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Die Freuden des Fliegens

Geschrieben von Johannis am 27. April 2009 um 19:58 Uhr

Nein, nicht die Freuden der Fliegen, obwohl das auch ein interessantes Thema werden könnte, vorausgesetzt Fliegen haben Spaß am durchs-Zimmer-sausen, Hundekacke-degustieren und auf-Viechern-rumkrabbeln. Ihr seht schon, ein feinsinnig-schöngeistiger Text wird das heute kaum. Fangen wir doch noch einmal von vorne an. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wenn er denn halbwegs erzählen kann und falls ihm überhaupt eine Sau zuhört. Auch kein besonders gelungener Anfang, oder? Egal, dann eben nur die Fakten.

Donnerstag Freikarten für den Nightwash-Club gewonnen und flugs den leicht vergrippten Nachbarn T. mitgenommen. Sind uns hinterher einig gewesen, dass es die allerschwächste Comedy-Vorstellung war, die wir je im Kundenzentrum der DEW21 erduldet haben. Als peinigend schlecht erwies sich vor allem die bitterschokoladenbraune Jennifer (Bühnenname Heidi) aus der Schweiz. Ruckzuck war die Komikkombination aus Dirndl, Afrokrause und politisch möchtegern unkorrekten Negerwitzen dermaßen abgefrühstückt, dass es die attraktive junge Frau auch mit der Zugabe am Ende des Abend nicht mehr rausreißen konnte. Da demonstrierte sie das Klatschen ohne Hände. Nein, nicht die längst überfällige Auflösung des Zen-Koans „Wie klingt eine klatschende Hand?“ Ein Freiwilliger kam auf die Bühne und hielt ihr rückwärtig das Mikrofon an die Kimme, während die barfüßige Heidi auf und ab hüpfte und dabei ihre erstaunlich elastischen Arschbacken unterm Dirndl aneinanderklatschen ließ. Interessanter Effekt. Ansonsten habe ich von dem Abend vor allem T.s Grippeviren mitgenommen, was sich mir aber erst am späten Samstag offenbarte.

Mittlerweile ebenfalls vergrippt und deshalb recht ungnädig mit dem Leben, machte ich mich am Sonntag gen Frankfurt auf, um via Bangkok nach Kathmandu zu reisen. Kurz nachgedacht – laut psychosomatischem Formenkreis bedeutet eine fette Erkältung u. a., dass man von irgendetwas die Nase beziehungsweise Schnauze voll hat. Tatsächlich zieht es mich gegenwärtig nicht unbedingt nach Nepal, soviel ist wahr. (Für Zufallsbesucher dieses Blogs: Ich bin nicht etwa im Urlaub, sondern beruflich unterwegs. Projektbesuche für den Verein HOPE e.V. Es ist meine 14. Reise in dieses schöne, aber komplett chaotische Land.) Egal, da muss man durch. Hatte im Zug nach Frankfurt eine sehr angeregte Debatte über die globale Lage mit jungem Unternehmensberater von Price, Waterhouse & Coopers. Bin immer wieder überrascht, wie häufig eindeutig intelligente Menschen zugeben, dass sich unsere Welt im Kamikazesteilflug befindet, während sie weiterleben wie bisher. Ist das die Systemblindheit der Lemminge?

Der Jumbo nach Bangkok war rappelvoll. Anders als bei der Buchung im Netz bestellt, bekam ich keinen Fensterplatz, sondern durfte am Gang sitzen. Wirklich hartnäckige Stammleser erinnern sich noch an mein traumatisches Vorjahreserlebnis, als mir ebenfalls am Gang eine ungestüme Gulf-Stewardess reichlich süßen Milchkaffee über Hose und deren Inhalt kippte. Mir schwante daher nix Gutes. Nein, kein Seitenhieb auf Gesine. Vorteil des Gangplatzes H 43 ist, dass er am Notausgang liegt, man dort also die Beine ausstrecken kann.

Doch wie alle Nihilisten wissen, ist in jedem kleinen Vorteil der größere Nachteil bereits verborgen. Die Reihe 43 befindet sich im Jumbojet der Thai-Airways direkt neben vier zentral angebrachten Toiletten. Daher wird der freie Platz vor beiden Notausgängen zum forcierten Schlangestehen genutzt. Und natürlich, um gleichzeitig den Besitzern der beiden Gangplätze (C 43 und H 43) nach Kräften auf die Zehen zu treten – am liebsten dann, wenn sie kurz davor sind, tatsächlich mal kurz wegzudämmern. Hätte jeder Mitflieger, der mir wahlweise vors Scheinbein trat beziehungsweise auf meine Zehen latschte oder mich im Dämmerlicht grob angerempelt hat, einen Euro zahlen müssen, hätte das für eine Taxifahrt von Dortmund nach Nepal gereicht. Na gut, vielleicht nicht ganz, aber bis zum Frankfurter Flughafen wäre ich mit der Kohle locker gekommen. Ehrlich!

Schlummern war demzufolge kein Thema, stattdessen habe ich halblaut Verwünschungen unter der baumwollenen Schlafbrille hervorgeknurrt und meinem Schöpfer (Ja, wieso nicht, Gott macht eben auch mal Fehler. Selbst solche wie mich!) für die festen Treckingschuhe gedankt, die mich vor ernsthaften Verletzungen bewahrt haben. Das schlürfend-schmatzende Vakuumzischen, mir dem menschliche Hinterlassenschaften bei 930 km/h in elftausend Metern Höhe hoffentlich in den Fäkalientank gesaugt und nicht in die Stratosphäre versprüht werden, war übrigens genauso wenig eine Einschlafhilfe wie die olfaktorische Gesamtkulisse. Nach einigen Stunden konnte ich mit schlafwandlerischer Sicherheit bestimmen, ob der zum Platz zurückkehrende Kacker die Reste von Menü eins (grünes Curry mit Huhn, Auberginen und Strohpilzen an thailändischem Klebreis) oder doch die Alternative (Rinderbraten mit Tomaten-Ölivensoße, Blattspinat und Stampfkartoffeln) ausgeschieden hatte. So genau wolltet ihr es gar nicht wissen? Ich auch nicht. Aber mit der Schnüffelnummer hätte ich bei Wetten-dass bestimmt gute Chancen.

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Der Kapitän ist ordentlich geflogen, die thailändischen Saftschubsen waren teilweise hübsch, aber alle nett, und neben mir saß ein langweiliges Doktorandenpärchen aus Göttingen, Biologen unterwegs zum Bäumezählen nach Sulawesi. Die beiden waren miteinander toootaaal kuschelmuschellieb und so offensiv verliebt, dass man es als dauerverkrister Hardcoresingle jenseits der Midlife-Crisis nur als fortgesetzte Belästigung empfinden konnte. Dazu lasen sie sich ständig gegenseitig aus einem Buch vor, das den Titel „Jesus, unsere Zuversicht“ hatte. Oder so ähnlich. Christen können manchmal fast so nervig sein wie schiitische Sprengstoffwestenträger. Finde ich.

Eine letzte Begegnung der dritten Art hatte ich vorhin auf dem Tribhuvan International Airport in Kathmandu, woselbst ich nach insgesamt 22 Stunden Reisezeit für mein Visum in der Schlange stand. Kaum hatte ich mehr als zwei Handbreit Abstand zum Vordermann aufkommen lassen, um die Laptoptasche sicher an der Deichsel meines Handgepäcktrolleys zu verzurren, als sich ein mittelkleiner Mann mittleren Alters an mir vorbei schummelte. Oder es zumindest versuchte. Kanadischer Akzent. Ein kleiner Anpfiff brachte ihn murrend zurück ins Glied und wir versicherten uns gegenseitig unserer Wertschätzung, die allerdings kaum messbar war. Meine finstersten Vorurteile fanden überreichlich Nahrung, als ich ihn später auf dem Parkplatz wieder sah, wo er gerade in den schneeweißen Landcruiser einer lutherischen Organisation aus den USA stieg. Missionar oder sonstiger Gottesmann. Von wegen Nächstenliebe und Demut. Pah!

Nun hocke ich beim spärlichen Licht der Notbeleuchtung im vertrauten Zimmer 316 des bekannten Potala Guesthouse, draußen rumoren etliche Generatoren im Chor (heute gibt’s keinen Strom von 4 bis 12 und 16 bis 24 Uhr) und vor lauter Rotz platzt mir fast der Schädel. Übrigens, die Tageshöchsttemperatur betrug heute in Kathmandu 34°. Schleiche mich jetzt noch für eine Suppe ins Restaurant Yak und dann morgen ins Büro unserer Partnerorganisation. Zwischendurch will ich gern für etwa 12 Stunden in ein gnädiges Tiefschlafkoma fallen. Mal sehen ob’s klappt.

Schöne Grüße aus Nepal.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

5 Kommentare zu “Die Freuden des Fliegens”

  1. Henriette Erler

    Hallo Johannes, Mit dem Zug wären Sie komfortabel sowie geld- und ressourcensparend (mit 1x umsteigen) in wenigen Stunden an Ihrem Reiseziel angelangt. Und mit dem Flieger von Frankfurt braucht man nur etwas mehr als eine Stunde, um in das gewünschte Bestimmungsland zu gelangen.

    Dafür kann man sich dann aber nicht in aller Ausführlichkeit über sämtliche Mitreisende äußern sowie seine sexuell angereicherten Stammtischparolen über das Flugzeugpersonal verbreiten.

    Aber wer beruflich so oft in Italien unterwegs ist (“Es ist meine 14. Reise in dieses schöne, aber komplett chaotische Land.”), auf den färbt vielleicht der Machismo unserer südlichen Nachbarn fast zwangsläufig ab. Insofern wünsche ich gute Besserung – sowohl geistige wie auch körperliche – und sende herzliche Grüße ins ferne Neapel.

  2. Johannis

    Liebe Frau Erler,
    immer wieder bewahrheitet sich der folgende Satz: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!

    Ansonsten zeigt sich auch an Ihrem Kommentar, für den ich mich herzlich bedanke, dass Menschen meist das verstehen, was sie eben hören/lesen wollen. Falls Sie den Beitrag tatsächlich komplett gelesen haben sollten, hätte spätestens die Erwähnung von Kathmandu Sie stutzig machen müssen, weil es bekanntlich nicht in Italien liegt. Dazu reist wohl auch kaum jemand von Dortmund via Bangkok (Thailand) nach Neapel, das man übrigens anders als von Ihnen versprochen mit dem Zug aus NRW nicht in wenigen Stunden erreicht. Gut, die Worte Nepal und Neapel unterscheiden sich nur durch ein kleines zusätzliches e und die Stellung des a’s, aber dennoch hätte etwas Nachdenken bestimmt geholfen. Nun denn, wir alle irren uns gelegentlich. Falls Ihnen jedoch solche Lapsi öfter unterlaufen, würde ich mir allerdings Sorgen machen.

    Ihnen weiterhin viel Freude an meinem Blog und vor allem bei der Pflege Ihrer Vorurteile.

    Beste Grüße, auch an Ihre frauenbewegten Mitkämpferinnen im Mediaturm, von Johannis aus Nepal

  3. Henriette Erler

    Hallo Johannes, es mag sein, dass ich mich da im Gesamtzusammenhang habe täuschen lassen, aber in der ersten Version des Artikels stand da noch “Neapel”. Leider habe ich kein Bildschirmfoto, um es zu beweisen; ich würde es trotzdem ehrlich finden, wenn Sie die nachträgliche Bearbeitung des Artikels zugeben würden.

    Und zu dem von Ihnen verwendeten Wort “Lapsi” ist anzumerken: Zwar gibt es im Lateinischen eine große Gruppe an Nomina auf -us, die im Nominativ Plural auf -i enden (equus, equi; modus, modi; populus, populi; torus, tori); eine andere große Gruppe auf -us wird jedoch nicht nach diesem — o-Deklination genannten — Schema gebeugt, sondern fällt in die u-Deklination, deren Maskulina ihren Nominativ Plural auf -us (mit langem u) bilden. Dieser Gruppe gehört unter anderem status, aber auch casus, passus, sexus und eben lapsus an.

    Aber ich bin mir fast sicher, dass das im nachhinein auch wieder “korrigiert” wird, um mich schlecht aussehen zu lassen.

  4. Nachbar T.

    Hi Johannis,

    Oh Mann, sei froh, dass es nicht die Schweinegrippe ist!

    Gute Besserung!

    Nachbar T.

  5. Johannis

    @ Nachbar T.:
    Sei du selbst mal auch schön froh, sonst hätten sie dich wohl schon Quarantäne genommen, warst du doch meine Infektionsquelle. Lebe noch und Kopp is auch nich geplatzt. Gib dir in Zukunft etwas mehr Mühe mit der Rechtschreibung, bin doch hier nicht der Korrektor für alle und alles.

    @ Frau Erler:
    Ich finde es immer wieder erstaunlich bis bedauerlich, wie schnell Menschen sich in der Opferrolle häuslich einrichten oder gar flink Verschwörungstheorien konstruieren. Warum, bitte schön, sollte ich Sie wohl schlecht aussehen lassen wollen, indem ich nachträglich an den Texten meiner Seite rumtrickse? Ich finde, Sie selbst haben sich doch ausreichend Mühe gegeben, um nun mit dem Hintern gemütlich in den Nesseln zu sitzen. Just for the record – ich habe den Beitrag nicht bearbeitet, da stand immer Nepal und nie Neapel. Versuchen Sie es doch mal mit dem Cache von google, der ist vor Ihrem Kommentar gespeichert worden, am 29. Apr. 2009 um 13:22:01 Uhr. Einfach “Die Freuden des Fliegens” googlen und auf Cache klicken. Aber Sie sind nicht die erste, der dieser Verleser unterlaufen ist. Man sieht eben meist, was man sehen will. Ich heiße übrigens Johannis und nicht Johannes, wie Sie es buchstabieren. Egal.

    Was die Lapsi angeht, haben Sie Recht, der Plural von Lapsus ist Lapsus mit langem U. Sagt Wikipedia. Mein großes Latinum ist knapp 32 Jahre alt und so gut wie nie benutzt, ich bitte daher um Nachsicht. Und es gibt hier in Nepal die Lapsi, eine Steinfrucht, die gern zu lecker-scharfen Chutneys verarbeitet wird. Vielleicht kam von dort die Inspiration.

    Ansonsten finde ich, dass die Bemerkung „die thailändischen Saftschubsen waren teilweise hübsch, aber alle nett“ kaum als „sexuell angereicherte Stammtischparole“ durchgeht, wie Sie sich auszudrücken beliebten. Wenn hier vom Leder gezogen wird, dann aber richtig und nicht so halbschwul, verlassen Sie sich drauf. Und Sie haben sich auch nicht „im Gesamtzusammenhang täuschen lassen“ sondern den Beitrag schlicht nicht zu Ende gelesen, weil Ihre Oh-ein-übles-Machoschwein-dem-muss-ich-aber-mal-den-Marsch-blasen-Reflexe zu früh und unkontrolliert einsetzten, Sie regelrecht überfraut haben. Anders kann ich mir Ihren Lapsus nicht erklären, denn dazu kommen viel zu oft Namen und Begriffe vor, die mit Neapel etwa so viel verbindet, wie mich mit zickigen Feministinnen.

    In diesem Sinne alles Gute.

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