Ein Land in Ketten
Geschrieben von Johannis am 20. November 2008 um 22:34 Uhr
Klingt ein bisschen wie ein schlechter Buch- oder Filmtitel und lässt vielleicht Assoziationen mit Birma/Burma/Myanmar oder Nordkorea aufkommen, aber es soll noch einmal um Nepal gehen. Der heutige Donnerstag ist mein letzter Tag hier, morgen geht es endlich nach Indien. Eigentlich war gestern noch eine Schuleinweihung angesetzt, aber die musste ausfallen, denn es gab mal wieder Bandh. Bandh heißt dicht, zu, geschlossen und bedeutet, dass die Straßen gesperrt sind, Geschäfte schließen müssen, das Leben gelähmt ist. Gestern gab’s erst nur Zoff in Kalanki, wo der Highway nach Westen die City erreicht, dann auch unterwegs ihn Naubise im Distrikt Dhading, und heute geht im ganzen Tal von Kathmandu nix mehr. Shit happens!
Hintergrund: Man hat vorgestern die Leichen von zwei jungen Aktivisten der UML (Kommunistische Partei Nepals, United Marxist Leninist) gefunden, verscharrt am Ufer eines Flusses im Distrikt Dhading, wo die Mehrzahl unserer Projekte angesiedelt ist. Die beiden wurden Anfang November von Mitgliedern der YCL (Young Communist League, militante Jungendorganisation der herrschenden Maoisten) entführt, gefoltert und getötet, zwei ihrer Kameraden konnten mit knapper Not entkommen.
Also wurden gestern Straßensperren errichtet, Reifen verbrannt, Steine geworfen, Parolen gebrüllt. Heute dann Valley-Bandh, im ganzen Tal von Kathmandu sind nur Fußgänger und Radfahrer unterwegs, und dazu Rikschafahrer, die das Geschäft des Monats machten. Wer sich dennoch motorisiert hinaus wagte, konnte was erleben. Ich sah mitten in der Millionenstadt vier Studenten, Mitglieder der All Nepal Students Union (als bräuchten Studenten eine Gewerkschaft), die eine der Hauptstraßen besetzt hielten und die wenigen Fahrzeuge (meist voller Touristen, die dringend zum Flughafen wollten) mit Steinen bewarfen. Nur hundert Meter weiter hockten mindestens zwanzig bewaffnete Polizisten in voller Demoausrüstung (Brust- und Beinpanzer, Schlagstöcke, Plexiglasschilde, Gewehre für Gummigeschosse) im Schatten und dachten über ihre Pensionierung nach. Oder etwas ähnlich Wichtiges.
Leider hatte ich keine Kamera dabei, sonst hätte ich auch den Bus eines privaten Unternehmers fotografiert, der verbeult und mit rundum eingeschmissenen Scheiben am ehemaligen Königspalast vorbeirauschte. Ich habe die so genannten Studenten angesprochen und beschimpft, was mir die Sympathie einiger Passanten eintrug. Die Steineschmeißer sind in meinen Augen nicht besser als Terroristen, terrorisieren sie doch das Land und seine Bewohner, um ihre Machtgelüste zu befriedigen und politisch zu agitieren. Die totgeschlagenen UML-Aktivisten werden davon nicht wieder lebendig, die Behörden ermitteln wohl auch kaum schneller, aber Hauptsache es gibt Randale.
Ich hab diese idiotische Krawallverliebtheit so satt, mir fehlen tatsächlich die Worte. Heute früh, ich kam gerade vom Frühstück ins Hotel zurück, gellte plötzlich der Ruf „Djuluss ayo“ durch das Touristenquartier Thamel. Die Auslagen vor Verkaufsständen wurden hastig eingepackt, Rolltore rasselten herunter, Menschen verschwanden in Hauseingängen, Minuten später war alles verrammelt. Djuluss ayo bedeutet, die Demo oder der Protestzug kommt. In diesem Fall eine Zusammenrottung militanter Studenten, um die Einhaltung des Streiks zu erzwingen. Sachbeschädigung ist dabei das gängige Mittel, aber auch Prügel sind drin.
Es vergeht kein Monat, ohne das irgendeine politische oder Lobbygruppe zumindest einen Tag lang und mit Vorankündigung diese Großstadt lahm legt. In manchen Distrikten Nepals dauern Bandhs wochenlang, und dazu gibt es ständig „Chakkajams“, spontane Straßenblockaden. Neulich gab es hier in der City einen Aufstand der nepalesischen Zocker, denn offiziell dürfen nur Ausländer die wenigen Kasinos besuchen. Flugs blockierte die Allgemeine Vereinigung Nepalesischer Spielsüchtiger (AVNS – dummer Scherz) das Stadtviertel rund ums Hotel Annapurna, dem ein Kasino angegliedert ist. Im Grunde so, als würden deutsche Kettenraucher die A1, A7 und A45 blockieren, um endlich wieder zwischen Nichtrauchern an der Theke sitzen und qualmen zu dürfen.
Aber Spaß beiseite, ich finde diese gewalttätig erzwungenen Landeslähmungen zum Kotzen. Dabei betrifft es mich heute kaum, den Besuch im Büro der Gulf Air (Fliegt nie mit Gulf Air! Zu diesem Thema ein anderes Mal mehr.) konnte ich zu Fuß erledigen, anders als die junge Britin, neben der ich vorhin beim Frühstück saß. Sie wollte nach Pokhara und dann zum Trekken an den Annapurna hinauf, aber nix is. Wäre mein Flug nach Delhi heute früh gewesen, hätte ich saublöd aus der Wäsche geguckt, denn mit der Fahrradrikscha dauert es etwa 90 Minuten zum Airport, und man verschleißt an den Steigungen mindestens einen durchtrainierten Rikschafahrer. Wirklich ärgert mich die Schicksalsergebenheit, mit der die Nepalesen es hinnehmen, dass Krawallisten ihnen Land, Geschäft und Leben versauen. Dass die Kommunisten sich hier gegenseitig umbringen, dass die Jungendorganisation der Maoisten (die ja schließlich seit einigen Monaten die Regierungsmehrheit im Lande stellen) auch zweieinhalb Jahre nach Ende des Bürgerkriegs weiterhin Menschen entführen, erpressen und sogar totschlagen können, zeigt, wie weit der Weg bis zu einer halbwegs glaubwürdigen Demokratie in Nepal noch ist.
Und als wäre das nicht genug, liegt das Land auch sonst in Fesseln. Da sind zu nennen das Kastensystem, durch das die gesellschaftlichen, beruflichen und persönlichen Chancen vorbestimmt sind, und in dem kein Aufstieg möglich ist. Dann der religiöse Fatalismus, denn alles ist ja Karma. Was auch immer geschieht – unendlich weise Götter haben es so entschieden und man oder frau muss es demütig hinnehmen. Wozu sich also anstrengen, aktiv Einfluss nehmen, Bestehendes warten und instand halten, für die Zukunft planen und vorsorgen? Hauptsache man betet feste und sorgt für eine gute Wiedergeburt, dann ist alles in Butter.
Überall im Land sieht man Männer faulenzen, während Frauen schwere Arbeit tun. Offenbar glaubt von den Herren kaum jemand ernsthaft daran, dass man sein Schicksal in die Hand nehmen, das heiße Eisen schmieden sollte. Wo man auch hinschaut verkommen Gebäude, gammeln Fahrzeuge und Baumaschinen einem verfrühten und sicheren Tod entgegen, geht alles seinen sozialistischen Gang. Und bald soll das Land eine Volksrepublik werden, mit ehemaligen Terroristen an der Spitze, die nur dummdreiste Bereicherung, durchsichtige Demagogie und politisches Ränkespiel beherrschen. Aber der große Bruder hinter der chinesischen Grenze verspricht Straßen, Kraftwerke, Aufbauhilfe.
Dabei dauert der Aufbau schon mehr als ein halbes Jahrhundert, pumpen unzählige internationale Organisationen immense Summen ins Land am Fuße des Himalaya, wo es mindestens 35.000 lokale NGOs gibt (Non Government Organisations – also Initiativen, Vereine etc., die sich angeblich alle aktiv für die Landesentwicklung und soziale Themen einsetzen). Alle warten auf das schnelle Geld, betteln um neue Straßen und Gebäude und wollen oftmals selbst möglichst wenig leisten. Die Menschen sind zwar vielfach wirklich arm, aber zum Teil auch stinkfaul und durch die ständigen Geldgeschenke mittlerweile unwiderruflich verdorben.
Nichts lähmt den Willen der Leute, ihr Leben selbst zu meistern, so sehr wie der endlose Geldfluss aus West und Ost. Korruption ist hier so normal wie gekochter Reis, und die Maoisten der Gemeinde Salyantar (dort baut HOPE e. V. gegenwärtig eine Schule und 50 Biogasanlagen) fordern gerade kackdreist, dass wir den unfähigen und lahmarschigen lokalen Bauunternehmer weiter beschäftigen, weil er eben ein Parteifreund ist. Und das, obwohl selbst das Schulkomitee sich gegen den Mann ausgesprochen hat, weil der Schulbau bereits zwei Monate hinterm Zeitplan hinterherhinkt. Ich habe schon mit wirklich gebildeten Nepalesen diskutiert, die forderten, dass die internationale Hilfe eingestellt wird, damit ihre Landsleute endlich die Ärmel hochkrempeln und in die Hände spucken. Aber ist das die Lösung?
So, etwas Dampf ist abgelassen. Nun will ich selbst die Ärmel hochkrempeln und den letzten Kram zusammenpacken, damit ich morgen rechtzeitig am Flughafen bin. Im Moment kommt mir Indien im Vergleich zu Nepal wie das gelobte Land vor, eine Oase der Rechtstaatlichkeit und Ordnung, fortschrittlich und demokratisch. Dabei sollte man nicht vergessen, dass auch dort die indischen Maoisten dreizehn Bundesstaaten zumindest teilweise beherrschen und gerade in diesen Tagen die Wähler einschüchtern, wenn diese unbedingt zur Urne schreiten wollen. Wie sagte doch Erich Kästner so schön: Die Dummheiten wechseln, nur die Dummheit bleibt! In diesem Sinne ab dafür!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«



Kein leichter Job, den du Dir da angenommen hast. Respekt.
Aber es ist für dich nur eine temporäre Lebensperiode. Kurzfristig Eintauchen in diese Welt und dann zum Weihnachtsmarkt in Dortmund wieder zurück sein.
Achtung…. daran sind schon manche verzweifelt.
Mit unterstützendem Gruß
Weinachtsmarkt – was für ein gigantischer Horror! Und vor allem die Glühweinqualität in Dortmund, unter dem aus über tausend Fichten zusammengestückelten größten Weihnachtsbaum der Welt.
Ansonsten ist alles temporär, vor allem das Leben. Weißt du mehr als ich über meine Zukunft? Grüße aus Goa, heiß und schwül.