Asozialitätsindikator
Geschrieben von Johannis am 3. Februar 2010 um 08:58 Uhr
Ich liebe die deutsche Sprache, weil man mit ihr wundervoll neue Begriffe formen kann. Mein Lieblingswort der Woche ist das Hindukuschelkissen. Ursprünglich als Einschlafhilfe für jene uniformierten Männer und Frauen gedacht, die am Hindukusch mutig Tag für Tag unsere unverzichtbare Freiheit verteidigen, wird es jetzt kuschelig mit extraweichen Dollar- und Euroscheinen ausgestopft an kriegsmüde Taliban verteilt. Denn wer schläft, sündigt nicht.
Mein zweitliebstes Wort der Woche ist der Asozialitätsindikator. Er zeigt an, wie sehr einem Mitbürger der Rest dieser Welt am Arsch vorbei geht. Im drittschlimmsten aller Nachkriegskrisenwinter sind die städtischen Bürgersteige optimale Asozialitätsindikatoren. Militante Rentner und Menschen mit chronischen Schlafstörungen räumen auch am Wochenende deutlich vor 7 Uhr den Schnee vorm Haus weg und pökeln die Gehwege in der Breite penibel von der Hauswand bis zum Kantstein. In der Länge exakt bis zu den Grenzlinien der Nachbargrundstücke, bei Reihenhäusern und Häuserblocks bis zum Fallrohr der Regenrinne, welches üblicherweise die Grenze zur nächsten Hausnummer anzeigt.
Normalos schippen und fegen irgendwann nach dem Frühstück eine meterbreite Schneise ins Weiße und verzichten meist ökologisch korrekt auf Salz. Die Asis hingegen lassen Frau Holles Hinterlassenschaften einfach solange liegen, bis das Zeug sich festgetreten hat und durch gelbe Warnstreifen aus Hundepisse farblich markiert wurde. Gehen Sie mal vor die Tür und werfen Sie einen Blick die Straße entlang, schon können Sie die Sozialisation Ihrer Mitmenschen recht gut einschätzen. Vorausgesetzt, bei Ihnen liegt noch Schnee.
So weit, so gut. Wenn nur das mit den Stockwerken nicht wäre. Zuständig für den Winterdienst vor mehrstöckigen Mietshäusern sind nämlich die Bewohner des Erdgeschosses. In unserem Haus sind das drei Dumpfbacken, denen es total schnurz ist, ob sich wackelige Ömchens draußen reihenweise die Oberschenkelhälse oder sogar gleich das Genick brechen. Keiner von denen fasst Schneeschieber oder Besen auch nur ins Auge, geschweige denn an. Also verrät der Gehweg allen Passanten, dass in diesem Haus asoziale und extrem rücksichtslose Saftsäcke wohnen, die wahrscheinlich den ganzen Tag vor der Glotze hocken, sich Pornos reinziehen und nur vor die Tür gehen, wenn nix mehr zu saufen im Haus ist. Aber unser Gehsteig lügt, weil Letzteres für die Bewohner des ersten und zweiten Stockwerks absolut nicht zutrifft.
So bleibt mir und fünf anderen Mietern an diesen endlos elendweißen Tagen nur die Wahl zwischen sozialer Stigmatisierung oder widerwilligem Schneeschippen. Zähneknirschend schaufeln wir uns also durch die kristallinen Ausläufer der Voralpen, wohlwissend, dass die faulen Schweine aus dem Erdgeschoss hinterm Fenster stehen, uns durch Brandlöcher in ihren schmuddeligen Vorhängen beobachten und feixen, weil wir Doofies ihre Arbeit erledigen. Tja. Shit happens.
Schöne Asozialitätsindikatoren sind auch in zweiter Reihe geparkte Autos. Diese Sitte hat sich in der verkehrsberuhigten Zone, die ich zusammen mit vielen und nach Einbruch der Dunkelheit offenbar schwer gehbehinderten Menschen bewohne, eingebürgert und wird von den Behörden toleriert. Man parkt eben direkt vor der Haustür, egal ob dort Platz ist. Dumm nur, wenn am Sonntagmorgen der Schneepflug die Straße pflügen will und solange hupt, bis der verstrubbelte Falschparker in Jogginghose auf die Straße stolpert und seine Karre an die Seite fährt. Man kann bloß hoffen, dass er vom feuchtfröhlichen Vorabend einen kürbisdicken Kopf hat und, einmal wach und gestresst, hinterher nicht wieder einschlafen kann. Aber das ist wohl Wunschdenken. Obwohl – es gibt ja immer noch Leute, die besoffen Auto fahren. Wenn der Ignoranzquotient hoch genug ist.
Genug für heute, ich muss raus. Hat mal wieder geschneit.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«


