte, verstummte die Dröhnung und danach war Ruhe. Offenbar wollten die gestressten Städter nun auch mal natürliche Geräusche tanken und die Seele baumeln lassen. Außerdem waren es nur rund 50 Meter Luftlinie bis zu den Zelten der Hardrockfans, also halb so schlimm.

Fällt mir sonst etwas ein, was gegen eventuelle Neidgefühle helfen könnte und meine Lage weniger idyllisch erscheinen ließe? Jugendliche, die in aufgemotzten Karren durch die Gegend brettern und diese mit aufgewirbeltem Staub und dem drohenden Grollen ihrer V8-Zylindermotoren erfüllen. Das Baggerschiff in der Lagune, das am Wochenende zwar still vor Anker lag, aber morgen früh seine Arbeit wieder aufnehmen wird, mit Motorengedröhn, Schwerölgestank und dem Geräusch mächtiger Pumpen, die Sand ans Ufer schwemmen. Kalte Nächte im engen Schlafsack auf einer schmalen Matratze hinten im Kombi, während Moskitos und hundsgemein beißende Sandfliegen es auf mein Blut abgesehen haben. Schweißnasses Erwachen, wenn die aufgehende Sonne morgens das Innere des Kombis innerhalb einer Viertelstunde auf Saunatemperatur bringt.

Alles halb so schlimm? Da habt ihr wohl recht. Denn ich spüre in jedem Moment, wie gut mir das satte Grün und die viele Zeit unter freiem Himmel tun. Ich habe seit Tagen keine Nachrichten gehört, war bisher viel zu faul, um meinen TV-Stick nach neuseeländischen Fernsehsendern suchen zu lassen, und habe die letzte Tageszeitung vor 10 Tagen in Kathmandu gelesen. Konsequenterweise verbringe ich kaum Zeit mit Grübeleien über die großen Probleme unserer Tage, bin meist heiter und entspannt und weitgehend im Einklang mit mir und der Welt, was ihr nach dem Lesen dieses Textes wahrscheinlich sogar glauben werdet. Leicht zerknirscht, weil ich es so gut habe, sende ich euch frühlingshafte Grüße und ein paar Bilder aus Mangawhai Heads.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Ein Kommentar zu “Einzelcamper”

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