Schlaflos in Dortmund
Geschrieben von Johannis am 28. Oktober 2011 um 09:17 Uhr
Das schlechte Gewissen ist ein bretthartes Ruhekissen, deshalb schlafen gewissenlose Menschen auch so gut. Völkermörder, Anlagebetrüger, Gammelfleischverkäufer, Kinderschänder und dergleichen bekommen Schlafstörungen frühestens im Knast, aber dort landen diese Typen leider viel zu selten. Dafür sorgen Anwälte, Lobbyisten, FDP-Politiker und der Papst, aber um sie soll es heute nicht gehen.
Ende September war ich im Kino. Ja, das ist keine weltbewegende Sensation, bekanntlich gehen viele Menschen gelegentlich ins Kino. Ich war im Cinestar, einem dieser seelenlosen und grotesk überdimensionierten Multiplexe, die in den Achtzigerjahren wie eine Seuche aus Amerika eingeschleppt wurden und seither das Land überziehen. Krebsgeschwüren gleich metastasierten sie im Volkskörper und töteten nach und nach all die Lichtspielhäuser, Filmtheater und Kinos, die nur einen Vorführsaal haben, aber dafür Charme, Geschichte und eine Seele besitzen. All die Seufzer und unterdrückten Angstschreie, viele tausend Stunden fröhliches Lachen und dazu die Essenz unzähliger still verdrückter Tränchen sind nämlich ins Mauerwerk der alten Kinos eingezogen. Von dort strahlen sie auf jeden Besucher zurück wie die unzähligen Gebete aus den Mauern des Kölner Doms oder Freiburger Münsters. Deshalb fühlen wir uns in alten Kinos wohl.
In Multiplexen hingegen sind die Wände gesättigt mit den hirnlosen Äußerungen tumber Zeitgenossen, die sich an Splatter-Movies ergötzen oder in beleidigend dämlichen Hollywood-Komödien wiehernd lachen. Aus den Mauern dünstet das Aroma von ranzigem Popcorn und verschüttetem Bier, der Achselschweiß tätowierter Muckibudenbesucher und das süßliche Billigparfüm unnatürlich gebräunter Frauen, die über ihren Hinterbacken den Schlampenstempel tragen, auch Arschgeweih genannt. Meine Abneigung gegen Großkinos vom Typ Cinestar wurde mittlerweile deutlich, oder? Falls nicht: Multiplexe sind Raubsaurier in der Kulturlandschaft unseres Staates, primitive blutdurstige Fressmaschinen. Sie ziehen eine Schneise der Verwüstung durch das Land und sind verantwortlich für ein tragisches Artensterben, ähnlich wie es die Mayerschen, Thalias und Hugendubels in den letzten Jahren unter den kleinen Buchläden angerichtet haben.
Warum ich eigentlich in den Cinestar gegangen bin, wenn ich Multiplexe doch so hasse? Weil ich noch zwei Gutscheine besaß und einen Film sehen wollte, dessen Inhalt – zumindest nach Berichten im 3sat-Magazin Kulturzeit und dem Feuilleton der Süddeutschen – thematisch erschreckend nah mit dem Stoff eines Buches verwandt zu sein schien, an dem ich seit einiger Zeit arbeite. Hell heißt der Film, und man muss ihn nicht gesehen haben, das vorweg. Die Gutscheine stammten übrigens noch aus dem Jahr 2001, damals bekam man für 40 Mark fünf Papierschnipsel, die jederzeit zum Besuch einer Kinovorstellung ermächtigten. Zehn Jahre später sollten wir nun 9 Euro hinblättern, um erst eine halbe Stunde brüllendlaute Trailer plus dämliche Werbespots zu erdulden und danach knapp neunzig Minuten Film sehen zu dürfen. Eindeutig überteuert. Der Fairness halber möchte ich anmerken, dass ein freundlicher Mitarbeiter des Cinestar Dortmund meine längst verfallenen Gutscheine anstandslos gegen Freikarten umtauschte und uns auch noch die besten Plätze gab, oberste Reihe ganz in der Mitte. Nett.
Ansonsten war es, wie der Name des Films schon vermuten ließ, die Hölle. Na gut, Vorhölle. Wir – die Lebensabschnittsgefährtin begleitete mich – kamen absichtlich erst 20 Minuten nach Einbruch der cineastischen Dunkelheit, mussten aber trotzdem noch etliche Trailer (Demnächst in diesem Kino!) ertragen, bis der Hauptfilm endlich anlief. Multiplexe haben riesengroße dröhnende Lautsprecherboxen an allen Wänden und sogar in der Decke. Ätzend. Man wundert sich regelrecht, dass in den Sesseln noch keine Lautsprecher eingebaut sind und man auch rektal beschallt wird. Der Schalldruck im Cinestar ist eindeutig für Menschen ausgelegt, die seit frühester Kindheit mit überlaut aufgedrehtem Walkman oder MP3-Player durch die Welt laufen und daher bereits stocktaub sind. Ich wurde 1958 geboren und kaufte mir vom Konfirmationsgeld meinen ersten, schuhkartongroßen, tragbaren Kassettenrekorder. Walkmänner gab es damals noch nicht und iPod-Stöpsel nerven mich, weshalb mein Gehör noch recht gut funktioniert.
Nun gut. Nachdem wir die ohrenbetäubend lauten Trailer und Werbefilmchen überstanden hatten, begann Hell. Man muss den Streifen aus deutscher Produktion nicht gesehen haben. Streckenweise haarsträubend unglaubwürdig und vom Plot her wenig überzeugend, lebt der Film vor allem von der ordentlichen Leistung seiner Schauspielerinnen, allen voran Hannah Herzsprung. Lisa Vicari und Angela Winkler sind auch recht gut, aber die Story überzeugt nicht. Das Ende des Films ist total bescheuert, man ist froh, wieder in die frische Nachtluft entlassen zu werden. Und nun kommt, wieder mal recht spät, die inhaltliche Verbindung zur Überschrift dieses Textes und dem schlechten Gewissen. Zufällig erfolgte unser Besuch im Cinestar in jener Woche, als überall von Lebensmittelverschwendung berichtet wurde. Anlass war der bevorstehende Filmstart von Taste the Waste, einer neuen Dokumentation, die längst bekannte Wohlstandssünden thematisiert. Oder sollte ich besser bekannten Wahnsinn schreiben? Schließlich landet mehr als ein Drittel aller verkauften Lebensmittel im Müll, oft noch tadellos in Form und unbedenklich essbar. Bei uns enden jährlich rund 20 Millionen Tonnen essbarer Lebensmittel in den Müllcontainern. Im Schnitt schmeißen wir Deutschen pro Kopf und Jahr 100 Kilo Essen weg, den Rest erledigen Supermärkte, Restaurants, Hotels und Imbissbuden. Und die Multiplex-Kinos.
Nachdem der Abspann gelaufen war und wir uns aus den Sesseln erhoben, wies mich die Lebensabschnittsgefährtin auf Hinterlassenschaften anderer Kinobesucher hin. So stand in unserer Sitzreihe nicht nur eine halbleere Literflasche Cola (15 Cent Pfand) sondern auch ein fast voller Eimer Popcorn. Jawohl, ein Eimer mit geschätzt fünf Liter Fassungsvermögen! Fast unberührt. Ich stehe nicht besonders auf Popcorn, finde es geschmacklich kaum interessanter als diese Styroporflips zum bruchsicheren Versand von Zerbrechlichem, und dazu viel zu amerikanisch. Nein, ich feiere Halloween nicht. Und finde es zum Kotzen, dass eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten hungert, und wir verwöhnten fetten Wohlstandsbürgerarschlöcher lassen im Kino eimerweise Popcorn auf roten Plüschsesseln stehen.
Fast noch mehr kotzt mich an, dass es Popcorn, Softdrinks und all das überflüssige Dreckszeug neuerdings in immer größeren Gebinden gibt. Popcorn im Eimer, Cola und zuckerigen Eistee im Literbecher, all diese Supersizescheiße. Jawoll, is doch wahr! So, das musste mal gesagt werden, jetzt geht’s mir besser. Um meine Filmtipps zu ergänzen, hier noch ein Link. Super Size Me ist zwar schon alt (2004), beschreibt aber sehr anschaulich, wie McDonalds und andere Fastfoodvolksvergiftungsprofiteure ihre dämlichen Kunden zu immer größeren Portionen verführen. Mit den bekannten Folgen, dass Fettleibigkeit und Zuckerkrankheit mittlerweile die am meisten verbreiteten Zivilisationskrankheiten sind. (Nein, ich esse nicht bei McDonalds, Burger King oder KFC. Ich kann kochen, und das sogar recht ordentlich. Fragt meine Freunde oder die Lebensabschnittsgefährtin.) Bereits 300 Millionen Menschen auf diesem Planeten leiden an lebensbedrohlicher Leib- und Hirnverfettung. Tendenz steigend. Mahlzeit zusammen!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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