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Beschissene Welt

Geschrieben von Johannis am 19. Oktober 2007 um 06:18 Uhr

Das Komitee des Guinness Book of World Records hat meine Bewerbung abgelehnt, es sei nicht nachweisbar, dass mein Blog tatsächlich das weltweit meistignorierte aller Webtagebücher sei. Sorry! Dabei komme ich garantiert auf hunderte von Millionen täglicher Nichtleser, vielleicht sind es sogar Milliarden. Egal, Schwamm drüber.

Regelmäßige Nichtleser wissen natürlich nicht, dass ich mich seit gut zwei Wochen im Dienst der guten Sache in Nepal aufhalte, wieder mal muss ich anfügen. Nachdem ich voller Saft und Kraft die ersten acht Tage damit verbrachte, bei brütender Hitze und einer abenteuerlichen Luftfeuchte (Werte, die garantiert nicht einmal mitten im Amazonasdschungel direkt nach einem sechsstündigen Wolkenbruch gemessen werden) durch die Gebirgsbotanik zu hetzen, um baufällige Schulen zu besichtigen und meiner jungen, einheimischen Programm-Koordinatorin nebenbei zu beweisen, dass ein alter Sack wie ich voller Witz, Elan und Fitness stecken kann, hat mich die Power der zwei Herzen vorübergehend verlassen. Mich hat die Ruhr erwischt, und das ist hier eine Krankheit, kein Fluss.

Wie sich die genau auswirkt, will sicher keiner so genau wissen, aber darauf wird hier bekanntlich keine Rücksicht genommen. In einem einfachen Bild ausgedrückt – ich konnte vorübergehend aus acht Meter Entfernung durch ein Schlüsselloch und danach direkt in eine Flasche scheißen, und das rund ein Dutzend Mal am Tag. Den Vorwurf maßloser Übertreibung weise ich entrüstet von mir – so war es, ich schwöre! Leider ließ mein Terminplan keine Rücksicht auf die fehlfunktionierende Physis zu, daher bin ich die ersten Tage gurgelnd und gewissermaßen nicht ganz dicht durchs Land getorkelt, bis der Akku platt war und mich eine nette Ärztin aus dem Verkehr zog. Seitdem trinke ich Wasser mit Elektrolyten und Dextrose, ernähre mich von Porridge, Bananen sowie dreierlei Antibiotika und halte mich konstant in unmittelbarer Nähe meiner Kloschüssel auf. Da die Badezimmertür kein Schlüsselloch sondern nur einen Riegel hat, bleibt sie offen, so erspare ich mir das umständliche Zielen und den Zimmermädchen manchen Griff zum Putzlumpen.

Meine Stimmung ist ähnlich angeschlagen wie mein Verdauungstrakt, ich hab ganz nebenher auch noch eine mittelschwere Sinnkrise, wie sie mich periodisch überkommt. Im WAZ-Blog (der im Unterschied zu diesem wenigstens von ein paar gelangweilten Mitmenschen gelesen wird) hab ich mich kürzlich in überflüssiger Epik darüber ausgelassen, was mir an Nepal so alles auf den Senkel geht. Hinzufügen kann und will ich hier, dass es mich manchmal doch schwer ankommt, so als semiprofessioneller Wohltäter und Entwicklungshelfer durch das Land zu geistern, überall Begehrlichkeit auszulösen (nein, nicht mein knackiges Fleisch oder die unverwechselbar geistvolle Persönlichkeit rufen das hervor – es geht einzig um die Kohle, die der Verein in hiesige Projekte stecken kann) und gleichzeitig wieder und wieder zu sehen, wie wenig hier klappt und vorangeht. Im Grunde ist Nepal in einem permanenten Zustand des politischen, ökonomischen und infrastrukturellen Chaos gefangen, löst sich ständig auf und wird dabei gleichzeitig von allen möglichen internationalen Gutmenschenorganisationen nach Kräften stabilisiert. Man stelle sich einen Strickpullover vor, aus dem böse Buben an mehreren Ecken Fäden herausribbeln, und der synchron von den kundigen Händen einiger liebvoller Omis wieder zusammengestrickt wird, jedoch nie mehr als ein Rückenstück plus halbfertigem Ärmel darstellt – das ist Nepal.

Fast zehn Jahre kenne ich diese Land nun, habe währenddessen rund 20 Monate hier verbracht, und frage mich doch stets von Neuem, wie viel Sinn darin liegt, angestrengt und mit feinem Gehör auf das winzige Zischen zu lauschen, dass der kleine Wassertropfen macht, den wir hier alljährlich auf den berühmten heißen Stein fallen lassen. Sicher, wir bewegen hier und dort etwas, aber in Summe scheint es manchmal sinnlos.

Eben habe ich mit einer sehr attraktiven Iranerin gesprochen, die als Freiwillige der UN zur Beobachtung und Organisation der Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung eingereist ist. Ihr Vertrag ist nun gekündigt, denn die Wahlen wurden zum zweiten Mal und unbestimmt verschoben. Kaum jemand glaubt daran, dass sie noch stattfinden werden und somit die Nepalesen selbst über ihre Staatsform und damit die Frage Republik oder Monarchie entscheiden dürfen. Bisher sind mindestens 1,5 Milliarden Rupien vergeudet, verschoben oder sonstwie ausgegeben worden, ohne dass etwas dabei herausgekommen wäre. Das sind immerhin noch mehr als 16 Millionen Euro, etwa ein Drittel der jährlichen Deviseneinnahmen aus dem Tourismus. Das alltägliche Chaos greift immer weiter um sich, es fehlt fast überall an sauberem Wasser, sanitären Anlagen, ordentlichen Schulen, befahrbaren Straßen, Strom, Benzin, und, und, und…

Nur zwei Beispiele aus dem Medienspiegel der letzten Tage: Da ist einerseits die Story der Frau, die – um endlich ordentliche Papiere und damit Bürgerrechte und eine Staatsangehörigkeit zu erlangen – den Artikel aus The Himalyan Times beim Meldeamt vorlegen musste, der im September über sie und ihre Familie erschienen war. Etwa vierzig Jahre alt, hat sie 22 Kinder geboren, von denen bis auf eines alle überlebt haben. Nicht eben selbstverständlich, wenn man weiß, dass sie alle in einer Höhle aufwuchsen und meist mit wilden Früchten, Beeren und Wurzeln ernährt wurden. Von der Möglichkeit der Schwangerschaftsverhütung erfuhr sie erst kürzlich. Die meisten ihrer Kinder leben – der Not und dem an chronischer Geldnot leidenden Vater gehorchend – als Hausdiener an verschiedenen Orten oder arbeiten in Fabriken. Unnötig zu erwähnen, dass weder Mutter noch Kinder je eine Schule besucht haben. Mithilfe des Zeitungsartikels bekommt wenigstens die Mutter nun Papiere und hat damit eine Chance auf die magere Unterstützung, die der Staat mittellosen kinderreichen Familien gewährt.

Dann stand heute die Geschichte über die Hexen aus Nawalparasi in der Kathmandu Post. Dort haben nach dem Bericht einer Menschrechtsorganisation die Leute vor einer Weile damit begonnen, an einem angeblich Wunderheilungen bewirkenden Grab zu beten. Beim heilkräftigen Gebet am Grab fielen die Heilungssuchenden regelmäßig in Trance und nannten dann die Namen von Frauen aus der Umgebung, die sich als Hexen betätigen würden. Der Mob blieb nicht lange passiv, über 200 Frauen wurden der Hexerei verdächtigt und mindestens drei von ihnen gefoltert, damit sie ihr schändliches Tun gestanden. Ob Hexen auch hier in Nepal auf Besen über den Himmel reiten ist unklar, Aberglauben, Dummheit und Frauenhass sind aber eindeutig weltumspannende Phänomene.

Tatsache ist, dass in vielen Bereichen des täglichen Lebens das Mittelalter, so wie wir es aus Filmen und Geschichtsbüchern kennen, noch quicklebendig ist. Frisch entbundene Frauen dürfen in manchen Dörfern sieben Tage lang nicht essen oder trinken (und sterben deshalb nicht selten), Nabelwunden neugeborener Babys werden zur besseren Heilung mit Kuhmist eingerieben, menstruierende Frauen lässt man nicht die Tempel betreten und schlägt selbst in der City das Segenszeichen, wenn der Strom wieder fließt und das Licht wieder angeht. Jeder ordentliche Hindu wird jetzt am Freitag oder Samstag zu Dashain eine Ziege opfern und mit dem frischen Blut zumindest Haus, Auto, Moped segnen.

In diesem Umfeld fällt es mir manchmal schwer, an den nachhaltigen Erfolg all jener Entwicklungsbemühungen zu glauben, die mit den Geldern der internationalen Geber und natürlich auch unserer Spender aus Dortmund und anderswo finanziert werden. Man darf nicht verzweifeln, auch wenn der so genannte Fortschritt hier nur im Schneckentempo durchs Land kriecht. Bitter ist nur, dass sich Coolness, Kohlegeilheit und Kommerzstreben in einer Geschwindigkeit verbreiten, die nur den Vergleich mit einem Buschfeuer zulassen. Hier in der City sehe ich täglich mehr abgebrühte Visagen, unechte Designersonnenbrillen, albernes Schickimickigehabe, klafft die berühmte Schere zwischen arm und reich schmerzhaft weit auseinander.

Aus den Sattelitenkanälen brüllt die Blödheit der weltweit immergleichen Serien, es gibt auch hier Big Brother und Nepal sucht den Superstar, der Dreck amerikanischer Billigproduktionen wetteifert mit indischen Catcher-Shows und den unerträglich süßlichen nepalesischen Musikvideos, die immer nach dem gleichen Muster gestrickt sind. Boy meets girl, man tanzt, balzt und schmachtet sich an, sie weist ihn zurück oder umgekehrt, man balzt weiter, tanzt und singt dabei wie irr, und kriegt sich am Schluss. Die Bollywoodstars und Starlets lassen sich Botox spritzen und natürlich auch Lippen, Bauch, Nase, Arsch und Titten chirurgisch optimieren. Um den in Darjeeling (Indien) lebenden nepalesischen Kandidaten der indischen Staffel von DSDS auf den Thron zu hieven, haben die Nepalesen neulich 70 Millionen Rupien für einen SMS-Großangriff ausgegeben, das war knapp eine Million Euro oder das Jahresgehalt für 700 hiesige Lehrer. Als dann ein indischer Radio-DJ eine abfällige Bemerkung über die Nepalesen machte, gab es in Darjeeling Brandanschläge und Plünderungen indischer Läden.

Im Januar waren im Tiefland des Terai gerade mal zwei militante Gruppen bekannt und aktiv, heute sind es 22, die alle den angeblichen Freiheitskampf der Tiefländler gegen die verhassten Hügelweltbewohner kämpfen. Ultralinke, Warlords, Gangstersyndikate – jeder setzt seine noch so idiotischen Ideen und Forderungen mit Gewalt durch und zettelt bei Bedarf ein Progrömchen an. In zwei Wochen werde ich selbst dorthin reisen, um in Bara den Fortschritt beim Schulbau in einer Dorfgemeinde zu besichtigen. Wenn man mich bedrohen sollte, kann ich – von Abstammung Nordfriese und in Hamburg, also im Tiefland geboren – wohl auf Gnade hoffen. Käme ich aus Oberbayern wäre mein Schicksal offen.

Nach dem Motto „Always look at the bright side of life“ will ich hier zum Schluss kommen. Ich hätte nie gedacht, dass der Anblick einiger durch regelmäßige peristaltische Bewegungen wohlgeformter brauner Köttel, die sanft in der Keramikschüssel treiben, derart mein Herz wärmen könnte. Ende gut, alles gut!

Ein Kommentar zu “Beschissene Welt”

  1. T@cky

    Hi Johannis,

    oha, die Ruhr in Kombination mit einer Sinnkrise, na da hat es dich aber ordentlich erwischt. Schön, dass du wenigstens das physische Leiden überwunden hast.
    Dein Idealismus wird sicherlich täglich auf eine harte Probe gestellt, aber Aufgeben kommt doch wohl nicht in Farge, oder?
    Auch ein Tropfen auf heißen Stein bringt doch zumindest ein Projekt oder einen Bedürftigen weiter nach vorne. Also weiter so! Man muss auch mal den Blick vom Ganzen lösen und sich an kleinen Erfolgen laben.

    In diesem Sinne wünsche ich dir noch einen schönen und erfolgreichen Aufenthalt

    T@cky

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