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Merkel lügt!

Geschrieben von Johannis am 3. Januar 2012 um 09:50 Uhr

Endlich. Die Tage sind vorbei, an denen eine Nettonahrungsaufnahme unter 4500 Kilokalorien von der Gattin, den Gastgebern oder verwandten Personengruppen nicht geduldet wurde und jede Gegenwehr den Tatbestand der Beleidigung erfüllte. Gut, die Gegenseite machte sich, mit dem silbernen Auftulöffel (norddeutsches Wort, Restgermanien sagt Servier- oder Vorlegebesteck) drohend, millionenfach der Nötigung schuldig, denn kaum ein Satz wurde über Weihnachten so oft ausgesprochen wie „Nimm doch noch!“ Aber das liegt ja nun zum Glück hinter uns, ebenso wie alle Jahresrückblicke, Best-of-2011-Sendungen und die unvermeidlichen Gratulationen zum zehnjährigen Geburtstag des Euro. Volljährig wird der Kleine wohl kaum, aber das Thema will ich heute nicht anschneiden.

Am Sonntag hat dann das ganze Land seine Raclette-Pfännchen geschrubbt und weggeräumt, durch kräftiges Lüften die Wohnung vom hartnäckigen Geruch des verschmorten Käses und anschließend die Schädel vom Restalkohol befreit. Familien, Paare und tapfere Singles (mögen Letztere in diesem Jahr endlich Traummann/Traumfrau oder einen passenden Hermaphroditen finden und dann auf ewig glücklich sein!) stapften im Neujahrsnieselregen durch Parks, in denen Ringeltauben sich bereits gurrend zur Paarung vorbereiten und vereinzelte Rosensträucher blühen. Passend zum ausgefallenen Sommer gibt es nun eben auch keinen Winter, die Temperatur wird sich wohl bald ganzjährig bei 20 Grad einpendeln. Egal. Auf Gehwegen liegen neben all den Feuerwerksverpackungen (vergisst man in Feierlaune ja gern) noch etliche als Raketenabschussbasen genutzte Sektpullen, und die geplatzten Papprollen der Chinaböller verwandelt der frühlingswarme Regen in braune Matschhaufen, die echter Hundekacke täuschend ähnlich sehen. Tja, so sind die Tage nach Sylvester eben.

Über 100 Millionen Euro gab unser Volk übrigens aus, um wenigstens akustisch das Bürgerkriegsfeeling der arabischen Welt erleben zu dürfen. Gut – in Syrien werden keine bunten Ornamente in den Himmel geballert und auch die siegreichen Libyer haben, nachdem sie den gefangenen Oberst Gaddafi in Kopf und Arsch (oder war es doch der Bauch?) schossen, ihre Freude nur mit reichlich Leuchtspurmunition ans Firmament gezeichnet. Aber wenn schon nicht scharf geschossen wird, soll es bei uns wenigstens auch mal kräftig knallen (melodisch untermalt vom klagenden Laalüülaalüü der Notarztwagen und Löschzüge). Ist doch schön, oder? Nur echte Miesepeter und völlig verstrahlte Gutmenschen wenden ein, dass man mit den verknallten 100 Millionen Euro auch dreihunderttausend verhungernde Äthiopier ernähren könnte, ein ganzes Jahr lang. Dass mit einem Pfund Schwarzpulver gefüllte schuhkartongroße Feuerwerksbatterien ein klitzekleines bisschen zur globalen Erwärmung beitragen, soll hier nicht unnötig breitgetreten werden. Ich glaube bekanntlich nicht an Gott und daher auch nicht an böse Geister, die in der Neujahrsnacht mit Böllern verscheucht werden sollen (allein auf den Philippinen wurden Sylvester über 200 Menschen verletzt, denn dort gilt „Je lauter der Knall, desto mehr Schiss haben die Geister“), bin etwas lärmempfindlich und kapiere außerdem nicht, warum Zivilisten ihre Freizeit unbedingt in Fleckentarnklamotten verbringen müssen, wo Camouflage doch für Soldaten zum effektiveren Töten und Selber-nicht-getötet-werden entwickelt wurde. Aber ich verstehe eben vieles nicht, nicht nur die Mode.

Irritiert hat mich beispielsweise die Aufschrift „Aus traditioneller Herstellung“ auf einer Packung Bremer Biomilch. Soll das suggerieren, dass neben der zufrieden wiederkäuenden Biokuh eine drallblond bezopfte Magd auf dem Melkschemel im Mist hockte und weißen Biosaft von Hand aus dem vierzitzigen Euter in einen verzinkten Eimer spritzen ließ, wie zu Großmutters Zeiten? Oder möchte man sich von der Analogkäse-, Dioxinei-, Olivenölpanscher- und Gammelfleischbranche abgrenzen? Verwirrend. Schön fand ich die unten abgebildete Danksagung von Philipp Rösler (ist er eigentlich noch Bundeswirtschaftsminister oder nur der Katastrophenschutzbeauftragte für die FDP?) mit dem magischen Dreiklang Wirtschaft-Wachstum-Wohlstand. Drei W, wie chic! Fehlt nur noch Wahnsinn, denn jeder Dummdödel (besten Dank an Dieter Nuhr für die Erlaubnis, eines seiner Lieblingswörter benutzen zu dürfen) müsste doch mittlerweile kapiert haben, dass auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen und stetig wachsender Bevölkerung, der außerdem leider nur eingeschränkte Abwehrkräfte gegen Treibhausgase und Umweltgifte aller Art zeigt, ständiges Wirtschaftswachstum nicht die Lösung sein kann. Das wäre ja so, als würde man ein XXL-Glas Nutella (Deckelaufdruck: Jetzt dauerhaft mehr Inhalt!) auslöffeln und erwarten, dass es nie leer wird. Und – um beim Bild zu bleiben – gleichzeitig Tag für Tag einen Klacks jener braunen Masse, die wir meist nur flüchtig beim Betätigen der Klospülung betrachten, ins Nutellaglas füllen und unterrühren. Farblich mag es ja passen, aber geschmacklich und olfaktorisch lässt das garantiert zu wünschen übrig.

Wachstum, Hauptsache Wachstum, dann wird alles gut! Die reichen 1 % investieren gern in Immobilien (allein in China stehen rund 60 Millionen brandneue Wohnungen leer, ganze Trabantenstädte werden nur von fleißigen Straßenkehrern und Gärtnern bevölkert. Leider gehen für Zement, Stahl, Glas und was man sonst noch zum Bauen braucht, reichlich Ressourcen drauf. Erdöl und so. Aber wer viel Geld hat, darf es auch vermehren. Um jeden Preis. Und die aufstrebende Wirtschaftsmacht China will auch endlich eine Immobilienblase. Verständlich.) oder die ebenso beliebten wie undurchschaubaren Investmentzertifikate (mit denen die letzte Finanzkrise begann und nun die aktuelle Schuldenkrise weiter angeheizt wird), während unsereins, also die restlichen 99% der Weltbevölkerung, gefälligst einkaufen gehen soll. So wunderbare Dinge wie eine batteriebetriebene Pfeffermühle (auch für Salz erhältlich), die nicht nur brummt und mahlt, sondern zusätzlich die Tomatenschnitze oder Schinkenscheibe auf dem Teller beleuchtet, damit bloß nix daneben geht. (Dieses unverzichtbare Produkt kannte ich noch nicht – man sollte eben doch häufiger die Verwandten besuchen.) Für Leute, deren Hände von Gicht oder Rheuma fast gelähmt sind, mag solch ein Ding ja sinnvoll sein, aber ich benutze immer noch die olle Pfeffermühle, die mir 1978 zusammen mit anderem Küchenkrempel zufiel, als ich das Haus meiner Eltern verließ und in den Ernst des Lebens startete. Sie war damals schon gebraucht, funktioniert mit Muskelkraft und es fehlt ihr die geplante Obsoleszenz. Soll heißen, sie geht einfach nicht kaputt, mahlt jahrein jahraus brav meinen Pfeffer, muss nicht ersetzt werden und verhindert somit das überlebensnotwendige Wirtschaftswachstum. Mist. Die vorsintflutliche Analogmühle passt aber gut zu einem verbiesterten Konsumfeind wie mir.

Was denn jetzt mit Merkel ist? Achgottchen – dass Politiker lügen ist ja etwa so überraschend wie die Tatsache, dass Bäcker Brötchen backen. (Meist aus tiefgefrorenen Teiglingen, die aus Billiglohnländern herangekarrt werden. Nix mit traditioneller Herstellung.) Ich wollte mich eigentlich noch zur sterbenslangweiligen Neujahrsansprache der Kanzlerin auslassen, aber dieser Text ufert eh schon wieder bedenklich aus. In einem Satz zusammengefasst sagte Angie: „Leute kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten!“ Das tat sie aber salbungsvoll lächelnd und im Tonfall von Nina Ruge, die früher ihre Sendung immer mit den Worten „Alles wird gut“ beendete. Das ist natürlich Bullshit, denn so wie es bislang läuft, wird nix gut und die Zukunft ein Jammertal von der Tiefe des Marianengrabens. Weil es weltweit so viele Dummdödel gibt, in den Völkern, Parlamenten und Regierungen gleichermaßen. Freuen können sich Investmentbanker, clevere Hedgefondsmanager und Apokalyptiker. Der Rest der Welt kann nur hoffen und beten, wobei Beten nicht hilft. Zu Glück haben wir aber schon zwei Tage des neuen Jahres hinter uns. Wie sagte früher der Wehrpflichtige (als man noch nicht freiwillig zum Bund und dann bewaffnet nach Afghanistan ging): Noch 363 Tage (Achtung, wir haben ein Schaltjahr!) und der Rest von heute. Obwohl – wegen der Kalenderschlamperei der Maya geht die Welt ja schon am 21. Dezember unter. So gesehen haben wir von 2012 schon fast zwei Wochen rum. Frohes Neues Jahr!

Mögen eure sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gehen, möge überall Hirn vom Himmel regnen und die Vernunft sich weltweit schneller ausbreiten als weiland die Vogelgrippe. Ja, ich bin ein unverbesserlicher Träumer.

PS: Dieser Beitrag enthielt wieder etliche überlange Schachtelsätze und zu viele Klammern. Somit habe ich schon einen meiner guten Vorsätze gebrochen. Schade.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Pressluftfreiheit

Geschrieben von Johannis am 23. Dezember 2011 um 14:16 Uhr

Dummheit und Feigheit gehören zusamen wie Fritten mit Ketchup. Kommt noch Tücke und Verschlagenheit hinzu, kann man trotz des eiterblassen Farbtons der Mayonnaise von Pommes rotweiß reden. Fastfood im besten Wortsinn (fast Nahrung) und leider auch Sinnbild eines krankhaft deformierten Charakters. Heimtücke – welch ein wunderbar klares Wort. Eindeutig. Jemandem die bedrohlichen Tücken des Lebens ins vermeintlich sichere Heim tragen, dortselbst Angst und Schrecken verbreiten, ihm oder ihr mutwillig und hundsgemein einen Schaden zufügen, arglose Menschen möglichst schmerzhaft treffen – all das steckt im unscheinbaren Wörtchen heimtückisch.

Jeder Künstler will wahrgenommen werden, das gilt selbstverständlich auch für Autoren. Die Frage, ob ich ein Künstler bin oder eher nicht, möchte ich weiträumig umschiffen, bestätige aber, dass ich nach Beachtung lechze. Gut, ich buhle nicht mehr ganz so hündisch um Aufmerksamkeit und Anerkennung wie in den ersten Jahren meiner Bloggerei, aber ignoriert werden möchte ich keinesfalls. Unter den 520 Texten, die bisher hier veröffentlicht wurden, waren wahrscheinlich fünf, die ich mir besser hätte verkneifen sollen. Nicht etwa, weil sie nix getaugt hätten (in diese Kategorie gehören sicherlich deutlich mehr als fünf), sondern um Schaden und Nachteile für meine Person zu vermeiden. Weshalb, wird sich geduldigen Lesern in wenigen Minuten zeigen.

Da gab es vor langer Zeit mal einen leicht despektierlichen Artikel über Mitarbeiter der sonst von mir sehr geschätzten und regelmäßig frequentierten Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek, der unangenehm hohe Wellen schlug. Der Beitrag wurde nämlich leider von einem Mann gelesen, der übellauniger Rechtsanwalt und stinkreicher Notar in Personalunion ist. Dieser Kerl, nennen wir ihn mal Dr. Hans-Joachim Schreiber, lebt und arbeitet in Berlin, kann vor Knete kaum aus den Augen kucken, und hatte damals das unstillbare Verlangen, mir kräftig eins auszuwischen. Es gibt dazu eine ebenso lange wie langweilige Vorgeschichte, bei der ich im Recht war und er mich anpissen wollte, er mir aber trotz eigener Kanzlei und all seiner Kohle nichts anhaben konnte. Das wurmte ihn natürlich. Also schwärzte mich die nichtswürdige Kreatur postwendend beim Direktorium der Stadt- und Landesbibliothek an. Petzen nannten wir das früher, als ich noch zur Schule ging. Als Folge seines Denunziantentums musste ich mich kratzbuckelnd in der Stadt- und Landesbibliothek entschuldigen, und diese Institution hat seither nie wieder eine Lesung für mich veranstaltet. Schade, denn Lesungen im Studio B sind beliebt, weil sie professionell beworben und halbwegs menschenwürdig bezahlt werden. Shit happens. Dr. jur. Hans-Joachim Schreiber (oder hieß er doch Schneider, wie das tapfere Schneiderlein?) musste jedenfalls an beiden Flossen wochenlang einen dicken Salbenverband tragen, weil er sich vor Schadenfreude die Hände wundgerieben hatte. Arschloch. Besagten Beitrag habe ich irgendwann sogar komplett gelöscht, daher kein Link.

Der nächsten potenziell heimtückischen Zielgruppe bin ich gleich dreimal auf den Sack gegangen, was aber – wie jeder vernünftige Mensch zugeben wird – längst nicht genügt. Dortmund ist leider berüchtigt für seine brutale und sehr aktive Neonazi-Szene, was DIE ZEIT in den letzten Wochen zum Anlass für zwei Artikel nahm, Ein Stadtteil ringt mit den Neonazis und Tief im Westen. Die Faschisten terrorisieren seit Jahren einen ganzen Stadtteil, außerdem rufen die hirnlosen Dortmunder Glatzen in jedem Herbst anlässlich des sogenannten Antikriegstages zu Massenkundgebungen auf. Faschos aus ganz Deutschland folgen dann ihrem Ruf und pilgern ins Ruhrgebiet. Mich widert dieses braune Gesindel mit seinen völkischen Verbalausscheidungen (Gedankengut kann man das ja nicht nennen) extrem an, und ich habe mehrfach über die Demos berichtet, einmal sogar mit 22 Fotos, auf denen manche der kotzdummen Faschos gut erkennbar waren. (Links zu den Beiträgen hier, hier und hier). Sowohl als Beobachter der Nazidemos als auch vor wenigen Tagen wieder, musste ich feststellen, dass die Dortmunder Polizei erstaunlich wenig Interesse daran hat, neonazistische Straftaten zu verfolgen. Es verwundert daher nicht, dass die Zwickauer Terrorzelle NSU im Jahr 2004 in Dortmund den Türken Mehmet Kubașk in seinem Kiosk erschießen konnte, und die polizeilichen Ermittlungen keinerlei Erfolge zeigten.

Der letzte Beitrag, mit dem ich mir wahrscheinlich Feinde gemacht habe, erschien erst vor ein paar Monaten, nachdem eine Hausbewohnerin auszog (nein, nicht sich – aus ihrer Wohnung im 2. Stock) und dabei gesinnungsmäßig tief blicken ließ. Im Beitrag Asoziale Pottsäue holte ich deswegen aus zu einem wuchtigen Rundumschlag gegen Mietnomaden, verstockte Besitzer inkontinenter Köter und einen cholerischen türkischen Nachbarn, der ständig lauthals rumpöbelt und gern seinen Müll auf der Straße ablädt. Gut, der Beitrag war vielleicht etwas gewagt, insbesondere der Link zum Facebook-Profil unserer ehemaligen Hausbewohnerin (die seitdem ihr Foto geändert hat und nun statt bei der Westfälischen Rundschau bei n-tv arbeitet), aber wer nichts wagt wird eben nicht wahrgenommen. Über die üppige Blütenpracht meiner Usambaraveilchen lohnte es sich nun wirklich nicht zu schreiben, selbst wenn ich welche hätte.

So, treue und geduldige Leserschaft – nun kommt endlich der lang ersehnte inhaltliche Bogen zur Überschrift. Als ich nämlich vor nicht allzu langer Zeit aus Nepal heimkehrte, waren an meinem draußen geparkten VW Passat (Baujahr 1993) sämtliche Winterreifen zerstochen. Besonders ärgerlich, weil ich alle vier erst kurz vorher käuflich erworben hatte, aber auch bei älteren Reifen finde ich, dass mutwillig beigebrachte Stichwunden den Tatbestand der Heimtücke erfüllen. Die erste Amtshandlung nach meiner Heimkehr bestand also darin, draußen auf dem Parkstreifen mein ungewollt tiefer gelegtes Auto mühsam aufzubocken (ein Freund hatte bereits in meiner Abwesenheit Zettel aufgehängt, dass ich Zeugen der schändlichen Tat suche) und die im Keller eingelagerten Sommerreifen wieder zu montieren. (Gelobt sei der extrem trockenen Herbst 2011, denn zumindest pisste es bei der lästigen Aktion nicht auch noch in Strömen.) Eine Anzeige bei der Dortmunder Polizei nebst Hinweis, es könne sich durchaus um eine neonazistischen Racheakt handeln, brachte mir vom zuständigen Beamten erst einen dämlichen Lacher und dann den Hinweis ein, ich könne mich ja beim Staatsschutz beschweren. Auf meine Frage nach der entsprechenden Telefonnummer sagte der Beamte, die sei so geheim, die wüsste er selbst nicht. Die Polizei, dein Freund und Helfer!

Auf neue Winterreifen verzichte ich vorerst und hoffe, dass der Klimawandel endlich Gas gibt. Wer meine Reifen zerstochen hat – der cholerische Sohn des cholerischen Türken, ein bis zu den Haarwurzeln mit Testosteron angefüllter Lover der aufstrebenden n-tv-Moderatorin oder doch die blöden Neonazis, weiß ich dummerweise nicht. Es gibt zwar Zeugen, die zur Tatzeit zwei Typen mit Kapuzenpullis gesehen haben, aber die Polizei hat ja leider sooo viel zu tun. Ich überwache vorerst mit zwei Webcams und schlauer Software die Parkplätze vor dem Haus und überlege, ob ich meinen Jagderlaubnisschein (hab ich tatsächlich) erneuern und mir eine 9-Millimeter-Pistole aus dem Hause Heckler & Koch zulegen soll. Die wirkt zuverlässig gegen Schädlinge aller Art, also auch gegen rechte Volksschädlinge. Vergessen werde ich den Vorfall übrigens erst, wenn spätestens an Sylvester ein Umschlag mit 200 Euro in meinem Briefkasten liegt (ich will ja nicht unverschämt sein, denn die Reifen hatten schon 5000 Kilometer runter). Also her mit den bunten Scheinchen, dann ist die Untat vergeben. (Wer im Dunkeln mein Auto findet, kann doch wohl mit der Suche nach meinem Briefkasten intellektuell nicht überfordert sein. Selbst als Neonazi nicht.)

Weil ich aber schon lange nicht mehr an tätige Reue oder das Gute im Menschen glaube, kommt abschließend noch eine Bitte: Könnten die feigen Dreckschweine, die meine Winterreifen zerstochen haben, bitte bei der nächsten Attacke irgendein Zeichen oder ein Bekennerschreiben hinterlassen? Legastheniker können mir meinetwegen einen Halbmond oder das Hakenkreuz in den Kotflügel ritzen. Damit ich endlich meine Feinde kenne und nicht mehr so viel grübeln muss. Danke! Und die Leser bitte ich um Tipps, wie ich mich von nun an verhalten soll.

Was soll ich tun, damit meine Reifen zukünftig heil bleiben?

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Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Loslassen (3)

Geschrieben von Johannis am 28. November 2011 um 09:29 Uhr

Ich hab die Schnauze voll. Gestrichen. Falls das als Grund nicht reicht, kommen gleich noch andere. Wie jetzt – du weißt nicht worum es geht? Hast wohl die letzten beiden, zugegebenermaßen überlangen und etwas zähen Berichte aus dem Land am Fuße des Mount Everest nicht gelesen, oder? Na gut, es sei dir verziehen. Es geht um dreizehn Jahre karitative Arbeit hier in Nepal (Entwicklungshilfe sagt man nicht mehr, und Entwicklungszusammenarbeit klingt sperrig) und das unwiderrufliche Ende davon. Um einen gemeinnützigen Verein, den ich im Februar 1999 mit Freunden gründete und seither geleitet habe, und der in wenigen Tagen seine Auflösung beschließen wird. Um etwa eine halbe Million Euro an Spenden, Stiftungsgeldern und Bundesmitteln, die durch den Verein HOPE e.V. nach Nepal flossen und dort in Trainings, Patenschaften und Infrastrukturprojekte flossen. Unter anderem.

Was bleibt? Rund dreihundert gemauerte Toilettenhäuschen samt Sickergruben, fünfzig Biogas-Anlagen, ein gutes Dutzend Schulhäuser, fünf Trinkwasserprojekte, vier Gesundheitsstationen und eine kleine Brücke. Rechnet man alle Haushalte zusammen, die wir mit sauberem Trinkwasser versorgen, und zählt die Anzahl der Schüler hinzu, die durch uns neue Schulgebäude bekamen, haben wir die Lebensbedingungen von rund zehntausend Menschen verbessert. Hinzu kommen hunderte Frauen, die in Abendklassen Lesen und Schreiben lernten oder eine Berufsausbildung finanziert bekamen, alte tibetische Flüchtlinge, die kleine monatliche Renten erhielten, Schüler und Studenten mit Patenschaften, und all die Leute, die tagtäglich in einer der vier Gesundheitsstationen medizinisch versorgt werden. Im Grunde eine ganz ordentliche Bilanz. Warum hören wir dann auf?

Weil ich, wie bereits erwähnt, die Schnauze voll habe. Der Verein ist und war immer klein, ich seine treibende Kraft und zeitweilig der einzige, staatlich bezuschusste Angestellte, großteils jedoch ehrenamtlich tätig. Jeder ist ersetzbar, aber in unserem Verein will niemand meine Aufgaben übernehmen, das auch, weil keiner genug Erfahrungen mit Entwicklungszusammenarbeit hat. Also wird der Laden dichtgemacht, nachdem wir sichergestellt haben, dass alle Projekte fortbestehen können und auch die Patenschaften weitergeführt werden. Dafür sorgen in Zukunft oder bereits jetzt ein deutscher Verein und eine schweizerische Stiftung, die beide schon lange in Nepal arbeiten. Wir hinterlassen also keine Baustellen oder Projektruinen, niemand muss leiden, bloß weil ich keine Lust mehr habe.

Was eigentlich passiert ist, willst du wissen? Nichts besonderes, ich hab bloß den finalen Gutmenschenburnout. Und dazu ein Zipperlein, das mir neuerdings Reisen durch weniger gut erschlossene Teile der Dritten Welt erschwert (wir haben unsere Projekte nämlich nicht, wie viele andere NGOs, bequem im Tal von Kathmandu angesiedelt, sondern in neun Distrikten, die meist eine Tagesreise von der Hauptstadt entfernt sind). Aber vor allem habe ich genug. Vom ständigen Chaos und ewigen Stillstand, vom politischen Machtpoker und der allgegenwärtigen Korruption, von Schlamperei und Gleichgültigkeit. Hinzu kommt die Sinnfrage, die sich bezüglich Entwicklungshilfe grundsätzlich stellt, und unter den sich rasant ändernden globalen Rahmenbedingungen kaum noch rational beantwortet werden kann. Ich jedenfalls mag nicht mehr jedes Jahr mit viel Aufwand einen winzigen Tropfen Wasser auf einen riesigen heißen Stein fallen lassen, damit unsere Spender sich am Zischen erfreuen können. Nepal ist und bleibt in vielen Bereichen extrem rückständig. Seit Jahrzehnten wird es von der internationalen Gebergemeinde gepäppelt (weshalb viele Leute hier ziemlich verwöhnt und an stete Hilfe gewöhnt sind), mit mäßigem Erfolg. Außerdem gehört es zu den Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, aber wir erleben seit Jahren, dass die Welt andere Sorgen hat. Auch der aktuelle Klimagipfel in Südafrika wird ergebnislos bleiben und Geld fehlt derzeit an allen Ecken, denn wir haben ja die Schuldenkrise und eine schwere Rezession droht. Also geht der Wahnsinn unvermindert weiter, schmelzen die Gletscher im Himalaya schneller, fällt der Monsunregen heftiger und länger, gibt es mehr Überschwemmungen und Erdrutsche als bisher schon. Ganze Bergflanken donnern vom Wasser getränkt ins Tal, begraben alles unter sich. Thailands Lage ist plakativer, aber auch hier in Nepal sind die Zeichen unübersehbar.

Unsere Arbeit ist und war sinnvoll, aber auch idiotisch. Die Dritte Welt leidet besonders unter den Problemen, die wir Bewohner reicher Industrieländer durch Gier, Ignoranz und Rücksichtslosigkeit verursacht haben und weiter verursachen (auch wenn Brasilien, Indien & Co. nun kräftig nachholen, und das energie- und rohstoffhungrige China im Jahr 2035 voraussichtlich für 70% aller Klimagase verantwortlich sein wird). Der grobe Kurs dieses Planeten wird in der reichen Ersten Welt bestimmt und so schlingert die Menschheit ins Verderben. Entwicklungshilfe bewirkt wenig und ändert auf Dauer nichts, solange die Ursachen der Drittweltprobleme nicht angegangen werden, und das sind hier in Nepal mangelnde Bildung, ein aufgeblähter und erschreckend ineffektiver Staatsapparat, Korruption, Vetternwirtschaft, Trägheit. Unter anderem. Dazu die neoliberale Globalisierung mit einer Handelsordnung, die vor allem arme Drittweltländer benachteiligt, der ökonomisch und ökologisch unsinnige Export von teuer subventionierten Agrar-Überschüssen in Länder der Dritten Welt, Dirk Niebels Bekenntnis, aus jedem Euro, der für die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben wird, flössen 1,80 Euro in die deutsche Wirtschaft zurück – Tatsachen, die Ursachen für immenses Leid schaffen. Hilfe aus dem Ausland bleibt Kosmetik, sie sorgt für Linderung ohne Heilung, gibt den Gebern ein gutes Gewissen und erlaubt ihnen vor allem, weiterzumachen wie bisher. Die Ursachen für globale Krisen werden nicht beseitigt, man doktert nur weiter an den Symptomen herum. So gesehen ist die karitative Arbeit von HOPE e.V. vergleichbar mit Samariterdiensten auf der sinkenden Titanic. Wir helfen einer alten Oma dabei, die Treppe vom Ballsaal zum Oberdeck zu erklimmen, während das Schiff bereits sinkt und die letzten Rettungsboote, vollbesetzt mit schreienden Frauen und Kindern, gefährlich schwankend ins eiskalte Wasser herabgelassen werden. Dazu habe ich keine Lust mehr, das erscheint mir sinnlos und pervers. Deshalb höre ich auf.

Dieser Schritt war überfällig, denn an der globalen Gesamtlage hat sich in den letzten Jahren wenig geändert, schon gar nicht zum Positiven. Aber auch die Nepalesen sind sich treu geblieben. Freundlich wie immer, liebenswert schlampig und etwas unberechenbar. Verbindliche Zusagen, egal ob es um die termingerechte Fertigstellung eines Schulhauses, das Erscheinen des gemieteten Allradjeeps oder die Lieferung von Medikamenten geht, bedeuten nicht viel. Überall wird getrickst und geschummelt, längst nicht jeder hält sein Wort. Oberschicht und Politikerkaste leben es den einfachen Leuten vor, die machen es nach mit der Begründung, jeder betrüge doch heutzutage. Selbstverständlich wird man auch angenehm überrascht, aber eine hohe Frustrationstoleranz ist Grundvoraussetzung für das Leben und Arbeiten in Nepal. Dann erträgt man vieles, von Speisen und Getränken, welche selten die erhoffte Temperatur und Konsistenz haben (Suppe, Nudeln, Curry, Reis, Tee, Kaffee genau wie Bier lauwarm, Fleisch gern riemenlederzäh, Pizza manchmal halbgar oder halbverbrannt) bis zu vereinbarten Leistungen bei Neubauten, die einfach nicht erbracht werden. Am Zement wird gespart, bis Mauern zerkrümeln, verzinkter Stahl rostet schon nach wenigen Monaten, und man bekommt oft nicht das Versprochene. Warum auch – schließlich ertragen die Nepalesen (das Land ist größtenteils auf Strom aus Wasserkraft angewiesen) in den trockenen Wintermonaten bis zu 16 Stunden Stromausfall täglich. Stromausfall ist eigentlich das falsche Wort – der Saft wird für Stadtteile und ganze Landstriche schlicht abgeschaltet (Load Shedding), weil Staubecken leer sind, miserabel gewartete alte Kraftwerke den Bedarf nicht stillen können und neue ewig nicht fertig werden. Und bei kräftig steigendem Energiebedarf wird sich daran im nächsten Jahrzehnt wohl nichts ändern, trotz der geplanten gigantischen Staumauern und Speicherkraftwerke, die mithilfe der Chinesen gebaut werden sollen. Irgendwann.

Irgendwann wird es auch die seit langem versprochene neue Verfassung geben, aber bisher haben Nepals Politiker nur gestritten, doch nie geliefert. Fünf Jahre ist es her, dass nach dem Volksaufstand im Mai 2006 (ich war verwickelt und schrieb darüber in meinem Buch – der Text „Fahrradtour in Kathmandu“ findet sich unter Prosa, die dazugehörigen Bilder hier) und dem Abdanken des despotischen Königs, am 22. November ein Friedensvertrag mit den maoistischen Rebellen unterzeichnet wurde. Abgeordnete der verfassungsgebenden Versammlung wurden gewählt, erklärten Nepal zur Republik und begannen mit der Arbeit. Seitdem gab es immer wieder Aufschübe, aber keine neue Verfassung, denn typischerweise dauert hier alles länger als geplant. Viel länger. Der aktuelle Termin für die Lieferung der neuen Verfassung war Ende November, aber kürzlich haben die Volksvertreter wieder ein Gesetz eingebracht, das ihnen erneut sechs Monate Fristverlängerung beschert. Jene Maoisten, die das Land zehn lange Jahre in einen blutigen Bürgerkrieg verwickelten, sind nun an der Macht, und der Premierminister stellte gerade sein Kabinett vor. 49 Minister sind bereits ernannt, insgesamt wird die Regierung 55 Mitglieder haben und damit einen neuen Rekord in den Disziplinen Nepotismus und angewandte Vetternwirtschaft setzen. (Man witzelt hier, dies sei kein Jumbo-Kabinett, sondern ein A-380-Kabinett.) Der Premierminister allein wird mehr als 30 Staatsekretäre, Unterstaatssekretäre und Assistenten beschäftigen, und eine seiner ersten Amtshandlungen war der Erlass zur Rehabilitierung eines Maoisten, der wegen Mordes an einem vermeintlichen Spitzel rechtskräftig verurteilt ist. Muss ich noch erwähnen, dass im Kabinett weitere verurteilte Verbrecher sitzen? Dass Posten und Beförderungen hier gegen Bargeld gehandelt werden? Dass diese Regierung bereits die fünfte seit dem Sturz des Königs im Mai 2006 ist?

Leider ist dieses Volk mit einer besonders korrupten, unmoralischen, machtgierigen und unfähigen Politikerkaste geschlagen. Jeder gebärdet sich wie ein kleiner König und die Parteien, von denen es reichlich gibt, sind vom Spaltpilz befallen. Ständig brechen interne Streitigkeiten aus und führen meist dazu, dass sich die Partei teilt. Dadurch entstehen zwar neue Posten, denn jede Splittergruppe braucht ja Führungspersonal, aber die Handlungsfähigkeit bleibt auf der Strecke. In Gesprächen mit befreundeten Nepalesen höre ich immer wieder dieselbe Ansicht: Unser Land geht vor die Hunde! Leider sind die Nepalesen nicht nur gut darin, alltägliche Ärgernisse wie Stromsperren, Streiks und Benzinknappheit zu erdulden, sie erdulden auch ihre unfähigen Politiker. Überhaupt könnte das Nichtstun durchaus in Nepal erfunden worden sein, denn hier wird gern gefaulenzt, besonders routiniert von den Männern. Unterwegs durch unzählige kleine Dörfer bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Menschen man untätig herumsitzen, palavern oder in der Sonne schlafen sieht. Auf den Feldern arbeiten vor allem die Frauen, sie schleppen auch unermüdlich Feuerholz, Wasser und Ziegenfutter heran, aber die Herren der Schöpfung trinken schon vormittags Hirsebier und Selbstgebrannten, debattieren oder spielen Karten. Daher geht leider wenig voran in diesem schönem Land, und auch das nur schleppend.

Das klingt jetzt bestimmt alles sehr negativ, so als würde ich Nepal und seine 23 Millionen Bewohner in Bausch und Bogen verdammen. Ob ich denn gar nichts vermissen werde? Doch, sogar eine ganze Menge. Aber ich bin auch heilfroh, dass bestimmte Phänomene zukünftig kaum noch eine Rolle in meinem Leben spielen werden (zumindest, solange ich nicht nach Nepal zurückkehre, und das ist derzeit unwahrscheinlich). Vermissen werde ich heitere Unbeschwertheit der Nepalesen, denn ständig wird gelacht und gealbert, musiziert, gesungen und getanzt; mit Kardamom gewürzten zuckersüßen Milchtee aus kleinen Gläsern, den man hier an jeder Ecke bekommt; die wunderbar fürsorgliche Art, mit der fast alle Nepalesen ihren Nachwuchs behandeln (man hört hier nur Kinderlachen, aber kein Geplärre); heilige Kühe mitten auf der Straße; sonnige Novembertage, an denen man mittags im T-Shirt draußen sitzen kann, ohne zu frieren; den üppigen Dachgarten des Potala Guesthouse mit Bougainvilleas, Zitronenbäumen und hunderten liebevoll bepflanzter Blumentöpfe; unzählige kleine Garküchen, die überall pikante Leckereien zu Spottpreisen (nach unseren Verhältnissen) anbieten; Frauen in der Sonne beim Trocknen ihrer frisch gewaschenen, schwarzglänzenden und oft hüftlangen Haare; Händler, die schon nach ein paar nepalesischen Worten bereit sind, ihre Waren für weniger als der Hälfte dessen zu verkaufen, was sie anfänglich verlangt haben; buddhistische Klöster, stille Oasen mitten im Trubel der Großstadt; Blumenketten, die wir bei der Einweihung jedes Projektes umgehängt bekommen; die intensiven Düfte an den Ständen der Gewürzhändler; Kinder mit Tsungis, einem Knäuel aus Gummibändern (aus alten Fahrradschläuchen geschnitten), das mit der Innenseite des Fußes möglichst oft in die Luft gekickt werden muss; das sonnige Gartenrestaurant Delima Garden mit seinen Bananenstauden und von Hibiskus überrankten Tischen (dort frühstücke ich seit zwölf Jahren, wenn ich in Thamel bin); Ladenbesitzer, die morgens eine Schale mit Holzkohle anzünden und den Rauch duftender Kräuter zum Himmel schicken, um die Götter des Wohlstands gnädig zu stimmen; köstliche Zimtschnecken der Weizen Bakery; das farbenfrohe Gewimmel in den verwinkelten Gassen der Altstadt mit unendlich vielen kleinen Läden; wunderbar scharfe Curries und überall erklingt aus den Küchen das Zischen der Dampfkochtöpfe; höchstens zwölfjährige Beifahrer verbeulter Kleinbusse, die in rhythmischem Singsang das Ziel ihrer Fahrtroute ausrufen und Passagiere anlocken; und noch sehr viel mehr.

Kaum vermissen werde ich die ständigen Stromsperren in der Zeit von Dezember bis Juli; Motorradfahrer, die Fußgänger als Slalomstangen missbrauchen und mit gellender Hupe durch überfüllte Straßen jagen; lausige Verbindungen zu Internet und Kabelfernsehen, bei denen man nie weiß, ob es heute möglich sein wird, Mails abzurufen und Nachrichten auf BBC World zu sehen; die verheerenden sozialen Folgen des formal längst abgeschafften, real aber noch erschreckend mächtigen Kastensystems; total überladene Lastwagen, die im ersten Gang steile Bergstraßen hoch kriechen und dicke schwarze Rauchwolken hinter sich herziehen (Diesel wird in Nepal mit Kerosin gepanscht, das ist billiger und qualmt besonders schön); rotzfreche wilde Affen mitten in der Stadt; der allgegenwärtige Lärm und die ständigen Verkehrsstaus in Kathmandu; schmackhaftes Essen, das viel zu oft lauwarm serviert wird; das ständige Türenknallen hier im hellhörigsten Hotel der Welt (ein vierstöckiger, angeblich erdbebensicherer Bau mit Stahlbetongerippe); Rudel streunender Hunde, die mitten in der Nacht wütende Wettbewerbe im Lautbellen abhalten (und sich erbitterte Kämpfe liefern – neulich sah ich einen blutenden Hund, der ein Ohr komplett eingebüßt hatte); schmuddelige Kleinstadthotels mit brettharten Matratzen; wahnsinnige Busfahrer, die auf kurvigen Highways überholen, obwohl man kaum hundert Meter weit sehen kann; Leitungswasser, das man nicht gefahrlos trinken kann, wenn es denn überhaupt fließt (viele Stadtteile Kathmandus haben nur zweimal wöchentlich für ein paar Stunden Druck auf den Leitungen); brennende Müllhaufen; Erdbeben (am 18. September eines der Stärke 6,8 und vorletzten Sonntag eins mit immerhin noch 5,0); die alltägliche Unzuverlässigkeit und das ewige Chaos; dass man auf dem Dorf, aber auch in der Stadt ständig Gefahr läuft, in Scheiße zu treten (kühische, ziegige, menschliche, entige, hündische oder hühnerige); das zum süßlichen Popsong verkitschte Mantra Om Mani Padme Hum, denn es plärrt seit zehn Jahren aus jedem dritten Musikladen und untermalt, wenn ich Pech habe, auch mein Frühstück im Delima Garden; jenen Nachbarn des Potala Guesthouse, der auf seinem Balkon im dritten Stockwerk einen Tibetterrier und einen Hahn hält, die beide von früh bis spät kläffen und krähen; Spucken! Ganz Nepal (mit einem erschreckend hohem Prozentsatz tuberkulosekranker Menschen) spuckt ständig aus, überall hin und meist sehr geräuschvoll. Männer, Frauen und Kinder rotzen von früh bis spät schleimigen Speichel auf den Boden, sogar aus dem Fenster in die Gassen hinab (wo es auch mich schon traf); bhutanesische Händlerinnen auf Einkaufstour, die Tag für Tag tonnenweise Zeug für ihre Läden auf ihre Hotelzimmer schleppen lassen, dann vor ihrem Heimflug die halbe Nacht hindurch packen und sich dabei quer über den Flur unterhalten; Stehklos aus rostigem Wellblech, in denen es derart stinkt, dass man die Luft anhalten muss; und noch sehr viel mehr.

Im Grunde geht es mir mit diesem Land und seinen Bewohnern wie einer Frau, die wieder einmal wach im Bett liegt und dem Schnarchen jenes betrunkenen Mannes lauscht, neben dem sie eigentlich schon zu viele Nächte verbracht hat. Sie riecht den vertraut säuerlichen Atem und erinnert sich kaum noch, weshalb sie diesen Kerl mal geliebt hat. Er ist ihr vertraut wie die Stoppeln in der eigenen Achselhöhle, vertraut wie das müde Gesicht, das sie morgens im Spiegel anschaut und aus dem wortlos die enttäuschten Hoffnungen verlorener Jahre sprechen. Wird sie ausbrechen, ihn verlassen oder findet sie sich ab? Hat sie genug Kraft für einen Neubeginn oder resigniert sie verbittert? Gut, das klingt jetzt vielleicht übertrieben pathetisch, denn Nepal und ich waren nie verheiratet. Aber ich wollte mir vor einigen Jahren ernstlich eine Wohnung in Kathmandu mieten, um nicht mehr im Hotel wohnen und ständig in Restaurants essen zu müssen. Daraus wurde nichts, zum Glück, ich habe die Verlobung sozusagen vorzeitig gelöst.

Aus dem Jahr 1998, als ich vier Monate Freiwilligendienst bei einem (wie sich bald herausstellte leider völlig korrupten) deutschen Lepraprojekt leistete, erinnere ich einen Spruch: „Du bist nicht hier, um Nepal zu verändern, sondern Nepal ist da, um dich zu verändern.“ Okay, Nepal, wir haben uns beide verändert. Ob zum Vorteil, bleibt bei dir und mir fraglich. Ich pack dann mal meine Sachen. Mach’s gut!

[Ende. Und wer brav bis hierher gelesen (oder einfach nur nach unten gescrollt) hat, darf nun noch ein paar Bilder ankucken.]

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

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Loslassen (2)

Geschrieben von Johannis am 22. November 2011 um 14:00 Uhr

Auch in Kathmandus Touristenviertel Thamel hat sich wenig geändert, fast alles dreht sich ums Kaufen und Verkaufen. Kaum aus dem Hotel, werde ich von zwielichtigen Typen angesprochen, die in konspirativem Tonfall Drogen anbieten. Anders als früher nennen mich die Dealer nun Sir, was wohl meinem fortgeschrittenen Alter geschuldet ist. Meist reicht eine unauffällige Handbewegung, wie beim Fliegenverscheuchen, um deutlich zu machen, dass ich kein Interesse habe. In Nepal wächst zwar ein vorzügliches Marihuana, aus dem ein hochpotentes süßlich-harziges Haschisch gewonnen wird, aber sogar in jüngeren und deutlich draufgängerischen Jahren habe ich Dope nicht auf der Straße von Unbekannten gekauft. Auch gelegentliche Angebote zum kostenpflichtigen Geschlechtsverkehr mit der Schwester/Cousine/Tante lehne ich grundsätzlich ab, obwohl viele Nepalesinnen erstaunlich hübsch sind. (Blondinenfans kommen hier leider nicht auf ihre Kosten.)

Die Händler legaler Erzeugnisse (in Nepal war der Handel mit Haschisch noch bis Mitte der Siebziger legal und der/die Hookah, eine geknickte Haschpfeife, die von westlichen Kiffern zur Wasserpfeife weiterentwickelt wurde, ist auch ein altes nepalesisches Wegmaß. Etwa zwei Stunden Fußmarsch, oder eben der Zeitraum, den ein Bauer zwischen zwei Rau(s)chpausen verstreichen lässt) stehen wie immer freundlich lächelnd vor ihren Läden oder Verkaufsständen und grüßen jeden potenziellen Kunden mit derart frappierender Vertrautheit, dass man glaubt, alte Freunde zu treffen. Ein Shopkeeper braucht viel Durchhaltevermögen, um vorbeischlendernde Fremdlinge den ganzen Tag lang mit „Namaste Sir, have a look, nice carpet“ (oder einem sinnverwandten Slogan) anzusprechen, aber auch das ständige und freundliche Ignorieren solcher Sprüche kostet Nerven. Betrüger versuchen es übrigens manchmal mit einer ähnlichen Masche, quatschen einen auf der Straße an und geben vor, man kenne sich doch. Letzte Woche oder letztes Jahr, vom Trecking, Rafting oder Bungeejumping, aus dem Restaurant XYZ oder sonst irgendein Schmonzes. Falle ich natürlich nicht mehr drauf rein.

Die leprösen Bettler sind weniger geworden und ganz aus dem Touristenviertel verschwunden ist die indische Babymafia. Das liegt wohl am Nepal Tourism Year 2011 und den damit verbundenen Säuberungsaktionen. Früher sprachen Inderinnen mit erbarmungswürdigen Kleinkindern (oftmals wurden sie medikamentös betäubt und tageweise vermietet) gezielt Ausländerinnen fortgeschrittenen Alters an und bettelten mit herzerweichenden Gesten um Milch für das hungernde Baby. Ließ eine Touristin sich erweichen und folgte der angeblichen Mutter zum nächsten Lebensmittelladen, sollte die Gönnerin dort aber nicht für wenige Rupien einen halben Liter Frischmilch kaufen, sondern plötzlich musste es eine große Dose teures Milchpulver sein. Welches dann – kaum war die Spenderin im guten Gefühl, bitterste Not wirksam gelindert zu haben, um die nächste Ecke verschwunden – mit einem Preisabschlag an den Händler zurückging und als Bargeld in die Tasche der Bettelmutter wanderte, die sofort Ausschau nach dem nächsten Opfer hielt. Manchmal habe ich mir einen Jux draus gemacht, mitleidige Touristinnen zu warnen, kurz bevor sie geleimt werden konnten, was mir Verwünschungen und bitterböse Blicke vonseiten der mafiösen Inderinnen eintrug. Früher habe ich auch junge Frauen in Shorts und dünnen Flatterhemdchen höflich angesprochen, wenn sie ohne BH und schulterfrei durch die Stadt oder sogar zu den Tempeln liefen, denn solcherart Outfit verletzt das Schamgefühl der Hindus (die zwar das Kamasutra geschrieben haben, aber in der Öffentlichkeit extrem prüde sind) und kennzeichnet die ahnungslose Trägerin als westliche Schlampe, wenn nicht gar Schlimmeres. Tja, früher. Heute ist es mir egal, und ich lasse sich jeden so daneben benehmen, wie er oder sie es möchte.

Seit 1998 war ich jedes Jahr hier, aber der Touristenmix hat sich nicht nennenswert geändert. Vereinzelt findet man immer noch asketische Erleuchtungssucher in Jesuslatschen und Hippieklamotten. Die Männer langhaarig und fusselbärtig, die Frauen stets in wehenden Gewändern und mit unerschütterlich sanftem Lächeln im Gesicht. Beide Geschlechter sind meist untergewichtig, was häufigen Durchfallerkrankungen und der Tatsache geschuldet ist, dass diese Fraktion mit einem knappen Budget reist, das für Kiffen, Unterkunft und gesunde Ernährung oftmals kaum ausreicht. Häufiger finden sich nun coole Pärchen, die nach dem Goa-Trip oder ein paar relaxten Wochen in Thailand/Vietnam/Laos zum Shoppen und Sightseeing nach Nepal kommen. Muss man ja mal gesehen haben, das Land am Himalaya. Tätowierungen und Piercings sind verbreitet, ansonsten signalisieren Kleidung und Gebaren demonstrative Lockerheit. Man hat schon viel gesehen in der globalisierten Welt, freut sich, weil Nepal so schön billig ist, und schimpft über den Bierpreis (rund drei Euro für eine Pulle im Restaurant, so viel bekommt hier ein Tagelöhner für zehn Stunden Schuften auf dem Bau). Immer geht der Typ mit abgeklärter Miene voran und seine Freundin folgt im Abstand von drei Schritten. Ob das einem eher altmodischen Rollenverständnis geschuldet ist, oder der Tatsache, dass Frauen bei all den verlockenden Schnäppchen unmöglich mit ihren Männern Schritt halten können, weiß ich nicht.

Überall sieht man Reisegruppen, meist in teure Funktionstextilien gekleidete Menschen mittleren Alters, die unbedingt einmal um den Annapurna oder zum Everest Base Camp gewandert sein müssen. Vor ihrem vermeintlich exklusiven, aber jährlich tausendfach inszenierten Trekkingabenteuer halten sie sich dicht beieinander, laufen im Gänsemarsch durch die engen Gassen Kathmandus, weichen verschreckt den hupenden Autos aus und haben eine Mischung aus Faszination und Entsetzen im Blick. Alles so schön bunt und quirlig, aber die Bettler! Mein Gott, wie arm die Menschen hier sind! Aber so nett und freundlich, lächeln immer. Wenn die Abenteurer dann kolonnenweise acht bis zehn Tage auf ausgetretenen und von Müll gesäumten Wegen durch die Berge gestolpert sind – ihre Rucksäcke lassen sie dabei von drahtigen Nepalesen schleppen – und in überfüllten Dorfgasthäusern schlecht geschlafen, mittelmäßig gegessen und überteuertes Bier (auf dem Rücken von Trägern aus der nächsten Stadt für sie herangeschleppt) getrunken haben, kommen sie sich vor wie Sir Edmund Hillary persönlich. Abwechselnd Kälte und Sonnenglut ertragen, der tödlichen Höhenkrankheit getrotzt, bis zur Erschöpfung felsige Pässe erklommen und jedem Komfort entsagt – sie haben alles gegeben, alles fotografiert und sind durch die Hölle gegangen.

Gut, die Hölle bestand oftmals darin, dass in der Hauptsaison auf sämtlichen Strecken Hochbetrieb herrscht, man vor Hängebrücken und an schmalen Steilstücken im Stau steht, ständig dieselben Leute trifft und sich das einzigartige Trekkingerlebnis mit zigtausend Gleichgesinnten teilen muss. Oder man strandet, wie kürzlich wieder, auf dem Rückweg bei hartnäckigem Nebel tagelang in Lukla oder Phaphlu (ich hab euch mal zwei Videos zu Start und Landung in Phaphlu rausgesucht). Eine Woche lang gingen keine Flüge ins nahe Kathmandu, 5000 Menschen saßen fest, viele Trekker mussten im Flughafen von Lukla auf dem nackten Boden schlafen, weil alle Hotels überfüllt waren, und bald wurden sogar Bier, Brot und Butter knapp. Mancher entschloss sich zum viertägigen Fußmarsch nach Giri, um von dort den Bus zu nehmen, aber die meisten warteten auf besseres Wetter und hatten schlechte Laune, weil mittlerweile auch der Heimflug weg war. Als die Nebelsuppe schließlich etwas dünner wurde, ließen sich solvente Leute für teures Geld mit dem Hubschrauber nach Kathmandu ausfliegen. In einem nepalesischen Bergkaff mit 300 Meter langer Start- und Landebahn festzusitzen, ist wirklich ein Abenteuer.

Ansonsten ist Trekking ziemlich berechenbar und eindeutig nix für mich. Man latscht halt durch die Berge, rauf und runter, runter und rauf, und das fast immer hordenweise. Nervig, finde ich. Am Schluss jeder Tagesetappe – etwa die Strecke, die ein Nepalese vor dem Frühstück zurücklegt – schicken viele Guides sogar einen Träger voraus, um im nächsten Kaff genügend Betten für die eigenen Leute zu reservieren. Dabei gibt es schon mal Zoff und Schläge, trotz all der nepalesischen Freundlichkeit. Hauptsache der Kunde merkt nix. Wieder in Kathmandu feiern die Trekkingtouristen dann tüchtig und berichten einander, stoppelbärtig und sonnenverbrannt, stolz von den überstandenen Strapazen. Alles haben sie gesehen, wahrscheinlich sogar den Yeti. Es war verdammt hart, aber sie würden es jederzeit wieder tun. Man erkennt sie übrigens schon im Frankfurter Flughafen, denn immer haben sie klobige Bergstiefel an den Füßen. Mit denen trampeln sie dann natürlich auch nach dem Treck in den Hotels herum (dröhnend laut) und stolz durchs Touristenviertel. Wo zum Abschluss der meist zweiwöchigen Pauschalreise ausgiebiges Biertrinken und Shoppen angesagt ist.

Individualtouristen erkennt man meist an der vollkommen unpassenden Kleidung. Sie laufen bei kühlen zehn Grad Celsius in Shorts, Flipflops und T-Shirt herum, weil sie das in Thailand oder Indien doch auch getragen haben. Israelis trifft man immer im Pulk an, sie hassen alle anderen Nationalitäten und kommen nur nach Nepal, weil das Leben und die Drogen hier noch billiger sind als in Indien. Wegen ihrer unverschämten und ruppigen Art, und weil sie extrem geizig sind, werden sie in vielen Hotels nicht gern gesehen. Unter anderem wohne ich im Potala Guesthouse, weil das Hotel den Israelis zu teuer ist, ich spontane nächtliche Technoparties lästig finde und meine Nachtruhe brauche. Schließlich komme ich seit dreizehn Jahren für den Verein HOPE e.V. nach Nepal, um gute Werke zu vollbringen, Not zu lindern, Schulen zu bauen, die Entwicklung des Landes durch Trinkwassersysteme und Gesundheitsstationen voranzutreiben, und nicht etwa zum Vergnügen. (Ende des Werbeblocks.)

Auch deshalb kleide ich mich nicht wie ein Tourist, meide Folkloristisches und die allgegenwärtigen Outdoorklamotten bekannter Marken (alles gefälscht und hier spottbillig), sondern kopiere den Stil der Einheimischen. So werde ich unterwegs ins Büro oder sonstwo hin kaum noch zum Kauf von Teppichen, Kaschmirschals oder Wolldecken aus garantiert reiner Yakwolle aufgefordert und kann preiswert im Taxi fahren. Letzteres auch, weil ich etwas Nepali spreche und immer verlange, dass der Taxameter eingeschaltet wird, statt wie die Touristen kackdreiste Mondpreise zu zahlen. Expatriate nennt man übrigens jene Ausländer, die als Berater, Entwicklungshelfer, Techniker oder Botschaftsangestellte hier leben. Auch sie machen einen großen Bogen um staunend-naive Touristen, und während der insgesamt rund zwei Jahre, die ich seit 1998 in Nepal verbrachte, habe ich mich eher den Expatriates zugehörig gefühlt. Aber das ist nun vorbei, denn in wenigen Tagen endet meine unwiderruflich letzte Nepalreise. Warum das so ist, erkläre ich im nächsten Beitrag.

(Wird fortgesetzt.)

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

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Loslassen (1)

Geschrieben von Johannis am 17. November 2011 um 13:03 Uhr

Hast du schon mal beim Landeanflug auf dein Urlaubsziel gehofft, die Maschine möge gegen einen Berg prallen und in Flammen aufgehen? Wohl kaum. Die meisten Menschen haben ihre suizidalen Tendenzen halbwegs unter Kontrolle oder leben sie, wenn es unbedingt im Verkehrswesen sein muss, notfalls als Geisterfahrer auf einer nächtlichen Autobahn aus. Da trifft es vielleicht einen Lastwagen frontal (Boah, hat man zu Lebzeiten diese Typen bei ihren bescheuerten Elefantenrennen gehasst! Auf der linken Spur dahinkriechen und endlos warten, dass ein bräsiger Brummifahrer, der sich millimeterweise an einem nahezu gleichschnellen Kollegen vorbeischiebt, endlich wieder nach rechts einschert, während man selbst dämliche Sprüche von Kaliber „Unsere Lieferfahrzeuge können Sie überholen, unsere Leistung nicht!“ lesen muss.), aber mit etwas Glück kommt der Fahrer mit dem Schrecken davon, weil er zwar nicht über den Dingen steht, aber hoch genug über dem aufprallenden PKW sitzt, dessen funkenschlagendes Wrack er aufgrund der stoischen Massenträgheit (ist nicht das Gegenteil von Schwarmintelligenz!) von vierzig Tonnen Fahrzeuggesamtgewicht noch ein stückweit vor sich herschiebt, bevor alles vorbei ist. (Endlich wieder einer der beliebten Bandwurmschachtelsätze, bei dem 67,4 Prozent aller Zufallsbesucher gleich wieder wegklicken.)

Schlimmstenfalls rottet man geisterfahrend (Brückenpfeiler und ähnliche unbelebte Hindernisse sind ja leider durch Leitplanken fast unerreichbar) einen übernächtigten Handelsvertreter oder sogar eine Kleinfamilie unterwegs in den verdienten Urlaub (die schönsten Wochen des Jahres!) aus, aber die Opferzahlen bleiben meist einstellig. Das klappt beim Absturz eines vollbesetzten Airbus A-330 nicht – da schrumpft die Weltbevölkerung oftmals gleich um dreihundert Köpfe, und statistisch braucht die stetig wachsende Menschheit danach rund zwei Minuten, um den Schwund wieder auszugleichen. Nein, ein Flugzeugabsturz hat zwar etwas Spektakuläres, gehört aber mit Sicherheit nicht zu den Dingen, die der Durchschnittstourist am eigenen Leib erfahren möchte. Und sei es auch – bei wirklich stark ausgeprägtem spontanem Todeswunsch – aus reiner Rücksichtnahme auf all jene Mitreisenden, die ihre Antidepressiva regelmäßig einnehmen, das Wissen um den Wahnsinn dieser Welt viel besser verdrängen können als man selbst, oder schlicht und einfach glücklich und zufrieden sind. Soll’s ja geben, ungetrübtes Glück und Zufriedenheit, besonders bei schlichtem Gemüt.

Wie ich auf dieses Thema und den erstaunlich morbiden Einstieg für meinen heutigen Text gekommen bin? Ach, einfach so. Nein, nicht ganz einfach so und aus heiterem Himmel – bevor besorgte Leser nun anonym beim sozialpsychiatrischen Dienst anrufen und meine Zwangseinweisung ins nächste Landeskrankenhaus veranlassen – es gibt schon einen oder zwei aktuelle Anlässe. Ein Grund ist mein gegenwärtiger und aller Voraussicht nach letzter Aufenthalt in Nepal, der vor einigen Tagen wie üblich mit einer Landung auf dem Tribhuvan International Airport begann. Kundig kurvte der Pilot der Qatar Airways zwischen schroffen Bergspitzen hindurch, die das Kathmandu-Tal einrahmen, und erlaubte den Passagieren noch einen kurzen Blick auf die vom Abendrot rosig angestrahlten Gipfel des Langtang-Massivs, bevor er die Maschine von heftigen Turbulenzen geschüttelt durch verspätete Monsunwolken – der Klimawandel lässt grüßen, denn eigentlich ist der November hier verlässlich trocken und sonnig – steil herunterdrückte und sie schließlich schlingernd auf der nassen Landebahn aufsetzte.

Kurz darauf stand ich vorn in der Schlange jener Menschen, die ein Visum für Nepal brauchen und dafür mit den nötigen Papieren, einem aktuellen Passfoto sowie ausreichend Bargeld ausgestattet sind. (Ich hatte vorsorglich einen ausgefüllten Antrag dabei, um den Touristenhorden ein Schnippchen zu schlagen, die vom Jetlag und einer schlaflosen Nacht gezeichnet in der Halle herumstolpern, über seltsamen nepalesischen Formularen brüten und sich gegenseitig um Kugelschreiber anbetteln.) Rekordverdächtige 30 Minuten später hatte ich die jährlich steigende Einreisegebühr bezahlt, von einem tödlich gelangweilten Beamten alle notwendigen Stempel und Aufkleber bekommen, meinen Koffer vom Rollband gezerrt und draußen den Abholer gefunden, der ein Schild mit meinem Namen in die Höhe reckte. Leider wartete diesmal nicht Madhav, der sympathische Fahrer des Potala Guesthouses, auf mich (er musste mit seiner jüngsten Tochter ins Krankenhaus), sondern man hatte einen wildfremden Taxifahrer geschickt. Wie immer schob ich meinen Gepäcktrolley eigenhändig über den holprigen Parkplatz und wie immer gab ich den Schnorrern, die mich umwimmelten und ungebeten meinen Koffer ins Taxi wuchteten, kein Geld, da ich prinzipiell nur für Leistungen bezahle, die ich auch bestellt habe. Herzlos, aber so bin ich eben.

Mit Einbruch der Dunkelheit verließen wir das Flughafengelände und der freundliche Taxifahrer lenkte sein ebenso klappriges wie verbeultes Arbeitsgerät in den dichten Stau, der jeweils morgens und zum Feierabend die Landeshauptstadt komplett lahmlegt. Eine Stunde brauchten wir für die gut fünf Kilometer bis zum Hotel, und es hätte sicherlich noch erheblich länger gedauert, wenn der findige Fahrer sein Auto nicht ständig auch in allerkleinste Lücken gequetscht und überhaupt vorbildlich gedrängelt hätte. Übrigens – das Geschehen auf Nepals Plätzen, Straßen und Highways habe ich bereits ausführlich als Gastbeitrag für einen Freund beschrieben und in früheren Jahren hier im Blog thematisiert, falls es jemanden interessiert. Mich interessiert es nicht mehr. Ich bin es gewohnt, dass auf zweispurigen Straßen sechs Fahrzeuge nebeneinander unterwegs sind, habe viel zu oft in haarsträubenden Staus gestanden, die jedem deutschen Verkehrsplaner oder Streifenpolizisten sofort lebensbedrohliche Bluthochdruckattacken bescheren würden, und atme mit abgebrühter Gelassenheit jenes stinkende Gemisch aus Abgasen, Dieselruß, abgeriebenen Asbestfasern, Rauch von am Straßenrand brennenden Müllfeuern und aufgewirbeltem Dreck ein, das hier als Atemluft durchgeht. Feinstaub und Umweltzone? Darüber lacht man hier nicht einmal, denn kein Mensch denkt in diesen Kategorien. Unterwegs auf einem der gefühlt 7 Millionen Motorräder bindet der Nepalese sich eventuell nach Banditenart ein Tuch vor Mund und Nase, ansonsten laufen nur japanische Touristen mit dem obligatorischen Mundschutz durch die Stadt. Alle japanischen Touristen, überall, auch in den reichlich vorhandenen Tempelanlagen. Und die Koreaner. Sonst keiner.

Nein, es hat sich nicht viel verändert seit dem letzten Jahr. Der Verkehr ist noch etwas dichter geworden, falls das tatsächlich möglich ist. Die wenigen Ampeln in Kathmandu, gesponsert von der japanischen Regierung, sind wie immer abgeschaltet und stattdessen regeln junge PolizistInnen den Verkehr, soweit er sich regeln lässt. (Die Lebenserwartung und Krebsrate dieser ebenso bewunderns- wie bedauernswerten Drittweltbeamten dürfte stark vom Landesdurchschnitt abweichen – das wäre doch mal ein interessantes Forschungsthema für Mediziner aus unserer vergleichsweise sauberen ersten Welt.) Ansonsten geht alles seinen Gang. Man regt sich erstaunlicherweise nicht auf, sondern wahrt mit stoischer Schicksalsergebenheit das Gesicht, hupt, drängelt und trickst dabei unablässig, und wartet, wartet, wartet, wartet jeden Tag erneut in einem der endlosen Staus.

Auch in meinem Hotel – ich bewohne seit acht Jahren dasselbe Zimmer – hat sich wenig geändert. Die Regenzeit muss heftig gewesen sein, denn der im letzten Jahr frisch aufgebrachte Innenanstrich blättert schon ab und an der Stelle, wo früher ein gerahmtes Foto des Machhapuchhare hing (auch unter dem Namen Fishtail Mountain bekannter Siebentausender, das Bild wurde wohl geklaut) ziert Schimmel die Wand. Der Zimmerpreis ist wieder gestiegen, trotz Rabatts für treue Gäste und hartnäckigen Geschacheres meinerseits, auf mittlerweile 20 Dollar pro Nacht. 2009 zahlte ich knapp die Hälfte und vor zehn Jahren kosteten einfache Zimmer in vielen Hotels nur fünf Dollar. Tja, nichts bleibt wie es ist. Das WLAN im Hotel funktioniert aber besser (letztes Jahr hockte ich mit Laptop immer auf dem Flur, um eine halbwegs stabile Verbindung zu haben) und auch mein Handy (leider musste ich eine neue SIM-Karte kaufen, denn nach sechs untätigen Monaten wird man hier neuerdings abgeschaltet, auch mit Guthaben) hat nun zuverlässig Empfang. Grund: Das Dach des Nachbarhauses wird neuerdings von einem Sendemast gekrönt, er strotz vor Antennen für alle verschiedenen Netze. Luftlinie dreißig Meter bis zu meinem Kopfkissen, ob ich wohl deshalb so schlecht schlafe? Ein Rundblick vom Dachgarten des Hotels zeigt im Umkreis von zweihundert Metern drei solche Türme. Elektrosmog ist in Nepal garantiert kein Thema.

(Wird fortgesetzt.)

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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