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Judenhass

Geschrieben von Johannis am 3. September 2010 um 09:46 Uhr

Na, hast du auch am Mittwoch „Hart aber Fair“ gesehen? Wer jetzt mit Nein antwortet, hat nichts verpasst. War langweilig. Das fanden offenbar eine Menge Zuschauer, was man aus den vielen Tweets schließen kann, die sich auf die Sendung bezogen. Anscheinend sitzen immer mehr Leute vor der Glotze und geben gleichzeitig bei Twitter per iPhone oder WLAN-Notebook ihre Gedanken und sinnlichen Wahrnehmungen in Echtzeit ein. Hoffentlich wird das nicht zur Mode, und die Leute twittern demnächst auch während sie auf den Klo hocken, beim Sex und wenn sie sich die Fußnägel schneiden.

Also es war langweilig. Plasberg hatte wie üblich fünf Figuren auf der Bühne und brühte zum soundsovielten Mal jenen Entrüstungsteebeutel auf, der diese Woche bereits auf fast allen anderen TV-Kanälen mit dem Wasser der gerechten Empörung übergossen wurde. Don Sarrazin, unser schnauzbärtiger Ritter von der traurigen Figur, stammelte sich durch seine Thesen und die Sendung, und ließ dabei durchblicken, dass er dem bevorstehenden Zwangsruhestand als schreibender Bundesbanker mit Gelassenheit entgegen sieht. Der silberhaarige Historiker Arnulf Baring machte zeitweise ein Nickerchen und ansonsten eine farblose Figur, ähnlich wie der Sozi Rudolf Dreßler. Die Journalistin Asli Sevindim gefiel mir ganz gut und zu Michel Friedman komme ich noch. Insgesamt waren Einsichtsfähigkeit und gesunder Menschenverstand in der Talk-Runde ähnlich verteilt wie bei den US-Republikanern. Bekanntlich glauben dort rund die Hälfte, dass Barack Obama ein Moslem ist.

Zu Thilo Sarrazin ist längst alles Sagbare gesagt. Er hat die Klappe sehr weit aufgerissen, außerdem dummes Zeug gefaselt und deshalb medienmäßig ziemlich was auf die Schnauze bekommen. Aber das Volk stimmt ihm grundsätzlich zu und findet, dass viele Muslime sich wenig Mühe geben und oftmals schlecht ins Land passen. Insgesamt hat er der dringend notwendigen Debatte um ge- oder misslungene Integration einen Bärendienst erwiesen und eine deutsche Schwäche gefördert: Probleme werden nicht gelöst, sondern diskutiert, bis das nächste Problem kommt. Außerdem hat Thilo bei vielen Satirikern, Bloggern und ernsthaften Autoren verschissen, weil man nun kaum noch gegen Parallelgesellschaftsmuslime stänkern kann, ohne wie ein Neonazi angekuckt zu werden. Finde auch ich schade.

Nicht zuletzt aus diesem Grund schlage ich nun etwas mühsam den Bogen zum in der Überschrift erwähnten Judenhass und Michel Friedman. Ich hasse ihn. Naja, ich finde ihn echt eklig. Er sollte ein lebenslanges Auftrittsverbot für alle Fernseh- und Radiosender bekommen und eine unwiderrufliche Onlinesperre. Warum wird dieser selbstverliebte und selbstgerechte Widerling mit der Optik eines Koksluden (nein, kein Koksjude – Lude, wie Zuhälter, Loddel, Pimp), der sein Jahresabo im Sonnenstudio deutlich überstrapaziert und sich trotzdem ständig im Scheinwerferlicht der Fernsehstudios nachbräunen muss, bloß andauernd in Talkshows eingeladen? Vollkommen unverständlich.

Friedman lieferte am Mittwoch Spitzenwerte bei den Parametern für aalglatte Schmierigkeit, aufgesetzte Empörung und akute Fremdschämnotwendigkeit. Neben ihm wirkte der trottelige Sarrazin sympathisch bis mitleiderregend. Wieso nehmt ihr statt dem nervigen Friedmanfritzen nicht mich? Reden kann ich auch, bin kameratauglich und wegen gewisser Vorfahren ein Sechzehnteljude, zumindest nach Adolfs Rassenarithmetik. Übrigens, wie alle anständigen Intellektuellen hab ich in meinem Leben einige Zeit auf der Psychotherapeutencouch verbracht, insofern ist auch mein gelegentlich aufflammender Selbsthass noch in Teilen Judenhass. 6,25 % um genau zu sein. Womit ich erneut und etwas bemüht die Kurve zur Überschrift kratze.

Wie bereits erwähnt war die Sendung ziemlich überflüssig. Das Beste waren Straßeninterviews mit Kölner Türken, die auch nach 20 Jahren im Land von Goethe und Schiller kaum ein Wort Deutsch verstehen oder sprechen, und Plasbergs Hinweis auf die WDR-Dokumentation „Hart und herzlich“. Sie wurde um 23:30 gesendet und ist leider nicht in der ARD-Mediathek abrufbar. Würde uns wohl zu sehr aufregen, deswegen auch der nervenschonende Sendetermin. Egal. 45 Minuten entgangener Schönheitsschlaf waren jedenfalls exzellent investierte Zeit, denn der Film zeigt, wie die türkische Lehrerin Betül Durmaz an einer Gelsenkirchener Schule ihren fast aussichtslosen Kampf um Integration und Chancengleichheit kämpft. Gleich zu Beginn erklärten ihre Schüler mit frappierender Offenherzigkeit, dass sie absolut keine deutschen Freunde haben. Zum Beispiel, weil Deutsche Schweinefleisch essen. Eine Schülerin sagte den Satz: „Wenn wir Ausländer alle bleiben würden, näh, und die Deutschen nur für einen Tag verschwinden würden, näh, das würd’ nicht auffallen.“ Darf man sich wundern, wenn mancher Deutsche genauso denkt, nur umgekehrt?

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Stümper

Geschrieben von Johannis am 1. September 2010 um 09:09 Uhr

Unsere Regierung muss umbenannt werden. Von Tigerententraumtänzertruppe in Interessenvertretung für Großindustrie, Banken und Energiewirtschaft unter besonderer Berücksichtigung der Besserverdienenden. Ja, IGBEbBB sieht als Namenskürzel nicht so toll aus, ist aber wenigstens inhaltlich korrekt. Womit ich das belegen will, möchtest du wissen?

Erstmal, lieber Leser, muss ich hier gar nichts belegen. Solange es gut erfunden oder wenigstens halbwegs unterhaltsam ist, entspricht es durchaus den niedrigen Qualitätsstandards, die für kostenlos im Internet bereitgestellte Inhalte gelten. Lies doch zum Vergleich mal, was die meisten Leute so twittern. Da wird ein simples Wort wie Kurzschwänzigerhobbywichser etliche Male per Retweet weitergeklickt. Idiotisch. Aber der zwitschernde Mikrobloggingdienst ist heute nicht mein Thema. Demnächst vielleicht mal.

Heute rege ich mich darüber auf, wie stümperhaft wir verscheißert werden. Mit großem Habitus vollzog Mutti Merkel letzte Woche ihre Energiereise, damit wir auf die Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke vorbereitet sind und dusseligerweise glauben, dass die vier großen Energiekonzerne nur einen bescheidenen Teil der vielen Zusatzmilliarden behalten dürfen. Die drohten zwar schon mit Abschaltung, aber Mutti drohte säuerlich lächelnd zurück und rächte sich. In Lingen stapfte RWE-Chef Grossmann gezwungenermaßen neben ihr durch den Regen und versaute sich vor laufenden Kameras den teuren Anzug. Strafe muss sein. Er gab aber am Schluss von Merkels Visite scheißenfreundlich bekannt, man habe sich gegenseitig versichert, dass die im September zu fassenden Beschlüsse für alle Beteiligten tragbar sein werden. Bestimmt.

Genau dort liegt der Hase im Pfeffer, denn Grossmann hat recht und wir werden über den Löffel barbiert. Ohne Schaum. Man möchte die Flinte geradewegs in Korn werfen, wenn das bloß irgendwas brächte. Brennelementesteuer, Zusatzabgabe, Abschöpfung der Mehreinnahmen – wer blickt da noch durch? Mutti spricht ausdrücklich nicht von einer Abgabe, will aber die superreichen Kernkraftriesen durch ein Abkommen am Ausbau regenerativer Energien beteiligen. Ja geht’s denn noch? Erst schenkt man denen ein paar hundert Milliarden und glaubt dann naiv daran, dass die Strolche mit all dem schönen Geld freiwillig ihre eigene Konkurrenz stärken? Das ist ungefähr so aberwitzig, als würde man vom Verband Amerikanischer Schnapshändler erwarten, dass sie die Betty-Ford-Klinik sponsern und im Kongress eine Gesetzesvorlage zur Wiedereinführung der Prohibition unterstützen.

Norbert Röttgen, der Mann mit dem Sexappeal eines Teddybären für Frühpensionäre und dem Spitznamen „Muttis Klügster“, gewinnt den diesjährigen Wettbewerb im Dauerrumeiern und Totalverschleiern. Laufzeitverlängerung ja gern, aber lieber nicht und am besten nur ein bisschen. Und Gorleben ist zwar nach allen Maßstäben gesunden Menschenverstands als Endlager untauglich, der nette Norbert lässt aber weiter untersuchen, weil man dort ja schon so viel Geld in den Sand gesetzt hat. Ins Salz müsste es korrekterweise heißen – aber wenn in der Politik so billig getrickst wird, muss ich hier ja wohl nicht päpstlicher als der Ratzinger sein.

Richtig niedlich fand ich am Montag den Auftritt vom lächelnden Nobby und seinem Gegenspieler, dem Nuschelrainer. Guter Bulle, böser Bulle – wie im Spielfilm. Trink-Brüderle-trink erklärte, weshalb die Meiler mindestens 20 Jahre länger laufen müssen, und der graumelierte Grübchenteddy gab den kernkraftskeptischen Klimafreund. Dabei weiß jeder, dass ihr gemeinsam vorgestelltes Gutachten einzig zur Begründung von Laufzeitverlängerungen in Auftrag gegeben wurde. Ergebnis: Sie sind gut im Kampf gegen den Klimawandel. Ein Segen!

Komischweise wurde dabei berechnet, wie sich der CO2-Ausstoß bei Laufzeitverlängerungen plus Investitionen in regenerative Energien entwickelt, und das dann verglichen mit dem Atomausstieg ohne Investitionen in Windkraft & Co. Wissenschaftlich ist das ungefähr so seriös wie ein Nährwertvergleich zwischen Banane und Wassermelone. Billige Taschenspielertricks, von denen sich eine durch die Faktenfülle massiv überforderte Öffentlichkeit aber wohl blenden lässt. Deshalb wird das Thema Atomkraft genauso wurstig abgehandelt wie der Bau des neuen Stuttgarter Bahnhofs. Nach den drei ehernen Regeln des preußischen Beamtentums: Das war schon immer so, das war noch nie so, da könnte ja jeder kommen. Übrigens, wahrscheinlich stecken RWE und e.on hinter dem ganzen Hype um Thilo und das Juden-Gen. War alles von langer Hand eingefädelt. Die Vorstellung von Sarrazins überflüssigem Buch wurde absichtlich auf den Tag gelegt, an dem Brüderle und Röttgen einer gelangweilten Öffentlichkeit das getürkte Gutachten verkaufen sollten. Cleveres Ablenkungsmanöver, Herr Grossmann, wirklich ausgebufft.

Und während die Atomlobby mithilfe der Strohmänner Brüderle und Röttgen ihren Deal unter Dach und Fach bringt, sitzt Wolfgang Schäuble still und brav in einer Berliner Arbeitsgruppe. Dort lässt er sich von Josef Ackermann diktieren, wie die Bundesregierung den Finanzsektor regulieren soll. Ungelogen. Vom Chef der Deutschen Bank. Total normal. Die Fischereiindustrie bestimmt die Fangquoten für Kabeljau und Hering, die Lobby der Bauern setzt die Höhe der Agrarsubventionen fest, und bald darf wohl auch die Mafia im Bundestag abstimmungsreife Gesetzesentwürfe zum Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution vorlegen. Wann bekommen marokkanische Cannabiszüchter und kolumbianische Kokainproduzenten endlich das längst überfällige Mitspracherecht bei den lästigen Zoll- und Einreiseformalitäten an europäischen Grenzen?

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Klimawandel is good for you!

Geschrieben von Johannis am 30. August 2010 um 08:52 Uhr

Immer das undankbare Genörgel, ich kann’s nicht mehr hören. Ja, es hat ein bisschen geregnet letzte Woche, in Osnabrück sogar ein bisschen mehr – aber ist das schlimm? Nein, im Gegenteil, es ist gut für unser Land. Wieso und warum, wollt ihr wissen? Es stärkt unsere Wirtschaft, kurbelt die Binnennachfrage an und steigert das Bruttoinlandsprodukt.

Denkt doch mal nach – all die gefluteten Kellerräume samt durchweichtem Inventar, die unterspülten Bahntrassen und ausgehöhlten Uferböschungen, dazu die vielen abgesoffenen Autos. Was passiert jetzt? Keller werden leer gepumpt und das durchweichte Zeug wird ersetzt. Deiche, Straßen und Schienenstränge repariert man und versiffte Autos werden gegen neue Modelle ausgetauscht. Umsatz für die Bauwirtschaft und Automobilindustrie, Umsatz im Einzelhandel, Umsatz überall. Meckert also nicht über 170 Millimeter Regen, die meisten Leute sind doch versichert. Und überhaupt – 17 Zentimeter, was ist das schon? Maximal so viel, wie der deutsche Durchschnittsmann in der Hose hat, natürlich nur bei gehobener Stimmung. Deswegen mussten die Osnabrücker doch nicht gleich Katastrophenalarm ausrufen, das setzt völlig falsche Signale.

Und Tornados sind ebenfalls gut für uns. Seid bitte nicht so missgünstig, Dachdecker sind schließlich auch Menschen. Was mit Schlammlawinen ist? Schon mal an Baggerfahrer gedacht? Wo wir doch jetzt alle länger arbeiten sollen, Stichwort Rente mit 67. Siehste! Man muss also gar nicht darauf warten, dass am Ostseestrand Dattelpalmen wachsen und Chardonnay aus Flensburg bei Parkers als bester Wein des Jahres prämiert wird – der Klimawandel ist schon heute eine prima Sache.

Und wer jetzt noch Zweifel hat, ob das neumodische Katastrophenwetter denn für ein zweites Wirtschaftswunder reichen wird, kann sich entspannt zurücklehnen. Es wird. Denn kluge Menschen wie Sarah Palin und ihre aufgeklärten Freunde von der Tea Party Bewegung werden die schleppende Erderwärmung schon in Schwung bringen. So ganz nebenbei, denn vor allem müssen sie ja die Ehre Amerikas wiederherstellen und das Land aus Zeiten der Finsternis herausführen. Ob das wohl eine Anspielung auf Barrack Obama und seine Hautfarbe war? Kann ich mir nicht vorstellen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Westerwelle begeht Selbstmord

Geschrieben von Johannis am 27. August 2010 um 08:59 Uhr

Endlich die Schlagzeile, nach der manch aufrechter Mitbürger sich sehnt. Tja, und auf die man wohl noch etwas länger warten muss, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Erstens sind spektakuläre finale Abgänge bei den Liberalen durchaus nichts Besonderes, man denke an den letzten Absprung von Jürgen Möllemann, und zweitens lässt sich der Geisteszustand unseres Außenministers und FDP-GröFaZ nur mit jenem Wort beschreiben, das in den letzten Wochen als Bezeichnung für die Lage am Golf von Mexiko, in Pakistan und Russland in aller Munde war – katastrophal.

Warum ich, bekanntermaßen FDP-Verächter von bestem Schrot und Korn, eigentlich in den letzten Monaten so wenig über Guido und Konsorten geschrieben habe, fragte sich mancher Leser eventuell. Ganz einfach. Wenn dein Nachbar ein brutzelbraunes Brathähnchen aus dem glutheißen Ofen zerrt und es unter wüsten Verwünschungen aus dem Fenster schmeißt, weil das Geflügel mit der Stimme des Teufels zu ihm gesprochen hat, und er danach nackt im Mondschein über den Hinterhof tanzt, das nahende Ende der Welt verkündet und seinem treuen Schäferhund die Kehle durchbeißt, ist das ein Ereignis. Darüber redet man in der Nachbarschaft, vielleicht sogar noch einige Wochen später. Zieht der Typ aber jeden dritten Tag so eine Wahnsinnsshow ab, dann nervt das nur, ist kaum der Rede wert und allenfalls ein guter Grund, ihn in die geschlossene Psychiatrie einweisen zu lassen. So ungefähr ist das mit Guido. Am besten ignorieren.

Obwohl, man wundert sich ja regelrecht, was mit ihm los ist, wenn er mal für eine Woche seine Schnauze hält. Wie nach der vergeigten Landtagswahl hier in NRW. Aber es dauert nicht lange und sein gequältes Ich gewinnt die Oberhand im Dschungel dieser gespalteten Persönlichkeit, er kann sein Sendungsbewusstsein nicht mehr kontrollieren und der Wahnsinn bricht aus ihm heraus wie Eiter aus einem überreifen Karbunkel. Dann schwappt die Westerwelle durch unser Land und der Indus wirkt dagegen wie ein müdes Bächlein. Unerwartet positive Konjunkturentwicklung in Teutonien – also müssen sofort die Steuern runter. Natürlich. Deshalb schmeißt der Nachbar ja auch das teuflische Hähnchen aus dem Fenster. Weil er im Irrsinn gefangen ist, einfach nicht anders kann. Außerdem muss Guido, der ja das tollste Alphatier im ganze Politzoo ist, den anderen Wahnsinnigen bei jeder unpassenden Gelegenheit übertrumpfen. Wen ich jetzt meine, da gäbe es doch reichlich Auswahl innerhalb der schwarzgelben Koalition? Verzeiht mir bitte die mangelnde Deutlichkeit, ich beziehe mich auf Herrn Seehofer, den christlich-sozialen Chefehebrecher und bajuwarischen Trittminenleger.

Wer diese beiden Kerle als Freunde hat, braucht wahrhaftig keine Feinde mehr. Meine Sympathien für Mutti Merkel halten sich bekanntlich sehr in Grenzen, aber wenn ich an Horst und Guido denke, tut sie mir leid. Manchmal. Anders als bei Guido muss man sich um Horst keine Sorgen machen, der neigt nicht zu Empfindlichkeiten und ist kein Kandidat für den unbedachten Suizid. Er hat offenbar einige Gene vom alten Franz Josef Strauß, was aber bei der früher sehr verbreiteten Inzucht in abgelegenen bayerischen Bergdörfern nicht weiter verwunderlich ist. Seehofer verhält sich zwar ähnlich verhaltensauffällig wie die Westerwelle, erinnert dabei aber mit seinem Grinsen und dem irrlichternden Blick eher an jenen feigen Kampfstier, der sich neulich in Tafalla vor den Toreros drückte, aus der Arena hüpfte und dann wahllos auf das arglose Publikum eintrampelte. Gute Aktion übrigens, die in Spanien hoffentlich für ein landesweites Stierkampfverbot sorgt – die Katalanen haben ja bereits dafür gestimmt. Aber das ist heute nicht mein Thema.

Anders als in dem abgebrühten Machtpolitiker und dauerlächelnden CSU-Haudegen Horst, der garantiert schon kurz nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik einen gut bezahlten Posten in der Industrie bekleiden wird, steckt in Guido eine extrem verwundbare Kinderseele. Sein endpeinliches Betteln um Aufmerksamkeit, Liebe und Anerkennung, egal ob bei uns Wählern oder den ihn verachtenden Medienfuzzies, kann daher nur tragisch enden. Keiner mag ihn und das wird selbst jemand mit derart minimalem Realitätsbezug wie Guido nicht endlos verdrängen können. Spätestens, wenn die chaotische Tigerentenkoalition zerbricht und man Birgit Homburger (Spitzname Pitbull-Biggi) zur FDP-Parteivorsitzenden wählt, ist es mit Scarface Westerwave vorbei. Eine Zeitlang wird er seiner bärbeißigen Nachfolgerin dabei zuschauen, wie sie die Liberalen soweit auf Kurs trimmt, dass die 5-Prozent-Hürde mit viel Anlauf wieder überwindbar wird, und dann kommt Guidos Zusammenbruch.

Wenn Westerwelle merkt, dass man ihn nicht einmal mehr hasst und er schlicht vergessen wird, beginnt die Zeit der Tragik. Sein Lebensgefährte Michael Mronz wird ihn verlassen – kein Mann hält es ewig mit einem neurotisch-größenwahnsinnigen Sensibelchen aus – und Guido wird Hand an sich legen. Nein, nicht da. Er springt von einer Brücke (Erfahrung mit Fallschirmen hat er hoffentlich nicht, oder?) oder lässt sich haideresk bei überhöhter Geschwindigkeit aus der finalen Kurve tragen. Und dann wird die BILD, Deutschlands Sudelblatt Nummer eins, in nur oberflächlich mit Pietät verbrämter Häme titeln: Westerwelle begeht Selbstmord. Wartet es ab und erinnert euch an meine Worte. Kann ja nicht mehr lange dauern.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Meine kostenlose Haartransplantation

Geschrieben von Johannis am 25. August 2010 um 09:06 Uhr

So langsam kömmt es sich mit dem Ruhm, mein Bekanntheitsgrad steigt und damit auch der Werbewert dieses Blogs. Es kann sich nur noch um Tage, allerhöchstens Wochen handeln, bis einer der Major Players anklopft und mir einen Haufen Geld bietet, nur um hier ein klitzekleines Werbebanner schalten zu dürfen. Wahrscheinlich BP, die Bildzeitung oder Heckler & Koch. Aber nachdem ich neulich der ominösen Johanna von paperblog.de einen herzlosen Korb geben musste, weil ich ihrem Portal keinen kostenfreien Content liefern mag, bin ich auf der Hut.

Anders jedoch vor zwei Wochen, als der freundliche Herr S. mir folgende Zeilen schrieb:

—– Original Message —–
From: Bjoern.SXXXXXXX@Bertelsmann.de
To: info@kassandrus.de
Sent: Wednesday, August 11, 2010 5:43 PM
Subject: Gastartikel auf Ihrer Webseite

Sehr geehrter Herr Johannis R. Jappen,
wir, die Nayoki Interactive Advertising, betreuen die PR- und Online Marketing- Maßnahmen der Mang Medical One AG, einer führenden Klinikgruppe für plastisch-ästhetische Medizin in Europa.

Im Zuge unserer Tätigkeit sind wir auf Ihre Webseite http://www.kassandrus.de aufmerksam geworden. Unter der URL http://www.kassandrus.de/blog/beschneidung haben wir gesehen, dass Sie sich mit dem Thema Schönheits-OPs beschäftigen. Auch für Mang Medical One ist dieses Thema sehr relevant und wichtig. Deshalb würden wir gern im Auftrag unseres Kunden einen Gastartikel zu diesem Thema auf Ihrer Website veröffentlichen. In welcher Form ist dies bei Ihnen möglich?

Um einen ersten Überblick über Mang Medical One zu erhalten, finden Sie im Anschluss ein Kurzportrait sowie weiterführende Informationen über das Unternehmen unter www.medical-one.de.

In Vorfreude auf eine positive Antwort verbleibe ich mit herzlichen Grüßen,

i.A. Björn SXXXXXXX
Nayoki Interactive Advertising

Nayoki Interactive Advertising GmbH
Part of arvato services, Bertelsmann
Neumarkter Str. 22
81673 München
Rechnungsanschrift:
Nayoki Interactive Advertising GmbH
Postfach 19 41 08
33319 Gütersloh
Tel:      0049-89 / 4136 – 72XX
Fax:     0049-89 / 4136 – 72XX
E-Mail: bjoern.sXXXXXXX@bertelsmann.de

Besuchen Sie uns auf der dmexco in Köln vom 15.-16.September in Halle 8.1, Stand E 75 www.dmexco.de

Es folgte noch eine ausführliche Beschreibung seines Kunden und der unendlichen Wohltaten, die selbiger Kunde bisher über die Menschheit brachte, unermüdlich bringt und auch in Zukunft bringen wird, aber wer das lesen will, muss entweder den Link zur Mang Medical One AG oder das von mir eingescannte Schreiben anklicken. Ich witterte natürlich allerfrischeste Morgenluft und antwortete Herrn S. (Name ist der Redaktion bekannt, aber unsere Kriegskasse enthält nicht genug Patte für etwaige Abmahnungen und Klagen gieriger Anwälte) in meiner bekannt volksnahen Art:

—– Original Message —–
From: Johannis R. Jappen
To: Bjoern.SXXXXXXX@Bertelsmann.de
Sent: Wednesday, August 11, 2010 6:13 PM
Subject: Re: Gastartikel auf Ihrer Webseite

Sehr geehrter Herr SXXXXXXX,
ich freue mich über Ihr Interesse und kann mir grundsätzlich gut vorstellen, dass Ihr Unternehmen einen Gastbeitrag zum Thema plastisch-ästhetische Medizin auf meiner Webseite veröffentlichen könnte. Schicken Sie mir doch bitte einen Entwurf des geplanten Beitrags zu. Ich lasse Sie dann wissen, ob und wann der Beitrag in die redaktionelle Planung passt.

Welche Art von Vergütung hatten Sie für die gewünschte Veröffentlichung angedacht? Wäre beispielsweise eine Gratisoperation bei einem der von Mang Medical One betreuten Schönheitschirurgen denkbar? Meine abstehenden Ohren stören mich schon seit der Kindheit. Auch eine Haartransplantation wäre für mich interessant, denn heutzutage stehen nur wenige Frauen auf Männer mit Glatze. Ließe sich da etwas machen, zur Not auch ein Preisnachlass?

Gern höre ich wieder von Ihnen und verbleibe bis dahin mit freundlichen Grüßen
Ihr Johannis R. Jappen

Tja, was soll ich sagen. Ich verbleibe bis heute mit besagten Grüße, aber der nette Herr S. hat sich auch auf eine neuerliche und wirklich höfliche Nachfrage nicht wieder gemeldet. Was habe ich falsch gemacht? War ich zu gierig? Hätte ich nur nach einer Lidkorrektur fragen sollen, die ja deutlich billiger ist, als wenn man mir das wild wuchernde Brust- und Schulterhaar auf die glänzende Glatze tackert? Vielleicht erstmal nur ein Auge operieren lassen? Ich bin ratlos, aber vielleicht gebt ihr mir welchen. Rat natürlich.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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