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Bekenntnis

Geschrieben von Johannis am 17. September 2008 um 16:28 Uhr

Drei bis sieben der bekanntlich handverlesenen Stammbesucher dieses Blogs haben sich offenbar gewundert, weil hier seit einem Monat Totenstille herrscht. Mehr noch – einzelne haben mir ihre Verwunderung sogar kund getan. Dafür Danke!

Was ist also los? Anstatt zum Jubiläum – ja, ein volles Jahr dauert die seltsame Symbiose zwischen dem nachdenklichen Kassandrus und dem saufrechen Perlenschwein bereits – ein Feuerwerk guter Ideen abzubrennen, kommt nix. Wieso bloß? Exakt 123 Beiträge habe ich in diesem ersten Jahr geschrieben, und manche gefallen mir sogar heute noch. Warum denn jetzt der harsche Bruch?

Ich könnte nun den noch unveröffentlichten Beitrag über die Midlife-Crisis einstellen, ein paar halbwahre Begründungen drantackern und mich hinter ach-so-übermächtiger Arbeitslast verschanzen. Aber ich habe in den letzten Wochen kaum geschrieben, eigentlich gar nichts. Und daran ist nicht nur mein 50. Geburtstag schuld, der wie ein Paar Joggingschuhe mit reichlich frischer Hundkacke in den Rillen der Profilsohlen müffelnd auf der Matte steht, also direkt vor der Tür.

Gut, derartige Marksteine menschlicher Existenz werfen oftmals unangenehm dräuende Schatten, sind ähnlich erfreulich wie die aktuell verfrühte Herbstkälte. Gegen Letztere hilft zumindest die Gastherme oder eben ein steifer Grog mit reichlich Rum, runde Geburtstage sind lästiger. Man wirft Blicke zurück und auch voraus ins Leben, bedenkt Fehler und Erfolge und fragt sich – vielleicht – nach dem Sinn. Natürlich könnte ich euch weiterhin mit mehr oder weniger humorigen Texten über meine Nachbarn, Ausfälle gegen die omnipräsenten Alltagsidioten oder Berichten zu den Merkwürdigkeiten der Neuzeit versorgen.

Manch Leser fände ein paar Minuten Ablenkung, fühlte sich unterhalten, wäre wohl zufrieden. Aber mich stellt das nicht zufrieden, in mir gärt eine ganz unbekömmliche Mischung aus Sorge, Wut, Ohnmacht und Ekel. Derweil dreht sich dieser geschundene Planet täglich einmal um seine schräge Achse, zieht seine Bahn durchs All, kreist weiter lautlos um sein Fixgestirn. Polkappen schmelzen im Licht dieser Sonne sanft dahin, Hurrikane wirbeln übers lauwarme Meer, Aktienindizes steigen oder fallen, Menschen verhungern oder kaufen sich ein größeres Auto, alles geht seinen ganz normalen Gang.

Und genau das verschlägt mir die Sprache: die Dummheit, Trägheit, Ignoranz, mit der wir angeblich vernunftbegabten Wesen uns lemminggleich in ein Schicksal fügen, das nur für die ganz und gar Verblendeten rosig erscheinen kann. Man müsste schreien, weltweit alle Glocken läuten, sich wenigstens die Haare ausraufen und mit allerhöchster Dringlichkeit nach Lösungen suchen. Alarmieren, Allianzen schmieden, Gewohnheiten radikal ändern, unbedingt handeln. Statt dessen fröhlich-satte Indifferenz, unterschwellige Besorgnis und die immerwährende Hoffnung, es werde schon irgendwie gut gehen.

Wird es aber nicht. Wer lesen kann und Ohren hat, wer sich mehr als Kochsendungen, Pornofilme und die Sportschau anschaut, weiß doch wohl Bescheid. Es geht um die Wurst, um unsere Zukunft, ums Überleben. Nicht nur der Menschheit, denn zigtausend andere Arten sitzen schuldlos mit im selben leckgeschlagenen Boot. Und wie die Clandestini auf dem Weg von Afrika nach Lampedusa schippern wir alle in blindem Vertrauen einer vermeintlich besseren Zukunft entgegen, tatsächlich aber ins sichere Verderben.

Und weil es genug Ablenkung, Zerstreuung, Beschwichtigung gibt, weil fast alle gleichgültig, blöd oder eben feige schweigen, genau deshalb ist mir die Lust am fröhlichen Bloggen vergangen. Mal sehen, ob mir ein anderer Ansatz gelingt.

Wenn nicht, ist wenig verloren – schließlich warten unzählige Seiten darauf, euch abzulenken und zu unterhalten. Also alles im Lot auf dem sinkenden Boot.

Ahoi.

 

11 Kommentare zu “Bekenntnis”

  1. buchstaeblich

    Wenigstens hast Du einen gescheiten Grund für deine Schaffenspause. Zu mir kommen die Biester meist unangemeldet und ohne eigentlichen Anlass.

  2. Sylvia

    Ich schließ mich an und nenne als Hauptgrund die Ohnmacht, die verzweifelt versucht mich von der Macht fernzuhalten.
    Fühlt sich ruhig an, irgendwie kraftlos, mal gucken, ob ich mich daran gewöhnen kann.
    Wenn nicht, Macht es ja nichts.

  3. Johannis

    Ich dachte eigentlich, ihr könntet lesen, Mädels. Hier ist das Kommentieren verboten, steht doch groß dran. Aber ich will mich ausnahmsweise mal von meiner menschenfreundlichen Seite zeigen (die ist in etwa so ausgeprägt wie der Kuschelfaktor bei einem altersschwachen, räudigen Stachelschwein) und mich sogar zu einer Art von Antwort herablassen. Denkt aber nicht, dass dies hier nun die Regel würde.

    @ Buchstaeblich: Einen gescheiten Grund würde ich das nicht nennen, schlecht drauf wegen eines überstandenen halben Jahrhunderts. Akzeptabel schon eher.

    @Sylvia: Ziemlich kryptisch, dein Kommentar. Worüber hättest du gern Macht, oder wogegen? Und warum willst du dich an Ohnmacht gewöhnen? Sollten wir nicht lieber schleunigst eine Revolution der Vernunft anzetteln?

  4. Lorenz Meyer

    Am 12. September das:
    http://de.wikipedia.org/wiki/David_Foster_Wallace
    und nun Deine Andeutungen, die nichts Gutes erahnen lassen…

    Bischen viel an Verlust für die Literaturszene in einem Monat, findest Du nicht auch?

  5. Sylvia

    @Johannis: Ich hasse Vernunft, sie beschneidet meine Lebendigkeit, meine Spontanität überlebt ihre Zensur oft nicht. Irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, dass man Vernunft & Richtigkeit zu einem Paar zusammengespannt hat, dies aber nur ein Versehen war. Zur Macht: Ich hätte gerne die Macht, sie selbst als These & Antithese verschwinden zu lassen. Aus und weg. Keine Macht, keine Ohnmacht – fühlt sich doch gut an, oder ?

  6. Sven

    http://www.eulennetzwerk.de/2008/09/21/trackback-johannis/

  7. Eulen Blog (°v°) » Blog Archive » Trackback Johannis,

    [...] letzer Beitrag  öffnete für mich ein [...]

  8. Johannis

    @ alle werten und ungebetenen Kommentatoren:

    Da ich aktuell undercover in Oberbayern das kommende Wahldebakel der Herren Beckstein und Huber vorbereite, und zwischen Kinderbespaßen und Kirschstreuselkuchen wenig Zeit finde, um an den PCs meiner Gastgeber rumzusitzen, bitte ich um etwas Geduld. Spätestens am Montagabend bin ich wieder in NRW und kümmere mich dann nötigenfalls um euch. Bis dahin wünsche ich “Gute Fahrt mit zwei Mass Bier!”

    Fast freundliche Grüße von Johannis

  9. Kulturbanause

    Ach Gott, und ich fühl mich auch schon ganz schlecht ;-) .

  10. Johannis

    @Lorenz: Sehr schmeichelhaft, aber nicht angemessen, die Verbindung zwischen Herrn Wallace und meiner Wenigkeit. Noch habe ich den Strick nicht gekauft, Erhängen gehört eh nicht zu den von mir favorisierten Formen des vorzeitigen Abgangs.

    @Sylvia: Vernunft kommt von ‘vernehmen’. Auch die innere Stimme will vernommen werden, ihr zu folgen ist oftmals vernünftig. Unvernunft ist einer der Hauptursachen für den alltäglich ausufernden Wahnsinn – oder würde ein vernünftiger Mensch auf die Idee kommen, Babynahrung mit Chemikalien zu verschneiden, um Profite zu maximieren? Wohl kaum.

    @Eule: Danke für die Aufnahme in die Bloglist. Schade, dass du so kryptisch kommentierst, wir würden sicher gern wissen, was ein [...] ist.

    @Kulturbanause: Hoffentlich nur wegen zuviel Bier. Wenn du mich wegen meiner apokalyptischen Sorgen verscheißern willst, solltest du dich zu Recht schlecht fühlen. Not funny!

  11. Gruebel

    Einer meiner Lieblings-Beiträge! Absolut deprimierend und leider viel zu wahr. Passend zum Zitat von Arthur Schopenhauer: Als Zweck unseres Daseins ist in der Tat nichts anderes anzugeben als die Erkenntnis, dass wir besser nicht da wären.

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