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Asoziale Pottsäue

Geschrieben von Johannis am 5. Oktober 2011 um 09:34 Uhr

Ich finde die Scharia gut. Klare Regeln, eindeutige Konsequenzen. Gut, ein paar Leser werden einwenden, dass man Frauen bei Verdacht auf Ehebruch nicht unbedingt steinigen muss, sondern sie auch anders bestrafen könnte. Geschmackssache. Auf jeden Fall würde es bei den zweifach vorbestraften Langfingern kaum Wiederholungstäter geben, wenn jeder Diebstahl konsequent mit dem Abhacken einer Hand bestraft würde. Außerdem bekäme das Wort Langfinger gleich ein ganz andere Bedeutung. Klingt dann irgendwie ironisch. Wer auch mit zwei Unterarmprothesen noch klaut, kann meinetwegen ebenfalls zur Steinigung freigegeben werden, aber bitte mit gebrauchten Steinen. Welcher anständige Mann lässt sich schon gern mit Felsbrocken totschmeißen, an denen das Blut von Ehebrecherinnen klebt? Richtig gut gefällt mir übrigens das öffentliche Auspeitschen, es sollte unbedingt ins deutsche Rechtssystem übernommen werden.

Im Grunde meines Herzens bin ich übrigens ein verträglicher und sogar etwas altmodischer Mensch. Ich helfe Fremden bereitwillig, verleihe Geld, mein Auto und sogar den Werkzeugkasten an Freunde, und stelle mich nach einem Wohnortwechsel bei den Nachbarn vor. Frisch zugezogene Hausbewohner begrüße ich frühzeitig, oft schon während sie ihre neuen vier Wände tapezieren, heiße sie willkommen und biete für Notfälle meine Hilfe an. Manche Leute sind dann irritiert, ein Nachbar (mit dem mich seit Jahren eine recht belastbare Freundschaft verbindet) hielt mich sogar anfänglich für schwul und dachte, ich hätte Appetit auf ihn. (Aber ich bin weder schwul noch blind, und leide auch nicht an Geschmacksverirrungen. Mal sehen, ob unsere Freundschaft diesen Satz übersteht.) Dank meiner Eltern habe ich Manieren und hing lange dem Irrglauben an, dass Freundlichkeit und Rücksichtnahme ein integraler Bestandteil menschliches Zusammenleben sein sollten. Ist natürlich Quatsch. Heutzutage zählt nur Ellenbogeneinsatz und man scheißt in hohem Bogen auf die dämlichen Mitmenschen.

Vor Jahrzehnten in Bremen – ich war selbst mit dem Tapezieren meiner neuen Wohnung beschäftigt – klingelte es plötzlich an der Tür und eine erstaunlich attraktive Polin stand an jener Stelle, wo später meine Fußmatte liegen sollte. Sie hatte mich renovieren hören, lud den neuen und ihr unbekannten Nachbarn ohne viel Federlesen zu sich ein, verköstigte ihn mit Gänsebraten und Rotwein, und einige Wochen später durfte ich sogar ein paar angenehme Nächte in ihrem Bett verbringen. Warum daraus keine feste Beziehung entstand, habe ich vergessen, wurde aber nie zuvor und nie danach auf so angenehm unkomplizierte und herzlich-nachbarschaftliche Art willkommen geheißen. Doch zurück zur Scharia. Früher gab es in jeder Stadt einen Pranger oder Schandpfahl – äußerst segensreiche Erfindungen des Mittelalters, die leider verfrüht in Vergessenheit gerieten. Ich liebe den Anblick der klobigen Nackenfessel und vermisse das Klirren schmiedeeiserner Ketten. Heute gibt es nur noch blöde Mobbing-Webseiten. Mist! Das muss sich dringend ändern, und ich werde meinen Teil dazu beitragen. Beispielhaft sind Aktionen von Bürgern in Griechenland, Portugal oder Spanien, die sich vor gewissen Ministerien aufbauen und stundenlang nur ein Wort rufen: „Diebe!“ Schön finde ich auch, dass manche Inkassobüros säumige Schuldner von befrackten oder sonstwie verkleideten Mitarbeitern begleiten lassen, die jedermann zeigen, was für ein mieses zahlungsunwilliges Arschloch da herumläuft. Aber in Zeiten des Web 2.0 man sollte ruhig noch einen Schritt weitergehen, und das werde ich nun tun.

Nehmen wir zuerst Nadja Bobrova. Die junge Frau zog vor etwa vier Jahren in unser Mietshaus, das neun Parteien ein warmes Dach über dem Kopf bietet. Auch sie wurde damals von mir freundlich begrüßt und willkommen geheißen, was ich aber schon bald bereuen sollte. Spießbürgerliche Sitten wie der Treppenhausputz (nur ihr Stockwerk, alle drei Wochen, 16 Stufen, Nettozeitaufwand maximal 15 Minuten) waren ihr fremd, dafür feierte sie gern mitternächtliche Wannenparties, bei denen der Sekt in Strömen floss und die gute Laune hohe Wellen schlug. Allerdings nur in ihrer Wohnung, denn unser Altbau aus dem Jahre 1928 leitet Schall exzellent und wir durften alle ungewollt teilhaben am Gekreische und an Geräuschen, die ich nicht näher beschreiben mag (jeder weiß doch wohl, wie ein nackter Hintern klingt, der unter Wasser in einer emaillierten Badewanne herumrutscht). Schön waren auch ihre Mittwochstreffs, bei denen sich ein paar Freundinnen erst stundenlang gemeinsam aufbrezelten und in gehobene Laune tranken (Vorglühen nennt man das ja heute), um dann gegen ein Uhr morgens vom obersten Stockwerk zum Taxi zu herabzustöckeln, die metallenen Absätze ihrer Pumps im schleppenden Rhythmus eines mittelschwer angeschickerten Torkelgangs auf das duldsame Terrazzo zu knallen und dabei zu gackern wie hirnlose Hühner.

Morgens um fünf kamen dann einige der Möchtegerndamen zusammen mit Nadja heim, und wankten weinselig schweren Schrittes die Treppe hinauf, wobei sie lautstark die Erlebnisse aus diversen Diskotheken diskutierten. Falls die Nachtschwärmerinnen nicht stattdessen vor der Haustür einen langen Kriegsrat hielten und dabei die Nachbarschaft mit schrillem Gekreische beschallten. (Alle Schlafzimmer grenzen bei uns ans Treppenhaus, meins befindet sich zusätzlich über dem Hauseingang. Das nur zum besseren Verständnis meiner Hasstiraden.) Um es kurz zu machen – Nadja ist eine Nervensäge, die auch wiederholte höfliche Bitten um nächtliche Rücksichtnahme kaum beeindrucken konnten. Letzte Woche ist sie ausgezogen, und das ist gut so. Im Prinzip. Denn unser kürzlich renoviertes Treppenhaus sieht nun wieder fast so aus wie vor dem Anrücken der Malerkolonne. Man kann von Glück sagen, dass Nadjas Umzugshelfer keine Fenster rausgedrückt haben, sondern es bei diversen Löchern im Putz, Farbabschürfungen auf dem Geländer und etlichen anderen Spuren beließen, die man üblicherweise nur in Sendungen über Mietnomaden zu sehen bekommt. Oder bei Berichten von Bürgerkriegsschauplätzen der Dritten Welt.

Baff war ich allerdings, als ich gestern den Deckel des Altpapiercontainers vorm Haus öffnete, um einen Schwung Süddeutsche und DIE ZEIT zu entsorgen. Dort hatten Nadjas Freunde alles verklappt, was ihnen lästig war und die 1000-Liter-Tonne zu einem Drittel mit leeren Farbeimern und Flaschen, vollgeklecksten Fußleisten, Farbrollen, Pinseln und einem Riesensack Raufasertapetenschnipseln in himbeerrosa gefüllt. Schöne Aktion! In ihrem Facebook-Profil erfährt man, dass Nadja Bobrova bei der Westfälischen Rundschau arbeitet, einer kaum lesenswerten Lokalzeitung. Trotz ihrer journalistischen Arbeit sind die Prinzipen der deutschen Mülltrennung der jungen Frau offenbar ebenso wenig vertraut wie die Grundlagen gutnachbarlichen Zusammenlebens. Ich hoffe daher, dass sie eitel ist und gelegentlich ihren Namen googelt. Wegen meines guten Pageranks sollte sie dann schnell auf diesen Artikel stoßen und wird sich hoffentlich in Grund und Boden schämen. Leider kann ich ihr kein Halseisen überstreifen, wie sie es verdient hätte.

Da dieser Text bereits Überlänge hat, widme ich mich der Familie Gültekin aus Haus Nummer zwölf nur kurz. Dort wird beispielsweise der abgemeldete und schrottreife VW Golf wochenlang vorm Haus geparkt und der ausgediente kühlschrankgroße Farbfernseher auf den Gehweg geschmissen (die Müllabfuhr wird’s schon richten, der Recyclinghof ist ja schließlich zwei unüberwindliche Kilometer weit weg. Die Verpackung des neuen gigantischen Plasmafernsehers landet konsequenterweise vorm Altpapiercontainer, weil der ganze Karton natürlich nicht durch die Schlitze passt und man Pappe bekanntlich nicht zerreißen kann.) Der grotesk übergewichtige und potthässliche Patriarch brüllt übrigens regelmäßig den halben Straßenzug (ich möchte betonen, dass es sich eigentlich um eine gutbürgerliche Innenstadtlage handelt) aus Tiefschlaf oder sonntäglicher Besinnlichkeit, wenn er seine Frau oder die ebenfalls potthässlichen und total verfetteten Kinder beschimpft.

Leider verstehe ich kein Türkisch, aber der Hass dieses fetten Cholerikers ist auch ohne Sprachkenntnisse offenkundig. Mehrmals wollte ich schon die Polizei rufen, um ein Blutbad zu verhindern, aber dann siegte immer meine Hoffnung, dass die verfluchte Sippe sich gegenseitig dahinmeucheln und danach endlich nachbarschaftliche Ruhe einkehren könnte. Bisher hoffte ich leider vergebens. Wenn dann der Tatortreiniger seinen Job erledigt hat, würde ich sogar gern die Wohnung beziehen, denn sie hat ein schönes Erkerzimmer und verfügt über einen großen Balkon. Neulich – die Lebensabschnittsgefährtin ist leider Frischluftfanatikerin und schläft nur bei offenem Fenster – brüllte Herr Gültekin mal wieder durch die Nacht, wobei seine Stimmlage dem Grunzen brünstiger Seeelefanten gleicht, wenn so ein schwabbeliger Koloss sein mächtiges Glied in eines der besorgniserregend kleinen Weibchen bohrt. Es war fast drei Uhr morgens, das Fenster auf Kipp, und der walrossgleiche Nachbar rastete leider direkt vor meiner Haustür aus. Die Familie war wohl auf dem Rückweg von einer Festivität. Zwangsheirat oder so. Es wurde geflucht, gehauen und gestritten, dass die berühmten Kesselflicker vor Scham in Grund und Boden versunken wären. In solchen Momenten sehne ich einen Polizeieinsatz mit finalem Rettungsschuss herbei, aber bitte mit Schalldämpfer. Ersatzweise würde ich gern eine Eierhandgrante werfen. Nur mit Mühe konnte mich die Lebensabschnittsgefährtin davon abhalten, das Fenster aufzureißen und dem Widerling die Meinung zu sagen. Sinngemäß hätte ich ihm mitgeteilt, dass er die verfickte Fresse halten und sich nachhause scheren soll, bevor ich ihm mit Molotowcocktails Feuer unter seinem fetten Arsch mache.

Abrunden will ich diesen Beitrag mit der Erwähnung einer Frau mittleren Alters, die neulich direkt vorm Haus ihren räudigen Schäferhund auf die Straße kacken ließ. Meine in höflichem Tonfall vorgetragene Bitte, sie möge doch bitte die Hinterlassenschaften ihres hässlichen Köters (hässlicher Köter hab ich nicht gesagt, aber wer wie Adolf Hitler einen Schäferhund besitzt, ist mir gleich doppelt unsympathisch) mit sich nehmen und sozialverträglich entsorgen, quittierte sie mit einem derart hasserfüllten Blick, dass die Lebensabschnittsgefährtin und ich sie nur zum Spaß eine Weile durch die Straßen verfolgten. Weil wir eh grad in die City spazieren wollten. Wobei ich unterwegs zum Schein vom Handy aus telefonierte, mit dem Ordnungsamt natürlich.

Währenddessen erinnerte ich mich an die schöne Sitte des Bürgerarrests. Jedermann darf bekanntlich einen Rechtsbrecher vorläufig festnehmen und danach der Obrigkeit übergeben. Das wär’s doch: Leute, die ihre Hunde in die Gegend kacken lassen, kurz verwarnen, und wenn sie dann nicht spuren und sofort reuig ein Beutelchen für die Produkte des inkontinenten Bellos aus der Tasche fischen, zückt man den Elektroschocker. Einmal an den Hals gesetzt und abgedrückt, tut die Hochspannung ihr segensreiches Werk und man kann den paralysierten Übeltäter mit Kabelbindern fesseln und die Polizei rufen. Ich wette, schon bald traut sich kein kackdreister Köterist ohne Plastikbeutel auf die Straße. Wer dennoch wiederholt irgendwo Scheiße hinterlässt, wird gesteinigt. Mit hartgetrockneten Hundekötteln. Obwohl – die sind nicht schwer genug. Also werden für die Steinigung mindestens faustgroße Felsbrocken vorgeschrieben, an denen aber frische Hundekacke kleben muss. Die Steine sollte man dann besser mit Gummihandschuhen werfen.

Seid getrost: Wenn unsere Zivilisation nicht an der unstillbaren Habgier der Reichen und Superreichen, am geldgeilen Spiel der Banker und Spekulanten, an der naiven Ahnungslosigkeit, Faulheit und schändlichen Inkompetenz unserer gewählten Volksvertreter, an der Idiotie und Gleichgültigkeit der Schnäppchenjäger und Partypeople oder der Zerstörungswut multinationaler Konzerne zugrunde geht, dann werden jene allgegenwärtigen asozialen Arschgeigen ihr den Rest geben, die jede Strophe des Nach-uns-die-Sintflut-Liedes auswendig können. Menschliche Rücksichtnahme und Bürgerpflichten? Scheißt der Hund drauf!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

3 Kommentare zu “Asoziale Pottsäue”

  1. Himmelhoch

    Wer sich benimmt wie Frau Bobrova, hat auch kein Schamgefühl, wenn sie das hier bei dir liest.
    Jedes Wort nach “Baff war ich allerdings …” kann ich unterschreiben und erlebe ich hier in Abwandlungen auch immer wieder. Dabei wohne ich weder in einem richtigen Asozialenbezirk noch in Dunkeldeutschlands Restteil. Aber das ist auch hier so. – Elektroschocker für Hund und Herrchen – traumhaft.
    Ansonsten war der Anfang ja superbissig heute.
    Mal sehen, ob es heute mit dem Senden klappt.

  2. nömix

    Akute Misanthropie?

  3. Johannis

    @Himmelhoch:
    Da liegst du wohl richtig, aber ärgern wird sie sich hoffentlich trotzdem.

    @Nömix:
    Nöh, die ist chronisch. Hab aber aktuell einen deutlich erhöhten Arschlochfaktor in meiner Wohnstraße. Werde nochmals über Auswanderung nachdenken. Gründlich.

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