Der Untergang
Geschrieben von Johannis am 22. Februar 2012 um 10:03 Uhr
Heute ist Mittwoch, der 13. Februar 2013. Vor genau einem Jahr begann – mit der nächtlichen Verabschiedung des zweiten Sparpakets durch das griechische Parlament, Vorbedingung für weitere Hilfszahlungen von EU und IWF – für einen Großteil der Griechen die schlimmste Zeit ihres Lebens. Hatten damals viele noch geglaubt, 2012 würde als Annus horribilis in die Geschichtsbücher eingehen, so ist heute jedem klar, dass der Horror kein Ende nimmt, weil täglich neuer Schrecken die Grausamkeiten von gestern übertrifft.
Obwohl die griechische Regierung sich fesseln und knebeln ließ und schließlich alle Bedingungen der Geldgeber akzeptierte; obwohl Renten und Mindestlöhne soweit gesenkt wurden, dass die meisten Menschen zum Leben zu wenig, aber zum Sterben zu viel hatten; trotz der im Februar beschlossenen neuen EU-Hilfszahlungen in Höhe von 130 Milliarden Euro; und obwohl Athens Politiker ständig neue Versprechen gemacht und beschworen hatten, dass auch nach den Wahlen im April 2012 der harte Sparkurs beibehalten würde, war Griechenland bereits im Mai pleite. Die neue Regierung aus fünf Splitterparteien ist, nachdem die jahrzehntelang abwechselnd herrschenden Blöcke PASOK und Nea Dimokratia vom Wählerzorn zur Bedeutungslosigkeit verdammt wurden, ebenso zerstritten wie machtlos. Das Land hat keine Führung und versinkt im Chaos.
Ohne jede Wirkung sind die Milliarden aus Brüssel verpufft, zu Flugasche verbrannt wie früher die zundertrockenen Pinienwälder bei den sommerlichen Brandstiftungen zur illegalen Beschaffung von Bauland, und nachdem die Wirtschaft 2011 um fast sieben Prozent geschrumpft war, kam sie im letzten Sommer fast völlig zum Erliegen. Griechenland führte zwar im Juni die Drachme wieder ein, aber außerhalb des Landes war hellenisches Geld nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wurde. Kein arabisches Land will Erdöl gegen Schafskäse tauschen und nur die wenigsten Motoren laufen mit Olivenöl. Griechische Taxis stehen daher ebenso still wie Busse und Fähren, aber das macht fast nichts, denn es kommen eh nur noch ein paar hartgesottene Katastrophentouristen ins Land. Das griechische Drama begann mit Streiks, wütenden Protesten und Brandstiftungen in der Zeit vor dem 13. Februar 2012 und führte dazu, dass ein europäisches Land im Bürgerkrieg versank und heute den gleichen Lebensstandard wie Nepal oder Äthiopien hat. Willkommen in der Dritten Welt!
Täglich neue Meldungen zeigen nun, wie falsch der von den Geldgebern verordnete Sparkurs war. Die Arbeitslosigkeit – soweit eine vollkommen zerrüttete Verwaltung entsprechende Zahlen überhaupt noch erfasst – stieg auf aktuell 78 %, die Inflationsrate liegt bei 600 % monatlich, ein Weißbrot kostet heute 450.000 Drachmen und schon morgen werden die wenigen Bäcker, die bisher noch Brot backen, wohl eine halbe Million verlangen. Oder mehr. Längst sieht man auf den Straßen Athens mehr verzweifelte Bettler als Bürger, die noch einen bezahlten Job haben. Diese Unausgewogenheit erschwert den Hungernden das erfolgreiche Betteln sehr, außerdem kommt es dauernd zu Schlägereien an den Mülltonnen der wenigen Supermärkte und bei Restaurants, die noch Lebensmittelreste wegwerfen. Auch in der letzten Nacht sind wieder mehr als siebzig Menschen zu Tode gekommen, bei blutigen Ausschreitungen und Lynchmorden, verhungert oder mangels ärztlicher Versorgung an eigentlich heilbaren Krankheiten verreckt. Oder sie starben durch eigene Hand, denn das Land hat mittlerweile die weltweit höchste Selbstmordrate. Tag für Tag springen Verzweifelte von Brücken oder erhängen sich auf Dachböden, ganze Familien werfen sich vor die wenigen noch verkehrenden Eisenbahnzüge oder nutzen letzte Schrotpatronen für ein blutiges Ende ihres Elends.
Über zwei Millionen Griechen haben das Land bereits verlassen, viele von ihnen mit Ziel Deutschland, und beziehen dort nun, als EU-Bürger völlig zu Recht, Sozialleistungen. Zwanzig Prozent der gesamten Bevölkerung ist bisher geflohen und dieser Exodus der Hoffnungslosen geht unvermindert weiter. Wer bleibt, verkriecht sich und zittert ums nackte Überleben oder steht Schlange vor den wenigen Suppenküchen. Hunger schürt Wut, und die Wut entlädt sich jede Nacht und mittlerweile auch bei Tage. Zwar nützt das Morden nichts, nachdem die Reichen und Steuerbetrüger ihr Schwarzgeld – weit über dreihundert Milliarden Euro – rechtzeitig vor der Staatspleite illegal ins Ausland brachten, aber dennoch vergeht kaum ein Tag ohne Lynchjustiz. Der Zorn der betrogenen Massen ist verständlich und viele handeln nach dem Motto: Wenn schon keine Arbeit und kaum etwas zu essen, dann lasst uns wenigstens ein paar dieser verfluchten Volksschädlinge ausrotten. Gestern erwischte es Giorgos Papatrakis, einen wohlhabenden Bauunternehmer und langjährigen Günstling der PASOK-Partei, in seiner Villa auf der Insel Zakynthos. Stacheldraht, Überwachungskameras und ein gutes Dutzend bewaffneter Leibwächter konnten Papatrakis nicht schützen, als der wütende Mob die Grenzmauern des Anwesens an drei Stellen gleichzeitig in die Luft sprengte und das Gelände mit Schrotflinten, Knüppeln und Äxten stürmte. Zwei Bodyguards konnten fliehen, die anderen wurden ebenso getötet wie Giorgos Papatrakis, seine Frau Eleni und die beiden Söhne Spyros und Alexandros. Neun der Angreifer starben ebenfalls bei dem Blutbad. Alle Leichen waren noch warm, als die ersten Handy-Videos bei YouTube auftauchten. Früher war Zakynthos ein sonniges Idyll, dessen Strände Jahr für Jahr Touristen anzogen und so den Besitzern kleiner Hotels und Pensionen ein sicheres Einkommen garantierten, aber nun ist der Tourismus vollständig zum Erliegen gekommen. Kein Wunder, bei den herrschenden Zuständen.
Längst kommen aus der Dritten Welt keine Flüchtlinge mehr nach Griechenland und viele illegale Einwanderer sind geflüchtet, denn in der hellenischen Republik regieren Chaos und Anarchie. Es hat sich herumgesprochen – das Leben hier ist schlechter als in Afghanistan oder Bangladesch, überall nur Hunger und Willkür. Auf dem Peloponnes kann man nun miterleben, was verfehlte Politik – jahrzehntelanges Wegschauen in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten, Inkompetenz und Korruption, verlogenes Zögern und Taktieren in Athen, aber vor allem die Fehlentscheidungen jener Geberländer und des IWF, die dem Land schließlich einen brutalen Sparkurs aufzwangen – bewirken und wie schnell jegliche bürgerliche Ordnung zerbrechen kann. Griechenland ist das erste Land seit dem Ende der Kolonialzeit, das durch europäische Dummheit und Arroganz in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt.
Die Säuglingssterblichkeit ist europaweit am höchsten, die durchschnittliche Lebenserwartung fiel seit 2007 um 9 Jahre. Hunger und existenzielle Not sind längst genauso alltäglich, wie es Vetternwirtschaft, Steuerbetrug, Korruption und der offenkundige Missbrauch von EU-Geldern in den fetten Jahren vor der Krise waren. Das Welternährungsprogramm wird jetzt zusätzliche Nahrungsmittel bereitstellen und die Vereinten Nationen beraten kommende Woche, ob ein Kontingent Blauhelmsoldaten entsandt werden muss. Die Lage ist verzweifelt und auch jetzt, während ich diese Zeilen im Hause von Verwandten in einem Athener Vorort schreibe, peitschen gelegentlich Schüsse durch die Nacht. Da draußen ist es stockfinster, denn Strom gibt es nur noch stundenweise und bei Tag. Solarstrom aus einigen Vorzeigeprojekten, gebaut mit großzügigen Fördermitteln aus Brüssel und ohne jede Überwachung, weshalb immense Summen in den Taschen korrupter Beamter und raffgieriger Unternehmer verschwanden.
Argentinien brauchte nach seinem Staatsbankrott fast zehn Jahre, um wieder auf die Beine zu kommen, aber Argentinien hat gigantische Flächen fruchtbaren Landes, eine produktive Landwirtschaft, Wälder, Bodenschätze, Erdgas und Öl. Außerdem druckte die argentinische Nationalbank nach dem Crash jede Menge Pesos, um die Binnenwirtschaft in Gang zu halten. Griechenland hingegen hat außer einstmals idyllischen Inseln, Oliven, Wein und Schafskäse wenig zu bieten, es lebte jahrzehntelang bequem von stetig wachsenden Schulden, den Geldern der Touristen und jenen Milliarden, die aus Brüssel herbei flossen. Mittlerweile kommen keine Devisen mehr in dieses Land, dem Spekulanten, Hedgefonds, die Troika der EU und der IWF den Todesstoß versetzten. Kaputt gespart, um Banken, Versicherungen und privaten Anlegern satte Zinsen zahlen zu können, ist die Wiege der Demokratie nun verkommen zum Nährboden für Anarchie, entfesselte Brutalität und einen Überlebenskampf, in dem jeder jeden bekriegt. An den Händen von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, von einem Jahr noch gefeierte Helden und gelobte Krisenstrategen, klebt Blut. Erschreckend viel Blut.
Ich werde übermorgen nach Deutschland zurückkehren, solange dies noch halbwegs gefahrlos möglich ist. Zum Glück hält mich hier jeder für einen Engländer, weil ich außerhalb des Hauses nur Englisch und niemals Deutsch spreche, denn wiederholt sind Landsleute vom tobenden Mob getötet worden. Kein Wunder, dass man die Deutschen hasst – hat unsere Kanzlerin doch zuerst endlos die Lösung der griechischen Schuldenkrise verhindert und dem Land dann den Todesstoß versetzt. Dieser Irrsinn kostete deutsche Steuerzahler bisher 64 Milliarden Euro, aber abgerechnet wird erst ganz zum Schluss. Drückt mir bitte die Daumen, dass ich es lebendig zurück nach Dortmund schaffe.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«



Ich schreibe jetzt einfach nur: Schön, dass du es geschafft hast, aus Griechenland raus zu kommen. Ich hätte deine Artikel vermisst und somit auch dich und deine Bissigkeit.
13. Februar 2013? Ist am 21.12.2012 nicht eh alles vorbei? Halt, warte! Ist es das nicht jetzt schon?