Holzbein und Klabautermann
Geschrieben von Johannis am 12. Mai 2012 um 17:22 Uhr
Ich war bei den Piraten. Nein, nicht die ganzen letzten vier Wochen, die ich hier sybillinisch vor mich hin geschwiegen habe – bin ja nicht entführt worden. Luxuskreuzfahrten am Horn von Afrika sind nix für unsereinen und weder die Dortmunder Neonaziszene noch die großzügig den Koran verschenkenden Salafisten hassen mich genug, um ein Kidnapping ernsthaft zu erwägen. Übrigens, die Lebensabschnittsgefährtin bangt diesbezüglich bisweilen. Seltsamerweise wird in ihren Fantasien aber sie selbst von Nazis oder Salafisten verschleppt, vergewaltigt und halbtot im Dreck verscharrt, nicht etwa ich. Angst um mich scheint sie nicht zu haben, sorgt sich offenbar nur um meinen Kontostand und ob ich das Lösegeld für sie zahlen kann. Aber ich komm schon wieder vom Thema ab. Sorry. Und wo ich schon dabei bin, kann ich mich dafür auch gleich entschuldigen. Für das Thema. Gähnend langweilig, übelster Mainstream, total ausgelutscht. Tut mir leid.
Also ich war bei den Piraten. Einen Abend lang, eigentlich nur einen halben. Und nicht am Strand von Somalia, sondern im Taranta Babu. Urgestein einer alternativen Dortmunder Kulturstätte, Buchladenkneipebegegnungsstätteundmehr, mitten im Studentenviertel der Stadt gelegen und nunmehr Treffpunkt der Piratenpartei. Immer Mittwochs um halb acht, jeder ist willkommen. Mittwoch vor einer Woche gewitterte und schüttete es abends derart, dass mich die Lust verließ, ich die Recherche verschob und daheim blieb, aber vorvorgestern schwang ich mich beherzt aufs Rad und gelangte zwischen zwei Schauern tatsächlich trocken ins Kreuzviertel. Vor der Kneipe standen etwa zwanzig Leute in der Abendsonne, nasser Asphalt dampfte, man schwatzte in kleinen Grüppchen oder schwieg allein vor sich hin, manche rauchten. Auf meine Nachfrage bestätigte mir ein dynamischer Jungpirat, dass der Pulk ein Rückstau des Piratentreffens sei, weil, der Saal wäre eben erst aufgeschlossen worden, das Wetter is doch so schön und er müsse sich unbedingt noch ein Lungenbrötchen reinziehen. Lungenbrötchen finde ich noch dämlicher als Lungentorpedo. Egal. Ich, seit vielen Jahren Nichtraucher, bedankte mich für die Auskunft, stapfte in den Saal und sicherte mir einen der knappen Sitzplätze, vorerst in zweiter Reihe.
Insgesamt versammelten sich dort bis acht Uhr rund fünfzig Menschen um einen großen Tisch, besetzten ein buntes Sammelsurium von Stühlen und alten Sofas, bestellten Bier und Mate, quasselten durcheinander oder schwiegen diszipliniert. Die quirlige Gruppe wurde dann aufgeteilt, vorn in der Kneipe sollten die ganz Neuen eine mündliche Einführung in die Geheimnisse des Piratentums bekommen, hinten im Saal würde die Ortsgruppe diskutieren und Parteiarbeit leisten. Der Vortänzer für die Neulinge sei zwar heut nicht da, aber kein Problem, da würde man eben improvisieren. (Improvisieren ist eine der großen Piratentugenden, soviel habe ich mittlerweile begriffen.) Ich blieb im Saal, nahm Platz am Tisch und erlebte mein erstes Piratentreffen. Also ein halbes, denn gegen halb zehn machten die Nachwuchspolitiker eine Pause zum Durchatmen, Pullern und zur Aufnahme eventueller Lungenbrötchen. Ich trat aber den Heimweg an, weil mein Magen knurrte und ich bereits genug gesehen hatte.
Um es kurz zu machen: Ich bin enttäuscht. Viele meiner Vorurteile wurden nicht bestätigt. Ich hab mich sogar erschreckend wohl gefühlt. Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch an zukünftigen Piratentreffen teilnehme, so leid es mir tut.
Ich habe in der Vergangenheit gern über die Piraten gelästert und werde das wohl auch in Zukunft tun, sie fordern förmlich dazu heraus. Neulich beispielsweise: Livestream vom Parteitag, man arbeitet am Programm, legt Inhalte der Piratenpolitik fest. Endlos wird ein Vorschlag militanter Tierschützer diskutiert, die allen Ernstes in ihren Gesetzesentwurf zum Schutze der Heimtiere auch Insektenlarven einbeziehen wollen, wie sie üblicherweise an Reptilien verfüttert werden. Schützt Mehlwürmer und argentinische Waldschaben! Tolles Thema, ganz große Politik. Typisch Piraten – dämlicher Name, peinliche Planlosigkeit und fachliche Inkompetenz, der stümperhafte Umgang mit den Medien, die bescheuerten Klamotten undsoweiterundsofort. Die Piraten werden doch nur von Computernerds und frustrierten Spinnern gewählt, die sind ruckzuck wieder weg vom Fenster. Von nix ’ne Ahnung, aber im Landtag sitzen. (Nein, ich bin nicht neidisch, überhaupt nicht!)
So oder ähnlich arrogant dachte man vielleicht nach dem Überraschungserfolg bei der Berliner Landtagswahl, aber nun sitzen die Piraten bereits im Saarland und in Schleswig-Holstein in den Parlamenten und kaum jemand bezweifelt, dass sie ab Sonntag auch in Düsseldorf Sitze und Büros haben werden. Sie sind zu einem Phänomen geworden, das sich nicht mehr ignorieren lässt, und obwohl sich von Günther Jauch über Frontal 21 bis zu Markus Lanz fast alle Medienleute redlich Mühe geben, die Piraten schlecht aussehen zu lassen; obwohl die Berichtserstattung in der Presse insgesamt eher abwertend ist und die Partei neben guten auch blöde Ideen verfolgt, wird man sich mit den Leuten auseinandersetzen müssen. Es ist leicht sie zu verspotten, aber sie werden nicht einfach wieder verschwinden. Vielleicht gehen von ihnen tatsächlich gute, erneuernde Impulse aus. Unser Land und seine Politikerkaste könnten es dringend vertragen.
Übrigens, von den etwa fünfzig Freibeutern und Sympathisanten am Mittwoch waren acht weiblichen Geschlechts. Altersmäßig war von knapp 20 bis über 60 alles dabei, der Schwerpunkt lag so um die dreißig Jahre. Das Spektrum reichte von milchbärtigen BWL- und Informatik-Studenten, rüstigen Frührentnern, verbiesterten Altkommunisten und frisch enttäuschten FDPlern über Leute, denen Langzeitarbeitslosigkeit und Liebe zu digitalen Medien an Mimik und Körperumfang abzulesen war, einem smarten Trenchcoatbesitzer bis zu blassen Typen, denen das geistige Kleingärtnertum ins Gesicht geschrieben steht – aber vorwiegend versammelten sich dort wache, politisch interessierte und aufgeschlossene Zeitgenossen. Leute wie du und ich eben. Erstaunlich.
Eigene Schwächen wurden auf erfrischend lockere Art thematisiert, der Versammlungsleiter führte dabei brav eine Liste für die Wortmeldungen. Der Pressekoordinator berichtete von einer verunglückten Podiumsdiskussion, bei der es ihm nicht gelang, die anwesenden Künstler und das Publikum von den Vorzügen eines geänderten Urheberrechts zu überzeugen. Ich verstehe die Piraten bei dem Thema auch nicht und befürchte, dass mit der Abschaffung von GEMA und ähnlichen Rechteverwertern noch weniger Geld bei Kulturschaffenden ankommt als bisher schon. Wenn’s ums Urheberrecht geht, plädiere ich eigentlich für die Zehn-Prozent-Hürde, aber man kann ja trotzdem mal drüber nachdenken. Später beklagte eine Frau wortreich, dass sie am Wahlstand in der Fußgängerzone viele Bürgerfragen nicht beantworten könne. Dafür gäbe es doch die Battlecards, da stünden die wichtigsten Parteipositionen drauf, kam es aus der Runde. Wo sie denn diese Battlecards herbekäme, fragte die Straßenwahlkämpferin kleinlaut. Aus der Piraten-Wiki natürlich, antwortete der Pressekoordinator. Tja, dann brauch ich wohl ’ne Wiki-Schulung, brummte sie verzagt.
Ich hab mich an den Diskussionen lebhaft beteiligt und in der Rauchpause beim Versammlungsleiter höflich verabschiedet. Es war angenehm, als Fremder einfach so an der Sitzung teilnehmen und mitreden zu können, teilte ich ihm mit. Außerdem sei der Nerdigkeitsfaktor der Gruppe überraschend niedrig. Ja, wir wären schließlich nicht in Berlin, kam es fröhlich zurück. Auch die Gesichtsnerdigkeit war so gering, dass ich von meiner ersten Begegnung mit leibhaftigen Piraten insgesamt angenehm überrascht bin. Oder eben doch enttäuscht, weil ich sie nun nicht mehr hassen kann. Sogar verachten wird schwer. Wählen werde ich sie vorerst nicht, aber weiterhin im Auge behalten. Und wenn sie mal jemanden brauchen, der ihr Parteiprogramm um wirklich wichtige Inhalte ergänzt, sollen sie mich fragen. Ideen hätte ich genug.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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