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Archiv für Februar, 2012

Verbrennt alle heiligen Bücher!

Geschrieben von Johannis am 28. Februar 2012 um 09:57 Uhr

Darf man als Deutscher, auf ewig beladen mit der Erbsünde unserer schändlichen Nazivergangenheit, zur Bücherverbrennung aufrufen? Ja, man muss sogar, denn unsere Freiheit wird schließlich auch am Hindukusch verteidigt. Gut, klimaschutztechnisch ist es besser, wenn das von Bäumen aus der Atmosphäre gefilterte und in Holz verwandelte Kohlendioxid im Papier gebunden bleibt – so gesehen sollten alle Bücher unter Bestandsschutz gestellt werden. Vielleicht könnte man ja das ehemalige Salzbergwerk Asse mit Bibeln, Lore-Romanen, Konsaliks und ähnlich entbehrlichem Druckwerk auffüllen, wo doch längst klar ist, dass die 120.000 Fässer mit radioaktivem Müll niemals wieder hoch geholt und woanders sicher gelagert werden können. Mein Vorschlag: Pumpt doch eine Mischung aus Pappmaché und Zement in die mürben Schächte und Kammern, bevor das strahlende Bergwerk kollabiert. Aber ich schweife mal wieder ab, und das schon im ersten Absatz.

Ist es nicht beeindruckend, mit welch traumwandlerischer Sicherheit die Amerikaner in jedes erreichbare Fettnäpfchen treten? Treten stimmt eigentlich nicht, sie wälzen sich drin wir junge Hunde in frischer Kuhscheiße. Nach Guantanamo, Abu Ghraib und all den anderen Unappetitlichkeiten mussten nun in Afghanistan einige Exemplare des Koran dran glauben. Schön – niemand wurde gefoltert und es gab ausnahmsweise keine Leichenschändung, aber man wundert sich trotzdem. Tolle Soldaten, die zu blöd sind, um ein paar Bücher zu verbrennen! Militärische Überlegenheit, Kampfkraft, Siegeswillen, Disziplin kann man von solchem Menschenmaterial wohl kaum erwarten. Durchblick fehlt auch, denn in der Dritten Welt gibt es bekanntlich keinen Müll, sondern nur Wertstoffe. Speziell die Hinterlassenschaften der Besatzer (oder sollte man Befreier sagen?) werden akribisch durchsucht, denn reiche Westler schmeißen immer haufenweise wertvolles Zeug weg. Wenn man also schon zu dämlich ist, Bücher rückstandslos zu verbrennen, dann niemals in die Mülltonne mit den angesengten Schwarten. Zumindest nicht an Brennpunkten wie Kabul oder Bagdad. Das gibt Ärger, richtig Ärger.

Zugegebenermaßen haben die kokelnden Amis das Empörungspotenzial nicht voll ausgeschöpft. Weder filmten Soldaten sich gegenseitig dabei, wie sie auf brennende Korane (Koräne, Korans?) pinkelten, noch landeten die heiligen Bücher auf der Stützpunktlatrine, damit Private Smith und Lieutenant Jones sich nach dem Kacken ihre blöden Ärsche mit einer Sure hätten abwischen können. Und es wurde auch nix bei YouTube hochgeladen, sehr löblich. So gesehen fragt man sich, warum der Mob in Afghanistan seit Tagen tobt und schon reichlich Blut vergossen wurde. Die ganze muslimische Welt spart schließlich Zahnpasta, weil alle Schaum vorm Maul haben – ist doch praktisch. Sogar Obama hat sich im Namen seiner idiotischen Soldaten entschuldigt, eigentlich könnten die wütenden Möchtegernmullahs langsam wieder zur Ruhe kommen. Machen sie aber nicht, weil es eben heilige Bücher waren. Doch selbst wenn nun Millionen Menschen meinem Aufruf folgen und brav ihre Ausgaben der Bibel, Thora, Bhagavad Gita oder des Pali-Kanon ins Feuer schmeißen, werden sich die Afghanen nicht beruhigen. Denn Nichtmuslime sind Ungläubige, und was die mit ihren angeblich heiligen Schriften machen, ist dem aufrechten Muslim wurscht (halal und garantiert ohne Schweinefleisch!). (An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Zoroastriern, Jains und den Anhängern anderer Religionen entschuldigen, deren heilige Bücher ich nicht genannt habe. Sorry.)

Es geht in Wirklichkeit gar nicht um den Koran, sondern um Minderwertigkeitskomplexe, durchaus berechtigte Minderwertigkeitskomplexe. Der Islam stammt bekanntlich aus der arabischen Welt und nahezu zeitgleich mit dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 n. Chr. begann die Blütezeit des arabischen Reichs. Ursprünglich nomadische Reiterhorden unterwarfen große Teile Nordafrikas und Asiens, dehnten ihr Reich sogar bis nach Europa aus und prägten für lange Zeit die Kultur in den besetzten Gebieten. Sie verbreiteten den Islam – statt mit missionarischer Überzeugungsarbeit und guten Worten gern auch mit Feuer und Schwert – und taten sich in Architektur, Kunst und Wissenschaften hervor. (Die heutige Mathematik und Algebra wären ohne das arabische Zahlensystem nicht denkbar.) Die Dominanz der Araber währte rund ein halbes Jahrtausend, eine Zeit, auf die viele Muslime gern mit Stolz zurückschauen. Aber nix hält ewig, auch Botox nicht. Im Jahr 1212 wurden die Mauren aus Zentralspanien vertrieben und die letzte muslimische Hochburg auf der iberischen Halbinsel fiel 1492. Damit war der Niedergang des arabischen Reiches endgültig besiegelt und es versank, zumindest bis zur ersten Ölkrise 1973, in Bedeutungslosigkeit. Was das bitte mit den aufgebrachten Massen zu tun hat, die überall in der islamischen Welt den Tod der Amerikaner fordern oder sie gleich eigenhändig umbringen? Sehr viel, wartet ab.

Seit rund achthundert Jahren kommen aus der muslimischen Welt kaum nennenswerte kulturelle, wissenschaftliche oder soziale Impulse. Der Lebensstil ist vielfach ebenso rückständig wie die islamische Religion selbst, oft geprägt von der rigiden Kontrolle bärtiger Stammesführer, die in einem verknöcherten Konservativismus jegliche Veränderung verhindern und ihre Aufgabe hauptsächlich in der Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden sehen. Die Männer kauen Kat, rauchen Wasserpfeife, schwelgen in Erinnerungen an glorreiche vergangene Zeiten und berufen sich bei jeder Gelegenheit auf Gottes Wort und Willen. Praktisch, dass es Bücher gibt, denn der gute Mann (natürlich ist Gott ein Mann, wie könnte es anders sein!) macht sich leider ziemlich rar. Böse Zungen behaupten sogar, Gott sei nur erfunden. Wie das fliegende Spaghettimonster. Kann sein. Aber zum Beweis seiner Existenz gibt es ja die heilige Schrift, den Koran, oftmals das einzige Buch, das gläubige Muslime lesen. Ansonsten hocken viele von ihnen im Schatten ärmlicher Lehmbauten und beaufsichtigen züchtig verhüllte Frauen, die magere Ziegen hüten, Feuerholz suchen oder Wasser heranschleppen. In der gesamten arabischen Welt erscheinen pro Jahr weniger als 1000 neue Bücher (im Vergleich dazu bietet der deutsche Buchmarkt jährlich etwa 90.000 Neuerscheinungen) und wenn Briten, Amerikaner und Franzosen im letzten Jahrhundert den Saudis & Co. nicht gezeigt hätten, wie man Erdöl fördert, dann sähe es in Dubai, Doha und Abu Dhabi noch heute aus wie im Mittelalter.

Und genau deshalb regen sich die Muslime weltweit so zuverlässig auf, falls mal wieder irgendeine dänische Lokalzeitung ein paar Karikaturen druckt und den Propheten durch den Kakao zieht, oder wenn in der Mülltonne eines US-Armeestützpunktes ein Koran kokelt. Es geht nicht in erster Linie um den Propheten oder das heilige Buch, sondern um das angeschlagene Selbstwertgefühl von Männern, die ganz genau wissen, dass ihre Kultur seit fast einem Jahrtausend stagniert. Dass die Welt sie nicht ernst nimmt mit ihrem Hass auf Amerikaner, Juden, Christen, Frauen, Freiheit und Fortschritt. Ständig heiliger Krieg, dazu das alberne Rückwärtsgewandtsein der Bärtigen, die Wut, Trägheit, Arroganz und mangelnde Produktivität, außerdem die blutigen Glaubenskriege zwischen Sunniten, Schiiten und Wahabiten – das nervt doch! Welche Anhänger einer anderen Weltreligion sind auch nur annähernd so zornig und streitlustig wie die Muslime? Sie sind, wenn man die Weltgemeinschaft als Schulklasse darstellen wollte, ein paar motzig-vorpubertäre Jungs mit ADS-Syndrom. (Die in jeder Pause rauchen, ständig zu spät kommen und sich in der letzten Reihe lümmeln, mit oder ohne Ritalin.) Sorry, aber eigentlich mag euch keiner. Das spürt ihr und wisst, dass ihr im Grunde selbst schuld seid. Also macht es sich die islamische Welt in der Opferrolle bequem und verachtet alle Ungläubigen, wenn nicht gleich deren Tod gefordert wird.

Man könnte die populärpsychologische Analyse sogar noch vertiefen. Warum ist ausgerechnet im Islam die Stellung der Frau so schwach, weshalb werden muslimische Frauen seit Urzeiten unterdrückt und entwertet? Weil Männer Minderwertigkeitskomplexe haben, durchaus berechtigte Minderwertigkeitskomplexe. Sie können kein Leben erschaffen, in beschwerlichen neun Monaten, und es dann unter Schmerzen gebären, sie können dieses neue Leben auch nicht an der eigenen Brust nähren. Für Frauen ist dies eine Selbstverständlichkeit. Männer können (und auch das nicht besonders zuverlässig) nur ein paar klebrige Tropfen von sich geben, die keinen nennenswerten Nährwert haben, aber trotzdem bilden sich die angeblichen Herren der Schöpfung weißgottwas ein auf ihr von Schwellkörpern gestütztes Schwänzchen und den dran hängenden haarigen Hodensack. Wahrscheinlich leiden Muslime besonders stark unter der kollektiv-unterbewussten Erinnerung an jene vergangenen Zeiten des Matriarchats, als Männer die Ziegenhirten und ansonsten nur geduldete Samenspender waren. (Und natürlich trifft diese Analyse auch auf viele Männer im Rest der Welt zu, denn Frauenfeindlichkeit ist kein islamisches Phänomen.)

Ich bekam früher oft welche aufs Maul. In einer Ecke des Schulhofs oder nach dem Konfirmandenunterricht, wenn die Lehrer oder der Pastor grad nicht hinsahen. Schläge kriegte ich von Typen, die brotdoof waren und meine verbale Schlagfähigkeit nicht parieren konnten. Erst provozierten sie mich, und wenn ich dann Kraft meines frühentwickelten Intellekts mit wohlgesetzten Worten konterte, stutzten sie, glotzten mangels messbarer Hirnaktivität dämlich und langten dann feste zu. Auch diese Brutalos litten unter Minderwertigkeitskomplexen und brauchten ein Ventil für ihren Frust. So gesehen waren sie die Afghanen und ich ein Amerikaner. Nur dass ich nie ein heiliges Buch verbrannt habe. Lust dazu hätte ich aber schon. Meiner Meinung nach ist Religion nicht etwa Opium fürs Volk, sondern eine gefährliche Mischung aus Crack und Chrystal Meth. Dabei ist es egal, ob ich mir die wütenden Gesichter auf den Straßen von Kabul oder das selbstgerechte Lächeln fundamentaler Christen im amerikanischen Bible Belt ansehe. Ohne Papier, auf dem angeblich Gottes Wort und Wille geschrieben steht, müsste überall auf der Welt viel mehr selbständig gedacht werden. Zwar würde das, eingedenk der Unendlichkeit menschlicher Dummheit, nicht zwangsläufig zu mehr Vernunft führen, wäre aber durchaus wünschenswert. Also weg mit jenen angeblich heiligen Büchern, die tagtäglich von kleingeistigen Fanatikern zur Rechtfertigung von Gewalt, Unterdrückung und Bigotterie missbraucht werden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Der Untergang

Geschrieben von Johannis am 22. Februar 2012 um 10:03 Uhr

Heute ist Mittwoch, der 13. Februar 2013. Vor genau einem Jahr begann – mit der nächtlichen Verabschiedung des zweiten Sparpakets durch das griechische Parlament, Vorbedingung für weitere Hilfszahlungen von EU und IWF – für einen Großteil der Griechen die schlimmste Zeit ihres Lebens. Hatten damals viele noch geglaubt, 2012 würde als Annus horribilis in die Geschichtsbücher eingehen, so ist heute jedem klar, dass der Horror kein Ende nimmt, weil täglich neuer Schrecken die Grausamkeiten von gestern übertrifft.

Obwohl die griechische Regierung sich fesseln und knebeln ließ und schließlich alle Bedingungen der Geldgeber akzeptierte; obwohl Renten und Mindestlöhne soweit gesenkt wurden, dass die meisten Menschen zum Leben zu wenig, aber zum Sterben zu viel hatten; trotz der im Februar beschlossenen neuen EU-Hilfszahlungen in Höhe von 130 Milliarden Euro; und obwohl Athens Politiker ständig neue Versprechen gemacht und beschworen hatten, dass auch nach den Wahlen im April 2012 der harte Sparkurs beibehalten würde, war Griechenland bereits im Mai pleite. Die neue Regierung aus fünf Splitterparteien ist, nachdem die jahrzehntelang abwechselnd herrschenden Blöcke PASOK und Nea Dimokratia vom Wählerzorn zur Bedeutungslosigkeit verdammt wurden, ebenso zerstritten wie machtlos. Das Land hat keine Führung und versinkt im Chaos.

Ohne jede Wirkung sind die Milliarden aus Brüssel verpufft, zu Flugasche verbrannt wie früher die zundertrockenen Pinienwälder bei den sommerlichen Brandstiftungen zur illegalen Beschaffung von Bauland, und nachdem die Wirtschaft 2011 um fast sieben Prozent geschrumpft war, kam sie im letzten Sommer fast völlig zum Erliegen. Griechenland führte zwar im Juni die Drachme wieder ein, aber außerhalb des Landes war hellenisches Geld nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wurde. Kein arabisches Land will Erdöl gegen Schafskäse tauschen und nur die wenigsten Motoren laufen mit Olivenöl. Griechische Taxis stehen daher ebenso still wie Busse und Fähren, aber das macht fast nichts, denn es kommen eh nur noch ein paar hartgesottene Katastrophentouristen ins Land. Das griechische Drama begann mit Streiks, wütenden Protesten und Brandstiftungen in der Zeit vor dem 13. Februar 2012 und führte dazu, dass ein europäisches Land im Bürgerkrieg versank und heute den gleichen Lebensstandard wie Nepal oder Äthiopien hat. Willkommen in der Dritten Welt!

Täglich neue Meldungen zeigen nun, wie falsch der von den Geldgebern verordnete Sparkurs war. Die Arbeitslosigkeit – soweit eine vollkommen zerrüttete Verwaltung entsprechende Zahlen überhaupt noch erfasst – stieg auf aktuell 78 %, die Inflationsrate liegt bei 600 % monatlich, ein Weißbrot kostet heute 450.000 Drachmen und schon morgen werden die wenigen Bäcker, die bisher noch Brot backen, wohl eine halbe Million verlangen. Oder mehr. Längst sieht man auf den Straßen Athens mehr verzweifelte Bettler als Bürger, die noch einen bezahlten Job haben. Diese Unausgewogenheit erschwert den Hungernden das erfolgreiche Betteln sehr, außerdem kommt es dauernd zu Schlägereien an den Mülltonnen der wenigen Supermärkte und bei Restaurants, die noch Lebensmittelreste wegwerfen. Auch in der letzten Nacht sind wieder mehr als siebzig Menschen zu Tode gekommen, bei blutigen Ausschreitungen und Lynchmorden, verhungert oder mangels ärztlicher Versorgung an eigentlich heilbaren Krankheiten verreckt. Oder sie starben durch eigene Hand, denn das Land hat mittlerweile die weltweit höchste Selbstmordrate. Tag für Tag springen Verzweifelte von Brücken oder erhängen sich auf Dachböden, ganze Familien werfen sich vor die wenigen noch verkehrenden Eisenbahnzüge oder nutzen letzte Schrotpatronen für ein blutiges Ende ihres Elends.

Über zwei Millionen Griechen haben das Land bereits verlassen, viele von ihnen mit Ziel Deutschland, und beziehen dort nun, als EU-Bürger völlig zu Recht, Sozialleistungen. Zwanzig Prozent der gesamten Bevölkerung ist bisher geflohen und dieser Exodus der Hoffnungslosen geht unvermindert weiter. Wer bleibt, verkriecht sich und zittert ums nackte Überleben oder steht Schlange vor den wenigen Suppenküchen. Hunger schürt Wut, und die Wut entlädt sich jede Nacht und mittlerweile auch bei Tage. Zwar nützt das Morden nichts, nachdem die Reichen und Steuerbetrüger ihr Schwarzgeld – weit über dreihundert Milliarden Euro – rechtzeitig vor der Staatspleite illegal ins Ausland brachten, aber dennoch vergeht kaum ein Tag ohne Lynchjustiz. Der Zorn der betrogenen Massen ist verständlich und viele handeln nach dem Motto: Wenn schon keine Arbeit und kaum etwas zu essen, dann lasst uns wenigstens ein paar dieser verfluchten Volksschädlinge ausrotten. Gestern erwischte es Giorgos Papatrakis, einen wohlhabenden Bauunternehmer und langjährigen Günstling der PASOK-Partei, in seiner Villa auf der Insel Zakynthos. Stacheldraht, Überwachungskameras und ein gutes Dutzend bewaffneter Leibwächter konnten Papatrakis nicht schützen, als der wütende Mob die Grenzmauern des Anwesens an drei Stellen gleichzeitig in die Luft sprengte und das Gelände mit Schrotflinten, Knüppeln und Äxten stürmte. Zwei Bodyguards konnten fliehen, die anderen wurden ebenso getötet wie Giorgos Papatrakis, seine Frau Eleni und die beiden Söhne Spyros und Alexandros. Neun der Angreifer starben ebenfalls bei dem Blutbad. Alle Leichen waren noch warm, als die ersten Handy-Videos bei YouTube auftauchten. Früher war Zakynthos ein sonniges Idyll, dessen Strände Jahr für Jahr Touristen anzogen und so den Besitzern kleiner Hotels und Pensionen ein sicheres Einkommen garantierten, aber nun ist der Tourismus vollständig zum Erliegen gekommen. Kein Wunder, bei den herrschenden Zuständen.

Längst kommen aus der Dritten Welt keine Flüchtlinge mehr nach Griechenland und viele illegale Einwanderer sind geflüchtet, denn in der hellenischen Republik regieren Chaos und Anarchie. Es hat sich herumgesprochen – das Leben hier ist schlechter als in Afghanistan oder Bangladesch, überall nur Hunger und Willkür. Auf dem Peloponnes kann man nun miterleben, was verfehlte Politik – jahrzehntelanges Wegschauen in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten, Inkompetenz und Korruption, verlogenes Zögern und Taktieren in Athen, aber vor allem die Fehlentscheidungen jener Geberländer und des IWF, die dem Land schließlich einen brutalen Sparkurs aufzwangen – bewirken und wie schnell jegliche bürgerliche Ordnung zerbrechen kann. Griechenland ist das erste Land seit dem Ende der Kolonialzeit, das durch europäische Dummheit und Arroganz in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt.

Die Säuglingssterblichkeit ist europaweit am höchsten, die durchschnittliche Lebenserwartung fiel seit 2007 um 9 Jahre. Hunger und existenzielle Not sind längst genauso alltäglich, wie es Vetternwirtschaft, Steuerbetrug, Korruption und der offenkundige Missbrauch von EU-Geldern in den fetten Jahren vor der Krise waren. Das Welternährungsprogramm wird jetzt zusätzliche Nahrungsmittel bereitstellen und die Vereinten Nationen beraten kommende Woche, ob ein Kontingent Blauhelmsoldaten entsandt werden muss. Die Lage ist verzweifelt und auch jetzt, während ich diese Zeilen im Hause von Verwandten in einem Athener Vorort schreibe, peitschen gelegentlich Schüsse durch die Nacht. Da draußen ist es stockfinster, denn Strom gibt es nur noch stundenweise und bei Tag. Solarstrom aus einigen Vorzeigeprojekten, gebaut mit großzügigen Fördermitteln aus Brüssel und ohne jede Überwachung, weshalb immense Summen in den Taschen korrupter Beamter und raffgieriger Unternehmer verschwanden.

Argentinien brauchte nach seinem Staatsbankrott fast zehn Jahre, um wieder auf die Beine zu kommen, aber Argentinien hat gigantische Flächen fruchtbaren Landes, eine produktive Landwirtschaft, Wälder, Bodenschätze, Erdgas und Öl. Außerdem druckte die argentinische Nationalbank nach dem Crash jede Menge Pesos, um die Binnenwirtschaft in Gang zu halten. Griechenland hingegen hat außer einstmals idyllischen Inseln, Oliven, Wein und Schafskäse wenig zu bieten, es lebte jahrzehntelang bequem von stetig wachsenden Schulden, den Geldern der Touristen und jenen Milliarden, die aus Brüssel herbei flossen. Mittlerweile kommen keine Devisen mehr in dieses Land, dem Spekulanten, Hedgefonds, die Troika der EU und der IWF den Todesstoß versetzten. Kaputt gespart, um Banken, Versicherungen und privaten Anlegern satte Zinsen zahlen zu können, ist die Wiege der Demokratie nun verkommen zum Nährboden für Anarchie, entfesselte Brutalität und einen Überlebenskampf, in dem jeder jeden bekriegt. An den Händen von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, von einem Jahr noch gefeierte Helden und gelobte Krisenstrategen, klebt Blut. Erschreckend viel Blut.

Ich werde übermorgen nach Deutschland zurückkehren, solange dies noch halbwegs gefahrlos möglich ist. Zum Glück hält mich hier jeder für einen Engländer, weil ich außerhalb des Hauses nur Englisch und niemals Deutsch spreche, denn wiederholt sind Landsleute vom tobenden Mob getötet worden. Kein Wunder, dass man die Deutschen hasst – hat unsere Kanzlerin doch zuerst endlos die Lösung der griechischen Schuldenkrise verhindert und dem Land dann den Todesstoß versetzt. Dieser Irrsinn kostete deutsche Steuerzahler bisher 64 Milliarden Euro, aber abgerechnet wird erst ganz zum Schluss. Drückt mir bitte die Daumen, dass ich es lebendig zurück nach Dortmund schaffe.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Homo futurensis – Der neue Mensch

Geschrieben von Johannis am 15. Februar 2012 um 10:04 Uhr

Die Zukunft wird gut, macht euch bitte keine Sorgen. Das menschliche Bewusstsein entwickelt sich rasant und als Ergebnis sind wir bald ausschließlich von aufgeklärten, vernünftigen Zeitgenossen umgeben, für die der stete Gebrauch gesunden Menschenverstands ebenso selbstverständlich ist, wie das zweifach tägliche Zähneputzen. Vorüber die Zeiten, in denen fette qualmende Dumpfbacken ihre Tage mit der Bierpulle auf versifften Sofas oder in müffelnden Betten abbruchreifer Sozialwohnungen verbrachten, wo rund um die Uhr auf riesigen Bildschirmen das elendige Unterschichtenfernsehen lief, die Küchen vorwiegend zur Zucht von Ratten, Kakerlaken und neuartigen Mikrobenstämmen genutzt wurden, während frühdebile Kinder gutturale Laute ausstießen, um Pommes, Pizza und überzuckerte Cola zu fordern. Cola vor allem, um das Ritalin runterzuspülen und die Diabetes in Gang zu bringen. Vorbei all das Grauen, denn nun steigt am Horizont goldleuchtend die Sonne der Aufklärung in einen Himmel von ungeahnter geistiger Klarheit, und alles wird gut!

Ob ich Kleber geschnüffelt habe oder schon als Kleinkind von Wickeltisch gefallen sei? Nein, beides nicht. Woher ich denn bitte meine Gewissheit nähme, dass uns bessere Zeiten bevorstünden, von goldenen ganz zu schweigen? Ganz einfach, aus Mutti Merkels interaktiver Bürgerbefragung, dem wunderbaren Zukunftsdialog. Drei Fragen gilt es dort zu beantworten: Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen? Schon die Liste der am besten bewerteten Vorschläge zum Thema Zusammenleben lässt tief ins Hirn des modernen Durchschnittsdeutschen blicken. Der zukünftige Normbürger (früher als Otto Normalverbraucher bezeichnet) verbringt seine Tage kiffend vor dem Computer, lädt sich ständig Pornos, Filme und Musik runter, reinigt zwischendurch seine Faustfeuerwaffen und zielt am Fenster auf vorbeigehende Muslime, wenn er nicht gerade Bomben bastelt. Das passt zwar irgendwie nicht zusammen, denn Kiffer sind meist friedliche Zeitgenossen und außerdem oft zu antriebsarm, um nach dem Vorbild der Zwickauer Terrorzelle Anschläge auf Türken, Libanesen und Marokkaner auszuführen. (Schließlich versorgen uns die Türkei, Libanon und Marokko seit Jahrzehnten zuverlässig mit Shit, auch wenn man den roten, pfeffrig duftenden Libanesen leider nur noch selten in die Wasserpfeife bekommt.) Doch mit solch scheinbaren Widersprüchen muss man eben leben. Vorerst.

Angeblich wurden die Ergebnisse der Abstimmung anfänglich durch eine Software, die Klicks generiert, manipuliert, doch das ist nun abgestellt und nicht mehr möglich. (Ja, mitlesende Hacker lachen jetzt höhnisch, aber egal.) Dass ausgerechnet die Forderung nach einem ergebnisoffenen Dialog zum Thema Islam auf Platz eins der Top-Ten steht, ist sicherlich den eifrigen Hetzern der brauen Plattform von Politically Incorrect geschuldet (verständlicherweise kein Link zu diesen hirnlosen Kackbratzen). Die Piraten hingegen werden mobil gemacht haben für Klicks gegen ACTA, denn Produktpiraterie und Verstöße gegen das Urheberrecht gelten unter der Totenkopfflagge ja nur als Kavaliersdelikt. Aber noch reg ich mich nicht auf, denn die orangen Spacken kommen nächstes Jahr hoffentlich nicht in den Bundestag, gedankt sei es der 5-Prozent-Hürde. Gleich zweimal in den Top-Five findet sich die Forderung nach einer Legalisierung von Cannabis, und auch beim Thema Wovon wollen wir leben? belegt die Kifferlobby erneut Spitzenplätze und verspricht satte Steuereinnahmen, wenn weiche Drogen endlich in den freien Handel kommen. Eigentlich logisch, wo doch immer weniger Raucher das Staatssäckel mit Tabaksteuer füllen, weswegen demnächst die E-Zigarette bundesweit verboten wird (NRW ist ja schon vorgeprescht).

Tief in die Volksseele blicken lässt auch die Forderung nach einer Reformierung des völlig überzogenen deutschen Waffen- und Sprengstoffrechts, weil durch linke Ideologien gesteuerte Diffamierungskampagnen den braven Sportschützen und Freizeitbombenbastler angeblich in ein völlig falsches Licht rücken. Dr. Sven Dahl, der diesen wichtigen Denkanstoß gab, möchte ich gern mal treffen, notfalls auch mit einer Armbrust. Er hat wahrscheinlich keine Kinder, die im Klassenzimmer von Amokläufern erschossen werden könnten. Übrigens, finanzieren lassen wollen viele Leute ihren neuen multitoxikologisch inspirierten Lebensstil des bewaffneten Muslimenhassers und chronisch Internetsüchtigen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Nur konsequent, denn die neuen Cannabis-Hybridsorten (Skunk) enthalten derart viel THC, dass man morgens extrem schlecht aus dem Bett oder gar zur Arbeit kommt. Unter den sinnvolleren Anregungen finden sich auf der Top-Ten Forderungen zur Einführung einer Finanztransaktionssteuer und eines Gesetzes gegen die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern und Aramäern. Aber gleich daneben geht es um GEZ Abschafen! Nein, kein militanter Tierfreund schrieb dies, sondern Julio Cerinza kämpft mit der deutschen Sprache und für kostenlosen öffentlich-rechtlichen Medienkonsum: „Schlechtes Fernsehn und Radio mit unserem Geld zu finanzieren in Name der Demokratie…wir zahlen demokratisch ALLE!!! Wer profitiert ??? von Volk niemand“ Jawoll, das musste endlich mal gesagt werden und brachte ihm aktuell schon rund 8000 zustimmende Klicks.

Besonders gefreut hat mich die Forderung nach einer Deckelung der Benzinpreise. Auch André Weigel kämpft mit Logik, Rechtschreibung und Interpunktion, aber wo steht geschrieben, dass man Goethe oder ein neuer Einstein sein muss, um dämliche Vorschläge machen zu dürfen. Wichtig ist, was hinten rauskommt, aus dem Auspuff. Und dass es nicht so unverschämt teuer sein darf des Deutschen liebstes Kind richtig vollzutanken – diesem Appell wird sich jeder Autobesitzer gern anschließen, wo Superbenzin nun schon einssechzig kostet. Mehr als hundert Euro für eine läppische Tankfüllung – kein Wunder, dass André Weigel sich amerikanische Verhältnisse wünscht. Warum nicht gleich mit einem Kanzler nach Vorbild des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rick Santorum? Der hat noch echte Werte und unumstürzliche Überzeugungen, denn auch ein durch Vergewaltigung oder Inzest gezeugtes Kind ist natürlich ein Geschenk Gottes, das nicht abgetrieben werden darf. Die Evolutionstheorie ist laut Santorum, genau wie die angebliche globale Erwärmung, großer Bullshit und Schwule gehören ausgerottet. Jeder Bürger sollte eine Waffe tragen dürfen und die Todesstrafe muss viel öfter verhängt werden. Natürlich wird, wenn’s nach Santorum geht, der Krieg in Afghanistan fortgesetzt und den Iran sollte man auch möglichst bald in die Steinzeit zurückbomben.

Mindestens sieben Kinder (nur mit seiner Angetrauten, aber man weiß ja nie, wen er sonst noch gevögelt hat. Wieso muss ich jetzt an unsere Arbeitsministerin denken?) hat Mr. Santorum, und ich frage mich derzeit, ob es klug war kinderlos zu bleiben, statt meine Gene zu verbreiten. Denn wenn Vollidioten sich weltweit derart ungehemmt vermehren dürfen, bleibt bald nur noch ein Ausweg: Man stürzt sich vom Rand der Erdscheibe und erfriert in der luftlosen Kälte des Alls. (Falls man nicht mit einem Satelliten oder etwas herumsegelndem Weltraumschrott kollidiert. Das würde auch helfen.) Erfrieren soll ja gar nicht schlimm sein und ersticken würde man zu Sicherheit nebenbei auch noch. Hauptsache die Raumpatrouille Orion rettet mich nicht, denn die Zukunft wird viel schrecklicher, als selbst ich sie mir ausmalen kann.

PS: Ja, der erste Absatz war erstunken und erlogen. Findet ihr nicht witzig. Ich jetzt auch nicht mehr. Sorry.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Schädeltrepanation

Geschrieben von Johannis am 8. Februar 2012 um 10:04 Uhr

Das beste Mittel gegen Kopfweh ist ein Loch im Kopp. Wirklich! Bekanntlich ist Ursache der Schmerzen fast immer überreichlich vorhandene Hirnmasse, die nicht genug Platz im Schädel hat und somit Überdruck erzeugt. Deshalb begann man schon in der Jungsteinzeit damit, bestimmten Leuten ein Loch in den Kopf zu meißeln und etwas Grütze rauszulöffeln, zur Druckentlastung sozusagen. Gut, manchmal sollten auch böse Geister durch die zusätzliche Öffnung ausfahren – besonders die Inka bohrten da wohl sehr emsig – aber meist gingen vorzeitliche Hirnchirurgen von einem Zuviel an grauer Masse aus, und die musste eben weg. Nicht immer überlebte der Patient den Eingriff, eigentlich sogar eher selten, daher kommt wohl auch der verbreitete Seufzer „Boah, meine Kopfschmerzen bringen mich noch um!“ Auch die Lebensabschnittsgefährtin leidet bedauerlicherweise recht häufig unter Kopfweh (Nein, nicht von der Sorte Schatz-heute-Abend-bitte-nicht-ich-hab-Migräne), aber ich halte es für keine gute Idee, ihr eine Schädeltrepanation vorzuschlagen. Natürlich zuallererst in ihrem eigenen Interesse, aber auch, weil ich auf schlaue Frauen stehe. In puncto Gehirn ist weniger eben nicht mehr.

Regelmäßige LeserInnen (ja, ich war sehr schreibfaul in den letzten Monaten) werden kaum überrascht sein, dass sogar mein Dickschädel (Hutgröße 61) kaum ausreichend Fassungsvermögen für den fetten Hirnklumpen hat, der meine Halswirbelsäule belastet. Trotzdem war die drangvolle Enge nicht der Grund für jenes Loch (14 mal 8 Millimeter), das man mir kürzlich in die Birne gefräst hat, sondern Komplikationen einer Sinusitis frontalis führten mich zur HNO-Station des Dortmunder St.-Johannes-Hospitals (wird hoffentlich bald umbenannt in Johannis-Hospital). Dort durfte ich eine Ausschabung über mich ergehen lassen, nur dass statt der nicht vorhandenen Gebärmutter Teile meines Schädels von überflüssigen Schleimhäuten befreit wurde (mein leidiger Zustand wäre sonst wohl auf eine Kopffehlgeburt hinausgelaufen). Wer mehr unappetitliche Details über derartige Eingriffe möchte, findet reichlich Informationen im Netz. So viel sei aber verraten: Mein linkes Auge bleibt mir erhalten, ich habe nur noch erträgliche Schmerzen und insgesamt eine recht gute Zeit verbracht. Das lag vor allem am freundlichen und kompetenten Personal der Station G5, aber auch an zwei witzigen jungen Kerlen, mit denen ich zeitweise das Zimmer teilte und kalauernd gegen mein verfrühtes Ableben kämpfte. Mit unserem schrägen Galgenhumor hatten wir bald Kultstatus auf der Station, und Ärzte, Schwestern wie Pfleger kamen gern auf unser Zimmer.

Krankenhäuser sind eine Welt für sich, jedes Hospital ist ein Mikrokosmos, bewohnt und regiert von seltsamen Zeitgenossen, deren Stammeszugehörigkeit schon an der Kleidung erkennbar ist. Weiß steht meist für Halb- und Vollgötter, bordeaux, blau oder grün für Schwestern und Pfleger, orange trägt das Reinigungspersonal. Verwaltungsmenschen kleiden sich zivil wie draußen das Bürovolk, und dann gibt es noch die vielen Unsichtbaren. Sie kochen, spülen, halten die Heizung in Gang, entsorgen Müll, reparieren, holen, bringen, machen und tun, und der vor allem mit sich selbst beschäftigte Patient bekommt selten etwas davon mit. Dabei steckt in jedem Kittel natürlich ein Mensch mit Launen, Sorgen, Nöten, Stärken und Schwächen. (Auf Nachfrage verriet mir eine Schwester, dass im JoHo insgesamt 2790 Leute arbeiten. Die Einwohnerschaft einer Kleinstadt.) Um einige dieser Menschen soll es gehen, und natürlich um jene Leute, neben die man sich in der Straßenbahn vielleicht nur ungern setzen würde. Aber plötzlich lebt man Tag und Nacht mit ihnen zusammen, teilt Schicksal, Mahlzeiten und das Klo, und ihr Schnarchen, das schmerzliche Stöhnen und die Furze sind bald vertrauter, als man sich je hätte vorstellen können. Oder gewünscht hat. Besonders auf einer HNO-Station wird unablässig gerotzt und geröchelt, geschnoddert und geschnauft, dass man seine helle Freude hat. Jeder Dritte hat grad die Rachenmandeln eingebüßt oder läuft mit einer dämlichen Schweinchennase aus Plastik herum, weil der operierte und tamponierte Zinken sonst die fragile Form verliert. In der Augenklinik ist es deutlich ruhiger, aber man kann sich seine Krankheiten leider nicht aussuchen.

Die Grundhaltung des Normalpatienten ist widersprüchlich. Paradoxerweise will er der Genesung wegen einerseits ins Krankenhaus rein und gleichzeitig schnellstmöglich wieder raus aus dem Reich der Spritzen, Sägen und Skalpelle. Wer wie ich durch die Notaufnahme anreist und so groggy ist, dass er für die zweihundert Meter bis zur Station um einen Rollstuhl bettelt (hab mich erstmals im Leben schieben lassen, und das von einer Frau!), hat ausreichend Leidensdruck, um für ein Bett im Dreibettzimmer dankbar zu sein. Egal, welche Mitpatienten dann neben ihm liegen. Urplötzlich ist man sehr hilfsbedürftig, dem guten Willen wildfremder Ärzte und PflegerInnen ausgeliefert, wird dünnhäutig und ist heilfroh, nicht wie ein lästiges Möbelstück behandelt zu werden. Und das möchte ich betonen – sie haben mich gut behandelt. Schnell war klar, dass auf der HNO-Station (anders als man es sonst oftmals aus Krankenhäusern kennt) ein Team von Menschen arbeitet, die ihre Jobs mit Energie und Leidenschaft erledigen, wo Beruf also durchaus noch etwas mit Berufung zu tun hat. (Nein, mir wurden leider keine bewusstseinstrübenden Opiate verabreicht und ich beschönige auch nicht, bloß weil mir unverbesserlichem Spaßvogel sogar kurz vor dem finalen Atemstillstand noch ein paar Witzigkeiten rausgerutscht sind und alle deswegen besonders nett zu mir waren.)

Der Fisch fängt bekanntlich vom Kopf zu stinken an, aber das Gegenteil stimmt auch. Man merkt eben, wenn gute Leute ihren Laden im Griff haben und für Teamgeist sorgen. Chefarzt Dr. Luckhaupt hatte am Tag meiner Aufnahme selbst eine Kiefer-OP und es fehlten ihm daher vorübergehend ein paar Vorderzähne. Neugierig befragte ich deswegen nach der Untersuchung die Fachärztin Frau Aufgebauer, weil es doch seltsam ist, wenn der Chefarzt optisch an einen Obdachlosen erinnert. Das hat sie ihm erzählt, aber er nahm es mir nicht übel, eher im Gegenteil. Dr. Luckhaupt frotzelte bei der nächsten Visite gutgelaunt mit wieder komplett möbliertem Esszimmer und hat mich tags drauf eigenhändig und sorgfältig operiert. (Er hätte sich ja auch rächen und mich zum Üben freigeben können, für die ärztlichen Praktikanten.) Besonders gern begab ich mich auch in die Hände von Joon Lee. Der koreanische Facharzt hat seine Doktorarbeit zwar schon abgegeben, sie wird aber noch geprüft (und garantiert für gut befunden). Daher nannte ich ihn – ganz der asiatischen Höflichkeit verpflichtet – nicht Doktor, sondern Meister Lee. Er nahm es mit Humor.

Als Beispiele für sympathische Pflegekräfte (von denen es im JoHo viele gibt) will ich die hübsche, quirlige und auch nach 12 Tagen Dauerdienst stets fröhliche Schwester Margarethe und den Bufdi Armin erwähnen. Sie nahm es am Anreisetag klaglos hin, dass ich – kaum fünf Minuten auf dem Zimmer – gleich das Bad vollkotzte, putzte flink durch und tröstete mich sogar noch. Der ebenfalls sehr eifrige und freundliche Armin schob mich an seinem allerersten Arbeitstag als Bundesfreiwilligendienstleistender samt Bett durch endlose Flure zum OP, und ich war baff zu hören, dass es von Kristina Schröder für diesen Ersatz-Zivildienst maximal läppische 336 Euro gibt. Im Monat. Nicht vergessen habe ich die stille und fleißige Tunesierin, die Tag für Tag unser (und bestimmt noch einige dutzend andere) Zimmer putzte und sich sichtbar über jedes freundliche Wort freute. Oder dass mal jemand seine Schlappen aus dem Weg räumte, während sie den Boden wischte. Interessant war auch das Gespräch mit dem Haustechniker, der unser frostklapperndes Fenster reparierte. Er bestätigte meinen Eindruck, dass längst nicht auf allen Stationen so gute Stimmung herrscht und der Patient im Mittelpunkt steht. Ich habe mit der G5 eben Glück gehabt, auch wenn Patienten das ganze JoHo im Jahr 2011 wieder zum beliebtesten Dortmunder Krankenhaus wählten.

Während ich darauf wartete, in den Operationssaal geschoben und durch Vollnarkose ausgeknockt zu werden, vernahm ich, wie eine Schwester ihren älteren Kolleginnen ganz aufgeregt von der erneuten Begegnung mit einem Rettungssanitäter erzählte, in den sie offenbar verliebt ist. Nur eine von vielen aufgeschnappten Geschichten. Schockierend fand ich die des Zimmergenossen, einem jungen Lastwagenfahrer mit mehrfach gebrochener Nase und fehlendem Schneidezahn. Er hatte nach dem samstäglichen Discobesuch angetrunken auf einer Mauer gesessen, ein Taxi herbeigesehnt und mit angesehen, wie eine russische Gang die schrankförmigen Türsteher in eine Schlägerei verwickelte. Als die Russen in die Flucht geschlagen waren, kam einer der Türsteher (SECURITY stand auf seiner schwarzen Jacke) auf ihn zu, pöbelte ihn an und trat dann ohne Warnung zu. Mitten ins Gesicht. Nase kaputt, Zahn raus. Zum Glück gibt es Zeugen – zwei Frauen, die meinen bewusstlosen Mitpatienten mit kräftigen Ohrfeigen wieder halbwegs wach bekamen (hatten sie wohl im Film so gesehen, ist aber bei Verdacht auf Schädelhirntrauma keine gute Idee), und hurtig Polizei plus Krankenwagen riefen. O tempora, o mores. Herbe Zeiten, üble Sitten!

Als ironische Note des Schicksals teilte ich – durchaus kommunikativ und einem guten Gespräch nie abgeneigt – das Zimmer zeitweise mit zwei recht sympathischen Logorrhöikern, also Leuten, die quasseln bis der Arzt kommt. Und auch nachdem der Arzt wieder weg ist. Zuhörer brauchen sie dabei nicht unbedingt und manche halten nicht mal dann die Klappe, wenn man Kopfhörer aufsetzt, um Musik zu hören. Um den steten Redefluss eines Logorrhöikers auszulösen, reicht es vollauf, wenn eine Lebensform zugegen ist, die mindestens so viel Intelligenz wie eine Kaulquappe hat, notfalls führen sie aber auch Selbstgespräche. Sogar mit dem zusätzlichen Loch im Kopp gelang es mir nicht, die Ohren auf Durchzug zu stellen, und wieder zuhause war ich heilfroh, dass mich hier keiner volltextet oder mir ständig dazwischenquatscht. Nun werden bald die Fäden gezogen und insgesamt verging die Zeit im Hospital recht schnell. Dies war auch einer Mitpatientin geschuldet, die brav Passwort und Usernamen für das kostenpflichtige Klinik-WLAN mit mir teilte, nachdem ich empört feststellen musste, dass E-plus in Mittäterschaft mit Medion und Aldi seine Kunden übelst abzockt. Das Guthaben meiner bei Aldi erworbenen Prepaid-SIM-Karte für mobiles Surfen war schon nach einem Jahr verfallen, und auch die SIM-Karte kann ich jetzt nur noch benutzen, wenn irgendwo ein Tisch wackelt. Zum Unterlegen. Alles Schweine, außer Mutti. Und der traue ich auch nicht erst über den Weg, seit sie im Kanzleramt sitzt und sich ständig mit Sarkozy abbusselt. Egal.

Ja, dieser Text wurde wieder zu lang. Aber Leser Wolf meckerte am Montag im Kommentar, dass ich zum Syrienthema nach so langer Zeit nur ein kurzes Statement von mir gegeben habe. Das hat er nun davon. Unten noch ein wenig schmeichelhaftes Bild, aufgenommen vom Mitpatienten Max wenige Stunden nach der Operation. Nein, ich habe eigentlich kein Doppelkinn und mein Kopf ist nicht nur gut faustgroß. Ja, das rückwärtig offene OP-Hemdchen ist extrem sexy und die ersten Brusthaare werden grau. Ende.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Schurkenstaaten

Geschrieben von Johannis am 5. Februar 2012 um 19:29 Uhr

Warum regen sich eigentlich alle so auf? Russland und China haben sogar nach einem Jahr blutigsten Gemetzels keine Lust, UN-Resolutionen gegen den irren syrischen Diktator zu unterstützen und daher gestern erwartungsgemäß ihr Veto eingelegt. Na und? Genau so gut könnte man von einem Stinktier erwarten, dass dessen Arsch nach Lavendel duftet, oder von Neonazis, dass sie Juden, Linke und Schwule mögen. (Au weia, das gibt wieder Ärger und schlimmstenfalls zerstochene Reifen.) Natürlich ist den Chinesen jede Art von Menschenrechtsbewegung suspekt, sie wollen ihr Volk ja nicht auf dumme Gedanken bringen. Außerdem brauchen sie Öl, viel Öl. Und die Russen – Demokratie ist bekanntlich fast so schlimm wie Kapitalismus, und der Moskauer Pöbel demonstriert schon jetzt viel zu oft – wollen weiterhin Waffen und Munition nach Syrien verkaufen, egal auf wen dort geschossen wird. Da kann man sich doch von albernen moralischen Einwänden und ein paar tausend toten Zivilisten nicht das Geschäft vermasseln lassen. Wieso gehen die Idioten auch ständig auf die Straße? Sollen sie doch zuhause bleiben, da passiert ihnen nix.

Mao und Stalin ließen sich von kleinlichen Bedenken nie stoppen. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne. Außerdem wird Westerman, unser heldenhafter Außenminister, bald mit seinen chinesischen und russischen Kollegen reden. Danach wird alles gut, das hat er heute versprochen. Fast wörtlich. Einige wohlgesetzte Diplomatenworte aus seinem Mund, und plötzlich klatschen sich die russinesischen Sturköppe einsichtig vor die Stirn, sind geläutert und vetoisieren nie wieder. Wetten? Und selbst, wenn nicht – ich darf mich keinesfalls aufregen! Aus medizynischen Gründen, wie ich bald in einem ausführlichen Dossier darlegen werde.

So, gleich muss ich Nachrichten kucken. Bin gespannt, wie viele renitente Syrer die Panzer- und Heckenschützen heute erwischt haben. Neulich waren es mehr als zweihundert an einem Tag, das lässt sich bestimmt noch toppen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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