Abfuckprämie – Die Zweite
Geschrieben von Johannis am 29. März 2009 um 13:32 Uhr
Unser Land ist haarscharf am Rande des Abgrunds vorbeigeschrammt. Krawalle und blutige Ausschreitungen standen unmittelbar bevor, denn der Topf mit den Abwrackprämien leerte sich dramatisch. Eine Sturzwelle von Reservierungen drohte das zuständige Amt davonzuschwemmen und spätestens am 3. April hätte ein bedröppelter Ministeriumssprecher die bitterste aller Wahrheiten verkünden müssen: Schluss, aus, Sense, finito, alles alle, Kohle futsch! Wer dann noch keinen Kaufvertrag in Händen hält, wird ohne Räder bleiben, der baut sich keine neue Garage mehr, pflanzt kein Apfelbäumchen an den Parkstreifen. Wirklich tragische Nachrichten, die den Bürgern in diesen eh schon schweren Zeiten bittere Tränen der Enttäuschung in die Augen getrieben hätten!
Doch unser aller Lieblingsmerkel hat zusammen mit dem Vizekanzler ein tröstendes Machtwort gesprochen und beschert dem Volk einen Nachschlag. Nur böse Menschen würden dahinter ein vorgezogenes Wahlwerbegeschenk vermuten. Schließlich werden in diesen Tagen die Milliarden schneller rausgehauen, als ein Kettenraucher Kippen aus dem Autofenster schnippen kann. Trotzdem sind nicht alle Lobbyisten der Automobilindustrie zufrieden. Daimler opponiert bereits gegen den Nachschlag, weil die natürlich außer ein paar SMARTs nix verkauft haben. Dabei sind im Februar fast 50.000 neue Karren mehr verkauft worden als im Vorjahresmonat, ein Plus von 21,5 %. Nur leider kaum an deutsche Hersteller.
Bei Hyundai knallen dafür täglich die Sektkorken, dort hatte man im Februar 229 % plus. Suzuki schaffte 214 % Mehrumsatz, Daihatsu 109 %, bei Chevrolet/Daewoo gingen 103 % mehr von den frisch lackierten Klapperkisten vom Hof und Mitsubishi hatte immerhin noch ein Plus von 86 %. Achtet mal drauf, fast alle Kleinwagen der genannten Marken tragen jetzt die grüne TÜV-Plakette für 2012. Ein schöner Beitrag zur Völkerverständigung, Frau Merkel! Wie die Zahlen der deutschen Autobauer aussahen? Naja, nicht so toll. VW hatte 23% plus, unsere Lieblingsmarke Opel 4,2 % und Audi lag bei 0,4 %. Aber zumindest plus. Insgesamt sank der Anteil deutscher Marken an den Zulassungen deutlich, Mercedes und BMW verkauften sogar rund ein Viertel weniger als sonst. Das Klima retten durch Konsumverweigerung – weiter so!
Allerdings spielen sich seit Jahresbeginn auf deutschen Schrottplätzen täglich unzählige Trauerspiele ab. Der Germane ist bekanntlich ein hemmungsloser Schnäppchenjäger und das nicht erst, seit Saturn mit „Geiz ist geil“ und Mediamarkt mit „Ich bin doch nicht blöd“ um die Gunst der Massen werben. Beide Firmen gehören übrigens zum Metro-Konzern und haben einen gemeinsamen Einkauf, aber das nur ganz am Rande. Zurück zu den Schrottern der Nation. Dort, wo ich die glücklichsten Stunden meiner Jugend in ölverschmierten Klamotten beim Schrauben verbrachte, das Autogen- und Schutzgasschweißen erlernte und manche im Überschwang verbeulte Karosserie gespachtelt habe, finden heute Tragödien statt, nach denen ein nach Inspiration suchender Shakespeare sich alle zehn Finger geleckt hätte.
Direkt nach dem neunten Geburtstag ihrer vierrädrigen Freunde bringen deutsche Vollidioten ihr bestes Stück zum Schrottplatz, um sich die verfluchte Prämie zu sichern. Manche Autoverwerter haben schon eine chronische Gesichtslähmung, weil sie das feiste Grinsen regelrecht in die Visage eingebrannt hat. Sie entsorgen diese Fahrzeuge kostenlos – früher gab’s Geld für das alte Schätzchen – und ersticken jetzt unter Bergen von Türen, Hauben, Kotflügeln in allen erdenklichen Farben. Überall stapeln sich Windschutzscheiben, Scheinwerfer, Rückleuchten und ähnliches Zeug – in Deutschland lagern mittlerweile genug Teile, Motoren und Getriebe, um sämtliche Autoschrauber in Polen und der Ukraine für sieben Jahre zu versorgen. Mindestens. Hastig ausgeschlachtet wandern in diesen Tagen Fahrzeuge in die Schrottpresse, für die jeder anständige Mann im polygamen Afrika zumindest seine jüngste Frau hergeben würde. Ersatzweise Kamele, Ziegen, Rinder oder kiloweise bestes Haschisch.
Dem Deutschen ist das scheißegal. Schnell weg mit der Kiste, denn nur mit dem schriftlichen Nachweis, dass der treue Freund in der Blüte seiner Jahre eingeschläfert wurde – was man mit keinem Köter machen würde – bekommt der schnäppchengeile Dumpfgermane seine zweieinhalbtausend Kröten. Soviel war der Karren vor ein paar Wochen auf dem Gebrauchtwagenmarkt auch noch wert? Macht nix, dafür kriegt der Ex-Besitzer ja jetzt einen Neuen gesponsert. Also wenigstens teilweise. In Deutschland lebt ein Volk von Milchmädchen, wir sind wirklich auf den Hund gekommen.
Nur weil unser aller Bundeshorst schon neulich in seiner Berliner Rede mit der Nation geschimpft hat, will ich auf den überflüssigen Hinweis verzichten, dass es durchaus der Umwelt dient, ein tadellos funktionierendes Fahrzeug länger als neun Jahre zu nutzen. Wegen der Energie und Rohstoffe, die bei der Produktion eingesetzt wurden und so. Ooops – jetzt ist es mir doch rausgerutscht. Bin halt impulsiv, ein emotionaler Mensch, wie Horst Köhler eben. Der hat ja bei der Trauerfeier in Winnenden auch geweint. Ich weine mich statt dessen jeden Abend in einen unruhigen Schlaf, weil ich an den schwedischen Grafen Axel Gustafsson Oxenstierna af Södermöre denken muss. Der hat schon vor rund vierhundert Jahren zu seinem Sohn folgenden weisen Satz gesagt: „Du weißt gar nicht, mein lieber Junge, mit wie wenig Vernunft die Welt regiert wird.“ Ich hingegen ahne es und vergieße deshalb täglich heiße Tränen. Oder hacke ein bisschen auf meiner Tastatur herum.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«



Hi Johannis,
um die Zahlen der Abfuckprämie mal ins rechte Licht zu rücken, hier die offizielle Statistik des BAFA:
http://www.bafa.de/bafa/de/pressemitteilungen/2009/09_umweltpraemie.html
Natürlich haben Hersteller wie Suzuki, Daihatsu oder auch Chevrolet in Prozent gerechnet enorme Sprünge bei den Zulassungszahlen gemacht. Denn eine Steigerung von 100 auf 200 verkaufte Autos sind nun mal 100% Steigerung, während eine Steigerung von 10000 auf 11000 eben nur 10% sind.
Aus der offizielle Statistik des BAFA geht der Volkswagenkonzern mit seinen Marken VW, Seat und Skoda mit 25,41% an der Abfuckprämie als eindeutiger Sieger hervor.
Erstaunlich ist auch, daß das Vertrauen in die Marke Opel trotz der ungewissen Zukunft immer noch mit 10,17% Anteil ungebrochen ist.
Kulturbanause
@Kulturbanause:
Na du weißt ja, man soll nur der Statistik trauen, die man selbst manipuliert hat. Wie auch immer, wenn ich aus der BAFA-Statistik die Umsätze aller Hersteller summiere, die Werke in Deutschland haben, komme ich immerhin auf 33,67 Prozent. Das ist doch recht schön, oder?
Und die Hauptsache ist schließlich, dass das Volk sich freut und Kollektivselbstmorde gar nicht erst in Mode kommen. Deshalb hat Angie den Opelanern heute in Rüsselsheim auch versprochen, dass der Staat Opel helfen wird. Nur wie, das wollte sie nicht verraten. Wahrscheinlich hofft sie, dass Barack Obama GM am Ende der 60-Tage-Galgenfrist die rote Karte zeigt und man Opel dann doch den Bach runter gehen lassen kann. Was zwar tragisch, aber dennoch wohl angebracht wäre.