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Depressionen machen stumm

Geschrieben von Johannis am 7. Februar 2010 um 09:37 Uhr

Über die meisten Krankheiten kann man prima reden, manche sind sogar regelrechte Dauerbrenner in den Warte-, Wohn- und Krankenzimmern dieses Landes. Rheuma, Migräne und Diabetes sind super, weil unverfängliche Erkrankungen ohne erkennbare Mitschuld vonseiten der Patienten. Krebs ist eigentlich auch gut, hat aber bedauerlicherweise einen unangenehm morbiden Beiklang – manche Leute lassen sich ungern daran erinnern, dass wir alle sterben werden. Raucherbein und Fettleibigkeit eignen sich als Gesprächsthema leider deutlich schlechter, denn wo Ursache und Wirkung allzu offensichtlich miteinander verbunden sind, muss sich der Kranke schon mal lästige Vorwürfe anhören. Ganz dumm sind die richtig unappetitlichen Sachen wie Geschlechtskrankheiten, Darmparasiten sowie Ausflüsse jeder Art. Und Depressionen.

Depressive sind ja eigentlich nicht richtig krank, sie geben sich nur keine Mühe. Mit etwas gutem Willen könnten sie durchaus Spaß am Leben haben, wie normale Menschen eben. Aber sie grübeln, statt hübsche Grübchen zu zeigen, denken ständig an Selbstentleibung und nicht an Sex oder wenigstens an Selbstbefriedigung, und über den Winterschlussverkauf möchten sie sich auch nicht freuen. Sie stehen sich sozusagen selbst im Weg, daher wohl auch dieser ungesunde Hang zum Selbstmord. Falls sie ihr Leiden an sich und der Welt vor Letzterer nicht schlau verbergen, redet man ihnen nach Kräften gut zu und gern auch die Flausen aus, aber die meisten Depressiven sind extrem hartnäckig. Die wollen einfach keinen Spaß am Leben haben. Und manchmal töten sie sich sogar einfach, obwohl das meist gar nicht so einfach ist. Schließlich kann man bei uns nicht, wie in den USA, in einen Waffenladen spazieren und ist einige Tage später stolzer Besitzer einer praktischen Faustfeuerwaffe nebst Munition.

Pro Jahr bringen sich in Deutschland knapp zehntausend Menschen um, das sind dreimal so viele Tote wie im Straßenverkehr. Etwa hunderttausend Depressive versuchen es jährlich, kriegen es aber irgendwie nicht gebacken. Bestenfalls bekommen sie – nach einem Aufenthalt im Krankenhaus oder der Psychiatrie – eine zweite oder gar dritte Chance. Schlimmstenfalls schießen sie sich nur die Augen oder das halbe Hirn weg, brechen sich alle Knochen oder das Rückgrat, und dürfen dann ihr Restleben als Krüppel darüber nachdenken, warum sie sich eigentlich umbringen wollten. Oder sich fragen, warum sie es nicht etwas professioneller angestellt haben, und längst zur Rechten des gnädigen und allmächtigen Herrn auf einer watteweichen Wolke sitzen. Wie auch immer, auch die Erfahrungen eines gescheiterten Suizids taugen als Gesprächsthema nur sehr bedingt.

Spätestens seit dem medienwirksamen Ableben von Robert Enke ist bekannt, dass ein durchschnittlicher deutscher Lokführer während seines Berufslebens zwei Selbstmörder in Stücke fährt. Das ist für keinen der Beteiligten angenehm, aber eben die Normalität. Wenn mal wieder eine dieser Phasen kommt, in denen mich meine irdische Existenz schon direkt nach dem Aufwachen heftigst anwidert und ich bereue, dass ich vor Jahrzehnten das aktive Waidmannshandwerk aufgegeben und daher auch keine Schrotflinte im Haus habe, deren kalte, leicht nach Ballistol-Waffenöl schmeckende Mündung ich mit den Lippen fest umschließen könnte, während mein Daumen nach dem Abzug tastet, gehe ich ungern ans Telefon. Ja, das war ein langer und etwas komplizierter Satz, aber so sind manche Leute eben.

Was ich sagen will, ist folgendes: Depressive haben es in puncto Außendarstellung nicht leicht. Sie finden es extrem schwierig, ihren Mitmenschen gegenüber ehrlich zu sein, weil sie sich als Person samt Lebensmüdigkeit meist ziemlich unzumutbar finden. Wegen der ganzen inneren Widersprüchlichkeiten, und weil ihr Gesunden den Wunsch nach Sterben entweder nicht versteht oder euch tierisch Sorgen macht, schlimmstenfalls sogar die Einweisung in die Psychiatrie veranlasst. Wenn so ein Mensch euch dennoch offenbart, dass sie oder er mal wieder kaum noch Kraft zum Weiterleben hat, kommt bitte nicht mit Lebenslustgeplappere. Von wegen, die Welt ist doch eigentlich ganz schön, die Sonne scheint, man muss nur die Augen öffnen, und so. Hört einfach zu, argumentiert nicht, schweigt und weint vielleicht gemeinsam, habt Geduld und Verständnis. Dann muss man euch nichts vormachen, denn das ist echt anstrengend. Und wer lebensmüde ist, braucht all seine Kraft, nur um heute diesen beschissenen Tag zu überstehen, das Leben auszuhalten.

Also Klappe halten, zuhören und nicht weglaufen. Und – obwohl es anstrengend war – wiederkommen, Freund bleiben. Freut euch, dass ihr selbst leben wollt. Wenn ihr unbedingt etwas tun wollt, bringt meinetwegen Schokolade und vor allem Omega-3-Fettsäure-Kapseln mit. Die schmecken nicht so eklig wie Lebertran, wirken aber genauso positiv auf den Hirnstoffwechsel. Länder, wo viel Fisch gegessen wird, haben niedrige Selbstmordraten. Wie auch immer, bei mir wirkt das Zeug. Und mit etwas Glück hilft euer Zuhören und es nützt, dass ihr ein paar Stunden neben dieser bleischweren Wolke von Todessehnsucht aushaltet, die viele Depressive in schlechten Zeiten zu verschlingen droht. Der beschissene Tag vergeht, die Woche auch und mit etwas Glück ist eure Freundin, euer Freund bald wieder die geistreiche, sensible und humorvolle Person, die ihr so gut kennt. Sie oder er wird vorerst nicht in einer Mortalitätsstatistik erscheinen und wahrscheinlich sogar wieder Freude am Leben finden. Zumindest für eine Weile, denn Depressionen sind wie Lippenherpes. Sie kommen wieder.

Wie ich denn jetzt noch die Kurve ins Positive kriegen will? Gar nicht. Es ist Sonntag, da kann man euch schon mal etwas Tiefe zumuten. Und da ich immer noch unbewaffnet bin, stehen eure Chancen gut, dass es nächste Woche wieder was zum Schmunzeln oder Aufregen gibt. Vielleicht über den rätselhaften Gleichklang der Worte Schwarz-Gelb und Schwarzgeld. In diesem Sinne: Kopf hoch!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Ein Kommentar zu “Depressionen machen stumm”

  1. john

    hallo perlenschwein
    ein – eben – fast lustiger und sehr gescheiter kommentar zur wachsenden seuche depression. aber was will man, die (noch) unbetroffenen leute schauen nicht hin und die betroffenen haben wenig oder keine power etwas gegen die misere zu tun…hat enke’s tod etwas bewirkt? anfänglich schon, aber das eisen zum schmieden ist kalt geworden und eine volksbewegung gegen hast und stress der heutigen zeit ist nicht entstanden. die leute mit durchblick, energie und durchhaltewillen müssten sich halt zusammentun und mit hilfe einiger ebensolcher politiker könnte viel erreicht werden. der schreibende versucht es seit x jahren – es geht unheimlich langsam vorwärts…
    mit nachfühlendem gruss,
    john

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