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Archiv für Oktober, 2011

Schlaflos in Dortmund

Geschrieben von Johannis am 28. Oktober 2011 um 09:17 Uhr

Das schlechte Gewissen ist ein bretthartes Ruhekissen, deshalb schlafen gewissenlose Menschen auch so gut. Völkermörder, Anlagebetrüger, Gammelfleischverkäufer, Kinderschänder und dergleichen bekommen Schlafstörungen frühestens im Knast, aber dort landen diese Typen leider viel zu selten. Dafür sorgen Anwälte, Lobbyisten, FDP-Politiker und der Papst, aber um sie soll es heute nicht gehen.

Ende September war ich im Kino. Ja, das ist keine weltbewegende Sensation, bekanntlich gehen viele Menschen gelegentlich ins Kino. Ich war im Cinestar, einem dieser seelenlosen und grotesk überdimensionierten Multiplexe, die in den Achtzigerjahren wie eine Seuche aus Amerika eingeschleppt wurden und seither das Land überziehen. Krebsgeschwüren gleich metastasierten sie im Volkskörper und töteten nach und nach all die Lichtspielhäuser, Filmtheater und Kinos, die nur einen Vorführsaal haben, aber dafür Charme, Geschichte und eine Seele besitzen. All die Seufzer und unterdrückten Angstschreie, viele tausend Stunden fröhliches Lachen und dazu die Essenz unzähliger still verdrückter Tränchen sind nämlich ins Mauerwerk der alten Kinos eingezogen. Von dort strahlen sie auf jeden Besucher zurück wie die unzähligen Gebete aus den Mauern des Kölner Doms oder Freiburger Münsters. Deshalb fühlen wir uns in alten Kinos wohl.

In Multiplexen hingegen sind die Wände gesättigt mit den hirnlosen Äußerungen tumber Zeitgenossen, die sich an Splatter-Movies ergötzen oder in beleidigend dämlichen Hollywood-Komödien wiehernd lachen. Aus den Mauern dünstet das Aroma von ranzigem Popcorn und verschüttetem Bier, der Achselschweiß tätowierter Muckibudenbesucher und das süßliche Billigparfüm unnatürlich gebräunter Frauen, die über ihren Hinterbacken den Schlampenstempel tragen, auch Arschgeweih genannt. Meine Abneigung gegen Großkinos vom Typ Cinestar wurde mittlerweile deutlich, oder? Falls nicht: Multiplexe sind Raubsaurier in der Kulturlandschaft unseres Staates, primitive blutdurstige Fressmaschinen. Sie ziehen eine Schneise der Verwüstung durch das Land und sind verantwortlich für ein tragisches Artensterben, ähnlich wie es die Mayerschen, Thalias und Hugendubels in den letzten Jahren unter den kleinen Buchläden angerichtet haben.

Warum ich eigentlich in den Cinestar gegangen bin, wenn ich Multiplexe doch so hasse? Weil ich noch zwei Gutscheine besaß und einen Film sehen wollte, dessen Inhalt – zumindest nach Berichten im 3sat-Magazin Kulturzeit und dem Feuilleton der Süddeutschen – thematisch erschreckend nah mit dem Stoff eines Buches verwandt zu sein schien, an dem ich seit einiger Zeit arbeite. Hell heißt der Film, und man muss ihn nicht gesehen haben, das vorweg. Die Gutscheine stammten übrigens noch aus dem Jahr 2001, damals bekam man für 40 Mark fünf Papierschnipsel, die jederzeit zum Besuch einer Kinovorstellung ermächtigten. Zehn Jahre später sollten wir nun 9 Euro hinblättern, um erst eine halbe Stunde brüllendlaute Trailer plus dämliche Werbespots zu erdulden und danach knapp neunzig Minuten Film sehen zu dürfen. Eindeutig überteuert. Der Fairness halber möchte ich anmerken, dass ein freundlicher Mitarbeiter des Cinestar Dortmund meine längst verfallenen Gutscheine anstandslos gegen Freikarten umtauschte und uns auch noch die besten Plätze gab, oberste Reihe ganz in der Mitte. Nett.

Ansonsten war es, wie der Name des Films schon vermuten ließ, die Hölle. Na gut, Vorhölle. Wir – die Lebensabschnittsgefährtin begleitete mich – kamen absichtlich erst 20 Minuten nach Einbruch der cineastischen Dunkelheit, mussten aber trotzdem noch etliche Trailer (Demnächst in diesem Kino!) ertragen, bis der Hauptfilm endlich anlief. Multiplexe haben riesengroße dröhnende Lautsprecherboxen an allen Wänden und sogar in der Decke. Ätzend. Man wundert sich regelrecht, dass in den Sesseln noch keine Lautsprecher eingebaut sind und man auch rektal beschallt wird. Der Schalldruck im Cinestar ist eindeutig für Menschen ausgelegt, die seit frühester Kindheit mit überlaut aufgedrehtem Walkman oder MP3-Player durch die Welt laufen und daher bereits stocktaub sind. Ich wurde 1958 geboren und kaufte mir vom Konfirmationsgeld meinen ersten, schuhkartongroßen, tragbaren Kassettenrekorder. Walkmänner gab es damals noch nicht und iPod-Stöpsel nerven mich, weshalb mein Gehör noch recht gut funktioniert.

Nun gut. Nachdem wir die ohrenbetäubend lauten Trailer und Werbefilmchen überstanden hatten, begann Hell. Man muss den Streifen aus deutscher Produktion nicht gesehen haben. Streckenweise haarsträubend unglaubwürdig und vom Plot her wenig überzeugend, lebt der Film vor allem von der ordentlichen Leistung seiner Schauspielerinnen, allen voran Hannah Herzsprung. Lisa Vicari und Angela Winkler sind auch recht gut, aber die Story überzeugt nicht. Das Ende des Films ist total bescheuert, man ist froh, wieder in die frische Nachtluft entlassen zu werden. Und nun kommt, wieder mal recht spät, die inhaltliche Verbindung zur Überschrift dieses Textes und dem schlechten Gewissen. Zufällig erfolgte unser Besuch im Cinestar in jener Woche, als überall von Lebensmittelverschwendung berichtet wurde. Anlass war der bevorstehende Filmstart von Taste the Waste, einer neuen Dokumentation, die längst bekannte Wohlstandssünden thematisiert. Oder sollte ich besser bekannten Wahnsinn schreiben? Schließlich landet mehr als ein Drittel aller verkauften Lebensmittel im Müll, oft noch tadellos in Form und unbedenklich essbar. Bei uns enden jährlich rund 20 Millionen Tonnen essbarer Lebensmittel in den Müllcontainern. Im Schnitt schmeißen wir Deutschen pro Kopf und Jahr 100 Kilo Essen weg, den Rest erledigen Supermärkte, Restaurants, Hotels und Imbissbuden. Und die Multiplex-Kinos.

 

 

Nachdem der Abspann gelaufen war und wir uns aus den Sesseln erhoben, wies mich die Lebensabschnittsgefährtin auf Hinterlassenschaften anderer Kinobesucher hin. So stand in unserer Sitzreihe nicht nur eine halbleere Literflasche Cola (15 Cent Pfand) sondern auch ein fast voller Eimer Popcorn. Jawohl, ein Eimer mit geschätzt fünf Liter Fassungsvermögen! Fast unberührt. Ich stehe nicht besonders auf Popcorn, finde es geschmacklich kaum interessanter als diese Styroporflips zum bruchsicheren Versand von Zerbrechlichem, und dazu viel zu amerikanisch. Nein, ich feiere Halloween nicht. Und finde es zum Kotzen, dass eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten hungert, und wir verwöhnten fetten Wohlstandsbürgerarschlöcher lassen im Kino eimerweise Popcorn auf roten Plüschsesseln stehen.

Fast noch mehr kotzt mich an, dass es Popcorn, Softdrinks und all das überflüssige Dreckszeug neuerdings in immer größeren Gebinden gibt. Popcorn im Eimer, Cola und zuckerigen Eistee im Literbecher, all diese Supersizescheiße. Jawoll, is doch wahr! So, das musste mal gesagt werden, jetzt geht’s mir besser. Um meine Filmtipps zu ergänzen, hier noch ein Link. Super Size Me ist zwar schon alt (2004), beschreibt aber sehr anschaulich, wie McDonalds und andere Fastfoodvolksvergiftungsprofiteure ihre dämlichen Kunden zu immer größeren Portionen verführen. Mit den bekannten Folgen, dass Fettleibigkeit und Zuckerkrankheit mittlerweile die am meisten verbreiteten Zivilisationskrankheiten sind. (Nein, ich esse nicht bei McDonalds, Burger King oder KFC. Ich kann kochen, und das sogar recht ordentlich. Fragt meine Freunde oder die Lebensabschnittsgefährtin.) Bereits 300 Millionen Menschen auf diesem Planeten leiden an lebensbedrohlicher Leib- und Hirnverfettung. Tendenz steigend. Mahlzeit zusammen!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ruf an! Jetzt!!

Geschrieben von Johannis am 24. Oktober 2011 um 09:45 Uhr

Einkaufen macht glücklich. Shopping ist Lifestyle. Gute Menschen geben gern ihr Geld aus und kaufen damit Dinge, von denen sie genau wissen, dass deren Besitzer dadurch lebensfroher, attraktiver, zufriedener, faltenfreier, sexyer und nahezu unsterblich werden. Mündige Konsumenten schieben eventuelle Zweifel an Werbeversprechen energisch beiseite, vertrauen der Industrie und trinken morgens ein Fläschchen Actimel. Das ist ein kuschelig-warmer Kaschmirschal in Form von wässrigem, verzuckertem und grotesk überteuertem Yoghurt, hilft aber gegen jene gefürchteten und in der kalten Jahreszeit überall lauernden Erreger der meist tödlich verlaufenden gemeinen Erkältung.

Zusätzlich sorgt der Wunderyoghurt für eine derart sympathische, artenreiche und kerngesunde Darmflora, dass manche Actimel-Konsumenten sich schon nach wenigen probiotisch verlebten Wochen am ganzen Körper mit ihrem eigenen Kot einreiben oder wenigstens ein paar Häufchen davon in der Wohnung verteilen. Auf Fensterbrett und Küchentisch, neben Breitwandfernseher und Kopfkissen, im Bad und natürlich im Wohnzimmer. Weil’s einfach gut tut. Mittlerweile hat Danone, der wundertätige Hersteller von Actimel und Activia (Jahresumsatz 2009: 3,8 Milliarden Euro. Nur mit den beiden probiotischen und wundersam heilkräftigen Yoghurts. Warum bloß muss ich beim Wort probiotisch immer an idiotisch denken?), sogar zur Rettung der ganzen Galaxie angesetzt. Der fürsorgliche Konzern schickt Raumpatrouillen mit wackeren Kämpfern ins All, Buzz Lightyear und Konsorten, das unerschrockene Team Actimel. Danke Danone!

Doch zurück zum Shopping. Einkaufen ist wie Sex. Oft sogar besser, denn einkaufen kann man allein, in aller Ruhe und solange man will. Beim Shopping kommt niemand zu früh, zu spät oder gar nicht zum Orgasmus. Supermärkte verlangen von Frauen keine versauten oder todlangweiligen Sexualpraktiken, und noch nie hat ein Mann von einem Einkaufszentrum zu hören bekommen, dass er zu softiemachosonstwiemäßig sei, sein Penis zu kurz/dünn/krumm wäre, oder dass er sich im Bett wirklich etwas mehr Mühe geben oder Zeit lassen könnte. Einkaufen ist die Antwort Gottes auf all die Fehler, mit denen er uns versehentlich ausgestattet hat. Oder absichtlich. Shopping ist die himmlische Wiedergutmachung, weil es keine Rückrufaktion für sieben Milliarden missglückte Produkte der Gattung Homo sapiens geben kann. Wer einkauft, liebt Gott und stärkt die Wirtschaft. Nur böse Menschen gehen nicht gern shoppen und horten ihr Geld unter der Matratze oder auf dem Konto. Menschen wie ich.

Wahrscheinlich weil ich in meinem bisherigen Leben immer wieder durchaus erfreuliche Horizontalbegegnungen mit Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts erleben durfte, und somit wenig Grund habe, meine libidinösen Erfahrungen durch Besuche im Einzelhandel zu substituieren, kaufe ich nicht gern ein. Ich genieße oft genug guten Sex, schädige aber unser Wirtschaftssystem und die Grundordnung dieses Staates bewusst und mit Freuden, indem ich meine Kohle aufs Tagesgeldkonto packe. Für einen Zinssatz, der rund die Hälfte der aktuellen Inflationsrate beträgt. Ich lasse also sehenden Auges zu, dass mein Geld langsam verschwindet. Das ist meine Art der Revolte und des Aufbegehrens, so muss ich keine Bomben schmeißen, Vorstandschefs entführen und Politiker erschießen. Vielleicht nicht besonders mutig, aber nicht in jedem steckt ein Che Guevara oder Emiliano Zapata. Punkt.

Themenwechsel, also teilweise. Neulich bekam ich diese Mail:

—– Original Message —–

From: <dana.wagner(ätt)kaufda.de>
To: <info(ätt)kassandrus.de>
Sent: Friday, October 14, 2011 5:21 PM
Subject: Blogger-Aktion zum Weltspartag

Hallo Johannis,
wir hoffen es ist in Ordnung, wenn wir dich dutzen. Auf der Suche nach guten Blogs hat uns www.kassandrus.de/blog sehr gefallen. Aus diesem Grund möchten wir dir gern unsere Bloggeraktion zum Weltspartag vorstellen. In diesem Rahmen verlosen wir eine Einkaufsflatrate, mit der du bis zu einem Jahr kostenlos einkaufen kannst. Zusätzlich haben wir einige lustige Spartipps gesammelt und es gibt weitere interessante Preise zu gewinnen. Überzeuge dich am besten selbst von unserem Gewinnspiel und besuche uns auf www.kaufda.de/Einkaufstipps/Flatrate Bei weiteren Fragen kannst du dich jederzeit bei mir melden. Wir freuen uns über deine Teilnahme.

Beste Grüße
Dana vom kaufDA-Team

Über uns: Wir betreiben in erster Linie unser Portal www.kaufDA.de. Dort kannst du Online-Prospekte durchblättern und gezielt nach Produkten in deiner Umgebung suchen. Außerdem hast du die Möglichkeit dir tagesaktuelle Angebote deiner Lieblingsgeschäfte z.B. auf dein iPhone oder iPad mit der kaufDA Navigator-App schicken zu lassen.

Die seltsame Schreibweise des Wortes Duzen (Dana wird mich doch sicherlich nicht als Dutzendmensch betrachten, schließlich gefällt ihr mein exklusiver Blog) erregte meine Aufmerksamkeit, und so landete die Nachricht nicht wie verdient im Spamordner, sondern hier. Aufmerksame Stammleser werden jetzt an den populärsten Beitrag dieses Blogs (bisher knapp sechstausendmal angeklickt) denken, in dem es um einen selbsternannten Schönheitspapst und die Dämlichkeit der Firma Nayoki Interactive Advertising ging. Titten-Mang hat übrigens aktuell reichlich Ärger am faltigen Hals, wie ihr im SPIEGEL nachlesen könnt. Aber ich schweife ab. Hier nun meine Antwort an Dana vom kaufDA-Team:

—– Original Message —–

From: <info(ätt)kassandrus.de><
To: dana.wagner(ätt)kaufda.de>
Sent: Friday, October 21, 2011 11:27 AM
Subject: Re: Blogger-Aktion zum Weltspartag

Liebe Dana,
gern komme ich deinem Wunsch nach und schreibe in meinem Blog über eure Aktion. Ich schiele dabei natürlich auf den Hauptgewinn (derzeit 1480 Euro, denn mit jedem 5. Blogger verlängert sich die Flatrate um einen Tag, ich war Teilnehmer Nr. 211), der mich glücklicherweise nicht zum Dauershopping verpflichtet, sondern günstigstenfalls direkt auf mein Konto überwiesen wird. Die zweiten und dritten angeblich interessanten Preise interessieren mich hingegen absolut nicht, also könnt ihr die Cheeseburger in der Dose (geht’s noch fieser?) oder das Klopapier im Design des 20-Euroscheins (unsere Gemeinschaftswährung ist jetzt echt am Arsch) behalten. Seltsame Auswahl der Trostpreise, finde ich.

Lustige Spartipps kann ich allerdings nicht beisteuern. Sein Geld nicht auszugeben, ist zwar der ultimative Spartipp, aber nicht lustig. Und ich will ja nicht zum Konsumterrorismus aufrufen, ähm, also zur Konsumverweigerung. Ach, du weißt schon. Lustig finde ich euren Namen. Kauf da. Erinnert mich an diese dominahaftigen Weiber, die in Werbepausen des Spätabendprogramms mancher Privatsender zum Telefonsex einladen. Na ja, einladen stimmt nicht ganz, mit ihrem nuttigen Charme drängeln sie subtil. „Ruf an! Jetzt!!“ Im Tonfall einer Nazi-Aufseherin, die zehn überfüllte Baracken eines Konzentrationslagers unter Kontrolle bringen muss. Ich hätte keine Lust da anzurufen, bin eben doch ein Softie. Hoffentlich hast du nicht auch so eine fiese Stimme, denn dein Name gefällt mir. Dana – klingt nach Geschenk. Fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen. Und ein bisschen probiotisch, nach Danone eben. Egal.

Schade, dass Domainnamen keine Sonderzeichen enthalten dürfen. www.kauf-da!!! Sieht doch viel besser aus, oder? Ich wünsche euch jedenfalls viel Erfolg und mir den Hauptgewinn. Auszahlung bitte möglichst bald, denn der Euro hält garantiert nicht mehr lange durch.

Beste Grüße von Johannis

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Die Woche des Wahnsinns

Geschrieben von Johannis am 19. Oktober 2011 um 10:25 Uhr

Vernunft und Einsicht sind out, neuerdings ist Irrsinn und Durchgeknalltheit angesagt. Die Menschheit möchte offenbar beweisen, dass sie endgültig auf jeden Rest von Rationalität verzichten kann. Es dürfte wohl nur noch ein paar Tage dauern, bis wir alle sabbernd, blökend und augenrollend durch die Gegend torkeln wie BSE-kranke Kühe im Endstadium der unappetitlichen Seuche. Drei Beispiele reichen als Beweis:

Am Montag forderte Bundespräsident Wulff sein erstauntes Volk auf, es möge doch bitte den Soldaten der Bundeswehr, die in Afghanistan kämpfen, mehr Achtung und Anerkennung zollen. Verständlich, einerseits, denn über 5000 Frauen und Männer sitzen auf unsere Kosten zwischen Mazar-i-Sharif und Kunduz in Erdlöchern und Panzerwagen. Und es ist nicht gemütlich da, arschkalt im Winter, sauheiß im Sommer. Andererseits – 56 SoldatInnen starben dort bisher, hunderte wurden verletzt. Der Einsatz soll erst im übernächsten Jahr enden und wird uns dann rund 36 Milliarden Euro gekostet haben, mindestens. Angezettelt hat den sinnlosen Krieg, der mittlerweile von allen westlichen Alliierten als extrem teurer Flop bewertet wird, vor zehn Jahren der liebenswerte und allseits geschätzte George Walker Bush. Die Amis haben seitdem mehr als 400 Milliarden Dollar ausgegeben, was Freunde des Expräsidenten freut, weil viele von ihnen in der Rüstungsindustrie Geld scheffeln. Dazu sind Kriege im Grunde ja auch da, zum Geldmachen.

Die zivilen Opfer des seltsamerweise Operation Enduring Freedom (andauernde Freiheit, alle Taliban haben herzlich gelacht und an die russische Besatzungszeit zurückgedacht) getauften Kriegseinsatzes lassen sich nicht zählen, aber man schätzt, dass über 100.000 AfghanInnen getötet oder verletzt wurden. In diesem Jahr starben in Afghanistan bereits mehr als 3000 Menschen, mehr als je zuvor seit 2001, meist bei Anschlägen der Taliban. Bis zum endgültigen Truppenabzug werden leider noch mehr ins staubige Gras beißen müssen, das steht fest. Die Taliban warten derweil ab, basteln Bomben, rauchen gemütlich ihre Haschpfeifchen und denken drüber nach, wie sie das Volk am besten tyrannisieren können, wenn das Land am Hindukusch bald wieder ganz von ihnen beherrscht wird. Dort wird ja bekanntlich unsere Sicherheit verteidigt, aber die undankbaren Deutschen lieben eben Abenteuer, Nervenkitzel und Risiko. Deshalb muss das Volk den Bundespräsidenten enttäuschen – es empfindet wenig Stolz für unsere Truppen. Das Volk findet, der Krieg in Afghanistan sei sauteurer Blödsinn sowie Zeit- und Geldverschwendung, es möchte daher alle Soldaten so schnell wie möglich nachhause holen. Tja.

Nach Hause kam am Dienstag Gilad Shalit. Er wohnt in Mitzpe Hila in West-Galiläa. Also seine Eltern, denn eine eigene Wohnung hatte er noch nicht, als er vor fünf Jahren auszog. Nein, nicht zur Weltumrundung auf seinem Skateboard, sondern in den Kriegsdienst. Irgendwo führen die Israelis ja immer Krieg. Dummerweise wurde der uniformierte Milchbart aber entführt und verbrachte fünf Jahre in Händen militanter Palästinenser. Nun hat man ihn ausgetauscht. Gegen 1027 rechtskräftig verurteilte und inhaftierte Palästinenser, viele davon verantwortlich für Terroranschläge, bei denen in Israel insgesamt 597 Menschen starben. Hat sich Gilad Shalit eigentlich während seiner Gefangenschaft zu einem unschätzbar kostbaren Übermenschen entwickelt, eine Kombination aus Messias, Nobelpreisträger, Spiderman und Olympiasieger? Oder warum wird seine Freiheit mit der von 1027 Verbrechern aufgewogen? Man versteht es nicht. Die Hamas feierte sich und ihre heimgekehrten Märtyrer, jene Helden, an deren Händen reichlich Blut klebt, mit Pomp und großem Propagandatamtam. Viele der gestern mit Freudentränen begrüßten Nationalhelden werden schon bald wieder Bomben legen, Raketen abfeuern, Unschuldige töten. Gilad Shalit ist und bleibt ein uniformierter Milchbart, allerdings nun mit viel Erfahrung als Geisel. Natürlich finde ich es richtig, Gefangene aus Geiselhaft zu befreien – aber um jeden Preis? Doch wohl kaum.

Drittes Beispiel des grassierenden Menschenwahnsinns sind die Griechen. Ja leider, wieder die Griechen. Gerade wir Bürger der Ruhrpottmetropole Dortmund, Heimstatt des amtierenden deutschen Fußballmeisters (nicht, dass Fußball wichtig wäre oder der Titel mich mit Stolz erfüllen würde) sind stinksauer. Heute ist Champions-League und Borussia spielt gegen Olympiakos Piräus. In Athen. Theoretisch. Denn heute ist dort Generalstreik, mal wieder. Schon seit Montag streiken viele Griechen, besonders der öffentliche Dienst. Fähren fahren nicht, der Müll stinkt zum Himmel und nun gibt es kaum noch Sprit an den Tankstellen. Bäcker, Lehrer, Ärzte, Taxifahrer streiken. Nix Bus und Bahn, und als krönende Kirsche auf der Torte ist heute Fluglotsenstreik. Seit Mitternacht, bis mittags. Um flink mit dem Reisebus nach Athen zu fahren ist es aber leider zu weit. Kann also gut sein, dass weder Borussen-Fans noch die Dortmunder Mannschaft rechtzeitig in Athen ankommen, und die Mannen von Olympiakos Piräus abends allein auf dem Rasen steht. Blöd.

Ist es nicht wunderbar, wie energisch sich manche Griechen für den Kollaps ihres Landes einsetzen? Vor allem die Beamten und Gewerkschaftler. Dieser Zusammenhalt, so viel Solidarität und Entschlossenheit. Vorbildlich! Gut – kleinliche Nörgler mögen einwenden, dass Brüssel doch gerade erst die nächste Milliardenrate überwiesen hat, damit das Land zahlungsfähig bleibt, und dass die permanente Streikerei bestimmt der Wirtschaft schadet. Stimmt zwar, aber die Wirtschaft wird bereits von diversen Sparprogrammen, die vor allem kleine Leute schröpfen, das reiche Pack aber ungeschoren lassen, effizient erdrosselt. Wenn die Griechen, so tönt es an den Stammtischen, mit ähnlich viel Einsatzfreude an der Reparatur ihres bankrotten Staates arbeiten würden, wie sie jetzt aufwenden, um ihre gewohnten Privilegien und den geliebten Schlendrian zu verteidigen, dann wäre das Land ruckzuck wieder auf den Beinen. Kann sein, wird aber nicht sein. Denn viele Hellenen sind längst im Selbstzerstörungsmodus, wollen die Staatspleite um jeden Preis. Sie rennen in Scharen zur höchsten Klippe, um sich ins Meer zu stürzen. Schade nur, dass sie den großen und vernünftigen Rest des Volkes mit in die Tiefe reißen werden. Dumm auch, dass ein Land, in dem allein letztes Jahr mindestens achtzig Erstligaspiele verschoben wurden (nein, nicht wegen Streik oder Starkregen, sondern durch Bestechung von Spielern und Schiedsrichtern), nun wohl auch die Champions-League verprellt. Das gibt wieder schlechte Presse. Aber, wie sagt doch der Volksmund: “Ist der Ruf erst ruiniert, lebt’s sich richtig ungeniert.” Bin echt gespannt, wie diese Woche weitergeht.

Nachsatz am Freitag: Der Tag gestern war ja wahnsinnig ergiebig. Die Griechen hauen sich bei Demos wie die Kesselflicker, 75 Verletzte und ein Toter. Gaddafi wird erst gefangen und dann gleich gelyncht, mit kombiniertem Kopfbauchschuss. Nicht schön. Aber in Den Haag hätte man den irren Revolutionsführer wegen mangelnder Zurechnungsfähigkeit wohl nicht verknackt. Dumm gelaufen. Rösler und Schäuble verkünden die lang erwarteten Steuersenkungen, und Seehofer dementiert postwendend. Währenddessen saß Angie stundenlang in ihrer Limousine und telefonierte. Wahrscheinlich mit Sarkozy. Ihre für heute geplante Regierungserklärung sagte sie danach ab und ließ auch die vorm Kanzleramt wartenden Journalisten im kalten Herbstwind stehen, fuhr einfach vorbei. Gibt da bestimmt ‘ne Tiefgarage. Später hieß es, der angedachte Schuldenschnitt für Griechenland müsse wohl doch höher ausfallen. 100 Prozent? Der EU-Gipfel am Wochenende ist nun wieder nur ein Vorbereitungsgipfel. Offenbar brauchen unsere Spitzenpolitiker noch mehr Zeit, um mit chaotischer Kommunikation und peinlichem Hickhack ganz Europa ins ultimative Verderben zu stürzen. Sie schaffen es, da bin ich extrem zuversichtlich. Traue mich kaum, heute Abend die Nachrichten einzuschalten.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Besetzt Berlin!

Geschrieben von Johannis am 14. Oktober 2011 um 09:29 Uhr

Aus Amerika kommt kaum noch Gutes. Früher war das anders, denkt nur an Rock’n'Roll, Marlboro und Cadillac. Deshalb wollte jeder unbedingt nach Amiland und man äffte alles nach, was von turmhohen Modewellen getragen über den kalten Atlantik ins altbackene Europa schwappte. Heutzutage sind das meist sinnlose und sauteure Kriege (Irak und Afghanistan), an denen wir Deutsche uns mal beteiligen, mal eben nicht. Oder Unsitten, wie dieser ganze widerliche Fastfooddreck (Dortmund hat endlich ein Kentucky Fried Chicken, damit die Gören auch hier schneller fett werden). Und Weltwirtschaftskrisen natürlich, schöne Grüße von der Wall Street!

Zuletzt 2008, ausgelöst durch den Tod der Lehman Brothers (keine Band) und das Platzen der durch kriminelle Vertriebsmethoden aufgeblähten und dann schlampig in wertlosen Investmentzertifikaten versteckten (jeweils das Werk schlauer und raffgieriger Banker) US-amerikanischen Immobilienblase. Anerkennen muss man aber, dass wir fortschrittsgläubigen Europäer uns danach wirklich Mühe gaben und die aktuelle Wirtschafts-, Schulden- und Bankenkrise nach eigenem Rezept zusammengeköchelt haben. Irish Stew mit Bacalhau und Moussaka auf Pizzateig, wohl bekomm’s! Wir folgen damit zwar grundsätzlich dem amerikanischen Trend, haben uns aber eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt. Etwa, als würde ein Schneider den Schnitt einer Hose kopieren, aber Knöpfe statt des Reißverschlusses einsetzen.

Schlechteste Nachricht der vergangenen Woche war der Verzicht von Sarah Palin auf die Präsidentschaftskandidatur. Sie wird nicht für die Republikaner antreten, und das ist blöd. Ja, sie natürlich auch, was es Barack Obama aber leichter gemacht hätte. Im Kampf gegen die durchgeknallte Sarah, das transatlantische Äquivalent von Silvana Koch-Mehrin (zugegebenermaßen schriller, dafür aber längst nicht so stinkfaul wie das Covergirl der FDP), hätte die zweitgrößte Enttäuschung, die jemals das Weiße Haus bewohnte, etwas bessere Chancen auf weitere vier Jahre im Oval Office gehabt. Aber dämlich wie die meisten Amis leider sind, werden sie zur Abwechslung wieder die Republikaner und somit ihre eigenen Schlachter wählen. Frei nach dem Sprichwort über die dümmsten Kälber. Egal.

Die anfängliche Freude über den Wahlsieg von Barack Obama, fast drei Jahre ist das nun her, wich ja leider recht bald der Enttäuschung und mündete schließlich in eine Mischung aus Frust, Mitleid und Ratlosigkeit. Dieser Mann, so sympathisch er vielen aufgeklärten Mitmenschen und auch mir erscheint, wird der Welt kein besseres Amerika hinterlassen, auch nicht nach einer zweiten Amtszeit. Die USA sind auf dem absteigenden Ast, und dieser Ast wird bald brechen. Unter dem Baum haben die Chinesen ihre Kettensägen (täuschend echte Kopien deutscher Fabrikate aus dem Hause Stihl) bereits vollgetankt, Haftöl nachgefüllt und die Sägeketten geschärft. Bald knattern ihre Zweitaktmotoren und übertönen knapp das Dröhnen der nimmersatten Gartenhäcksler (natürlich auch illegale Kopien). In puncto Export von Waren und Treibhausgasen hat China bereits den globalen Spitzenplatz inne und wird ihn nicht wieder hergeben. Nach dem überraschenden Ausscheiden der Russen vor zwanzig Jahren steigt nun endlich wieder eine Militärdiktatur zur Weltmacht auf. Wunderbar.

Beste Nachricht der vergangenen Woche war das Erstarken der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die nun schon etliche amerikanische Städte aufmischt. Neuerdings sind Spenden an die Camper im Zuccotti Park sogar steuerbegünstigt, und für die New Yorker Demonstranten kam bereits ein beachtliches Sümmchen zusammen. Am morgigen Samstag sollen überall in der Welt Solidaritätsdemos stattfinden, so auch in der Bankenmetropole unter dem Motto Occupy:Frankfurt. Das gibt garantiert die schönsten Staus des Monats, denn schließlich ist Publikumstag auf der Buchmesse. Meine Hoffnung, dass aus den längst überfälligen Protesten ein globaler Flächenbrand entstehen wird, der dem kapitalistischen Raubtier nicht nur ein paar Barthaare versengt, sondern es tötet, ist jedoch kaum messbar. Vielleicht hilft ja Daumendrücken, aber guter Wille reicht selten.

Das sieht man schon an den Piraten, die vergangene Woche ihre erste Bundespressekonferenz abhielten. Erschöpft sich ihr Versprechen für mehr Transparenz in der Politik eigentlich in freimütigen Bekenntnissen, dass sie zwar guten Willen, aber von Politik keine Ahnung und für die meisten Probleme keinerlei Lösungsansätze haben? Während ich den drei wichtigsten Seeräubern beim Verlesen ihrer dürren Statements und Nichtbeantworten von Journalistenfragen zuschaute, kam ich mir vor wie in einer Zeitmaschine. Der moppelige Bundesvorsitzende Sebastian Nerz wirkt auf mich wie Helmut Kohl vor sechzig Jahren, und Geschäftsführerin Marina Weisband sieht aus wie eine jugendliche Julia Timoschenko, nur nicht blondiert. Birne kurvt heute als Untoter mit selektivem Gedächtnisverlust abwechselnd geschwätzig im Rollstuhl durch die Vortragshallen der Republik oder mürrisch-unentschlossen über Friedhöfe, auf der Suche nach einem würdigen Standort für seine Krypta. Die blonde Julia mit der zopfigen Heiligenkranzfrisur wurde am Mittwoch zu sieben Jahren Knast verknackt, weil sie angeblich mit ihrer Regierungsführung dem ukrainischen Staat geschadet hat. Wenn dieses Beispiel ausgewogener Rechtsstaatlichkeit auch bei uns Schule macht, kann Angie sich schon auf ein gemütliches Lebenslänglich einrichten. Jene bizarre Ähnlichkeit der Spitzenpiraten mit ausrangierten kriminellen Politikern scheint mir jedenfalls kein gutes Omen zu sein.

Die Splitterpartei und Lobbybewegung der Internetsüchtigen hat bereits ganz unbescheiden angekündigt, man wolle sich 2013 an einer Regierungskoalition beteiligen. Tja, man will so einiges im Leben, aber nicht immer kann man. Ich wollte selbst mal eine Partei gründen. Seit meiner Jugend zunehmend befremdet vom offensichtlichen Irrsinn in der Welt sowie der moralischen und fachlichen Inkompetenz vieler Politiker, berichtete ich vor vielen Jahren meinem Vater (eiserner FDP-Wähler) von diesem Plan. Er riet mir ab. Sein Hauptargument musste ich sogar gelten lassen: „Du bist nicht hart und abgebrüht genug, um in der Politik Bestand zu haben.“ Damals war ich Mitte Dreißig, hatte aber noch Hoffnung. Heute bin ich zu desillusioniert, um noch an ein Wunder zu glauben. Der Club of Rome hat bereits 2006 anklingen lassen, dass es für die Lösung der drängendsten globalen Probleme vielleicht schon zu spät sei. Das ist fünf Jahre her! Man sollte also lieber noch kräftig einen draufmachen und dann rechtzeitig vom Dach springen. Von einem sehr hohen Dach.

Obwohl – gab es je eine bessere Zeit zur Parteigründung? Wäre doch schön, wenn man den Berliner Saftladen mal so richtig aufmischen könnte. Mit Protest- und Wechselwählern, Wahlbeteiligung 92,7 Prozent, neuer deutscher Rekord (nur damals in den Siebzigern, als ich erstmals an die Urne durfte, gingen mehr als 90 % der erwachsenen Deutschen zur Wahl). Inhaltlich pickt man sich einfach aus den Programmen aller etablierten Parteien das Sinnvollste raus (im guttenbergschen Copy-and-Paste-Style – zumindest die Piraten werden nix dagegen haben), formuliert das Ganze dann nicht zu radikal, kurz und knapp, und vor allem so verständlich, dass es auch von RTL2-Stammzuschauern noch kapiert wird. Dann gibt man dem Kind einen prägnanten Namen. Zum Beispiel VMW – Vernunft, Moral und Wandel. Schöne Synthese aus zwei großen deutschen Automarken. Oder PDF – Partei Demokratischer Freidenker. Der Name klingt vertraut, und das Programm ist ganz ohne Adobe Reader lesbar. Am Schluss wird die neue Partei farblich nett eingepackt, vielleicht himmelblau, und man hofft. Auf den Durchbruch, auf gesunden Menschenverstand, auf ein Wunder. Und darf mit viel Glück irgendwann auf den Oppositionsbänken sitzen und zuschauen, wie eine große Koalition der Abgehalfterten weiterwurstelt wie bisher. Warten auf einen deutschen Bürgerkrieg, die nächste Währungsreform, das Ansteigen der Ozeane, oder auf Godot. Hauptsache warten.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Apokalypse, aber pronto!

Geschrieben von Johannis am 10. Oktober 2011 um 10:10 Uhr

Vorfreude ist die schönste Freude. Heißt es. Stimmt aber nicht. Jeder glücklich verliebte Mensch, der längere Zeit in einer Fernbeziehung lebte, weiß, dass all die sehnsuchtsvollen Telefonate, schmachtenden E-Mails und vorfreudig getrennt verbrachten Stunden nie so erfreulich sind, wie der erste Kuss auf dem Bahnsteig, eine innige Umarmung im Hausflur oder die längst überfällige handgreifliche Auseinandersetzung im Bett, wenn der oder die Liebste endlich wieder da ist. Ja, das waren ganz schön viele Kommas im letzten Satz. Kommata hätte man übrigens früher gesagt. Egal. Worauf ich bitte hinaus will? Auf den Weltuntergang und seine Vorboten. Und natürlich auf die aktuelle Finanzschuldenbankeneuroweltwirtschaftsglobaledreckskackmistkrise.

Ich leide unter dem Doktor-Jekyll-und-Mister-Hyde-Syndrom. In abgeschwächter Form, also ich platze nicht ständig aus der Jacke und hetze dann als Monster über die Dächer der Stadt. Aber auch in mir stecken zwei widerstreitende Persönlichkeiten. Einerseits der positiv denkende, lösungsorientierte Macher, der seit 1999 für den Verein HOPE e.V. in Nepal Schulen und Trinkwasserprojekte baut, nach Kräften gutmenschelt, und den auch in der Dritten Welt kaum ein Problem aus der Fassung bringen kann. Andererseits der Apokalyptiker, der stets das dicke Ende kommen und grundsätzlich so tiefschwarz sieht, dass auf einem dunkelblauen Schreibtisch verkippte Eddingnachfülltinte des Farbtons Nr. 1 dagegen hellgrau wirkt. Beide Wesen liegen ständig in erbittertem Kampf miteinander, und als Resultat entstehen Texte wie dieser.

Der positive Gutmensch und Entwicklungshelfer in mir ist geduldig, er hat die Lehre des Buddha verinnerlicht und sträubt sich nicht gegen das Unvermeidliche. Alles ist gut, so wie es ist. Wenn es denn überhaupt ist. Der Apokalyptiker hingegen ist ein extrem cholerischer und ungeduldiger Zeitgenosse, der zum Glück unbewaffnet durch die Welt läuft. Er wäre zu Dingen fähig, die Hitler, Stalin, Al Qaida und die Taliban wie brave Waldorfschüler aussehen ließen. Wehe, wenn er losgelassen! Und wie es sich für einen anständigen Apokalyptiker gehört, sehnt er die Apokalypse herbei, das Jüngste Gericht, den Weltuntergang. Nicht etwa, weil er keinen Spaß am Leben hat, sondern hauptsächlich, weil es der Menschheit recht geschähe, von der Oberfläche dieses geschundenen Planeten getilgt zu werden. Spurlos und unwiderruflich. Gut, das mit dem Spurlosen wird schwierig, man denke nur an die Pyramiden oder den Panamakanal. Egal, ihr versteht schon.

Neulich stieß ich in der Süddeutschen Zeitung auf einen hochinteressanten Artikel. Unter der Überschrift Der Euro wird zusammenbrechen gab der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg ein vielbeachtetes Interview, das den von mir sehr geschätzten Kabarettisten Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser zu manch bitterbösem Zitat animierte. Das Interview ist auch für Nichtapokalyptiker durchaus lesenswert und endet folgendermaßen:

SZ: Gibt es gar keine Hoffnung?

Homburg: Hoffnung haben diejenigen, die nichts besitzen, denn ihnen kann auch nichts genommen werden. Hoffnung haben auch jene ehrenwerten Mitglieder der Finanzindustrie, die jetzt noch ein oder zwei Jahre mit Steuerzahlers Hilfe Kasse machen, um sich dann mit dem eigenen Flugzeug auf die eigene Insel zu verabschieden und aus der Ferne zuzusehen, wie die übrigen hier klarkommen. Hoffnung hat schließlich, wer zu einer buddhistischen Lebensweise findet und materiellen Werten ganz entsagt. Für die anderen sehe ich schwarz.

Kann man es schöner auf dem Punkt bringen? Doch wohl kaum. Auf derselben Zeitungsseite fand sich, zufällig an meinem 53. Geburtstag, auch noch ein Interview mit Peer Steinbrück, das folgende Überschrift trug: Griechenland ist pleite. Es ist an der Zeit, dies einzugestehen. Seither ist gut eine Woche vergangen. Nein, keine gute Woche. Die Kreditwürdigkeit von Italien, Spanien sowie von britischen und portugiesischen Banken wurde durch Ratingagenturen herabgestuft, Frankreich und Belgien müssen die bankrotte Dexia-Bank abwickeln, die Chinesen verhinderten gemeinsam mit den Russen (das Dreamteam aller Menschenrechtler!) die Verabschiedung einer eh schon windelweich verwässerten UN-Resolution gegen den Staatsterror in Syrien (Nein – Sanktionen wurden nicht gefordert, es war nur ein zeigefingerwackelnd-mahnendes DuDuDu! an die Adresse von Baschar al Sadat und seine Mörderbanden. Warum schafft man die Vereinten Nationen nicht einfach ab und spart sich das viele Geld?) und der gerade aufgestockte Euro-Rettungsschirm ist nun offenbar doch nicht groß genug. Unser dickes Merkelchen trommelt gemeinsam mit Herrn Sargkotzi für die nächste Bankenauffangaktion, nachdem Herr Trichet verkündet hat, die derzeitige (alte/neue) Krise sei die schlimmste seit dem 2. Weltkrieg. Wieder werden Milliardenpakete zur Spekulantenrettung geschnürt. Angeblich reichen 220 Milliarden € für die europäischen Banken, aber es wird ja leider am Schluss doch immer erheblich teurer. War sonst noch was? Ja. London verhindert weiterhin die Finanztransaktionsteuer, das Nordpolareis hatte im September erneut Rekordminimalmaße und Thailand säuft schon wieder ab. Überschwemmung hatten sie da zuletzt im Frühjahr. Trotzdem bestreiten dürregeplagte Farmer in Texas störrisch jeden Zusammenhang zwischen dem hartnäckigen Ausbleiben des Regens und menschlichen Aktivitäten. Climate change? That’s bullshit!

Und bei so viel Unverstand soll man nicht ungeduldig werden und die Apokalypse herbeisehnen? Meine Hoffnung, dass am 21. Dezember 2012 die von den Mayas versprochene Faust Gottes am Himmel auftaucht und uns alle zu Brei haut, ist leider nur schwach ausgeprägt. Ich erschieße mich ja auch nicht am Neujahrsmorgen, bloß weil der Kalender an meiner Küchenwand abgelaufen ist. Immerhin, als ich kürzlich an der Abstimmung auf einer obskuren Webseite teilnahm, hatten von 193.179 Menschen nur 58,6 % auf Nein geklickt. (Beachtet bitte den neuen Zähler oben rechts und auch das numerologisch bedeutsame Erscheinungsdatum dieses Beitrags: 10.10. um 10:10 Uhr. War tatsächlich Zufall.) Sie glauben nicht, dass mitten in der Adventszeit die Welt untergeht. Die anderen glauben dran oder sind noch unentschieden. Schön fand ich übrigens die Anzeige unter dem Abstimmungsergebnis: Machen Sie Ihren Schmuck zu Geld! Und dann? Soll ich mich vom Weltuntergang freikaufen? Bei wem denn, die Mayas sind doch ausgestorben? Und wie teuer wäre das? Vielleicht klappt es ja sogar, denn von siebeneinhalb Millionen Zeugen Jehovas weltweit werden 144.000 besonders eifrige Wachtturmanpreiser die ultimative Gnade vor Gottes Zorn finden. Angeblich. Aber mit diesen frömmelnden Eiferern möchte ich keinesfalls die nachapokalytische Zeit auf Erden verbringen. Stinklangweiliges Pack, dann lieber tot sein.

Mich nervt die vorapokalytische Warterei. Wenn ich Krebs im Endstadium hätte, würde ich auch lieber in die Schweiz reisen und dort den Schierlingsbecher der Sterbehelfer leeren. Warum muss ich auf die blöde Apokalypse warten, und kann noch nicht einmal sicher sein, dass sie wirklich kommt? Das dämliche Universum dehnt sich immer schneller aus, und das bis in alle Ewigkeit – solche Dinge werden wissenschaftlich erforscht. Aber keine Sau weiß, wann unsere verwundbare kleine Welt untergeht. Fünfeckige Kristalle – ganz toll! Warum gibt es keinen Nobelpreis für eine anständige Weltuntergangsvorhersage? Bitte mit 14-Tage-Trend für die Durchschnittstemperatur in der Hölle.

Wie ich mir den Zusammenbruch unserer Zivilisation tatsächlich vorstelle, zumindest eine literarische Version davon, kann man im Kulturforum des Dortmunder Energieversorgers DEW21 nachlesen. Der dort zuständige Mensch hat kürzlich mal wieder einen meiner Texte angekauft und in der Buchstabensuppe veröffentlicht. (Ja, ein bisschen Eigenwerbung muss kurz vor dem Ende der Welt erlaubt sein. Finde ich.) Wahrscheinlich wird es sogar schlimmer, als in meiner finsteren Vision beschrieben. Denn es kommt erstens immer anders und zweitens als man denkt. Schluss.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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