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Holzbein und Klabautermann

Geschrieben von Johannis am 12. Mai 2012 um 17:22 Uhr

Ich war bei den Piraten. Nein, nicht die ganzen letzten vier Wochen, die ich hier sybillinisch vor mich hin geschwiegen habe – bin ja nicht entführt worden. Luxuskreuzfahrten am Horn von Afrika sind nix für unsereinen und weder die Dortmunder Neonaziszene noch die großzügig den Koran verschenkenden Salafisten hassen mich genug, um ein Kidnapping ernsthaft zu erwägen. Übrigens, die Lebensabschnittsgefährtin bangt diesbezüglich bisweilen. Seltsamerweise wird in ihren Fantasien aber sie selbst von Nazis oder Salafisten verschleppt, vergewaltigt und halbtot im Dreck verscharrt, nicht etwa ich. Angst um mich scheint sie nicht zu haben, sorgt sich offenbar nur um meinen Kontostand und ob ich das Lösegeld für sie zahlen kann. Aber ich komm schon wieder vom Thema ab. Sorry. Und wo ich schon dabei bin, kann ich mich dafür auch gleich entschuldigen. Für das Thema. Gähnend langweilig, übelster Mainstream, total ausgelutscht. Tut mir leid.

Also ich war bei den Piraten. Einen Abend lang, eigentlich nur einen halben. Und nicht am Strand von Somalia, sondern im Taranta Babu. Urgestein einer alternativen Dortmunder Kulturstätte, Buchladenkneipebegegnungsstätteundmehr, mitten im Studentenviertel der Stadt gelegen und nunmehr Treffpunkt der Piratenpartei. Immer Mittwochs um halb acht, jeder ist willkommen. Mittwoch vor einer Woche gewitterte und schüttete es abends derart, dass mich die Lust verließ, ich die Recherche verschob und daheim blieb, aber vorvorgestern schwang ich mich beherzt aufs Rad und gelangte zwischen zwei Schauern tatsächlich trocken ins Kreuzviertel. Vor der Kneipe standen etwa zwanzig Leute in der Abendsonne, nasser Asphalt dampfte, man schwatzte in kleinen Grüppchen oder schwieg allein vor sich hin, manche rauchten. Auf meine Nachfrage bestätigte mir ein dynamischer Jungpirat, dass der Pulk ein Rückstau des Piratentreffens sei, weil, der Saal wäre eben erst aufgeschlossen worden, das Wetter is doch so schön und er müsse sich unbedingt noch ein Lungenbrötchen reinziehen. Lungenbrötchen finde ich noch dämlicher als Lungentorpedo. Egal. Ich, seit vielen Jahren Nichtraucher, bedankte mich für die Auskunft, stapfte in den Saal und sicherte mir einen der knappen Sitzplätze, vorerst in zweiter Reihe.

Insgesamt versammelten sich dort bis acht Uhr rund fünfzig Menschen um einen großen Tisch, besetzten ein buntes Sammelsurium von Stühlen und alten Sofas, bestellten Bier und Mate, quasselten durcheinander oder schwiegen diszipliniert. Die quirlige Gruppe wurde dann aufgeteilt, vorn in der Kneipe sollten die ganz Neuen eine mündliche Einführung in die Geheimnisse des Piratentums bekommen, hinten im Saal würde die Ortsgruppe diskutieren und Parteiarbeit leisten. Der Vortänzer für die Neulinge sei zwar heut nicht da, aber kein Problem, da würde man eben improvisieren. (Improvisieren ist eine der großen Piratentugenden, soviel habe ich mittlerweile begriffen.) Ich blieb im Saal, nahm Platz am Tisch und erlebte mein erstes Piratentreffen. Also ein halbes, denn gegen halb zehn machten die Nachwuchspolitiker eine Pause zum Durchatmen, Pullern und zur Aufnahme eventueller Lungenbrötchen. Ich trat aber den Heimweg an, weil mein Magen knurrte und ich bereits genug gesehen hatte.

Um es kurz zu machen: Ich bin enttäuscht. Viele meiner Vorurteile wurden nicht bestätigt. Ich hab mich sogar erschreckend wohl gefühlt. Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch an zukünftigen Piratentreffen teilnehme, so leid es mir tut.

Ich habe in der Vergangenheit gern über die Piraten gelästert und werde das wohl auch in Zukunft tun, sie fordern förmlich dazu heraus. Neulich beispielsweise: Livestream vom Parteitag, man arbeitet am Programm, legt Inhalte der Piratenpolitik fest. Endlos wird ein Vorschlag militanter Tierschützer diskutiert, die allen Ernstes in ihren Gesetzesentwurf zum Schutze der Heimtiere auch Insektenlarven einbeziehen wollen, wie sie üblicherweise an Reptilien verfüttert werden. Schützt Mehlwürmer und argentinische Waldschaben! Tolles Thema, ganz große Politik. Typisch Piraten – dämlicher Name, peinliche Planlosigkeit und fachliche Inkompetenz, der stümperhafte Umgang mit den Medien, die bescheuerten Klamotten undsoweiterundsofort. Die Piraten werden doch nur von Computernerds und frustrierten Spinnern gewählt, die sind ruckzuck wieder weg vom Fenster. Von nix ’ne Ahnung, aber im Landtag sitzen. (Nein, ich bin nicht neidisch, überhaupt nicht!)

So oder ähnlich arrogant dachte man vielleicht nach dem Überraschungserfolg bei der Berliner Landtagswahl, aber nun sitzen die Piraten bereits im Saarland und in Schleswig-Holstein in den Parlamenten und kaum jemand bezweifelt, dass sie ab Sonntag auch in Düsseldorf Sitze und Büros haben werden. Sie sind zu einem Phänomen geworden, das sich nicht mehr ignorieren lässt, und obwohl sich von Günther Jauch über Frontal 21 bis zu Markus Lanz fast alle Medienleute redlich Mühe geben, die Piraten schlecht aussehen zu lassen; obwohl die Berichtserstattung in der Presse insgesamt eher abwertend ist und die Partei neben guten auch blöde Ideen verfolgt, wird man sich mit den Leuten auseinandersetzen müssen. Es ist leicht sie zu verspotten, aber sie werden nicht einfach wieder verschwinden. Vielleicht gehen von ihnen tatsächlich gute, erneuernde Impulse aus. Unser Land und seine Politikerkaste könnten es dringend vertragen.

Übrigens, von den etwa fünfzig Freibeutern und Sympathisanten am Mittwoch waren acht weiblichen Geschlechts. Altersmäßig war von knapp 20 bis über 60 alles dabei, der Schwerpunkt lag so um die dreißig Jahre. Das Spektrum reichte von milchbärtigen BWL- und Informatik-Studenten, rüstigen Frührentnern, verbiesterten Altkommunisten und frisch enttäuschten FDPlern über Leute, denen Langzeitarbeitslosigkeit und Liebe zu digitalen Medien an Mimik und Körperumfang abzulesen war, einem smarten Trenchcoatbesitzer bis zu blassen Typen, denen das geistige Kleingärtnertum ins Gesicht geschrieben steht – aber vorwiegend versammelten sich dort wache, politisch interessierte und aufgeschlossene Zeitgenossen. Leute wie du und ich eben. Erstaunlich.

Eigene Schwächen wurden auf erfrischend lockere Art thematisiert, der Versammlungsleiter führte dabei brav eine Liste für die Wortmeldungen. Der Pressekoordinator berichtete von einer verunglückten Podiumsdiskussion, bei der es ihm nicht gelang, die anwesenden Künstler und das Publikum von den Vorzügen eines geänderten Urheberrechts zu überzeugen. Ich verstehe die Piraten bei dem Thema auch nicht und befürchte, dass mit der Abschaffung von GEMA und ähnlichen Rechteverwertern noch weniger Geld bei Kulturschaffenden ankommt als bisher schon. Wenn’s ums Urheberrecht geht, plädiere ich eigentlich für die Zehn-Prozent-Hürde, aber man kann ja trotzdem mal drüber nachdenken. Später beklagte eine Frau wortreich, dass sie am Wahlstand in der Fußgängerzone viele Bürgerfragen nicht beantworten könne. Dafür gäbe es doch die Battlecards, da stünden die wichtigsten Parteipositionen drauf, kam es aus der Runde. Wo sie denn diese Battlecards herbekäme, fragte die Straßenwahlkämpferin kleinlaut. Aus der Piraten-Wiki natürlich, antwortete der Pressekoordinator. Tja, dann brauch ich wohl ’ne Wiki-Schulung, brummte sie verzagt.

Ich hab mich an den Diskussionen lebhaft beteiligt und in der Rauchpause beim Versammlungsleiter höflich verabschiedet. Es war angenehm, als Fremder einfach so an der Sitzung teilnehmen und mitreden zu können, teilte ich ihm mit. Außerdem sei der Nerdigkeitsfaktor der Gruppe überraschend niedrig. Ja, wir wären schließlich nicht in Berlin, kam es fröhlich zurück. Auch die Gesichtsnerdigkeit war so gering, dass ich von meiner ersten Begegnung mit leibhaftigen Piraten insgesamt angenehm überrascht bin. Oder eben doch enttäuscht, weil ich sie nun nicht mehr hassen kann. Sogar verachten wird schwer. Wählen werde ich sie vorerst nicht, aber weiterhin im Auge behalten. Und wenn sie mal jemanden brauchen, der ihr Parteiprogramm um wirklich wichtige Inhalte ergänzt, sollen sie mich fragen. Ideen hätte ich genug.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Verschenkt

Geschrieben von Johannis am 12. April 2012 um 09:56 Uhr

Statt mühevoll recherchierter und ellenlanger Texte kommt heute nur hastig Hingerotztes, das aber wenigstens ohne politische Korrektheit. Der Anlass: Radikalislamistische Salafisten verschenken derzeit in Deutschlands Fußgängerzonen insgesamt 25 Millionen Koran-Exemplare. Eine schöne und brüderliche Geste, die fürs diesjährige Osterfeuer jedoch leider zu spät kommt. Schade, brennende Korane bei Bratwurst, Bier und mariniertem Schweinenacken – das hätte ordentlich für Empörung gesorgt. Man regt sich ja kaum noch auf. Hinter der Aktion steckt offenbar der Kölner Abu Nagie, ein Hassprediger, gegen den die Staatsanwaltschaft bereits im September letzten Jahres Anklage erhob und wegen verschiedener Vergehen ermittelt. Der Zentralrat der Muslime kritisierte die bundesweite Bücherspende übrigens scharf.

Nun eine gute Nachricht: Rick Santorum hat im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner aufgegeben. Der erzreaktionäre Frömmler wurde nach eigener Aussage von Jesus persönlich beauftragt, den göttlichen Willen durchzusetzen und die Vereinigten Staaten eigenhändig vor moralischer Verderbtheit, hohen Steuersätzen für Besserverdiener und der Geißel des Sozialismus zu erretten. Entweder hat Jesus es sich nun plötzlich anders überlegt oder er war einfach zu faul zum Spendensammeln. Jeder weiß doch, dass bei Wahlkämpfen in Amiland meist das Geld entscheidet, ohne Moos ist da nix los.

Der Hedgefonds-Manager Mitt Romney besitzt bekanntlich genug Geld und wird nun wohl im November gegen Barack Obama antreten. Mitt hat etwa 250 Millionen Dollar auf dem Konto und seine Frau fährt ein paar Cadillacs. Abwechselnd natürlich. Der aalglatte Republikaner hat klare Ziele, er kämpft für weniger staatliche Bevormundung und gegen die verhasste gesetzliche Krankenversicherung, für niedrigere Spitzensteuersätze und gegen die widerliche spätrömische Dekadenz der Armen. Obama hingegen will die Reichen zur Kasse bitten und Geld für Bildung und Soziales ausgeben. Endlich ein Duell nach meinem Geschmack – links mit Grips gegen rechts mit Kohle. Vielleicht sind die amerikanischen Wähler doch nicht ganz so blöde, wie es oft scheint, und bescheren Obama eine zweite Amtszeit. Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Wahlkampf mit der Waffe

Geschrieben von Johannis am 5. April 2012 um 18:01 Uhr

Wer nicht wirbt, der stirbt. Gut – wer wirbt, stirbt auch, aber wahrscheinlich später, angenehmer, reicher oder mit höherem Bekanntheitsgrad. Ich zitiere diesen abgedroschenen Leitsatz aus den Kindertagen des globalisierten Turbokapitalismus auch nur, um auf die Lage zweier Berufsgruppen aufmerksam zu machen. Politiker und Amokläufer. An beide Abarten der Spezies Humanoide (haben Primaten und primitiv eigentlich den gleichen Wortstamm?) habe ich mich in der Vergangenheit wiederholt gewandt, mit guten Ratschlägen und konstruktiver Kritik, manchmal sogar mit mildem Spott. Letzterer wird diesmal ausbleiben, versprochen. Großes Indianerehrenwort, ohne Ehrensold.

Rückschauend betrachtet, scheinen Amokläufer eher auf meine wohlgemeinten Ratschläge zu hören als Politiker. In der Weltpolitik wird wie bisher nach Schema F gestümpert, gelogen und getrickst, wohingegen die für brutale Bluttaten, heilige Kriege & sinnlose Morde zuständige Branche sich kontinuierlich weiterentwickelt. In meiner Anleitung für Amokläufer habe ich vor drei Jahren wertvolle Impulse gegeben, die offenbar dankbar aufgenommen wurden. Zugegeben, ich habe auch Trends verschlafen und irrtümlich sogar explizit von Angriffen auf Kleinkinder oder deren Betreuungspersonal abgeraten. Das würde ich im Lichte der aktuellen Entwicklungen natürlich nicht mehr tun, denn im gnadenlosen Wettbewerb um mediale Aufmerksamkeit ist das Töten von Kindern längst zum Trend geworden.

Der 38-jährige US-Sergeant Robert Bales ging kürzlich sogar soweit, dass er neun Kinder in ihren Betten erschoss oder erstach und dann einige der kleinen Leichname anzündete. Damit belegte er kurzfristig den Spitzenplatz im Rennen um den blutrünstigsten Amoklauf des Jahres 2012, allerdings wurde er wenige Tage nach seiner Wahnsinntat vom Rollerfahrer aus Toulouse knapp überholt. Mohamed Mehra hat zwar nur drei Soldaten, einen Rabbi und drei jüdische Kinder erschossen, aber erstens gibt es für jüdische Kinder seit dem Holocaust die dreifache Punktzahl, zweitens waren das hübsche französische Mittelstandsgören und nicht die ungewaschene Nachkommenschaft von Analphabeten, Opiumbauern und Talibansympathisanten, und drittens zählt auch der Rabbi doppelt. Außerdem filmte der Killer seine Taten, live und in Farbe – das ist wirklich innovativ. Er trug eine digitale Weitwinkelkamera vor der Brust, wie sie manche Extremsportler verwenden, bevor sie sich auf Skiern oder mit dem Snowboard von Alpengipfeln in die frischverschneite Tiefe stürzen, um Lawinen auszulösen und dabei arglose Touristen umzubringen. Aber ich schweife ab.

Politiker werden nahezu rund um die Uhr gefilmt (zum Glück bleiben uns Bilder aus ihren Schlafzimmern bisher erspart, denn wer möchte schon Ilse Aigner, Guido Westerwelle oder Angela Merkel beim lieblosen Routinesex beobachten?), während sie der hungrigen Journalistenmeute die üblichen Halbwahrheiten und ein paar kalorienarme Infobrocken entgegenwürgen. Auf Schritt und Tritt blicken unsere Volksvertreter in Kameraobjektive, überall recken sich ihnen erigierte Mikrofone entgegen, in die sie dann mickrig-magere Messages sprechen. Fast immer nur hohles Wortgeschwurbel, das jeder Hauptschulabsolvent als Konglomerat aus nichtssagenden Floskeln und immergleichen Versatzstücken erkennt, und sich am Fernseher entsprechend gelangweilt ab- und seiner Lieblingsserie zuwendet. Keine Sau interessiert sich mehr für Politik, aber ein anständiges und handgemachtes Blutbad – da wäre mancher gern dabei, zumindest am Bildschirm.

[Ich hasse Umschreibungen. Nein, nix gegen Metaphern und stimmige Wortbilder, aber ich schreibe Texte höchst ungern um. Musste ich aber diesmal, denn bei der Urschrift dieses Beitrags war Mohamed Mehra angeblich noch ein Unbekannter und auf der Flucht. Als der Beitrag vor gut zwei Wochen erscheinen sollte, hatte die Polizei den Attentäter dann jedoch umstellt und setzte ihm dauernd neue Ultimaten. Um ihn schließlich per Kopfschuss zum Schweigen zu bringen, denn Mohamed war für die Behörden kein Unbekannter. Ein fachgerecht applizierter Kopfschuss reduziert bekanntlich das Mitteilungsbedürfnis der meisten Menschen deutlich. Ich wartete also weiter ab, zum Beispiel darauf, dass der große Bruder von Mohamed („Ich bin stolz auf die Taten meines Bruders!“) unter rätselhaften Umständen in der Untersuchungshaft verstirbt oder dass Beweise für Zahlungen des Geheimdienstes an den fleißigen Todesschützen auftauchen. Vergebens. Mittlerweile wissen wir ja, dass Mohamed ein alter Bekannter der Polizei war. Die halbe Familie Mehra gehörte zu Al-Kaida, er selbst besuchte ein Ausbildungslager in Pakistan, wurde 2010 in Afghanistan verhaftet und nach Frankreich ausgeliefert, seine Akte umfasst 15 Straftaten, er saß zweimal im Knast und besaß ein gigantisches Waffenarsenal inklusive Maschinenpistole und Handgranaten. Sein Idol war der Terminator und er liebte Ballerspiele. (Nein, Ballerspiele senken die Hemmschwelle potenzieller Gewaltäter nicht. War bestimmt Zufall, dass er das eine Mädchen am Pferdeschwanz festhielt, bevor er ihr kindliches Gehirn durch den Schulflur pustete.) Als ich dann wieder am Text arbeitete, landete Mohameds Video bei Al-Dschasira und es wurde bekannt, dass der französische Innenminister sofort nach der Bluttat die Ermittlungen in Toulouse an sich gerissen hatte. Nicht etwa, weil er besonders viel Ahnung von Polizeiarbeit hätte, sondern weil an der Sache etwas oberfaul war. Da hatte ich die Schnauze gründlich voll und beschloss, noch ein Woche zu warten. Vielleicht würde das Killervideo ja doch noch geleakt. Bisher nicht. Eigentlich habe ich keine Lust mehr, diesen Beitrag zu veröffentlichen, aber nachdem ich endlos dran rumgemurkst habe, muss er raus. Braucht ihn ja nicht zu lesen, Leute.]

Schon in der ersten Version dieses Textes vermutete ich, dass Mohamed Mehra im Auftrag von Sarkozy unterwegs sei, als Wahlkampfhelfer. Mittlerweile traut man den Mächtigen und Machtgeilen dieser Welt ja fast jede Sauerei zu. Warum hat die Polizei Mehras Wohnung anderthalb Tage lang umstellt, angeblich um ihn lebend zu verhaften, dort aber weder Tränen- noch Betäubungsgas eingesetzt, sondern den Mann per Kopfschuss erledigt? Ähnlich wie der Verfassungsschutz bei unserer NSU kannten die französischen Geheimdienste Mohamed Mehra sehr gut, man war fast befreundet. Sie benutzten ihn wahrscheinlich als lebende Zeitbombe, wie einen tollwütigen Pitbull, den man jederzeit von der Kette lassen kann. Und als die Umfragen überdeutlich zeigten, dass der Sozialist François Hollande die nächste Präsidentschaftswahl gewinnen würde, wurde der bewaffnete Wahlkampfhelfer aktiviert. Wahrscheinlich hatte man ihm im Knast einen Funkchip ins Gehirn implantiert, als Fernsteuerung. Oder es gab einen geheimen Deal, nach dem Motto „Ein paar kleine Morde, Mohamed, dann verschaffen wir dir eine neue Identität und du kannst in Ultrafrührente gehen.“ Mit 23 Jahren und einem Koffer voller Geld, am Strand von Französisch-Polynesien, umgeben von Jungfrauen. Gut, vielleicht keine echten Jungfrauen im Sinne von unberührt, und auch weniger, als ihm im Paradies für muslimische Märtyrer zustehen würden. Aber dafür knackige Bikinischönheiten aus Fleisch und Blut, die dem pensionierten Wahlkampfhelfer jeden Wunsch von den Lippen ablesen.

Also schwang sich der arbeitslose Karosseriebauer, der gegen seinen Wunsch nicht in die Armee eintreten durfte, auf seinen Motorroller und tötete. Mediengerecht und wahlkampfwirksam, für Präsident Sarkozy und das Vaterland. Schließlich hat nicht jeder soviel Glück wie weiland Gerhard Schröder mit dem Oderhochwasser, und Überschwemmungen auf Bestellung gibt es bisher noch nicht. Die Wirkung der Morde ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten, in den Umfragen holte der abgehalfterte Noch-Präsident innerhalb einer Woche vier Prozentpunkte auf. Endlich ging es in den Medien wieder um Law and Order statt um Jobs und Schulden, keine Sau interessierte sich noch für François Hollande und seine Millionärssteuer. Nicolas Sarkozy auf allen Kanälen, ergreifende Reden an den Särgen ermordeter Kinder, mutige Versprechen an die Nation, dass bald alles besser, jedes Opfer gerächt und vor allem der Täter gefasst wird. Letzteres ging dann zwar verdächtig schnell, aber vier Wochen vor der Präsidentschaftswahl darf man nicht ewig zögern. Außerdem war Mohamed Mehra ja sozusagen im Staatsdienst, da brauchte die Polizei nicht lange suchen, und man musste das Medieninteresse nutzen. Bevor ein Tsunami oder irgendeine dämliche Katastrophe die Leute ablenkt.

Völlig haltlose Verschwörungstheorie – das Ganze war ein Zufall?! Ein radikaler Islamist erschießt erst drei Migranten, darunter einen Dunkelhäutigen und zwei Muslime, und die Woche drauf jüdische Schulkinder sowie einen Rabbi? Kurz vor der Wahl, eine Stadt in Panik, und der Präsident kann den Retter spielen? Zufall? Bullshit, besonders nach dem Reinfall mit Merkels Wahlkampfhilfe. Was konnte dem angeschlagenen Sarkozy und bekennenden Ausländerfeind denn Besseres passieren als ein paar empörende Bluttaten, ausgeführt von einem unverbesserlichen Islamisten? Wer hat denn vor zehn Jahren die Kontaktbereichsbeamten aus den französischen Vorstädten abgezogen und damit für bürgerkriegsähnliche Zustände in den Banlieues gesorgt? Sarkozy, der kleinwüchsige Rechtsausleger. Die Aktion Mehra ist optimal gelaufen und Sarkozys Spindoctors sind hochzufrieden. Jetzt müssen sie noch ein paar Wochen auf ihren Möchtegernnapoleon aufpassen, damit er keinen Blödsinn anstellt, wiedergewählt wird und samt Tochter Giulia und säuselnder Chansonette im Élysée-Palast wohnen bleiben kann. Alles bleibt wie es ist, nix wird gut.

Georg Schramm zitierte sich bei der letzten Verleihung des Kleinkunstpreises selbst. Er fordert nämlich seit Jahren vergebens, dass doch endlich mal ein Fernsehfuzzy den Mut haben möge, einem schwammig schwafelnden Politiker das Mikro abzuschalten. Im Interview oder bei einer Talkshow. Nach dem Motto: „Ich hab Sie jetzt dreimal gefragt und Sie haben die Frage dreimal nicht beantwortet. Das war’s, Sie können Ihr Getränk gern noch austrinken, aber ich will von Ihnen kein Wort mehr hören!“ Politikern kann man immer nur wieder raten, es doch mal mit der Wahrheit zu versuchen, aber diese Idee setzt sich nicht durch. Der ungarische Staatspräsident Schmitt hat immerhin 197 von 215 Seiten seiner Doktorarbeit abgeschrieben. Kein Wunder, dass bei einer aktuellen Umfrage nur neun Prozent der Deutschen noch Vertrauen zu Politikern hatten. Die Röslers, Kauders und Pofallas bilden das Schlusslicht einer Liste, die von Feuerwehrleuten und Krankenschwestern angeführt wird. Keiner glaubt euch, keiner mag euch, liebe Volksvertreter. Schade. Ehrlich ist out, wenn man mal von den Piraten absieht. Und die sagen auch nur ehrlich, dass sie von Politik, Wirtschaft und dem ganzen Zeug keine Ahnung haben.

Amokläufern Tipps zu geben ist vergleichsweise einfach, obwohl es kaum noch ungebrochene Tabus gibt. Kinder hatten wir schon, junge Sozialdemokraten mussten sterben, sogar ausschließlich Frauen waren bereits das Ziel von Massenmördern. Gläubige in Kirchen, Moscheen und an Pilgerstätten – das schockiert heute niemanden mehr. In Schulen ein paar Leute erschießen, wie vorgestern wieder in Oakland, das bringt den frustrierten Killer zwar in die Tagesschau, aber spätestens nach einer Woche ist er vergessen. Schwangere, könnte das ein neuer Trend werden? Beim Geburtsvorbereitungskurs, vor den Augen der anwesenden Männer rituell geschächtet? Oder was ist mit Kreuzfahrtschiffen? Angeblich will Al-Kaida schon länger einen Luxusdampfer entführen. Hier mein Tipp zur Einschaltquotenmaximierung: Auf hoher See müssen alle Passagiere im Speisesaal Karaoke singen. Paarweise gegeneinander, The-Voice-of-Germany-mäßig, so ein richtiger Battle, mit Publikumsjury. Wer mies singt oder nicht tanzen kann, fliegt raus. Er oder sie muss dann an die geöffnete Reling des Oberdecks, wo bereits der Verlierer der letzten Runde wartet. Auf einer hinausragenden Planke, wie im Schwimmbad das Sprungbrett. (Nur dass es vom Dreimeterbrett eben nur drei Meter bis ins gechlorte Wasser sind und der Beckenrand nicht weit ist. Vom Oberdeck der Allure of the Seas fällt man locker fünfzig Meter tief, und der Ozean hat weder Beckenrand noch Bademeister. Dafür aber Haie oder vielleicht Eisberge.) Wer im Karaoke-Battle verloren hat, muss den Loser der letzten Runde ins nasse Grab schubsen, stellt sich dann selbst auf die Planke und darf dort sein Leben Revue passieren lassen, während der nächste Song läuft. Alles wird gefilmt und als Livestream ins Netz gestellt, das bringt Quote. Garantiert.

Zum Thema Schwimmbad fällt mir noch eine Idee ein. Niemand wird kontrolliert, wenn er im Sommer mit Handtüchern, Dosenbier, Sonnencreme und Fressalien bepackt ins Freibad stapft. Was wäre denn mit einer Splitterbombe, im Bauch eines aufblasbaren Delfins? Das verschlagen lächelnde Plastiktier unauffällig zwischen die planschenden Kiddies ins proppenvolle Nichtschwimmerbecken setzen und kurz darauf per Fernzündung detonieren lassen. Wenn das die Wogen der weltweiten Empörung nicht zum Überschäumen bringt, dann weiß ich auch nicht weiter. Frohe Eiertage.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Geordneter Rückzug?

Geschrieben von Johannis am 12. März 2012 um 09:28 Uhr

Die Taliban jubeln. Der 11. März 2012 wird sicherlich irgendwann zum afghanischen Feiertag erklärt, markiert das Datum doch einen wichtigen Tag des Scheiterns, eine Wegmarke der amerikanischen Niederlage. Schade, dass George W. Bush nicht mehr im Amt ist, schließlich hat er den War on Terror angezettelt und der Welt die Operation Enduring Freedom in Afghanistan eingebrockt. Dort drang in der Nacht zum Sonntag ein US-Soldat in Privathäuser ein und erschoss 16 Menschen, darunter mehrere Frauen und neun Kinder, die meisten lagen noch in ihren Betten. Dieser irrwitzige Amoklauf passierte drei Wochen nach der unsäglichen Koranverbrennung, als deren Folge bei Aufständen empörter Afghanen mindestens dreißig Zivilisten und sechs US-Soldaten getötet wurden.

Murphy’s Law – whatever can go wrong, will go wrong. Ich möchte nicht in der Haut von Barack Obama stecken. Oder der von Hillary Clinton. Die Bedeutung ihres Vornamens ist heiter, fröhlich, gutgelaunt. All das wird die US-Außenministerin derzeit nicht sein, sondern schockiert, besorgt, stinksauer. Das englische Wort hilarious bedeutet auch lachhaft, zum Totlachen – dieselbe lateinische Wurzel. Die Lage in Afghanistan ist aber nicht zum Totlachen, sondern erschreckend und bedrohlich. Man kann sich wohl darauf verlassen, dass in den nächsten Tagen eine neue Welle der Gewalt und Empörung durch das Land rasen wird. Verständlicherweise. Bis Ende 2014 will die Koalition ihre Soldaten abziehen, danach soll Präsident Karsai das Land mit neu aufgebauter Verwaltung, Polizei und Militär regieren, überwiegend vom Westen geschultes Personal. Auch Karsai ist voraussichtlich zum Scheitern verurteilt.

Erinnert sich noch jemand an die Operation Frequent Wind? Nein, es ging nicht um einen Eingriff gegen ständige Flatulenzen, sondern um die Evakuierung der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon Ende April 1975. Traumatischer Höhepunkt am Ende des verlorenen Vietnamkrieges, ein Drama, das sich eigentlich niemals wiederholen sollte. Die USA, wirtschaftlich und in ihrem Ansehen als Weltmacht angeschlagen, sind jedoch auf dem besten Weg, in Afghanistan ähnlich verheerende Erfahrungen wie damals zu machen. Bekanntlich haben kleine Dinge oft gravierende Folgen. Nein, nicht der Flügelschlag eines japanischen Schmetterlings, sondern ein paar verbrannte Koranseiten oder der Nervenzusammenbruch eines US-Soldaten, kurz bevor er die Kaserne im Morgengrauen verlässt. Um bei seinem Amoklauf schlafende Frauen und Kinder abzuschlachten. Die Brutalität dieser sinnlosen Bluttat wird einen Sturm der Entrüstung auslösen, der die USA und ihre Verbündeten aus dem Land fegen könnte.

Man darf den Koran verbrennen, das geschah in der Vergangenheit schon hunderttausendfach, aber man muss es richtig machen. Krieg kann man offenbar nicht richtig machen, zumindest nicht in Afghanistan, die Russen erinnern sich. Nach dem erneuten Truppenabzug werden die Taliban wieder an die Macht kommen, das erscheint sicher, denn religiöser Fanatismus ist schwer besiegbar. Dann waren dreizehn Jahre Kampf gegen Terror und Unterdrückung vergebens. All das Blutvergießen, unermesslich viel menschliches Leid und nicht zu vergessen die verschwendeten Billionen. Auch deutsche Soldaten starben, auch deutsche Milliarden wurde verpulvert. Sinnlos. Zurück bleiben ein Land im Chaos und Menschen, deren Körper und Seelen krank sind, krank vom Krieg. Zivilisten ebenso wie Soldaten. In Afghanistan, in den USA, in Großbritannien, in Deutschland und anderswo. Physisch verkrüppelt durch Gewehrkugeln, Bomben und Granaten, seelisch verwundet durch grässliche Bilder und Erlebnisse. Posttraumatische Belastungsstörung – leider kennt diesen Begriff wohl bald jeder.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Blöd, aber ehrlich

Geschrieben von Johannis am 7. März 2012 um 09:16 Uhr

Das Bankenwesen genießt ähnlich hohes Ansehen wie die Wirtschaftszweige Menschenhandel, Schutzgelderpressung und Herstellung synthetischer Drogen. Sogar Bildzeitungsleser wissen, dass die 240 Milliarden Euro aus den ersten beiden Hilfspaketen nicht etwa den Griechen zugute kommen (dort wurden gerade die Mindestlöhne um bis zu 32 Prozent gesenkt, Ledige bekommen nun mindestens 586,08 € brutto im Monat und als Arbeitsloser kriegt man jetzt noch 322 €. Ein Jahr lang, dann gibt’s nix mehr, auch keine Krankenversicherung. Hammer!), sondern jenen Banken und Hedgefonds, die das Land erst mit billigem Geld vollgepumpt haben und nun nicht auf Zinseszins und Tilgung verzichten wollen. Obwohl es die Spatzen von allen Dächern pfeifen, dass Griechenland pleite ist und auch mit den vielen Milliarden kaum wieder auf die Beine kommt – übrigens, wahrscheinlich stricken Schäuble und Konsorten schon eifrig am dritten Hilfspaket – findet wieder mal ein Großtransfer von Steuergeldern statt. Weg vom Steuerzahler und weg von sinnvollen Einsatzfeldern wie Bildung, Sozialwesen, Energiewende oder wenigstens dem Flicken winterlicher Schlaglöcher hin zu den Banken. Dabei machen die schon genug Profit, egal ob mit Spekulation auf Rohstoffe und Nahrungsmittel, dubiosen Investmentzertifikaten oder der Finanzierung deutscher Rüstungsexporte, die bekanntlich seit Jahren boomen. Auch weil die Griechen fleißig unsere Panzer und U-Boote gekauft haben.

Im Grunde hat Griechenland eine Subprime-Krise, genau wie Amerika 2007. Allerdings geht es statt um viele Häuser nur um ein Land. In Amiland wurden jahrelang Leuten, die eindeutig nicht kreditwürdig waren, Kredite aufgeschwatzt. Mit dem billigen Geld kauften oder bauten sie dann Häuser und freuten sich. Ihre Hypotheken wurden gebündelt, gegen Zahlungsausfall versichert und als Top-Anlage verkauft. (Zum Beispiel an deutsche Landesbanken, deren Experten zu dämlich waren und sich den Mist andrehen ließen, auch weil sie sich darauf verlassen können, dass jeder Blödsinn letzten Endes vom Steuerzahler ausgebadet wird. Ja, wisst ihr alles, langweilt nur. Sorry.) Als dann die Finanzkrise ausbrach und viele Amerikaner ihre Jobs verloren, kamen auch solvente Hausbesitzer in die Klemme, konnten ihre Raten nicht mehr zahlen und saßen plötzlich mit Sack, Pack und Kindern auf der Straße. Ähnlich ergeht es nun auch vielen Griechen, die Warteschlangen vor den Suppenküchen zeigen es überdeutlich.

In den USA wackeln immer noch rund zwanzig Millionen Hausfinanzierungen. Soll heißen, die Kreditnehmer können nicht oder nur wenig zahlen. Deswegen werden tagtäglich Häuser zwangsversteigert, oft an Strohmänner für einen schrumpeligen Appel und ’n Ei. Aus Käfighaltung, das Ei. Da es für die Banken bequemer ist, die entstehenden Verluste (meist bringt die Zwangsversteigerung nur einen Bruchteil des ursprünglichen Wertes) steuerlich abzuschreiben, statt mit den Häuslebauern langwierig über Umschuldung oder niedrigere Monatsraten zu verhandeln, gibt es nun eine neue Occupy-Bewegung. Vorgärten werden besetzt, damit Häuser nicht versteigert werden, wie ein interessanter Beitrag des ARD-Weltspiegels zeigt.  Bin gespannt, was unser neuer Bundesjogi in spe dazu sagt, ob er zeltende Aktivisten als Barriere gegen Sheriff und Auktionator auch wieder albern findet. Den Linken hat er ja gestern offenbart, dass er deren Bespitzelung durch den Verfassungsschutz billigt. Witzbold. Überhaupt nicht lustig findet sein Vorgänger Wulff natürlich die Debatte, ob ihm Büro, Fahrer und die jährlichen 199.000 Euro Ehrensold zustehen. Lebenslang. Das kostet uns bei durchschnittlicher Lebenserwartung des schmierigen Schnäppchenjägers rund 20 Millionen.

Da würde es sich doch wirklich lohnen, einen Profikiller anzuheuern, um den gestrauchelten Ex-Präsidenten aus dem Weg zu räumen. Vielleicht sogar schon am morgigen Donnerstag beim Zapfenstreich, als Live-Event vor laufenden Kameras. Nur mal so als Tipp an den Bund Deutscher Steuerzahler. (Auf seinen Zapfenstreich besteht der unbelehrbare CW übrigens auch, obwohl alle lebenden Amtsvorgänger und viele Spitzenpolitiker demonstrativ fernbleiben. Die einzig relevante Frage lautet: Welche Songs wünscht er sich? Money, Money, Money von Abba ist bestimmt dabei. Als Extrawurst will er vier Lieder, eigentlich gibt’s nur drei. Kann halt nicht raus aus seiner Haut, der arme Mann.) Überhaupt nicht albern findet es übrigens die Hannoveraner Staatsanwaltschaft, unserem Expräsi vorab anzukündigen, dass man im Großburgwedeler Klinkerkasten gern mal ein bisschen Hausdurchsuchung machen möchte. Von wegen, vor dem Gesetz sind alle gleich. Manche sind eben doch gleicher. Aber ich reg mich schon wieder auf, und Kotzreiz bekommt meinem empfindlichen Magen nicht. Also zurück zum Thema „Blöd, aber ehrlich“.

Ein Freund verriet mir neulich, dass er sein Erspartes auf einem Tagesgeldkonto der Sparkasse liegen hat. Dort bekommt er jährlich 0,3 Prozent Zinsen, weshalb sein Vermögen bei der derzeitigen Inflationsrate in etwa fünfzig Jahren futsch ist. Aber dafür hat er das schöne Gefühl, dass ein Teil der Sparkassengewinne für Kulturförderung und andere edle Zwecke ausgegeben wird, denn laut Gesetz sind diese Geldinstitute dem Gemeinwohl verpflichtet. Da wirft man doch gern sein sauer verdientes Geld zum Fenster raus, wenn’s für die gute Sache ist. Außerdem will mein Freund (hoffentlich) Jopi Heesters Altersrekord nicht brechen und tritt wahrscheinlich von der Weltbühne ab, bevor seine Kohle komplett von der Inflation aufgefressen wurde.

Mir fiel dabei ein Erlebnis aus dem Sommer 1976 ein, zwölfte Klasse, große Ferien. Ich wollte unbedingt nach Ibiza, drei Wochen mit Rucksack und Zelt. Doof wie ich damals war, tauschte ich all mein Geld vorab bei der Sparkasse in Peseten um. 400 Mark, ich weiß es noch wie heute. Die Scheine mussten umständlich bei der Hauptstelle bestellt werden und irgendwann konnte ich einen fetten Umschlag in Empfang nehmen. Zuhause zählte ich nach und zählte dann gleich noch mal, denn die nette Mitarbeiterin der Zweigstelle Platjenwerbe hatte mir das Zehnfache ausgezahlt. Peseten im Gegenwert von 4000 Mark. Eine Stunde quälten mich Gier und Skrupel, dann setzte ich mich aufs Moped und brachte den Überschuss zurück. Ja, die Sparkassentante war mir sehr dankbar. Wahrscheinlich wäre es sowieso rausgekommen, wenn ich den unverdienten Geldsegen stillschweigend auf der Baleareninsel verprasst hätte. Mehr Kohle hätte ich jedenfalls gebrauchen können, denn wie sich zeigen sollte, reichten meine Peseten für die wirklich wichtigen Dinge nicht aus.

Die Reise selbst verlief wenig spektakulär. Die ersten zwei Tage hatte ich Heimweh, aber dann lernte ich ein paar Typen kennen, mit denen man Spaß haben konnte. Hatten wir. Einmal wurden wir sogar in Handschellen gelegt, also zwei von uns, denn die beiden Bullen von der Guardia Civil besaßen nur ein Paar Handschellen. Und nur eine Taschenlampe. Einer hatte dazu eine Pistole, mit der bedrohte er uns vier reihum. Was wir verbrochen hatten? In San Antonio halb besoffen nachts am Strand gepennt, auf unbezahlten Mietliegestühlen, und uns dabei mit Kissen zugedeckt, die wir aus dem Garten einer Strandbar gemopst hatten. Geld fürs Taxi hatten wir nicht mehr und die Nacht war kühl. Nachdem wir die Kissen zurückgebracht hatten, selbstverständlich in Handschellen und mit vorgehaltener Knarre, wurden wir ausgiebig ermahnt, dann freigelassen und sind schließlich den langen Weg zum Campingplatz in Cala Bassa zurückgelatscht. Es wurde nämlich schon hell und nach Pennen am Strand war uns irgendwie nicht mehr.

Ähnlich frustrierend verlief kurz darauf meine Begegnung mit einer ausgesprochen süßen und extrem knackigen jungen Dänin. Wir hatten uns in der Disco kennengelernt und sie schlug spätnachts vor, ich solle doch mit auf ihr Hotelzimmer kommen. Super Idee, endlich würde ich meine peinliche Jungmännlichkeit einbüßen! Und dann auch noch mit einer bildhübschen Skandinavierin!! Aber der verständnislose Nachtportier ließ mich nicht rein. Mir fehlte es an Kohle, um dort ein Zimmer zu nehmen, und an Schmiergeld dachte ich blöderweise nicht. So verabschiedete mich die schnuckelige Dänin schließlich draußen vor dem Hotel mit einigen letzten heißen Küssen und huschte dann allein ins Bett. Zurück blieb der siebzehnjährige Jungmann, bodenlos enttäuscht und mit einer schmerzhaft abklingenden Schwellung im Lendenbereich. Erst im kommenden Jahr wurde ich dann endlich in die Geheimnisse der körperlichen Liebe und ein Teil von mir zeitgleich in Susannes willig-warmen Schoß eingeführt. Aber das ist eine andere Geschichte, und die erzähl ich euch ein andermal. Oder gar nicht. Wahrscheinlich gar nicht.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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