Gott macht Urlaub
Geschrieben von Johannis am 23. August 2010 um 08:51 Uhr
Früher, als unser Herrgott noch mit Mutter Natur verheiratet war und die beiden unter einem Dach zusammenlebten, war die Welt in Ordnung. Naja, halbwegs. Kräftig gesoffen hat er schon damals, sich im Haushalt um nix gekümmert, und auch sonst war der Kerl zu wenig nütze. Typisch Gott eben, ständig große Sprüche, aber wenn man ihn braucht, lässt er sich nicht blicken. Seit ein paar Monaten läuft die Scheidung und die häusliche Lage hat sich unerfreulich zugespitzt. Bei denen geht es jetzt zu – schlimmer als damals bei Cramer gegen Cramer, sozusagen eine neuzeitlich dokusoapmäßig aufgemotzte RTL2-Version! Richtig fies eben, mit Haken und Ösen. Zum Glück habe die beiden keine Kinder, den Sorgerechtsstreit würde der Planet wohl kaum überstehen.
Egal. August ist bekanntlich der Monat fürs Faulenzen. Eingeführt und getauft vom römischen Kaiser Augustus, der neidisch auf Julius Caesar und das nach ihm benannte Kalenderzwölftel Juli war. Also packte der Kaiser seinen August mitten in den Sommer und machte sogar den 15. Tag des Monats zum Feiertag, an dem alle braven Römer und selbst die Sklaven frei hatten. Im August fährt man ans Meer oder grillt zumindest jeden Abend auf Balkons und Terrassen, man stellt hübschen jungen Mädchen nach oder träumt jedenfalls davon. Dieser Monat ist exklusiv dem Faulsein und der Entspannung gewidmet. So war’s zumindest mal.
Denn seit der göttlich-natürliche Haussegen unwiederbringlich aus dem Lot ist, lässt Mutter Natur es im August gern krachen. Überschwemmungen, Waldbrände, zur Auflockerung mal ein Erdbeben, Schlammlawinen oder ein paar Hurrikane – sie zieht alle katastrophalen Register. Dabei ist es ihr schnurz, wie viele Menschen ersaufen oder ob Cäsium 137 die aufsteigenden Rauchwolken würzt. Hauptsache Gott kommt im Urlaub nicht zur Ruhe. Nix mit Faulenzen, Grillen, Biersaufen und Weiberhinterherglotzen – die ganze Zeit rauschen Gebete rein wie unerwünschte Emails, wenn der Spamfilter ausgeschaltet ist. Obernervig. Dabei will Gott nur seinen himmlischen Frieden haben und nicht ständig von jammernden Katastrophenopfern angebetet werden. Tja, man kennt es ja aus dem Fernsehen, so eine zerrüttete Ehe kann die Hölle auf Erden sein. Besonders, wenn die Frau rechtschaffen verbittert ist und Phantasie hat. Ist sie, hat sie.
In diesem Jahr vermieste Mutter Natur unserem urlaubsreifen Herrgott den August schon bevor er richtig angefangen hat. Russland brannte, Pakistan soff ab, selbst in Sachsen ertranken die Rentner im Keller. Und überall dieselbe Reaktion – Mitleid erheischende Hände werden gen Himmel gereckt oder zu Fäusten geballt an schmerzerfüllte Brustkästen geschlagen, und danach wird feste gebetet. Die Pakistanis sind zu Recht sauer auf ihre Regierung und einen Präsidenten, der seinen Shoppingtrip quer durch Europa sogar noch verlängerte, statt nachhause zu eilen und wie weiland Gerd Schröder in die Gummistiefel zu schlüpfen. Also beten die Pakistanis wie wild. Den Russen brennen die Datschen überm Kopf weg, während Putin den allgegenwärtigen Volksrettungsspezialisten und fliegenden Feuerwehrmann gibt, und das Volk betet ganz bescheiden um Regen. Gleichzeitig betet Ratzischatzi, unser katholischer Vorbeter in Rom, dass die Opfer ihr Schicksal in Gelassenheit annehmen mögen. Wie blöd von ihm – wenn der Papst schon den direkten Draht nach oben hat, warum betet er den Leuten nicht gleich neue Häuser samt Hausrat herbei? Dazu Autos und wiederauferstandene Verwandte. Und vor allem Regen!
Weil der Papst Insiderkenntnisse hat. Natürlich weiß er genau, dass Gott sich im August einen Scheißdreck um irgendwelche Gebete schert. Welche göttliche Filiale oder Niederlassung man auch aufsucht, egal ob jüdisch, hinduistisch, christlich oder muslimisch – überall ist zu. Ordentlich ausgedruckt und laminiert steht „Wir machen Betriebsferien vom 24. Juli bis zum 11. September“ am Schaufenster, oder in der Tür hängt das vergilbte Blatt „Vorübergehend geschlossen“ vom Vorjahr. Ersatzweise einfach nur ein hastig hingekritzeltes „bin gleisch wider da“, wie am Kiosk, wenn man dringend Zigaretten oder kaltes Weizenbier braucht. Jeder halbwegs lebenserfahrene Kunde weiß, dass der Kioskheini dann so schnell nicht zurückkehrt. Wahrscheinlich Verdauungsprobleme. Wenn solch ein Schild draußen hängt, steht man nicht stundenlang rum und hofft und betet, sondern geht in die nächste Kneipe. Oder zur Tankstelle, die hat immer auf.
Liebe Russen, Chinesen, Pakistaner und sonstige Katastrophengebeutelte. Vergesst das Beten, es bringt nix. Schnappt euch Schaufeln, einen Eimer, ’ne Feuerpatsche oder meinetwegen auch einen großmäuligen Präsidenten. Und dann legt selber Hand an wo immer es Not tut, aber bitte nicht die betenden Hände in den Schoß. Denn Gott macht Urlaub, noch mindestens eine Woche. Falls er überhaupt jemals wiederkommt.
PS: Ich dürft gern rechts oben im Sidebar abstimmen, denn es interessiert mich tatsächlich, was ihr über Themen wie Klimawandel, Hunger und Terror denkt. Auch wegen meiner Auswanderungspläne. Danke.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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