Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog


Plakat




Tacky's Support

Belangloser Nachschlag

Geschrieben von Johannis am 28. November 2008 um 10:29 Uhr

Vorsuppe: Als ich am Mittwoch den zweiten Text auf dieser Seite verfasste, wusste außer den Tätern noch niemand von den Plänen zu dem brutalen Anschlag in Mumbai. Heute, am Freitag gegen elf Uhr Ortszeit sind mindestens 124 Menschen tot, darunter viele Polizisten und auch einige Ausländer. Im Hotel Trident stecken immer noch über einhundert Menschen fest, im Haus sind Terroristen und drum herum ist alles voll mit Polizei und Scharfschützen. Über 350 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt, die Stadt Mumbai ist seit Mittwochnacht im Belagerungszustand.

Die TV-Sender präsentieren der Welt ein blutiges Terrorspektakel in Echtzeit, das schon mehr als 36 Stunden andauert. Ich bin froh, keine Glotze auf dem Zimmer zu haben, aus der sonst ständig Kummer rieseln würde, hab mir aber heute früh alle vier lokal verfügbaren Zeitungen gekauft. Ich betrachte die Bilder und raschele im druckfrischen Blätterwald mit einer Mischung aus bockiger Distanziertheit – denn Mumbai ist nur 600 km weit und ich habe verdammtnochmal ein Recht auf unbeschwerten Urlaub – und dem traurigen Wissen, dass solche Wahnsinnsakte seit Jahren geschehen und auf unbestimmte Zeit zum globalen Alltag gehören werden.

Bizarrerweise lese ich seit zwei Wochen den autobiographischen Roman „Shantaram“ des Australiers Gregory David Roberts, 932 sehr empfehlenswerte Seiten. Er spielt zu großen Teilen in ebenjenem Stadtteil, der nun von den Terroristen überfallen wurde. Orte wie das Cafè Leopold und das Taj Hotel, aber auch Chowpatty oder der Bahnhof sind mir aus der Erzählung sehr vertraut. In acht Tagen ist mein Urlaub um, dann werde ich Mumbai zum ersten Mal besuchen, allerdings nur die beiden Flughafen-Terminals auf dem Heimweg. Schiebe jetzt sorgenvolle Gedanken an die Geiseln im Hotel Trident beiseite, überarbeite den ursprünglichen Text noch einmal und setze ihn dann auf die Seite.

Hauptgericht: Mein Vorhaben, den werten LeserInnen noch ein paar schöne Bilder aus dem Arbeitsleben der goanischen Fischer zu präsentieren, wird durch deren wenig kooperatives Verhalten vereitelt. Seit Tagen immer dasselbe Spiel – ich muss nur am Strand auftauchen, schon haben die Männer mit den jeweils zehn Stinkefingern immens wichtiges Zeug zu erledigen. Karten spielen, den Sonnenstand überwachen, den Rekordfang vom 16. April 1987 diskutieren – nur nicht hinausfahren und vor allem fotogen ihre Netze samt zappelnder Fische einbringen.

Eine Crew konnte ich dabei fotografieren, wie sie – kaum meiner ansichtig geworden – plötzlich den Kurs wechselten und stramm nach Süden ruderten, angeblich weil da der Strand nicht so sandig sei. Vertrauenswürdige ausländische Informanten versichern mir, dass die ortsansässigen Bootskapitäne ihren Fang neuerdings grundsätzlich während meiner strandfreien Zeit – also wenn ich am Computer sitze und für euch schreibe – einbringen, um der Dokumentation zu entgehen. Dies ist natürlich nicht hinnehmbar und seit gestern lasse ich meine Strandzeit von einem Zufallsgenerator bestimmen. Vergangene Nacht in der Zeit von 1:49 Uhr bis 5:12 Uhr war es leider sehr ruhig am Ufersaum. Aber ich kriege diese verschlagenen Hunde und dann auch die Bilder für euch.

Nachtrag von Freitag: Bei einem unangekündigten Blitzbesuch konnte ich eine handvoll Fischer stellen, die heimlich und ohne das vorgeschriebene Boot zu benutzen ein Netz ausgebracht hatten. Ihre Hoffnung, den Fang noch vor meinem Eintreffen verschwinden zu lassen, trog sie, wie diese Bilder zeigen. Plumpes Leugnen („Häh, Fischen? Wer, wir? Nöööhh!“), während sich im Hintergrund jemand mit einem Korb voller Fische in die Wellen verdrückt, half ebenso wenig wie Verniedlichung („Ach, sind doch nur ein paar ganz kleine!“). Schließlich rückten alle die versteckten Schuppentiere raus und am Schluss wurde sogar brüderlich geteilt. Ich hab natürlich verzichtet.

Delphintechnisch war diese Saison mit insgesamt vier Sichtungen am Papillon Beach Shack bisher sehr ergiebig, offenbar profitieren die scheuen Tiere vom Credit Crunch und seinen Folgen. Weniger Touristen, weniger Boots- und Jetskifahrten, weniger Lärm – mehr Meeressäuger. Zwei waren es vorgestern, aber sie sind nicht so leicht zu fotografieren, weil eben meist unter Wasser. Trotzdem, wer Beweise fordert – ich hab auch noch ein schlechtes Foto, wo beide Rückenflossen drauf sind.

Die Maler, deren filigranes Bambusgerüst seit einigen Tagen meine Aussicht vervollkommnet (und gestern beim Umsetzen fast zusammengekracht wäre), und die meinen langweiligen Alltag durch akrobatisches Herumkraxeln auf dem Gerüst sowie ausgiebige und wortreiche Besuche meines und der um- und drüberliegenden Balkone bereichern, werden die Fassade wohl noch vor meiner Abreise zu Ende streichen können.

Mein Deckenventilator musste ausgetauscht werden, weil der Motor schlappgemacht hatte. Aber die angenehmere Jahreszeit hat anscheinend endlich begonnen, denn etwas kühlere Luft umwehte diesen Ort in den letzten beiden Tagen. Und nachdem man mir zweimal schrottige Motorroller aufgeschwatzt hatte, steht nun nach Anbieterwechsel vor meiner Tür ein brandneues Model Honda Activa mit gerade mal 84 Kilometern auf dem Tacho und harrt auf den Zündschlüssel. Den soll es auch gleich kriegen.

Ansonsten steht das Thema für den nächsten Beitrag aus der Serie „From the Goan Pots“ bereits fest, die Recherche ist fast abgeschlossen, Bilder sind schon ausgewählt. Das nur als Teaser, um die LeserInnen bei der ominösen Stange zu halten. Bis bald also.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Kommentar schreiben