Halbaffentheater
Geschrieben von Johannis am 7. November 2011 um 15:28 Uhr
GOTT ist ein lausiger Programmierer. ER hat an Windows Vista mitgeschrieben, das sagt doch wohl alles. Seit seiner Zwangsversetzung zur IOS trägt ER kaum noch Verantwortung, im Arbeitsvertrag wird ER jetzt als stellvertretender Netzwerkadministrator bezeichnet. Pure Schmeichelei, denn eigentlich sitzt ER nur rum, glotzt auf drei Monitore und schaukelt sich die allwissenden Eier. Im Grunde muss ER nur aufpassen, dass ein paar altersschwache Server nicht wegen Überhitzung in Flammen aufgehen oder komplett abstürzen, wenn nach einem Sonnensturm der Notstromgenerator nicht anspringen will. Laut Vertrag soll GOTT nicht programmieren, keine Software installieren und vor allem die Finger von allem lassen, was funktioniert. Man sollte denken, das sei eine lösbare Aufgabe für jemanden, dem man Allmacht und noch ein paar merkwürdige Fähigkeiten nachsagt. Aber nix da!
Nur zur Erklärung – IOS ist eine mickerige Serverfarm am Rande der Milchstraße und sieht gegen Anlagen von Google und Facebook aus wie eine prähistorische Puppenstube. Intergalactic Operating Systems gehört zu UMPF (Universal Monitoring and Programming Facility) und UMPF steuert das ganze Universum. Seit Milliarden Jahren nachweislich ohne ernsthafte Probleme oder Systemausfälle. IOS ist nur für ein paar unbedeutende Galaxien zuständig, darunter auch jene, in der unser extrem unbedeutendes Sonnensystem liegt. Die Hardware, mit der GOTT es zu tun hat, ist unverwüstlich und das Betriebssystem hat Ähnlichkeit mit Linux. Eigentlich narrensicher. GOTT soll da nur rumsitzen, sich den silbrigen Bart kraulen und ansonsten die Finger von allem lassen, was kaputt gehen kann. Die Personalabteilung von UMPF war nach dem Dilemma mit Windows Vista heilfroh, dass man für den alten Zausel eine Ecke gefunden hatte, wo ER bis in alle Ewigkeit hocken kann und hoffentlich keinen Ärger macht. Theoretisch.
In der Praxis sehen die Dinge leider anders aus, das belegen Überwachungsvideos, die WikiLeaks kürzlich zugespielt wurden. UMPF macht es nicht viel anders als Lidl oder Schlecker. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Speziell wenn es um GOTT geht. Die Videos belegen, dass ER wieder an der Software rumgemurkst hat, die unsere Galaxie und letztlich auch diesen unbedeutenden Planeten steuert. Gut – noch ist unklar, ob es sich um Schusseligkeit oder böse Absicht handelte, aber die Bilder belegen eindeutig, dass GOTT am 22. Oktober 2011 um 11:22 ein Pop-Up anklickte. In dem Fenster stand folgender Text: Sicherheits- und Stabilitätsupdate für GalaxOS verfügbar. Wollen Sie GalaxOS 3.17 installieren? Und was tat der alte Schusselkopp? Klickt auf Ja und seitdem haben wir den Salat.
GalaxOS 3.17 ist nämlich eine Beta-Version, also noch in der Erprobung. Schnell wurde klar, dass den Programmierern, wahrscheinlich alte Microsoft-Kollegen von GOTT, eine Reihe höchst bedenklicher Fehler unterlaufen sind und sie die Beta-Version niemals in Umlauf bringen durften. Vor allem die galaktische Prozessgeschwindigkeit wurde massiv überhöht, was dramatische Folgen hat. Beispielsweise sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung auf knapp ein Drittel, das heißt männliche Säuglinge leben hierzulande nur noch 24,9 statt 77,4 Jahre. Neugeborene Mädchen sterben künftig nach 26,8 Jahren, also im allerbesten Alter. Dadurch sind zwar sämtliche Rentenversicherungsprobleme auf einen Schlag gelöst, aber wir Deutschen kriegen demnächst noch weniger Kinder und der Arbeitsmarkt wird massive Schwierigkeiten bekommen. Wahrscheinlich muss die Regelschulzeit auf vier Jahre verkürzt und das Verbot von Kinderarbeit komplett aufgehoben werden. Die FDP wird nichts dagegen haben, aber zu Merkels neuem sozialdemokratischen Outfit passt Kinderarbeit irgendwie nicht. Abwarten.
Vielleicht fragen sich Leser, die nach dieser schockierenden Nachricht den ersten Schreck bereits verkraftet und ihr Testament gemacht haben, woran sich denn die verheerende Wirkung des unautorisierten Updates auf GalaxOS 3.17 ablesen lässt? Nehmen wir nur einige Beispiele: Bangkok, die CDU und die Euro-Rettung. Aus der thailändischen Hauptstadt kamen seit dem verhängnisvollen göttlichen Klick in stetem Wechsel Meldungen, die Stadt sei überflutet, gerettet, überflutet, gerettet, überflutet, gerettet und werde noch für Wochen überflutet bleiben. Klarer Fall von massiv überhöhter Prozessgeschwindigkeit. Dann die CDU: Innerhalb eines Jahres Wehrpflicht weg, Atomausstieg ja bitte und Hauptschule nein danke. Das war krass und man fragt sich, ob GOTT schon früher an der Software rumgemurkst hat. Aber nun der Knaller, letzte Woche. Mindestlohn! Was kommt als nächstes – kann man plötzlich nach Herzenslust abtreiben und klonen, wird die private Krankenversicherung abgeschafft und ein bundesweites Tempolimit auf Autobahnen eingeführt? Steuerfreies Grundeinkommen für jeden, Verbot von FDP, NPD und DVU, wird der Islam offizielle Staatsreligion und die Scharia samt Vielweiberei in Deutschland eingeführt? Man darf gespannt sein, obwohl mir mit meinen schwachen Nerven eine Frau vollkommen reicht. Also eine vollkommene. Egal. Bei all dem Durcheinander der letzten Woche fand der Souverän, also wir, das Volk, kaum Kraft und Zeit, um sich über die verschlampten 55,5 Milliarden aufzuregen. Da haben die schwarzgelben Schwachköppe echt Schwein gehabt. 666 ist ja bekanntlich eine apokalyptische Zahl aus der Offenbarung des Johannes, die Zahl des Satans und der Hure Babylons. 555, und das wird allen esoterisch eingeweihten Numerologen vertraut sein, hingegen ist die Zahl der Vollidioten. Kann es Zufall sein, das ausgerechnet 55,5 Milliarden in den Büchern der HRE und ihrer Schlechtbank versiebt wurde? Wohl kaum.
Für das Thema Euro-Rettung muss ich weit ausholen und mich am Schreibtisch festbinden, damit ich nicht vor lauter Verzweiflung aus dem Fenster springe. In ebenso steter wie hektischer Folge jagt ein Krisengipfel den nächsten. Pakete werden geschnürt und Rettungsschirme aufgespannt, um dann beides wieder und wieder zu vergrößern. Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, wird es gleich noch mal so schwer. Von wegen Lichtlein. Auf einmal sollten die Griechen abstimmen, ob sie das Geld wirklich annehmen möchten, mit dem man gnädigerweise ihren Pleitestaat retten will. Und schon zwei Tage später (ich war stinksauer – hatte ich doch mit einem Freund, der gegen mich fast jede Wette verliert, um ein Abendessen beim Chinesen gewettet, dass die Griechen knapp mit Nein stimmen werden) war alles nur Spaß gewesen. Papandreou stellte für Freitagnacht die Vertrauensfrage und hatte angeblich keine Mehrheit. Dann gewann er jedoch überraschenderweise, tritt nun aber trotzdem zurück. Jetzt gibt es Neuwahlen, wohl am 19. Februar. Wie wär’s denn mit dem 29. Februar als Termin? Ach Mist, 2012 ist ja ein Schaltjahr. Egal. Angeblich kommt nun eine Übergangsregierung der nationalen Einheit. Und wahrscheinlich wird weitergemurkst wie bisher.
Liebe Griechen, euer Land ist pleite, am Ende, todkrank. Wenn man krank ist und die einzig sinnvolle Therapie extrem unangenehm findet, kann man den Arzt wechseln. Das hilft aber nicht gegen die Krankheit. Was war denn so schlecht an Papandreou? Meint ihr wirklich, die Oppositionsdeppen machen einen besseren Job? Die haben sich doch bisher standhaft jeder Lösung verweigert und sind für den Schlamassel mitverantwortlich. Um ein Bild aus dem Wilden Westen zu bemühen: Mitten im Fluss sollte man nicht die Pferde wechseln, dadurch kommt die Postkutsche garantiert nicht sicherer ans rettenden Ufer. Findet euch damit ab, dass ihr (und am besten gleich auch die Portugiesen) den Euro schnellstmöglich wieder abschaffen solltet. Dann könnt ihr in Ruhe eure stinkenden Augiasställe ausmisten, nach Herzenslust auf eure inkompetenten Politiker schimpfen und euch selbstmitleidig in die Taschen lügen, die Drachme vierteljährlich abwerten und meinetwegen streiken, bis euer Land im blutigen Bürgerkrieg versinkt. Aber beendet bitte diese Augsburger Puppenkistennummer. (Oder war es die Pupsburger Augenkiste? Egal.)
Alles dreht sich nur noch um die Pleitegriechen, und auch die Italiener sind schon in den Startlöchern. Europa sucht den Superloser. Wer wird Bankrotteur? Drama, wohin man schaut, total ätzend! Was ist denn bitte mit den echten Problemen dieser Welt? 2010 wurden acht Prozent mehr Klimagase in die Atmosphäre geblasen als im Vorjahr, vor allem in China und Indien. Mehr! Wir wollten doch weniger Erderwärmung, oder? Nach neuesten Berechnungen steigt die Durchschnittstemperatur bis 2300 weltweit um 8 Grad, auf Grönland planen dänische Firmen bereits die ersten Bananenplantagen. So viel Irrsinn hält doch kein Schwein aus. Nein, auch tropenfeste vietnamesische Hängebauchschweine nicht.
Geht’s um Klima, Hunger, Terror, organisiertes Verbrechen? Nein, immer nur um Schulden, Banken und den beschissenen Euro. Man hat ja fast Mitleid mit unseren Staatschefs und Ministern. Das muss doch nerven, ständig diese Krisengipfel bis spät in die Nacht! Andererseits hab ich den vermaledeiten Euro nicht erfunden und gebe seit mindestens zwanzig Jahren nur Geld aus, das ich auch besitze. Tja, wer seinen Völkern eine Riesenportion unbekömmlicher Suppe einbrockt, muss sie eben auch auslöffeln. Schade, dass der dickdoofe Kohl und der bekloppte ich-hab-die-tollsten-Augenbrauen-der-Welt-Waigel nicht mit am runden Krisentisch sitzen müssen, diese Arschgeigen. Wenn ich schon das Geseiere höre, Tag für Tag: Stirbt der Euro, stirbt Europa! Wie jetzt – alle 501 Millionen Menschen krepieren einfach so, weil es das hässliche Gemeinschaftsgeld nicht mehr gibt? Obwohl wir vor knapp zehn Jahren die Abschaffung unserer alten Landeswährungen nahezu ohne Todesopfer überstanden haben? Klingt ein bisschen unglaubwürdig, finde ich.
Und wer ist an allem schuld? GOTT natürlich. Hätte ER die Finger von der Maus gelassen, wäre noch alles in Butter. Nun kann man nur beten, dass es gelingt, die Server wieder auf die alte Version von GalaxOS umzustellen, ohne dass hier alles den Bach runtergeht. Das wird schwieriger, als einen versehentlich installierten Ask-Toolbar wieder aus dem Browser zu entfernen. (Lästiger Dreck, aber hiermit klappt’s.) Ansonsten können wir nur hoffen, dass Mistkerle wie Berlusconi wegen der drastisch reduzierten Lebenserwartung hurtig krepieren. Angeblich tritt er ja noch heute zurück. Kann sich meinetwegen erschießen, nachdem er ein letztes Mal acht Callgirls gevögelt hat, in einer Nacht und mit reichlich Viagra. Falls er die Mädels schafft. Manchmal wünsche ich mir, dass ich es selbst auch bald hinter mir habe. Nein, nicht die acht Callgirls und das Viagra. Den ganzen Irrsinn. Macht doch keinen Spaß mehr. Am meisten Mitleid habe ich mit den Kabarettisten. Soviel Realsatire war noch nie, aber kaum haben sie ein Programm geschrieben und sich draufgeschafft, ist alles schon wieder Makulatur. Geht viel zu schnell, heutzutage. Bin gespannt, was Priol und Pelzig morgen Abend zu sagen haben. Affenzirkus. Man möchte GOTT mal richtig in den Hintern treten.
So, ihr Lieben, über diesen viel zu langen Text könnt ihr jetzt eine Weile meditieren. Ich mach mich mal wieder etwas rar, aber das wird kaum auffallen. Wo doch der Wahnsinn überall turmhohe, schaumige Wogen schlägt. Bleibt am Leben und lasst euch nicht unterkriegen. Bis dann.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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